Häuslebauer

„Auf diese Steine können Sie bauen“ – erinnern Sie sich? Eine große Bausparkasse erfand in den 70iger Jahren diesen genialen Slogan. Sie führt ihn bis heute, weil er immer noch gut ist. Damals aber war er noch ein bisschen besser. Wenn man da von Haus bauen sprach, dann meinte man auch „Haus bauen“, in dem guten alten Sinne von Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein. Heute ist ja z. B. Holz auch ein durchaus akzeptabler Baustoff, so ein Häuschen wird dann weniger gebaut als vielmehr zusammengesteckt. „Holz gibt Geborgenheit“ – so wirbt eine Holzhausfirma. Auch nicht schlecht.

Oder man kauft ein so genanntes Fertighaus, da kommen dann ganze Wandsysteme angefahren. „So einzigartig wie Sie – nicht nur ein Haus, ein Zuhause“ Eine mutige Überschrift für ein Fertighaus …

Ist ja auch egal, es soll ja schließlich bezahlbar sein. Für was auch immer man sich entscheidet, kein Bauherr, kein Architekt und keine dieser Firmen wird ein Haus bauen, ohne vorher das Grundstück geprüft und vorbereitet zu haben. In Bezug auf das Grundstück ist das Vorgehen immer gleich: Erst muss ein Baugrundstück erschlossen, dann erworben werden, dann wird es ausgehoben und mit Kies verfüllt. Die Grundsteine werden gesetzt, die Kanalisation wird verlegt und schließlich wird geschüttet. Dann erst kann es irgendwann losgehen mit Stein auf Stein oder Holz auf Holz, oder was immer das Herz begehrt.

Das Häuslebauen ist eine aufreibende Sache, so ist mein Eindruck – da steckt viel Arbeit und viel Planung drin und natürlich eine ganze Menge Geld. Aber es ist auch etwas ganz besonderes: In einem solchen Haus will man ja viele Jahre leben, es wird Zuhause sein, Heimat. Es soll Sicherheit und Geborgenheit geben. Das eigene Haus und das eigene Leben, das hat viel miteinander zu tun. Im eigenen Haus zu leben ist für viele die Erfüllung eines Lebenstraumes.

Ich lese den Predigttext für den 9. Sonntag nach Trinitiatis aus dem Evangelium des Matthäus im 7. Kapitel. Dort sagt Jesus:

[TEXT]

„Auf diese Steine können Sie bauen!“ – es könnte ein Werbespruch für den christlichen Glauben sein. „Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute“ sagt Jesus. So kann man sein Lebenshaus fest gründen, meint er. Wer sein Lebenshaus auf gutem Grund baut, der braucht Wind und Regen nicht zu fürchten, der hat eine gute Entscheidung getroffen, die er nicht bereuen wird. Wer dagegen sein Lebenshaus auf Sand baut, wer sich nicht die Mühe macht, sein Leben fest zu gründen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm das ganze über dem Kopf zusammenbricht. Wenn dann die Lebensstürme kommen, steht er schutzlos da und hat keinen Ort, wo er sich bergen kann. Dann ist die Not groß.

Ist doch seltsam genug, oder? Um den Bau eines Hauses machen wir uns riesige Gedanken. Zunächst ist da die Finanzierung Wie geht es überhaupt, welche Bank bietet die günstigsten Konditionen, mit welchen staatlichen Zuschüssen ist zu rechnen? Dann die Planung: Wo kommt das Bad hin, wie groß wird die Küche? Sollen wir schon für´s Alter mitplanen und barrierefrei bauen? Versicherungen müssen abgeschlossen werden. Rücklagen müssen gebildet werden, sonst geht eines Tages die Heizung kaputt und dann ist Holland in Not. Kein Häuslebauer kommt ohne diesen organisatorischen Hintergrund aus. Dass das Haus, in dem wir leben, auf festem Grund steht, das ist nun wirklich das mindeste unserer Probleme und absolut selbstverständlich.

Ist doch seltsam genug: Um den Bau unseres Lebenshauses machen wir uns kaum Gedanken. Wie kann ich mein Lebenshaus so gestalten, dass es allen Stürmen trotzen kann? Welche geistlichen Rücklagen kann ich in guten Zeiten bilden? Wie lebe ich so, dass sich meine Seele im Alter von den Früchten meines Lebens nähren kann? Was ist der innerste Grund meines Daseins, mein Fels, meine Burg, was steht mir unerschütterlich zur Verfügung, wenn ich einmal in allergrößte seelische Not kommen sollte?

Niemand beginnt den Bau eines Hauses in einer wirtschaftlichen Krise, jedes Wohnhaus erwächst aus einer Phase des Wohlstandes und des Wohlergehens – an unserem Lebenshaus dagegen bauen wir oft nur in geistig mageren Zeiten, erst, wenn wir nicht weiter wissen, fragen wir nach Gott und erst in der größten Not beginnen wir zu beten. Erst wenn Holland in Not ist, fragen wir nach den Fundamenten unseres Glaubens.

Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein auf Felsen baut. Die Rede Jesu ist die Bergpredigt, das meist gelesenste Stück antiker Literatur, die am schärfsten kritisierte Ansprache der Weltgeschichte, der am meisten diskutierte ethische Entwurf, den es jemals gegeben hat.

Wenn dich jemand auf die linke Backe schlägt, dem halte auch die rechte hin. Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, sondern im Himmel, denn wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.

In der Bergpredigt radikalisiert Jesus die Gebote vom Töten und vom Ehebrechen, so sehr, dass wir erschrecken und erkennen: Das ist schwer. Er verlangt, dass wir nicht übereinander urteilen, sondern einander vergeben. Er rät uns zu beten und Gott all unsere Not zu sagen. In der Bergpredigt fordert Jesus ein absolut glaubwürdiges, aufrechtes, bescheidenes, liebevolles Leben, die Abkehr von jedweder Scheinheiligkeit, die absolute Zuwendung zum Nächsten. Er predigt, dass wir Gottes Kinder sind, Kinder des Lichtes, Salz der Erde und Licht für die Welt. Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute …

Die Worte Jesu sind eine Absage an die Softreligionen unserer Zeit und an den Patchworkglauben der vielen. Wer meint, dass er sich aus jeder Religion das beste herauspicken kann und anderes ignoriert, der ist auf dem Holzweg. Wer sich selbst und sein persönliches Wohlergehen zum Maßstab Gottes macht, der hat sein Haus auf Sand gebaut. Wer wohl hören kann, aber nichts für den Glauben zu tun bereit ist, der steht nicht fest. Sein Glaube wackelt, und wenn dann die Stürme des Lebens kommen, weiß er nicht wohin mit sich. Er findet keinen Schutz und keinen Halt.

Wer sagt: Ich lebe wie ich will und nach mir die Sintflut, der wird, das glaube ich fest, diese Entscheidung irgendwann bitter bereuen. So mancher glaubt, die Gesundheit sei alles im Leben – wenn der krank wird, bricht seine Welt zusammen, er stirbt innerlich, lange bevor seine Zeit gekommen ist. Ein anderer bindet sein Heil an den Menschen, den er liebt – das mag schön sein, solange es gut geht. Bricht diese Säule aber weg oder wird die Liebe wie Sand vom Wind verweht, ist er voll und ganz verloren und steht vor den Trümmern seines Lebens.

Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Die Rede Jesu tun ist mehr als irgendwie an Gott zu glauben, dass ist eine Entscheidung für einen Lebensentwurf, der nicht sich selbst, sondern die Liebe Gottes zum Maß aller Dinge macht. Wer die Rede Jesu tut, wird barmherzig mit sich und den nächsten umgehen, er wird Verantwortung für sich und andere übernehmen, er wird sich selbst als einen Teil der Menschen sehen, die Jesus selig preist.

„Selig sind, die geistlich arm sind, ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Wer selig ist, der hat sein Haus auf Fels gebaut. Der kann sich freuen, ohne zu besitzen; der kann danken, ohne zu nehmen; der kann lieben ohne zu haben; der kann reden ohne zu lügen; der kann geben, ohne zu fordern; der kann glauben, ohne zu sehen.

Auf festem Grund stand der Apostel Paulus: „Wir sind von allen Seiten bedrängt,“ so schreibt er, „aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“

Wer an Gott glaubt und danach lebt, lebt anders als viele. Der fällt auf, das ist zu spüren. Der ist im Glauben verwurzelt und findet Kraft im Gebet. Wer sein Lebenshaus auf den Glauben gründet und sein Tun auf dieses Fundament baut, der steht fest in den Stürmen des Lebens, der kann auch etwas wegstecken und viel aushalten, der übernimmt Verantwortung ist ein verlässlicher, glaubwürdiger Partner für viele. Wer sein Leben auf Jesus gründet, kann Licht für die Welt sein. Wir brauchen mehr davon, gerade jetzt, gerade hier.

Selig ist, wer die Worte Jesu hört und sie tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.

Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an sein Haus, fiel es doch nicht ein, denn es war auf Fels gegründet.

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