Erbschaft

Liebe Gemeinde!

„Ich hab’ ne Tante aus Marokko und die kommt …“ – das war ein Kinderlied, was wir im Kindergarten immer gesungen haben. Und ich nehme an – es gibt dieses Lied bis heute.

Bei mir rief das einen Geruch von großer weiter Welt hervor. Eine Tante in Marokko. Soweit ich mich erinnern kann, war sie auch reich – jedenfalls habe ich sie mir so vorgestellt. So wie jenen Onkel oder jene Tante aus Amerika, die einem unverhofft ein großes Vermögen vermacht. Bisher ist das nicht passiert, aber die Vorstellung, einfach so Geld zu erben, die ist schon sehr verführerisch. Geld, für das man nicht, aber auch wirklich nichts tun müsste. Noch nicht einmal einen Lottoschein ausfüllen, Geld für die Lottoreichen bezahlen, und dann mitfiebern, ob es dieses mal geklappt hat. Eine Leistung ohne Gegenleistung. Ein Erbe ohne Verpflichtung. Ich glaube, das macht den Gedanken an eine reiche Tante, einen reichen Onkel so verführerisch. Wenn ich ansonsten mal etwas erbe, dann habe ich ja auch etwas investiert, denn ein Erbe ist immer auch Ausdruck einer Beziehung. Ob es nun ein kleines Erbe ist oder ein großes, immer war etwas vorher da, was sich dann im Erbe spiegelt. Das führt in den Extremfällen zu all jenen Geschichten, die sich um Enterbung, wo sich eine gescheiterte Beziehung spiegelt. Oder wo jemand eben alle Energie investiert, um ein Erbe zu erlangen, und man ihm dann später den Vorwurf macht, er habe sich sein Erbe nur erschlichen.

Und weil ein Erbe mit Beziehung zu tun hat, hat es auch eben mit einer Bindung, einer Verpflichtung zu tun. Das spürt jeder, der irgendwann etwas geerbt hat von einem Menschen, mit dem er eine gute Beziehung hatte. Ein Erbstück, und sei es noch so hässlich – das wirft man nicht einfach weg.

Aus allen diesen Gründen ist die Beziehung von Menschen und Gott oft so beschrieben worden, dass Menschen etwas „erben.“ Gerade wenn Gott direkt zu den Menschen spricht, so wie es oft in den Geschichten am Anfang der Bibel berichtet wird, dann hat das etwas von einer Testament, von einem letzten Willen. Vielleicht müsste man bei Gott eher sagen: letztgültigen Willen. Aber wie bei einem Erbe, wie bei einer Testamentseröffnung sollen sich die Erben verpflichtet fühlen, sich an die Worte des Testamentes auch wirklich zu halten. Und wie bei einem Erbe drückt auch das Erbe Gottes eben die Beziehung aus, die Gott zu den Menschen hat.

Ich erzähle das, weil es im Predigttext für diesen Sonntag um diese Beziehung zwischen Gott und dem Menschen geht. Der Predigtexte steht am Anfang der Bibel, im zweiten Buch Mose. Das ganze zweite Buch Mose schlägt sozusagen das zweite Kapitel auf in der Geschichte des Volkes Israel. Im ersten Kapitel haben wir gelesen die Geschichte von den Urmüttern und Urvätern und wie es kam, dass das Volk Israel sich auf einmal in Ägypten befand. Bekanntermaßen befand sich dort ein Pharao, der Israel ausbeutete und unterdrückte und Gott berief Mose und seine Schwester Miriam und seinen Bruder Aaron, um das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen. Wir bekommen mit wie das Volk durch die Wüste zieht, den Ägyptern am roten Meer entkommt.

Die Verfolger sind weg – das gelobte Land in Sicht und dann entscheidet sich Gott, sein Testament mit diesem Volk zu machen. Die Szene spielt am Fuße des Berges Sinai; und klingt im Predigttext so (ich lesen die ersten drei Verse) und jeder von ihnen hat sicherlich einen dieser Filme über Mose gesehen, so dass Sie sich wahrscheinlich die Szene auch vorstellen können, wenn Sie noch nie auf der Sinaihalbinsel waren.

[TEXT Verse 1-3a]

Ich möchte, da es um eine Testamentseröffnung geht, die Szene aber gerne verlegen. Weg von den Sandalen, dem Sand, den Gewändern, dem Berg Sinai – hinein in ein Notariat. In so ein klassisches Notarzimmer, wo der Notar inmitten eines großen Raumes mit schweren, dunklen Möbeln hinter einem riesigen Schreibtisch sitzt.

In diesem Fall also Mose. Ich stelle mir vor, dass er keine Sandalen, kein Gewand hat, sondern einen Anzug, Krawatte und die Schuhe, die man als Notar eben trägt. Sein Bart ist fein zurechtgeschnitten, der Schreibtisch leer – leer bis auf ein paar Seiten in Büttenpapier – das Testament, der Wille Gottes. Mose hat das Testament seinem Volk vorzulesen. Ein Testament, das für alle Zeiten gilt – schließlich ist es der Wille Gottes.

Vor Mose sitzen in diesem Zimmer deshalb nicht nur die, von denen die Geschichte im 2. Buch Mose erzählt, sondern alle Jüdinnen und Juden, die jemals diese Geschichte gehört haben. Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, und von dem Gott, der sie als Volk erwählt hat. Der Raum ist riesig, unvorstellbar groß und alle sind da, um bei der Testamentseröffnung dabei zu sein; auch die, die darunter in unvorstellbarer Weise gerade hier in Deutschland darunter gelitten haben, dass Gott gerade sie als Volk auserwählt hat. Es sind auch alle die da, die für Gott sprechen als Prophetinnen und Propheten. Es sind alle da: die, die Psalmen und die Texte der Weisheit geschrieben haben.

Und obwohl der Raum riesig ist, ist es sehr ruhig als Mose sich räuspert und beginnt den Wille Gottes vorzutragen:

[TEXT Verse 3b-6]

Mose, der Notar hat noch einigen Text vor sich – vor allem, die 10 Gebote, die kurz darauf vorgelesen werden sollen.

Er schaut auf in gespannte Gesichter. Doch kurz bevor er Atem holen kann und sein Gesicht wieder dem Schreibtisch zuwendet, räuspert sich jemand in der Zuhörerschaft. Es wird noch stiller und gespannter als es vorher schon war – wer wagt es, den Notar zu stören, der Gottes Willen vorträgt?

Ein Mann steht auf. Er stottert ein wenig herum – er ist wenig redegewandt, das merkt man. „Mein Name ist Paulus, ich bin ein Jude aus Tharsus. Ich habe ein Problem, vielmehr eine ungelöste Frage.“ Die Menge raunt. „Da gibt es Menschen, die nennen sich Christen. Sie glauben, dass Jesus, der Prediger Joschua aus Nazareth, der Sohn Gottes ist. Sie glauben sogar, dass Gott selbst in Jesus auf dieser Welt war. Also, ich weiß, das klingt seltsam. Gott selbst ist es doch, der uns aus Ägypten begleitet hat, er ist uns nahe, er hat uns erwählt, aber: es ist kaum vorstellbar, dass Gott, dass dieser Gott Mensch wird.“ Die Menschen im Raum nicken. „Ich habe es auch nicht geglaubt,“ führt Paulus weiter fort, „bis, ja bis mir Jesus erschienen ist – und jetzt weiß ich nicht weiter. Denn: dieser Jesus, der mir erschienen ist, hat mir aufgetragen, ich soll zu den Heiden gehen und ihnen von unserem Gott erzählen.“

Mose hat für einen Augenblick das Testament vergessen: „Aber das hieße ja, auch die Völker, auch die anderen, die eben nicht Israel sind, die wären von unserem Gott erwählt?!“ Dann kann sich keiner mehr auf seinem Stuhl halten. Da gibt es Prophetinnen und Propheten, die von Visionen berichten, dass am Ende der Tage alle Heiden, also alle Nichtjuden, nach Jerusalem ziehen werden. Das würde ja dafür sprechen, dass auch die Völker erwählt sind. Dann gibt es einige, die betonen: ja, am Ende aller Tage vielleicht, aber jetzt noch nicht! So geht es einige Zeit hin und her.

Bis Mose die Menge zum Schweigen bringt. „Ich befürchte, Paulus, wir können deine Frage nicht lösen.“ Paulus nickt – er hatte es schon befürchtet. „Die Sache ist die, die Christen und Christinnen, die ich kenne, und denen ich von meinem Erlebnis berichtet haben, die warten auf eine Antwort. Deshalb bin ich hier. Ich werde mal an meinen Schreibisch begeben und ein wenig nachdenken.“ Und so verließ Paulus das Notariat.

Liebe Gemeinde, Paulus hat noch eine Lösung seiner Frage gefunden und sie schließlich in seinem Brief, den er an die Gemeinde in Rom geschrieben hat, beantwortet. Er sagt: man kann sich das so vorstellen wie einen Olivenbaum. Da ist der Stamm – das sind Abrahm und Sara und alle Mütter und Väter im Glauben. Und dann gibt es natürliche Zweige, das ist das Volk Israel. Und dann, erst dann gibt es noch aufgepfropfte Zweige, also Zweige, die man später in den Stamm gesteckt hat – und das ist die Kirche.

Wenn man sich die Geschichte der Kirche anschaut, dann ist dieser Text wohl nicht sehr oft gelesen worden. Oft, zu oft, haben christlichen Theologen behauptet, dass Gott Israel verstoßen hat und nun die Kirche an ihre Stelle getreten. Dabei wäre es wirklich die angemessene Handlung, meine ich, wie Paulus leise eine Zwischenfrage zu stellen, denn wir, die Christinnen und Christen sind später zu dem Bund, zu dem Testament Gottes hinzugekommen. Es ist ein neues Testament, aber es ist das gleiche Testament sozusagen. Insofern ist die Bezeichnung „Altes Testament“ für die ersten Bücher der Bibel sehr missverständlich. Denn die Wore, die damals Mose an das Volk Israel gerichtet hat, die sind auch an uns gerichtet – es ist der gleich Bund, in dem wir auf wundersame Weise mit gemeint sind. Deshalb gelten auch für uns die 10 Gebote, deshalb sind auch wir den Worten dieses Gottes, seinem Erbe verpflichtet.

Deshalb ist der heutige Sonntag, der Israel gewidmet ist, ein Aufruf und eine Erinnerung, diesem Erbe in unserem Leben gerecht zu werden im Sinne dessen, was Jesus einmal über das Erbe zusammenfassend gesagt hat:

„Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst und und du sollst Gott lieben mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Verstand.“ Gebe Gott seinen Segen, dass wir gute Erbinnen und Erben sind, zusammen mit allen, die an diesen Gott glauben.

drucken