Im Prinzip ja, aber…

Es sind so richtige Klassiker, liebe Gemeinde, diese Witze von Radio Eriwan. Für diejenigen, die damit nichts anfangen können, hier eine kleine Einführung: Radio Eriwan ist ein Rundfunksender in Armenien, benannt nach der Hauptstadt dieses Landes. Das heißt, eigentlich stimmt das so nicht ganz, denn Radio Eriwan war gar kein Rundfunksender. Es gab ihn nämlich gar nicht. Er war nicht real existierend im real existierenden Sozialismus. Wohl aber real existierende Satire.

Die Grundstruktur eines klassischen Radio-Eriwan-Witzes ist immer gleich. Stereotyp. Es beginnt mit einer Anfrage an Radio Eriwan – und die Antwort lautet immer: „Im Prinzip ja, aber…“ bzw. „Im Prinzip nein, aber…“. Und witzig wird es dann dadurch, dass die Antwort die Anfrage konterkariert.

Am besten ist es wohl, wenn ich Ihnen und euch zwei Radio-Eriwan-Witze erzähle: „Anfrage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass ein sozialistischer Betriebsleiter einen sozialistischen Betrieb leiten kann? – Im Prinzip ja, aber haben Sie schon mal einen Zitronenfalter gesehen, der Zitronen falten kann?“

„Anfrage an Radio Eriwan: Gibt es in der Sowjetunion eine Pressezensur? – Im Prinzip nein. Es ist uns aber leider nicht möglich, auf diese Frage näher einzugehen.“

Da wird etwas gefragt. Und beantwortet. Eine klare Sache – wäre da nicht noch das, was danach kommt. Das, was hinterher kommt. Das dicke Ende. Das, was die zuvor eindeutige Antwort außer Kraft setzt.

Was uns die Anfragen an und vor allem die Antworten von Radio Eriwan so deutlich vor Augen führen, ist ja folgendes: Ein „ja“ ist nicht immer ein „ja“. Sondern es kann auch ein „nein“ daraus werden. Und das Ganze auch umgekehrt.

Diese Drehung um 180° – das ist ja nichts, was Radio Eriwan erfunden hätte. Eine Zusage, auf die wir uns nicht verlassen können, eine Absage, die keinen Bestand hat – damit schlagen wir uns herum. Das nervt, wenn andere das mit uns machen… Und es ist auch ärgerlich, wenn es uns selber passiert. In diesem Ärger sind wir Menschen dann doch gleich.

„Von den ungleichen Söhnen“ heißt die Geschichte, die Jesus erzählt hat und die uns von dem Evangelisten Matthäus in seinem 21. Kapitel überliefert wurde. Der Predigttext lautet:

[TEXT]

Die Hohenpriester und Ältesten – sie haben die Geschichte verstanden. Im Prinzip ja, aber haben sie auch die Botschaft begriffen?! Die Botschaft – das ist die Kritik Jesu am Verhalten eben dieser Gelehrten. Und die Kritik zielt auf das, was diese klugen Männer für gerecht halten – und dabei sind sie so selbstgerecht.

Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? – genau das ist die Frage!

Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Auf der Suche nach der Antwort hilft z.B. der Text, der heute als Evangelium gelesen wurde: Da war dieser Zöllner, der sich an die Brust schlug und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig. So einer hat’s begriffen. Und Jesus fasst nun die Zöllner mit den Huren zusammen – stellvertretend für viele andere, auf die herabgesehen wurde – und macht sie zu Gewinnern. Sie haben den Willen des Vaters getan – für sie steht in der Geschichte der erste Sohn. Derjenige, der zunächst – sinngemäß – sagt: „Im Prinzip nein, aber …“

Nun bleibt noch der zweite Sohn übrig. Mit seiner anfänglichen Zusage. Und der sich anschließenden Verweigerungshaltung. „Im Prinzip ja, aber …“

Die Hohenpriester und Ältesten, sie hörten die Botschaft wohl – allein, ihnen fehlte der Glaube. Das kann man wirklich so sagen. In ihrer festen Überzeugung, den Willen Gottes zu tun, indem sie die Gesetze treu befolgten und jede noch so kleine Sonderregelung Buchstabe für Buchstabe mit Leben füllten, haben sie sich verrannt. Und zwar in die falsche Richtung. In ihrem Urteil, dass sie allein den rechten Weg gefunden haben, haben sie andere, die abseits standen, verurteilt. Auch davon haben wir im Evangelium gehört.

Arme Gesetzeslehrer! Aber wir sind es ja mittlerweile schon gewohnt, dass sie in den Begegnungen mit Jesus meistens schlecht wegkommen.

Aber das war noch nicht alles, liebe Gemeinde. Das war nicht nur eine von vielen „Jesus-zeigt’s-den-frommen-Juden-Geschichten“.

Das war noch nicht alles, denn die spannende Frage ist ja, was für uns darin steckt. Was für Typen sind wir? Erst „nein“ sagen, dann noch mal gründlich überlegen, und dann doch „ja“? Oder erst einmal zustimmen – das ist ja auch irgendwie netter, wenn man „ja“ sagt! Ein „nein“ klingt so nach Ablehnung!

Richtige Schulungen gibt es dafür, wirkungsvoll „nein“ zu sagen. Freundlich. Aber bestimmt. Ganz Annahme – und doch totale Ablehnung. Die „Zehn besten Tipps, wie Sie entschieden ‚Nein’ sagen lernen“ – sie kursieren immer wieder. Und sind beliebt, gerade auch unter Pastorinnen und Pfarrern. Ich habe diese Ratschläge auch gelesen. Weil man sich eben auch mal abgrenzen muss. Weil ich eben nicht alles machen kann. Und auch nicht alles machen will. Glaube ich jedenfalls … Und damit geht es schon wieder los, dieses Herumeiern! Es ist schwierig, wenn unser Gegenüber nicht weiß, woran er oder sie mit uns ist.

„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.“, sagt Jesus in der Bergpredigt (Mt 5,31). Der Zusammenhang dort ist das Schwören – aber im Kern ist doch gemeint: Ein „ja“ soll ein „ja“ sein und bleiben und ein „nein“ ein „nein“. So soll es sein. Im Prinzip.

Und dann bitte kein „aber“ hinterher, mit dem all’ das zuvor Gesagte wieder umgeworfen wird. Damit es nicht so geht wie in dem folgenden Beispiel, einem Satz, den junge Eltern manchmal sagen: „Im Prinzip bin ich für die Taufe – aber das soll mein Kind später selbst entscheiden.“

Abgesehen davon, dass es den Jugendlichen „voll peinlich“ ist, wenn sie als 14jährige noch getauft werden, entscheiden sich die Eltern in solch einem Fall gegen die Taufe. Und das sollte ihnen, so meine ich, bewusst sein. Mit der Taufe markieren wir einen Anfang. Den Anfang eines Weges mit Gott. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass in einer Familie, wo nicht im Säuglings- oder Kleinkindalter getauft wird, Gebete zur Tagesordnung gehören. Oder das Lesen und Erzählen von biblischen Geschichten. Oder das Mitmachen beim Kindergottesdienst. Oder anderes mehr. Warum auch – man will dem Kind ja nichts überstülpen. Und es geht noch weiter: Da das ungetaufte Kind in einem kirchlichen Kindergarten einseitig beeinflusst werden könnte, suchen die Eltern sich lieber einen anderen Träger aus. Und dann – plötzlich und unerwartet – ist er da, der Tag der Anmeldung zum Konfirmandenunterricht. Jetzt kann das Kind endlich selbst entscheiden. Es weiß bloß nicht wofür, weil es die kirchliche Seite des Lebens nicht hat kennen lernen können … Aber – damit Sie keinen zu schlechten Eindruck bekommen – im Anschluss an diesen Gottesdienst finden gleich sechs Kindstaufen statt!

Wer … hat des Vaters Willen getan? Das ist die Frage. Wie tun wir Gottes Willen – und wie antworten wir auf Gottes Angebot? Eine eindeutige Antwort ist gut. Und wenn die Entscheidung zunächst dagegen gefällt wird – nun gut, so etwas kann man ja noch ändern. Nicht „im Prinzip“. Sondern „prinzipiell“ – und das meint „grundsätzlich“! Für die Witze von Radio Eriwan wäre dies das Ende. Für uns ein guter Anfang!

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