Besitz ergreifend

Als ich Kind war, galt der als artig, der immer schön bescheiden war, nicht widersprach und zu Allem, was die Autoritätspersonen sagten ‚JA’ sagte.

Also haben wir immer brav Ja gesagt – und den dazu gehörigen Auftrag dann – leider – vergessen. Das gab dann zwar manchmal Ärger, aber der war nicht zu vergleichen mit dem, den es gegeben hätte, wenn wir gesagt hätten: ‚Nein keine Lust!’ – Das hätte sich nun wirklich nicht gehört.

Dieses fiel mir ein, als ich unseren Predigttext las. Jesus erzählt von einem Vater, der zwei Söhne hat. Es ist ein Gleichnis, bei dem sich lohnt hinzuhören und seine eigene Antwort zu finden auf die Frage Jesu am Anfang:

[TEXT]

Jesus zwingt seine Kritiker in die Entscheidung: Was ist Tun des Willens Gottes: Ja sagen oder Ja tun? Und in Wirklichkeit geht es ihm wohl auch weder um di ausgesprochen Antwort. Es geht ihm um eine angemessen Reaktion.

Er wurde kritisiert: Er verkündete den willen Gottes bei den Menschen so vollmundig, dass ihn viele Menschen schon für den Messias hielten, den Gesandten Gottes, aber sein Lebensstil schien dem hohn zu sprechen. Anstatt dass er sich bei den Frommen aufhielt, mit ihnen über Gott und die Welt redete und sich von allem ‚Gesocks’ fern hielt, redete er mit üblen Gestalten. Matthäus nennt hier zwei beispielhaft, wen er Jesus sagen lässt: ‚Die Zolleinnehmer und die Prostituierten werden eher in die neue Welt Gottes kommen als ihr.’

Es wäre zu einfach, Wort und Tat einfach zu trennen. Auch ein Wort ist eine Tat und das Nein des zweiten Sohnes ist verletzend und bleibt es auch. Um so größer die Überraschung, dass der zweite Sohn dort nicht stehen bleibt, aber auf der Reue, dem in sich gehen liegt ein Segen.

Der Sohn, der ja sagt und nicht in den Weinberg geht ist das Portrait eine aktiven Menschen, der immer bereit ist, ja zu sagen, sich einzusetzen, der Christi Predigt hört und begeistert ist, aber es passiert nichts. Man merkt nichts. Es geht nichts von ihm aus.

Der Andere bleibt skeptisch er ist erst einmal ablehnend, aber es arbeitet in ihm und zeigt Wirkung.

Es geht um die moderne Frage nach der Authenzität in meinem Leben. wer bin ich eigentlich?

Wir kennen die Ja-Sager – Rhetorik: Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert.

Manchmal erlebe ich auch die Nein-Sager. Sie können frustrieren, fertig machen: Sie maulen und motzen – um dann doch zu tun. Ich hatte mal einen Konfirmanden. Egal, was ich sagte er war dagegen – lautstark meist, aber am guten Ende tat er doch. Irgendwo wirkte es lächerlich: Er ließ sich scheinbar nicht überzeugen, aber irgendwie hat er dann doch gemacht – und war manchmal sogar richtig stolz darauf. Es war schon anstrengend, aber ich wusste, er sagt, was er denkt und macht, was er soll. Viel unsympathischer, diejenigen, die es auch gab: Sie notierten eifrig, was sie tun sollten. Das Einzige, was von den Aufgaben blieb, waren diese Notizen:

‚Die Zolleinnehmer und die Prostituierten werden eher in die neue Welt Gottes kommen als ihr.’ – ist der Spitzensatz, der keine exklusiven Vorrechte proklamiert, aber eine Umdrehung der Verhältnisse, der als richtig empfundenen Reihenfolge. Es geht hier nicht darum, dass nun plötzlich die auf der Anderen Seite selig gesprochen werden. Es geht darum, dass ich mich überraschen lasse, von dem, was wirklich geschieht und damit rechnen kann, dass manches ganz anders ist als es scheint.

Ich muss das wohl noch lernen: Gottes Urteil ist nicht vorhersehbar. Es ist nicht ausrechenbar. Nicht immer sind die scheinbar Frömmsten auch wirklich fromm. Umgekehrt wird allerdings auch kein Schuh draus: ‚Herr Pfarrer ich kann doch auch in guter Mensch sein ohne was mit der Kirche am Hut zu haben.’ Natürlich geht das – meistens nicht.

Das Wort von Erich Kästner: ‚Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.’ ist ja richtig, nur Gedankengebäude machen noch nichts gut, aber nur Taten ohne richtiges Denken und Fühlen eben auch nicht. Beides muss stimmen.

Darum geht es Jesus hier sicher nicht um ein Idealbild. So sollt Ihr sein. Es geht erst einmal um ein Feindbild: Den Menschen, der alles weiß und glaubt, aber dessen Tun seinem Glauben Hohn spricht. Dagegen setzt Jesus den Menschen, der zwar erst einmal zu Allem Nein sagt, aber dann doch in sich geht und tut, was richtig ist. Das sagt er nicht so sehr zur Beruhigung derjenigen, die so Handeln, sondern zur Beunruhigung der Frommen, die ihm Vorwürfe machen. Sie will er dazu bringen, ihren Glauben auf den Prüfstand zu stellen: Wie sieht es eigentlich mit deinem praktischen Glauben aus? Wie lebst Du deinen Glauben im Alltag?

Außerdem will Jesus mir Mut machen: Mut, dem Anderen zutrauen, dass Gott noch Wege mit ihm vorhat und den Mut, zuzugeben, dass ich selber nicht immer den Willen es Vaters tue, auch wenn ich es sage.

Das harte Wort aus Matthäus 7,21 wird hier erläutert: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

Der Glaube ist keine theoretische Sache, die sich nur im Kopf abspielt, sondern er will Besitz von mir ergreifen, will mich ganz in beschlag nehmen in Reden, Denken und Handeln.

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