Hilf mir, gerade zu stehn …

Liebe Gemeinde!

Vordergründig geht es um Gehorsam und Pflichterfüllung. Der eine sagt „Nein“, aber ändert – aus welchen Gründen auch immer – seine Meinung und erledigt die Aufgabe. Der andere schmeichelt, die Etikette beachtend: „Ja, Herr!“ – und tut nichts.

So gesehen, haben die Zuhörer Jesu schon recht, wenn sie auf seine Frage: „Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?“ antworteten: „Der erste.“ Doch dann überträgt Jesus dieses Gleichnis auf eine andere, auf eine ganz persönliche Ebene: „Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm.“ Es geht vielmehr um die Auseinandersetzung mit dem, was geboten scheint, die Verantwortung für das eigene Leben zu entdecken. Dagegen gibt es immer wieder „innere Widerstände“. Bei Kindern und Jugendlichen machen wir täglich solche Erfahrungen:

„Nimm die gebügelte Wäsche mit auf dein Zimmer!“ – “Ja, Mama!“ – Nach zwei Tagen liegt sie immer noch auf dem Bügelbrett. Warum sagt der Jugendliche „Ja“? – Mögliche Antworten: „Ich möchte keinen Stress haben.“ oder: „Damit die Mutter mich in Ruhe lässt.“ oder „Weil die Mutter mich eh nicht verstehen würde, wenn ich sage, ich habe keine Lust.“

Das Beispiel macht deutlich, der Jugendliche fühlt sich fremd bestimmt, zeigt Unlust. Ein Verhalten das auch Erwachsene kennen und immer wieder anwenden, will man doch nicht unhöflich erscheinen.

Jesus geht es nun aber nicht um Gehorsam und Pflichterfüllung, sondern zunächst um eine geänderte Lebensweise. Darum verweist er auf Johannes den Täufer. Jener hat in markanten und einprägsamen Predigten den Menschen seiner Zeit die Augen geöffnet, umzukehren, Gottes Willen im Alltag zu tun.

„Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lukas 3,10-14)

Auch Jesus ruft zur Umkehr auf. Nicht über Zöllner und Sünder, sprich über die anderen, die Nase zu rümpfen, vielmehr sich wie sie in die Nachfolge rufen zu lassen, im Weinberg zu arbeiten. Dabei verstehe ich „Weinberg“ als Symbol für das von Gott mir geschenkte Leben. Dafür habe ich Verantwortung zu tragen. Mut zur Umkehr kann sich in verschiedener Weise zeigen:

1. Eine Jugendliche erzählt: „Wenn ich mein Zimmer sauber machen soll, sage ich oftmals: Nee – keine Zeit! Und dann mach ich’s doch, weil ich denke: in der Familie ist man für einander da – meine Mutter ist ja schließlich auch für mich da.“ Zum Weinberg des Herrn umkehren: Füreinander da sein.

2. Eine Mitarbeiterin erzählt: „Wenn ich mich z.B. gestritten habe, sehe ich überhaupt nicht ein, mich zu entschuldigen, weil ich mich verdammt noch mal im Recht fühle. Aber nachher kehr ich doch um und sag mir: Ich mache jetzt den ersten Schritt und entschuldige mich. Erst habe ich halt mit dem Kopf gedacht – und dann mit dem Herzen. Zum Weinberg des Herrn umkehren: sich des Wortes erinnern: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

3. Der Film „Der Club der toten Dichter“: In der Schlussszene des Filmes solidarisieren sich die meisten Schüler einer Internatsklasse mit ihrem, wegen seiner alternativen Lehrmethoden „geschassten“ Lehrer John Keating. Haben sie zunächst auf Druck des Rektors hin gegen den Lehrer votiert, stehen sie in der „Stunde der Wahrheit“ doch zu ihm: Als der Lehrer seine Sachen aus der Klasse holt, stellt sich der erste Schüler auf den Tisch: „Oh, Captain, mein Captain!“ Die Mehrheit der Klasse folgt ihm. Zum Weinberg des Herrn umkehren: Solidarität üben und Zivilcourage beweisen.

4. Ein anderer Film: „Titanic“. Von zwanzig Rettungsbooten, die zum Großteil nur halb gefüllt sind, kehr nur eins um und fischt sechs Menschen aus dem eisigen Wasser. Eindrücklich die Szene, in der eine Frau im Rettungsboot aufsteht und wie einst Johannes der Täufer ruft: „Kehrt um! Rudert zurück!“ Dem Bootsmann aber sitzt die Angst im Rücken: „Wenn wir zurückrudern, stürzen sich alle auf unser Boot …“ Die Frau sieht die anderen flehend an: „Aber das sind doch alles eure Männer, die da treiben!“ Die Kamera fährt über die Gesichter der Frauen. Eisiges Schweigen. Das „JA“, die Versprechen, die sie ihren Männern gegeben haben, zählen nicht mehr. Ein Boot kehrt um! Zum Weinberg des Herrn umkehren: Zu seinem „JA“ stehen und den Mut zu haben, im Extremfall sein Leben für andere zu riskieren.

5. Eine biblische Erzählung. Da kommt der Prophet Nathan zum König David und erzählt ihm ein Gleichnis: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte… Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat … Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! Du hast die Frau des Hethiters zu deiner Frau genommen. Da bekannte David: „Ich habe gesündigt gegen den HERRN.“ Zum Weinberg des Herrn umkehren: Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

Die kleinen Beispiele wollen nicht mehr als verschiedene Umkehrweisen aufzeigen. Dabei verlangt Jesus von uns keinen Kadavergehorsam, nur die Bereitschaft, ihm nachzufolgen. Und sie beginnt da, wo ich anfange zu beten: „Hilf mir, gerade zu stehn, die Wahrheit zu sehn, hilf mir, den schweren, den geraden Weg zu gehen!“ (Reinhard May)

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