Priestermangel

Wir sind mitten in der Reisezeit. Einige sind auch schon wieder zurück. Die Jugendlichen aus Südfrankreich etwa. Andere waren noch weiter, z.B. in Ägypten wie unser Diakon Herbert Otte. Für eine Tour zum Sinai hat die Zeit wohl nicht gereicht. Bergsteigen ist auch nicht jedermanns Sache. Da braucht man schließlich eine entsprechende Ausrüstung: feste Stiefel, Rucksack, Nordic Walking Stützen oder gar ein Kletterseil. Wie der Bergsteiger ausgerüstet war, um den es im für heute vorgeschlagenen Predigttext geht, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir wissen auch nicht, was er oben auf dem Berg gesehen hat, die Bibel verschweigt es geheimnisvoll. Aber was er mit gebracht hat, das hatte es in sich, das wurde berühmt, das setze Maßstäbe bis heute. Die Kirche begeht heute den Israelsonntag, und das was uns mit Israel verbindet ist vor allem, was Mose damals mit brachte: Die 10 Gebote.

Und doch: Begonnen hatte es mit etwas anderem. Das ist so ähnlich wie im Konfirmandenunterricht in Alt-Hastedt. Der geht ja über zwei Jahre, erst Vorkonfirmanden, dann Hauptkonfirmanden. Die 10 Gebote kommen erst im 2. Unterrichtsjahr dran. Das hat seinen guten Grund. Denn das was sich seinerzeit am Berg Sinai abspielte, begann nicht mit den 10 Geboten. Es begann mit diesem Ereignis:

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Die Geschichte beginnt mit einem Rückblick. Die Ereignisse, auf die dabei angespielt wird, kamen ausführlich vor an den letzten Sonntagen. In der Predigtreihe "Der Prinz von Ägypten". Wir wurden daran erinnert, wie Mose von Kindheit an wunderbar geführt und bewahrt wurde. Beim Hinaufsteigen auf den Berg mag er sich daran erinnert haben: Der Weg ist nicht ungefährlich. Aber was hatte er nicht schon alles an Gefahren überstanden. Als Kind durfte er nicht Krach machen wie die anderen. Ein grausames Gesetz des Pharao zur Geburtenkontrolle bedrohte das Leben aller jüdischen Jungen. Das war in Ägypten, wo das erste Gebot nicht galt. Viele Götter wurden verehrt, und Rücksicht auf die Schwachen nahm keiner. Monatelang wird Mose im Versteck verborgen gehalten. Ein Schicksal, wie es viele Juden späterer Generationen bis hin zu Anne Frank durchmachen müssen. Aber Mose passiert nichts. Die Tochter des Pharao findet das von den Eltern ausgesetzte Körbchen. Sie adoptiert das Kind. Jetzt hat es Mose gut. Bis er eines Tages die Schattenseiten des Lebens kennen lernt. Ihm fällt auf, wie viele vom Volk Israel unterdrückt werden. Mose ist empört. Mit knallharter Faust will er für das Unrecht bekämpfen. Er geht dabei über Leichen. Noch kennt er das 5. Gebot nicht: Du sollst nicht töten. Nun muss er sich verstecken. Diesmal für Jahre. Bis ihn am brennenden Dornbusch der Ruf des lebendigen Gottes trifft: Führe mein Volk aus Ägypten. Wir wollen ein Fest feiern in der Wüste. Der Pharao kennt keine Feiertage, das 3. Gebot ist ihm fremd. Zeit ist Geld, Freizeit wird nicht zugestanden. Aber Mose setzt sich durch. Von schweren Plagen eingeschüchtert, lässt Pharao die Zwangsarbeiter auswandern. So ziehen sie fort mit Sack und Pack. Mit sich nehmen sie den Sarg des Josef, der in seiner Heimaterde bestattet werden wollte. So erfüllen sie das 4. Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Einige Zeit kommen sie gut voran. Dann sehen sie vor sich das Schilfmeer. Kein Durchkommen. Auf wunderbare Weise bahnt Gott ihnen einen Weg. Kaum ist das vorbei, leiden sie Hunger und Durst. Staunend erleben sie, wie Gott sie mit dem wichtigsten versorgt. Vogelschwärme, Wachteln, ziehen genau an ihnen vorbei. Aus dem Felsen fließt frisches Wasser. Manna sammeln sie auf, Brot des Himmels. Schließlich nähern sie sich dem Berg Sinai. Dort wird Mose die Gesetzestafeln mit den Geboten abholen. Er wird sie in Empfang nehmen und er wird das Volk Israel darauf sozusagen vereidigen.

Aber sowenig der Alt-Hastedter Konfirmandenunterricht mit den Geboten beginnt, so wenig beginnt der Weg des Volkes Gottes mit den Geboten. Zuerst wird ihnen und uns etwas anderes gesagt, nämlich: "Ihr habt gesehen, wie ich euch auf Adlersflügeln getragen habe und euch zu mir gebracht!" Am Sinai begegnen sie ja dem lebendigen Gott. Da könnte es in dem Bericht doch einfach heißen: Aus Ägypten zogen sie aus und gingen da hin. Meinetwegen noch genauer: Mose führte sie dahin. Es heißt jedoch: Ich, Gott, habe euch her gebracht. Gott hat sie also zu sich geholt.

Sieh, und genau so handelt Gott an dir! Du kannst nicht zu ihm kommen, von dir aus. Von uns aus, seien wir einmal ehrlich, von uns aus fragen wir doch gar nicht nach Gott und was er von uns will. Wir haben ganz eigene Pläne und Gedanken. Wenn wir nach Gott fragen, auf ihn aufmerksam werden, und im Idealfall zu ihm gefunden haben, dann ist das immer ein Wunder. Dann war das vorbereitet. Das war kein Zufall. Das war geführt. Es klingt paradox und es ist auch paradox aber genau so ist es immer, wenn ein Mensch zu Gott findet, genau wie Gott es hier sagt: Ich habe euch zu mir gebracht. Wer immer von uns zum Glauben gefunden hat, ich meine nicht eine allgemeine Überzeugung, es gibt einen Gott, sondern wer zu einer Beziehung zu ihm gefunden hat, der wurde geführt, vorbereitet. Es ist nicht auf deinem Mist gewachsen. All das ist darum geschehen, weil du erst Gott kennen lernen sollst, zu ihm finden. Damit du dann bereit bist für seine Gebote. Denn einer den ich kenne, dem ich vertraue, mit dem ich mein Leben verbunden habe. Dem will ich doch auch gefallen mit meinem Leben. Ich frage danach, was er gern hat.

Die Verbindung mit Gott ist nicht vorwiegend eine Sache des Intellekts. Wo einer sagen kann: Ich bin von Gott überzeugt. Oder: Die Maßstäbe der Bibel sind hilfreich. Die Verbindung mit Gott ist zunächst ein Bund. Ein unaustauschbares Miteinander. Der und kein anderer. Die Taufe ist ein solcher Bundesschluss. Menschen verbinden sich mit Gott im Namen Jesu. Weiter heißt es hier: Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinem Bund halten. Er sagt nicht zuerst werdet ihr die Paragrafen erfüllen. Er sagt: Werdet ihr meiner Stimme gehorchen. Es kommt darauf an, dass wir Gottes Stimme heraus hören aus den vielen Stimmen und Einflüssen, die auf uns eindringen. Und dieser Stimme ganz persönlich folgen. Denn immer wieder möchte Gott von einzelnen hier, dass du etwas ganz besonderes tust. Eine ganz individuelle Entscheidung triffst. Halten wir also fest: In der Vergangenheit hat Gott dich geführt und bewahrt. Warum: Er will dich. Er will sich mit dir verbinden. Gott will dich.

Dazu kommt nun etwas anderes, das ist nun typisch alttestamentlich, und wir müssen es uns sagen lassen, auch wenn es unserem Streben nach Individualität zuwiderlaufen mag. Gott will alle. Er sagt: Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Im heutigen modernen Europa klingt das antiquiert. In einer Zeit, wo sich viele ihre Religion zurecht basteln, auf den Leib schneidern, heißt es hier: Das gilt für alle! Gott will nicht nur der Herr sein über einzelne Individuen. Er ist der Herr der Welt. Und er hat sich aus den vielen Völkern ein Volk besonders erwählt. Das ist das Volk Israel. Warum es gerade dieses eigentlich unbedeutende Volk ist in diesem kleinen Ländchen, darüber staunt schon die Bibel. Aber das war schon immer so. Ich bin nicht gekommen für die Gesunden, sondern für die Kranken, sagt Jesus. Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten noch perfekter zu machen.

Die Geschichte Gottes mit der Welt beginnt mit dem Volk Israel. Aber er will die anderen Völker mit dabei haben. Gott will alle. Die ganze Erde ist mein, heißt es hier. Wer in den Bund mit Gott eintritt, der wird nun geadelt. Der wird gekrönt. Der wird belohnt. Nicht erst irgendwann am Ende der Zeiten, nach der Auferstehung, nein jetzt schon. Darum heißt es: Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Ist uns das eigentlich bewusst, welch eine einzigartige und herausgehobene Stellung jeder hat, der sich zum Volk Gottes zählt?

Der Apostel Petrus schreibt einmal: Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist. Und Jesus sagt denen, die zum Glauben gefunden haben: Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. Er gibt seinen Jüngern Macht über Dämonen und Krankheiten. Ein Christ wird hier schon königlich und fürstlich ausgestattet. Und so soll er dann auch leben. Und damit komme ich zu meinem Hauptanliegen heute, was auch der Grund ist für das Titelbild vom Gottesdienstblatt: "Priestermangel" Bei diesem Begriff denke ich nicht an den theologischen Nachwuchst der großen Kirchen. Gott teilt nicht auf in eine Elite, der er strenge Auflagen erteilt und die große Masse, die von dieser Elite religiös angeleitet wird. Gott will alle.

Klar ist uns das Elitedenken wie eingeimpft. Die Spezialisten sollen sich mal näher beschäftigen mit der Bibel und den Details, wir müssen es damit ja nicht so genau nehmen. Selbst Mose war geprägt von diesem Denken. Zu einer späteren Zeit, als er überfordert war von seinen vielen Aufgaben, entschloss er sich, Aufgaben zu delegieren an Leute aus dem Volk zu seiner Entlastung. Siebzig Älteste schienen ihm dafür geeignet. Am Tag, ihrer Amtseinführung wurden sie überraschend vom Heiligen Geist erfüllt. Sie gerieten sichtbar in Begeisterung. Die Organisation war aber etwas unvollkommen, zwei auf der Liste Notierte hatten sich nicht eingefunden. Das war übersehen worden. Da treffen Berichte ein. Im Lager, dort wo das übrige Volk war, dort sind auch sie in Begeisterung geraten. Der Umgebung war das nicht geheuer, dass sich auch außerhalb der Heiligtums auffällige Ausdrucksformen des Glaubens zeigen.

Es heißt in dem Bericht: Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf. 26 Es waren aber noch zwei Männer im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Und der Geist kam über sie, denn sie waren auch aufgeschrieben, jedoch nicht hinausgegangen zu der Stiftshütte, und sie gerieten in Verzückung im Lager. 27 Da lief ein junger Mann hin und sagte es Mose und sprach: Eldad und Medad sind in Verzückung im Lager. 28 Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an, und sprach: Mose, mein Herr, wehre ihnen! 29 Aber Mose sprach zu ihm: Eiferst du um meinetwillen? Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe!

Also klare Aussage: Gott will alle. Er möchte dass alle Gläubigen erkennbar priesterlich bzw. heilig leben. Und an diesem Punkt herrscht heute große Not. Großer Mangel. Priestermangel. Und das ist gerade eine Not in der Kirche, in den Gemeinden. Die Christen sind zusehends weniger bereit, sich den Forderungen, die sich aus den Maßstäben der Bibel ergeben, zu stellen. Von außen aber, von außerhalb der Kirche, herrscht nach wie vor ein sicheres Gefühl, was sich für einen Christen ziemt oder nicht ziemt. Das kann einen natürlich in peinliche Situationen bringen.

Ein junger Pastor erinnert sich: "Ich unterhielt mich angeregt mit dem umgänglichen Mann, der neben mir im Flugzeug saß. Wir sprachen über unsere Familien, machten Witze über das Wetter. Wir erwogen die Vor und Nachteile des Lebens in verschiedenen Teilen des Landes. Und dann stellte er die Frage: Und womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt? Ich war dumm genug zu sagen: Ich bin Pastor. Plötzlich wurde er rot. Bislang hatte er seine Rede mit einigen deftigen Ausdrücken gewürzt. Plötzlich verlor er das Interesse an einer Unterhaltung und beantwortete meine Fragen nur noch mit einem höflichen Ja oder Nein. Als die Stewardess mit der Speisekarte kam, fragte er mich, ob es in Ordnung sei, wenn er sich einen Drink bestellen würde. Es war deutlich, dass ich für ihn jetzt nicht mehr ein gewöhnlicher Mitmensch war. Ich war für ihn ein heiliger Mann. Es war ähnlich wie einige Zeit frühe, als ich noch Student war. Während einer Busfahrt saß ich neben einer attraktiven jungen Frau. Sie war sehr nett zu mir. Bis ich ihr sagte, dass ich Theologie studiere. Sie setzte sich kerzengerade auf. Ich konnte ihre Gedanken an ihrem Gesichtsausdruck ablesen: O nein. Jetzt werde ich nie mehr aus dem Fegefeuer kommen. Ich habe gerade versucht, mit einem Priester zu flirten!"

Wir schmunzeln darüber. Aber die Konsequenz kann ja wohl nicht sein, sich zurück lehnen und sagen: Wie gut, dass sich die Zeiten bei uns geändert haben. Hierzulande können Pastoren fröhlich mitkicken beim Fußballturnier vom Gemeindefest, und nach jedem Tor gibt’s einen Kurzen. In der evangelischen Kirche gibt’s keinen Priestermangel, die dürfen heiraten und zur Not kann auch der schwule Freund ins Pfarrhaus einziehen. Mit anderen Worten: Sie unterscheiden sich immer weniger. Aber damit verschwimmt das Profil christlicher Existenz. Die Kernfrage ist und bleibt: Was verlangt Gott von mir? Und ein engagierter Christ sollte so leben, dass es an seinem Lebensstil erkennbar ist. So dass jemand, der nicht Christ ist, sieht, inwiefern er sich umstellen müsste, wenn er Christ würde.

Immer dort, wenn eine Hinwendung zum Glauben echt wahr, stellt sich für den Betreffenden die Frage: Was verlangt Gott jetzt von mir. Was passt nicht mehr zu meinem neuen Leben an der Seite von Jesus? Das kann die Kirche nicht beantworten. Die Antwort darauf muss der Betreffende selbst finden. Damit fallen wir keineswegs in Beliebigkeit zurück. Vielmehr redet der lebendige Gott sehr klar zu jedem einzelnen, der sich ihm anschließt. Im Alten Testament wird berichtet, wie ein syrischer General Heilung im Ausland, in Israel sucht. Er wendet sich an den Propheten Elisa. Der heilt ihn im Namen Gottes von seinem Aussatz. Der General will ihm daraufhin viel Geld geben. Der Prophet sagt: Behalte dein Geld. Da merkt der General: Gott will etwas anderes von mir als eine einmalige Spende. Er möchte, dass ich von nun mit meiner Lebensführung meinen Dank zeige. Und er fragt den Propheten: Du, rate mir doch. Was mach ich bloß. Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich bei diversen Staatsakten an der Seite des Königs im Tempel eines Götzen knien. Ist das noch gestattet. Der Prophet sagt: Zieh hin mit Frieden. Mit anderen Worten. Du kannst das tun. Dein Herz wird ja nicht mehr dabei sein. Der Prophet sagt das in dem Wissen: Seine regelmäßigen Gebete wird der General nicht mehr im Götzentempel verrichten. Er hat sich nämlich aus eigenem Antrieb aus eigener Erkenntnis 2 Maultierladungen Erde aus Israel mitgenommen. Er wird sich dann in eine ganz persönliche Gebetsecke zurück ziehen. Das hatte ihm niemand befohlen. Er hatte von sich aus erkannt, was nicht mehr passt zu einem Leben mit Gott. Und genau darum geht es, wenn es heißt, die Gläubigen sind Priester und ein heiliges Volk. Heilig bedeutet nicht sonderbar oder aufgesetzt fromm. Heilig bedeutet Ausgesondert. Beiseite genommen. Jemanden ausschließlich zugehörig. Wenn Jesus mein Herr ist, dann frage ich täglich: Was könnte nicht passen zu einem Leben mit ihm. Und das verkneife ich mir dann. Und mit der Zeit gibt mir Gottes Geist, der Heilige Geist, ein immer feineres Gespür dafür.

Ich wünschte mir, dass die Kirche sich wieder erinnert an ihre hohe Berufung. Dass sich ihre Mitglieder in einer glaubwürdigen und überzeugenden Weise präsentieren. Ach, dass wir wieder anfingen zu fragen: Was erwartet Gott von mir?

Die Welt wartet auf Menschen, die Profil zeigen, die einen festen Grund haben. Die Welt soll Jesus sehen durch uns. Sicher nur ausschnitthaft, unvollkommen. Aber doch so, dass Suchende einen Hunger bekommen nach mehr. Und merken: Gott will alle. Und ich darf dazugehören.

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