Lob für Nein-Sager

Liebe Gemeinde,

wissen Sie, wer Gottes liebste Kinder sind? Da kommen Sie niemals drauf. Man ahnt zwar, dass es nicht die Frommen sind, die alles glauben, beten, Bibelsprüche und Lieder auswendig können. Es ist schockierend, was die Bibel uns heute zur Antwort gibt auf die Frage, wer denn Gottes liebste Kinder seien? Es sind – schrecklich es zu sagen – die Nein-Sager. Sie haben richtig gehört: Jesus lobt diejenigen, die Nein sagen! Sie glauben mir nicht? Dann hören Sie doch das Evangelium für den heutigen Sonntag:

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Kannst du nein sagen? Wie geht es Ihnen mit diesem kleinen, so schweren Wort „Nein“. Können Sie „Nein“ sagen?

Die Tochter ruft an: „Mama, heute Abend wollen wir weg. Kannst du auf die Kinder aufpassen. Ach bitte, sei so lieb. Machst du! Danke“. Eigentlich hätten Sie so gerne Nein gesagt, weil ein geruhsamer Abend mit einem schönen Film geplant war und kein die Nerven aufreibendes Showdown mit den Enkelkindern. „Ach, lieber Kollege, wir haben da eine Aufgabe, die wir eigentlich nur ihnen anvertrauen können. Sie sagen doch Ja, oder?“ Natürlich sagt man ja und versucht die erboste Ehefrau mit Phrasen zu beruhigen wie „Es gibt halt nur mich für diese Aufgabe“ und „Wenn das fertig ist, habe ich auch wirklich Zeit für den Garten. Ich verspreche es Dir.“ „Traust du dich, das zu rauchen? Du bist doch nicht etwa zu feige, oder?“ Natürlich sind 14jährige niemals feige. Und so sagt man Ja zu den verbotenen Dingen, weil man so hipp drauf ist. Endlos könnten wir Beispiele aneinander reihen, in denen uns ein Ja leichthin abgerungen wurde, obwohl das Nein besser gewesen wäre. „Du willst mich doch genießen, oder?“, säuselt die Schokolade im Regal dem Vorübergehenden zu – und natürlich sage ich Ja. Endlos sind die Beispiele, in denen wir ein Ja aus Schwachheit sprachen. Endlos sind die Beispiele, in denen wir mit einem forschen Ja unsere Feigheit überspielten. Halten wir fest als erstes Ergebnis: Nein sagen kostet Kraft und Mut.

Eine kleine Polemik gegen Ja-Sager … Wie sind wir erzogen worden? „Sag schön Ja und bitte“. Das Ja hat etwas höfliches. Wer Ja sagt, ist freundlich. Wer Ja sagt, trägt zur Übereinstimmung und Harmonie bei. Wer Ja sagt, gibt etwas. Wer Ja sagt ist positiv. Wirklich? Am 6. August 1945, gestern vor sechzig Jahren, erhielt die Besatzung des Boeing B 29-Bombers „Enola Gay“ von General Carl A. Spaatz um 8:13 Uhr den Befehl, über der japanischen Stadt Hiroshima eine Atombombe anzuwerfen. Zwei Minuten später sterben wohl an die achtzigtausend Menschen auf einen Schlag und für mehre hunderttausende wird ein langer, qualvoller Weg mit Verstrahlungen, Verbrennungen und vor allem mit tiefen, seelischen Wunden bereitet. Warum sagen Menschen in solchen Situationen nicht: „Nein, lieber Herr General, wenn sie Massenmord begehen wollen, dann müssen sie das schon allein tun. Ich sage Nein zu ihrem Befehl.“ Warum sprach man im Krieg stattdessen ein „Ja, gehorsamst“ zu unmenschlichen Befehlen. Warum sagen Fundamentalisten in Verachtung ihrer islamischen Religion Ja zum Terror. Warum sagen Menschen Ja, wenn man ihnen Bestechungen anbietet. Warum sagen Menschen Ja, wenn sie zum Mitspielen im politischen Sumpf gebeten werden? Freilich, das sind hilflose und sicherlich auch polemische Fragen auf die es tausend verschiedene Antworten gäbe.

Das Ja -Sagen ist bequem „Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.“ Hinterher wird ihm schon eine richtige Entschuldigung einfallen. Hauptsache, er hat Ja gesagt. Die Parabel, die Jesus erzählt, provoziert: Wären folgende Sätze berechtigt? Wer Ja sagt, ist bequem und feige. Wer Ja sagt, nimmt auch Zerstörung und Krieg willig hin. Wer Ja sagt, nimmt etwas. Wer Ja sagt, ist negativ. Wirklich? Natürlich kommt es immer auf die Frage an und auf den, der mich gefragt hat.

Wir lieben sie, die Harmonie … Wir müssen es doch zugeben. Das Nein ist in der Kirche verpönt. Abstimmungen im Kirchenvorstand sollten tunlichst einstimmig „Ja“ lauten. Auf die Predigt habe die Gemeinde mit „Amen“, was bedeutet: „Ja, so ist es“ zu antworten. In der Kirche fühlen wir uns der Harmonie, der Übereinstimmung, dem Konsens und auch dem Gehorsam verpflichtet. In der ersehnten Harmonie seiner Gemeinde möchte so mancher (auch Pfarrer/in) seine Trägheit und Lebensangst verbergen. Doch der träge und bequeme Ja-Sager, der sich die Mühsal des Neins erspart, wird in unserer Parabel mit Recht disqualifiziert. Ihm wollen wir auch keine weitere Aufmerksamkeit widmen.

Nein ist das Grundwort der Freiheit Heute stellt uns Jesus einen Nein-Sager als Vorbild hin. Retten sie sich bitte nicht so schnell dahin, dass dieser Sohn zwar Nein sagte, ab Ja tat. Das wäre eine zu einfache und zu billige Lösung, die nur der Oberfläche unserer Parabel gerecht würde. Schauen wir tiefer. Wer Nein sagen kann, der hat Freiheit. Nein ist das Machtwort der Freiheit. Denken Sie z.B. an unser Grundgesetz, das z.B. verneint, dass Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Rasse oder ihres Geschlechtes benachteiligt werden dürfen. Denken Sie an die Zehn Gebote, die mit dem Nein zur Lüge, zum Ehebruch, zum Neid und zum Mord Freiraum schaffen wollen für das Leben. Wer Nein sagt, sagt damit auch, dass er frei ist.

Gefangen in der Freiheit … Die Oma kommt zu Besuch. „Gib mir ein Küsschen“, ruft sie ihrem Lieblingsenkel zu. „Nein“, sagt der. „Dann kriegst du auch kein Geschenk“. „Will ich auch nicht“, sagt der Bub. Solche Augenblicke, wo man die Kraft des Neins entdeckt hat, sind ohnehin köstlicher als jede Schokolade und berauschender als jedes Spielzeug. Im Nein setze ich eine Grenze zwischen mir, der ich meiner selbst im Nein bewusst werde, und der Welt, die mich aufsaugen, gebrauchen, vermarkten, ausbeuten, lenken und gefügig machen will. „Sei schön artig“ – von wegen! Wir wollen nicht unerwähnt lassen, dass dem Nein auch negative Kraft innewohnen kann. Das Nein ist auch Lieblingswort der Nörgler, Besserwisser, Stänkerer und vor allem auch Lieblingswort derer, denen nichts heilig ist; Lieblingswort derer die sich über jede Sitte und Moral hinwegsetzen. In der Freiheit kann ich auch gefangen sein, indem die beständige Negation letztlich mich selbst erfasst. Wer zu allem Nein sagt, kann am Ende sich selbst nicht mehr bejahen.

Tür des Glaubens … Unsere Parabel von den beiden Söhnen deutet einen Weg.an, nämlich den, von der (trotzigen?) Freiheit, die im Nein gründet hin zur Freiheit, deren Grundwort Bejahung ist. Gott gegenüber Nein zu sagen gilt per se als Ursünde. Im Spiegel unseres Gleichnisses kann man eine solche Behauptung nicht aufrecht erhalten. Man sollte sie zumindest milder und damit menschlicher formulieren. Gott lässt mein Nein zu: „Nein, Herr, ich will diese Krankheit nicht. Nein, Herr, ich mag die Last nicht annehmen, die du mir ständig auferlegst. Nein, Herr, ich habe keine Kraft, keine Zeit und manchmal einfach keine Lust, mich ständig, innig und gehorsam deinem Willen zu unterwerfen.“ Gott lässt ein Nein zu. Das wollen wir mitnehmen aus dieser letztlich schwer zu verstehen Parabel. Wir wollen aber auch mitnehmen, dass der Nein-Sager nicht in der Distanz verharrt. Er findet in Freiheit, nach seinem Maß und nach seinem Gefühl zur einen anderen Antwort Gott gegenüber. Gott lässt ihm dieses Raum für seine Gedanken, für seine Wut, seine Unlust, seinen Widerstand. Gott lässt uns Nein sagen. Und wir wissen, wie gut uns das täte, wenn mir öfters dazu die Kraft hätten. Es ginge uns besser: als Oma, als Mitarbeiter, als Jugendlicher. Gott lässt uns Nein sagen, weil er uns als freie Menschen sucht. Jesus lobt den Nein-Sager, weil unser Gott nicht Inbegriff der Unterwerfung sondern Inbegriff der Zukunft ist. Die aber gehört denen, die Nein sagen können, damit das Ja Gottes Raum gewinnt.

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