Außen vor?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Nicht dazu zu gehören, außen vor zu sein, das ist ein schreckliches Gefühl. Ich erinnere mich an meine Kinderzeit. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, stand eine krumm gewachsene Eiche, deren Krone sich in die Erde grub. Der Stamm bildete dadurch eine Brücke, wenige Meter über dem Erdboden und im Sommer waren die Kinder des Dorfes ganz scharf darauf, auf diesem Baumstamm zu balancieren, sich gegenseitig hinüberzujagen oder gar die dollsten Kunststücke zu probieren. Eine regelrechte Schlange bildete sich, man musste warten, bis man dran war. Wenn es dann aber soweit war, dann musste es auch losgehen, sonst wurden die anderen ungeduldig. Welch eine Schmach, wenn eines in der Mitte stockte und auf einmal Angst bekam, nicht vor und nicht zurückkonnte! Die anderen Kinder flogen nur so über den Stamm, es sah so leicht und elegant aus – aber klein Inke stand immer unten und sah zu den anderen auf und traute sich nicht… Ich hätte so gerne dazu gehört, aber ich war außen vor, weil ich nicht konnte, was die anderen konnten…..

Nicht dazu zu gehören ist eine schlimme Erfahrung, die viele von uns kennen. Sie brauchen nur in eine Gruppe von Fußballfans zu geraten, die jeder für sich ganz nett sind, aber wenn die erstmal ihr Thema gefunden haben, dann sind Sie außen vor, wenn Sie von Fußball keine Ahnung haben.

Ganz ernsthaft und ganz furchtbar kann diese Erfahrung für junge Paare sein, die sich so sehr ein Kind wünschen, aber es klappt einfach nicht. Alle anderen in ihrem Alter haben Babys und Kleinkinder und sind damit vollauf beschäftigt, der ganze Freundeskreis schwängert, dann tritt oft zur Trauer und Sehnsucht die furchtbare Erkenntnis: Ich gehöre gar nicht mehr dazu, ich bin außen vor.

Auch viele Arbeitslose beklagen die Einsamkeit – es ist nicht nur, dass das Geld knapp wird, man gehört einfach nicht mehr dazu, wenn alle anderen sich über den Chef oder den Stress im Job beschweren, dann kann man nach einem Tag voller Langeweile plötzlich nicht mehr mitreden.

Man braucht nur ernsthaft krank zu werden und schon ist man mit der Erfahrung konfrontiert, außen vor zu sein. Für alle anderen geht das Leben „normal“ weiter, aber das eigene Leben funktioniert auf einmal überhaupt nicht mehr normal. Da steht man dann und zu den körperlichen Leiden tritt das Gefühl tiefer Einsamkeit und Verlorenheit, weil man nicht mehr dazu gehört.

Ich lese den Predigttext für den 10. Sonntag nach Trinitatis, der auch Israelsonntag genannt wird. Er steht im 2. Buch Mose im 19. Kapitel:

Text

Das Volk Israel ist bei Gott nicht außen vor, ganz im Gegenteil: Israel steht bei Gott an erster Stelle! Das hat es immer gewusst und sich so manches mal darauf verlassen. In der größten Not war das Halt und Zuversicht für die bedrängten Juden. „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern!“ so lesen wir im Predigttext. Darum führte Gott sie aus Ägypten und aus der Bedrängnis. Und er machte es ihnen ganz leicht: Auf Adlersflügeln brachte er sie zu ihm, damit sie sein Volk seien.

Gott hat Israel erwählt zum Volke seines Heiligtums. Israel hat einen Sonderstatus unter den Völkern. Jesus stellt das niemals in Frage. Und auch Paulus hält an der Erwählung Israels fest: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (Röm. 11,29) so schreibt er im Römerbrief.

So sind wir, liebe Gemeinde, mit dem Israelsonntag doch regelrecht bestraft: Wir müssen uns anhören und uns sagen lassen, dass Gott andere ausgesucht hat. Wir müssen aushalten, dass wir nicht dazu gehören, denn wir sind keine Juden, wir sind Christen. Wir entstammen nicht dem Volk Israel, sondern gehören zu denen, die im Alten Testamen als die „Heiden aus den Völkern“ verstanden werden. Wir gehören nicht zu Jakobs Kindern, wir gehören nicht zum Volk, das Gott aus Ägyptenland rettete und wir wurden auch nicht auf Adlersflügeln zu ihm gebracht. Wir gehören nicht dazu. Wir sind nicht erwählt.

Das ist gemein! Das ist ungerecht! Anders können wir darauf doch gar nicht reagieren! Warum sollte Gott ein Volk dem anderen vorziehen? Gott ist doch gerecht! Warum sollte ihm eines seiner Kinder mehr wert sein als das andere? Das ist von unserem heutigen Standpunkt vollkommen inakzeptabel! Keiner von uns würde eines seiner Kinder dem anderen vorziehen!

Wir würden auch sagen: Das haben wir anders gelernt! Durch Jesus und sein teures Blut gehören wir sehr wohl dazu. Wer sich an Jesus hält, der ist Gottes Kind, der gehört dazu, ob er nun Israelit ist oder nicht. Wir sind Geschwister Israels und nicht Gottes uneheliche Kinder!

Ich möchte noch eine Geschichte aus meiner Kinderzeit erzählen: Wir waren 4 Mädels zu Hause und als unsere Jüngste zur Welt kam, war ich schon acht und meine kleine Schwester Anja war vier. Als nun die Lüdde ein wenig größer wurde, wollte sie immer gerne mit den beiden großen Schwestern spielen, die sich blendend verstanden und immer neue Ideen hatten. Aber wir hatten nicht soviel Lust, uns mit diesem verzogenen Baby zu beschäftigen. „Geh spielen in der Sandkiste, das hier ist nichts für dich.“ Das war sicher nicht nett, aber Geschwisterliebe ist nun mal kein Zuckerschlecken. Nun war die Kleine nicht dumm und wusste sehr wohl, ihren Willen zu bekommen. Sie lief zur Mutter hin, bei der sie einen Stein im Brett hatte und beklagte sich mit Tränen in ihren großen Kulleraugen: „Mama, die lassen mich nicht mitspielen!“ Und Mutter ging erwartungsgemäß das Herz über. Sie gab uns Order, nett zu der Kleinen zu sein, sonst könnten wir mal was erleben. Das hat die Göre viele Sympathiepunkte gekostet – aber es war richtig. Und es war gut für uns alle.

So ähnlich denke ich mir das Verhältnis von Israel und dem Christentum: Israel war nun einmal zuerst da. Zuerst kommt immer Israel. Es ist das ältere, das vielleicht weisere und klügere Kind Gottes. Es ist als Erstling auch Erbe von Gottes Reich und zwar in besonderer Weise. Aber dann kommen wir – die Lüdden im Glauben! Jesus hat manches mal für uns Partei ergriffen: So hilft er dem Hauptmann von Kapernaum – der war kein Jude – weil er beeindruckt ist von seinem Glauben und seinem Gottvertrauen. Der barmherzige Samariter, so erzählt er uns, auch der gehört nicht zum Volk Israel und tut doch Gottes Willen mehr als der Levit und der Priester, die an dem Verletzten vorübergehen. Und dann wird Paulus erwählt und bekommt den Auftrag, den Heiden, uns! das Evangelium zu verkündigen. Nicht nur für Israel ist Gott da, so erfährt Paulus, sondern für die ganze Welt. Gott ist nicht in erster Linie für die da, die ihm eh schon gehören, sondern ganz besonders für die, die ihn noch nicht kennen. In Jesus kriegt Israel Order: Die anderen, die nicht vom Volk Israel sind, die gehören dazu! Vor Gott seid ihr Geschwister, ihr Juden und ihr Christen. Und als Geschwister habt ihr euch gefälligst zu vertragen, solange ihr die Füße unter meines Vaters Tisch setzt!

Das gilt für uns Kleine natürlich besonders – wir können uns Israel gegenüber keine Respektlosigkeit und schon gar keine Gewalt erlauben, das steht uns nicht zu. Ich freue mich immer sehr über Begegnungen zwischen Christen und Juden, die etwas von dieser Geschwisterlichkeit ahnen lassen.

Es ist schrecklich, wenn man nicht dazu gehört. Wir aber gehören dazu! Wir gehören zum Volk Gottes, wir sind auch Kinder seiner Liebe! Wir sind nicht wie Israel erwählt, aber wir sind aufgenommen. Und dafür sind wir sehr dankbar. So dankbar, dass wir diese Erfahrung weitergeben an jeden, der Gemeinschaft sucht:

Es ist egal, wie krank du bist – deine Gemeinde vergisst dich nicht. Sie steht dir bei, sie besucht dich und sie hilft dir, so gut es geht. Und wenn wir Sonntags Gottesdienst feiern, vergessen wir nie, für unsere Kranken zu beten.

Es ist egal, wo du in unsere Gesellschaft stehst, ob du keine Arbeit oder keine Wohnung hast – hier denkt niemand schlecht über dich, bei uns gehörst du dazu, wir schließen niemanden aus.

Uns ist es nicht egal, wie traurig du bist. Wir hören einander zu und teilen Freud und Leid.

Selbst, wenn du nicht so viel kannst wie andere, wenn du nicht so klug bist, nicht so patent oder nicht so tüchtig, wie man es von dir erwartet – hier im Gottesdienst fragt dich niemand danach, was du kannst, du gehörst zu uns.

Niemand ist bei uns außen vor, das ist in einer christlichen Gemeinde inakzeptabel. Denn dafür ist Jesus gestorben, damit alle, die an ihn glauben, zu Gott gehören sollen. Und die zu Gott Gehörenden, die sind eine Gemeinschaft der Glaubenden, die niemanden ausschließt.

Jesus gab sein teures Blut, damit wir dazu gehören und nicht außen vor sind, wenn Gottes Reich kommt. Und unser Teil ist es, dafür zu sorgen, dass jeder mit kann auf dem Weg, der Gott entgegengeht.

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