Erwählung ist kein Privileg, das mich von anderen Menschen unterscheidet.

2 Mose 19,1-6 (7-8)

Liebe Gemeinde,

es war einmal ein König, der wohnte seid Jahrhunderten in seinem Schloss und war sehr stolz darauf, dass die Geschichte seiner Vorfahren in einer langen Genealogie aufgeschrieben war. Vom ersten Tag an, als seine Vor- Vorfahren die Burg erobert hatten, bis auf den heutigen Tag waren alle wichtigen Taten darin aufgeschrieben.

Unruhige Zeiten aber waren nun angebrochen. Krieg und Chaos herrschten im Land.

Irgendwann hatten sich die Zeiten dann wieder beruhigt und die Menschen begannen ihr Leben neu zu ordnen und sich der eigenen Vergangenheit zu erinnern.

Doch Entrüstung und helles Entsetzen machte sich breit, als man erfuhr, dass die Bewohner einer erst neu erbauten Burg heimlich die ganzen Kapitel der eigenen Geschichte abgeschrieben hatten und nun behaupten, sie wären die rechtmäßigen Nachfolger und stünden in der Tradition der alten Burg.

Alle Proteste selbst Kriege halfen nicht, die gestohlene Tradition wieder zu bekommen und nachdem sie jetzt schon wieder viele Jahrhunderte den Nachfahren der neuen Burg erzählt wurde, dass sie die Erben und Nachkommen der Herren der alten Burg sind, ja das erwählte Volk, glaubten es alle und stellten es auch gar nicht in Frage.

Liebe Gemeinde,

Die Geschichte von Juden und Christen ist aus der Sicht des jüdischen Volkes, die Geschichte einer gestohlenen Tradition, eines gestohlenen Erbes so wie es die Eingangsgeschichte versucht deutlich zu machen.

Wenn wir heute, am 10. Sonntag nach Trinitatis, den Bibeltext des Alten Testamentes lesen, sollten wir uns dieser Problematik bewusst sein. Denn immer am 10. Sonntag im Kirchenjahr denken wir besonders an das Verhältnis zwischen Christen und Juden.

Normalerweise, wenn wir Bibeltexte des Alten Testamentes lesen, sind wir immer sehr schnell dabei, alle Geschichten und Aussagen auf uns zu übertragen. Wir lesen sie so, als ob von uns Christen die Rede sei.

Lassen sie uns heute einen Moment innehalten und nicht sofort an uns denken, wenn wir hören, was in 2. Mose 19 geschrieben steht.

1 Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 4 Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. 7 Mose kam und berief die Ältesten des Volks und legte ihnen alle diese Worte vor, die ihm der HERR geboten hatte. 8 Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun.

Dieser Predigttext ist ein Herzstück jüdischer Tradition.

Er erzählt den Höhepunkt von Israels Weg aus der Sklaverei in die Freiheit. Im Exodus im Auszug aus Ägypten wird Gott beschrieben als der rettende Gott, der die Not seines Volkes gehört hat.

Am Sinai angekommen wird Israel nun zu Gottes Eigentum, zum heiligen Volk.

Die ganze Geschichte wird als Erwählungsgeschichte begriffen.

„Wenn wir nicht erwählt gewesen wären, hätte Gott uns nicht aus der Sklaverei befreit.

Gott hat uns befreit, weil wir einen priesterlichen Dienst an der Welt haben“, so wird es später heißen.

Das Auszugsgeschehen, der Exodus, ist ein zentraler, unverzichtbarer Bestandteil jüdischen Glaubens und jüdischer Identität. Juden erinnern sich regelmäßig an diesen Auszug .

Liebe Gemeinde,

Ich bin der Überzeugung, dass die überlieferten Erfahrungen des AT nicht einfach auf die christlichen Kirchen übergegangen sind.

Wir dürfen es uns nicht zu leicht machten und sagen, „Wir sind doch das Volk Gottes, und wenn im AT vom Volk Gottes die Rede ist, dann ist von uns die Rede.

Dennoch glaube ich, dass wir im AT Verheißungen und Zusagen Gottes finden, die zwar an die Stämme des Volkes Israel gerichtet sind aber zugleich der ganzen Menschheit gehören, weil es heilige Texte sind.

Heilige Texte sind Texte, die von Gottes Handeln in der Welt reden. Die davon reden, wie Menschen Gott erfahren haben. Die Bibel ist voll von solchen Texten.

Auch in anderen Religionen finden sich heilige Texte, die uns helfen können, Gottes Wirken in der Welt besser zu verstehen.

Aus de, heutigen Bibelwortes ist mir besonders Vers fünf wichtig, wo es heißt: „so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern“.

In der jüdischen und christlichen Theologie werden diese und ähnlich lautende Aussagen des AT so interpretiert, dass das Volk Israel oder die christlichen Kirchen besonders von Gott auserwählte Völker sind und dass Gott von allen Völkers dieser Welt, sich diese als sein Eigentum auserwählt hat.

Liebe Gemeinde,

Christen und Juden gibt es erst seit rund 3000 Jahren und der Mittelmeerraum, in dem sich Judentum und später das Christentum entwickelt haben, sind nicht der Nabel der Welt.

Sollte sich Gott nicht schon immer den Menschen offenbart haben? Sollte er nicht schon immer Mittel und Weg gefunden haben, sich von Menschen entdecken zu lassen?

Immer wieder haben Menschen, Gruppen und Völker Gottes Nähe und Hilfe erfahren.

Oftmals hat dies dann dazu geführt, dass sie glaubten, sie wären besonders erwählt.

Diese Vorstellung ist verständlich, weil sie menschlich ist, allzu menschlich.

Aber das Reden von der Erwählung, steht in besonderer Weise in der Gefahr aus der Erwählung einen Anspruch, ein Privileg, eine Sonderstellung abzuleiten nach dem Motto: „Ich bin erwählt, Gott steht auf meiner Seite“

So manche Erzählung des AT und des Volkes Israels, besonders wenn wir an die warnenden Stimmen der Propheten denken, zeigen wie fatal solch eine Einstellung sein kann und manchmal auch in die Katastrophe führt.

„Ihr sollte mir ein heiliges Volk sein“, diese Worte wurde vor langer Zeit dem Volk Israel zugesprochen.

Diese Worte gelten weiterhin den Nachkommen und den gläubigen Juden.

Aber diese Worte gelten zugleich allen Menschen auf dieser Erde, weil wir Christen seit Jesus erkannt haben, dass Gott schon immer und zu allen Zeiten zu den Menschen spricht.

Das Privileg der Erwählung gilt allen Menschen, aber zugleich gilt, dass Erwählung nie etwas Einseitiges ist. Es ist wie in einer Liebesbeziehung. Was bedeutet es schon, wenn ich der Erwählte bin, aber mich auf die Beziehung nicht einlasse. Der Ruf der Erwählung verhallt im Nichts.

In unserem heutigen Bibeltext lesen wir:

„Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun.“

Das Volk Israel nimmt seine Erwählung an, in dem es Gott antwortet und mit ihm einen Bund eingeht.

Erwählung ist kein Privileg, das mich von anderen Menschen unterscheidet. Erwählung ist der Ruf in die Nachfolge, der Ruf zu einem gottgefälligen Leben.

Niemand braucht daran zweifeln, dass er erwählt ist und jeder kann sich seiner Erwählung vergewissern indem er wie das Volk Israel antwortet: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun.“

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