Fundiert glauben und Leben

Liebe Gemeinde,

im Matthäus-Evangelium schließt die Bergpredigt mit einer kleinen Parabel, d.h. mit einem einfachen Gleichnis ab, dessen Sinn sich sofort erschließt zumal seine Didaktik der moderner Werbefilme durchaus ähnlich ist. Der „richtige“ und der „falsche“ Weg werden eindeutig und sehr klar voneinander unterschieden. Der richtige Weg führt zum Erfolg während der falsche im Absturz endet.

Wir verweilen noch ein wenig beim Vergleich zwischen Bibeltext und Werbefilm. Wir ließe sich unser Text verfilmen? Versuchen wir uns doch mit einem Drehbuch.

Da bräuchten wir zwei entgegengesetzte Typen. Einen, dem man deutlich ansieht „Für mich muss alles schnell gehen und zu meinen Gunsten“. Um ihn herum müssten zwei Frauen sein, die deutlich signalisieren: „Wir lieben den Sand. In der Sonne ist es am schönsten“. Man könnte auch noch ein oder zwei Kinder dazu setzen. In dieser Szene baut man nicht wirklich selber. Man lässt bauen: Mein Haus, mein Pool, mein Chalet. Im rasanten Zeitraffer entsteht die Villa am Strand. Kurze Szene: Man sieht, wie beim Einzug Bücher ins Regal gestellt werden. Auch eine Bibel – aber die ist noch in Zellophan eingeschlagen.

Und dann die andere Baustelle. Ein Mann meißelt verschwitzt und mühselig Schlag um Schlag den Grundriss seines Hauses in den harten Fels. Die schwangere Frau an seiner Seite schleppt die Gesteinsbrocken weg. Sie wankt und droht zu stürzen. Er steht auf, legt helfend den Arm um sie. Beide scheinen zu beten.

Nochmals ein Schnitt und die Kamera schwenkt zurück über das schöne Strandleben. Regen zieht auf. Die nächste Szene zeigt sich auftürmende Sturmwolken. Ein Hurrikan naht. Die Palmen am Strand biegen sich. Die Menschen laufen lachend in das Haus. Der Sturm bricht los. Schnitt. Eine Stimme aus dem "Off" sagt „Die Zukunft braucht ein starkes Fundament“.

Wieder ein Schnitt. Blick auf den Strand. Wo ehedem das Haus stand liegt nur noch die Bibel im Sand; daneben eine zerbrochene Sonnenbrille und ein Schuh. Die Schutzverpackung der Bibel ist weg. Der Wind blättert Seiten auf. Aber niemand ist mehr da, sie zu lesen. Die Kamera zoomt auf die Bergpredigt.

Nochmals ein Schnitt: Das junge Ehepaar kauert unter einer scheinbar schnell errichteten, im Felsen verankerten Schutzhütte. Beide sind nass – aber glücklich. Sie trägt das Baby im Arm. Die Kamera schwenkt über die große Baustelle. Mann und Frau stehen auf. Er meißelt weiter. Sie schleppt Steine.

Man ahnt, was beide noch zu tun haben. Blende.

Genug! Halten wir lieber inne. Einen solchen Werbefilm würde doch niemand drehen. Keine Firma und kein Unternehmen gäbe Geld dafür aus, um für die Mühsal des Lebens zu werben. Aber genau das ist es, meine lieben Brüder und Schwestern, was ich heute tun will. Ich will für die Mühsal des Lebens werben.

Dieses Kurzgleichnis von den beiden Häuslebauern steht am Ende der Bergpredigt, dem „Regierungsprogramm Jesu“, wenn man es denn so nennen will. Mit den Seligpreisungen der Sanftmütigen, der Leidensbereiten und der Friedensstifter hebt es an. „Ihr seid das Licht der Welt und Salz der Erde“, deklariert Jesus. Danach folgt ein zweites Kapitel, in dem die Gebote des Alten Testaments in das Licht der uneingeschränkten Liebe Gottes gestellt und darin überboten werden. Nicht Vergeltung, sondern Feindesliebe heißt die Tür zur Zukunft. Die drei religiöse Grundübungen, nämlich Almosen geben, Beten und Fasten verweist Jesus ganz in den abgeschiedenen, nur Gott einsehbaren, persönlichen Raum. Wie bitte: Gutes tun und nicht drüber reden?

Wie unmodern!

Und schließlich mündet die Bergpredigt in eine große Einladung, auf Gottes Tun und auf sein Wort zu Vertrauen. „Sorget nicht“ heißt der eine Akkord. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“ lautet der andere. Unser heute zu predigendes Schlussgleichnis fasst beides mit den Worten „hören“ und „tun“ zusammen. Wer hört und tut, hat auf gutem Grund gebaut. Wer hört und tut, was Jesus will, stellt sich der Mühsal des Lebens.

Wofür es heute zu werben gilt in einer Zeit, wo es uns droht, den Boden unter den Füssen zu verlieren.

„Fundiert bleiben“ – so möchte ich den ersten Teil meiner Einladung überschreiben, sich der Mühsal des Lebens zu stellen. Es geschehen zur Zeit so viel schlimme Dinge. Die furchtbaren Bombenattentate in London und nun ein weiteres am Roten Meer. Die nahezu tagtäglichen Bombenexplosionen in Bagdad nehmen wir hingegen eigenartig distanziert wahr. Sinnlos wird Leben willkürlich zerstört. Unbarmherzig reißen die Attentäter mit ihren Bomben tiefe Wunden in die Herzen der betroffenen Familien.

Noch reagiert man – wie immer wieder betont wird – mit „englischer“ Gelassenheit. Aber wie lange noch? Wann kocht der Zorn über auch bei uns? Wann streichen wir wieder einmal diesen Satz aus der Bibel „Liebet eure Feinde“, weil er so mühselig und so schwer ist. Leichter wäre es, den Menschen des Islam allgemein und auch bei uns mit noch größerer Distanz zu begegnen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Natürlich wäre es hilfreich, wenn die islamischen Geistlichen sich weltweit und eindeutig vom satanischen Terror distanzieren würden, der im Namen ihrer Religion begangen wird.

Wichtiger aber ist es, dass wir Europäer fundiert bleiben: Fundiert im Willen, in einer toleranten Gesellschaft zu leben. Fundiert im unzerstörbaren Willen, demokratisch zu bleiben. Fundiert aber auch in der Einigkeit darüber, dass man sich wehren muss. Solange wir im Fundament unserer demokratischen und unserer christlichen Werte bleiben haben „Fundamentalisten“ keine Chance gegen uns. Aber auch das muss man sagen und eingestehen: Der unselige Krieg gegen den Irak, der mit Propagandalügen gerechtfertigt wurde, hätte nie stattfinden dürfen. Hätte man doch bloß nun fundierter gehandelt vor zwei Jahren.

„Fundiert handeln“ – schreibe ich als Überschrift über den zweiten Teil der Einladung, sich der Mühsal des Lebens zu stellen. Kürzlich stand ich mit mehren Leuten zusammen im Gespräch über die Zukunft unseres Landes. Was man eigentlich alles tun müsste, war unser Thema. Es ging um die Soziallasten, die Arbeitslosigkeit und die vielen anderen Themen, die ich heute Morgen nicht auch auflisten muss. Dann sagte jemand: „Aber es wird sich keiner der Politiker trauen, daran etwas zu ändern. Die wollen doch wieder gewählt werden. Jede Regierung stiehlt sich vier Jahre weiter.“

Nun wissen wir, dass es im Herbst in unserem Land zu Neuwahlen kommen wird. Wenn das stimmte, was jener Herr im Gespräch gesagt hat, dann wäre alles sinnlos. Was wir brauchen, sind Werbespots für die Mühsal des Lebens. Wir brauchen keine Filmchen über „blühende Landschaften“ oder andere Lügen.

Als Christen könnten wir hier ganz bewusst auch öffentliche Zeichen setzen, uns öffentlich äußern. „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln“ heißt es im Regierungsprogramm Jesu. „Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet“, setzt Jesus den Tabellen entgegen, die derzeit überall in den Zeitungen erscheinen, damit der Wähler mit geizigem Blick auf sein Portemonnaie entscheiden mag, wem er seine Stimme gibt.

Für seinen eigenen Vorteil sich zu entscheiden, ist eine einfache Sache. Den Gegen-Satz aus der Bibel zu befolgen ist schon mühseliger: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso“(Lk 3,11). Werben sie mit mir, liebe Schwestern und Brüder, für die Mühsal des Lebens. Wenn Platzregen und Sturm durch unsere Gesellschaft gehen, haben wir nur Zukunft, wenn wir uns dazu entscheiden, fundiert zu leben.

„Fundiert leben“ ist der dritte Slogan auf meinem Werbeplakat für die Mühsal des Lebens. Denken wir noch einmal an unser von der Werbeindustrie zurückgewiesenes Drehbuch für die Mühsal des Lebens. Es ist nicht von ungefähr, dass ich in dieser Predigt so auf Werbung abhebe. Wie sagte mir jemand vor kurzem: „Bibelsprüche kennen die Kinder kaum noch und sie können sie sich auch nicht merken. Werbespots aber sprechen und singen sie fehlerfrei und auswendig nach.“

Fundiert bleibt und fundiert handeln kann nur der, der fundiert lebt. Hier nähern wir uns einem Berührungspunkt mit dem Thema „Fundamentalismus“. Unser Zusammenleben krankt in erheblicher Weise daran, dass es keine allgemein akzeptierten Werte mehr gibt. Kinder haben keine Orientierung mehr. Aller ist erlaubt. Alles soll gut sein. Grenzen mag niemand setzen.

„Fundamentalisten“ – ob christlich oder islamisch – wollen es nicht zulassen, dass es keine Werte mehr gibt. Das ist ihr Wahrheitsmoment. Viele Kinder erleben ihre Eltern als zwar alt gewordene aber dennoch in der Pubertät stecken gebliebene Menschen. Alles ließen sie ihren Kindern durchgehen und gaben das als „moderne Erziehung“ aus, waren aber eigentlich nur zu träge, sich der Mühsal des Lebens (hier: der Erziehung) zu stellen.

Der Sand, auf den sie ihre Kinder setzten, mag zum Spielen schön gewesen sein. Zum Fundament des Lebens aber taugt er nicht.

Sollte der Eindruck entstanden sein, ich zeige mit dem Finger auf Andere, so will ich schon hinzufügen: Die Kirche hat sich leider in den letzten Jahren auch sehr darauf eingestellt, die ihr aufgetragene Botschaft harmlos, spielerisch, lieblich und süß und gefällig den Menschen ins Ohr zu säuseln. Wir müssen es wieder lernen, fundiert in Werten zu leben. Doch das kann nur der, der fundiert glaubt.

„Fundiert glauben“ ist der vierte Satz auf unserem Plakat für die Mühsal des Lebens.

Wann erweist es sich, ob ich auf Sand oder auf Fels gebaut haben? Doch erst dann, wenn der Sturm kommt: Bomben gegen unser Sicherheitsgefühl, Bomben als Reaktion auf Krieg. Die Versuchung, Neuwahlen als endgültigen Einstieg in die radikal egozentrisch-geizige Gesellschaft zu sehen. Die Werte-Orientierungslosigkeit in unserem gleichgültigen Zusammenleben.

Das biblische Werbeplakat für die Mühsal des Lebens ist kein Gag sondern bitterer Ernst. Wir spüren es doch irgendwie alle, dass wir an einem Scheideweg stehen: Wollen wir ein radikal ökonomisch orientiertes Zusammenleben oder eines, das auch das Wort „Solidarität“ noch kennt? Wollen wir weiterhin die viel beschworene Spaßgesellschaft zelebrieren oder uns endlich wieder der Härte des Lebens mit Fleiß und Strebsamkeit stellen? Wollen wir dem Sturm des Lebens so begegnen, dass wir uns in Strandhütten flüchten oder lieber so, dass wir die Mühsal ordentlicher Fundamentierung künftigen Lebens auf uns nehmen?

Der Sturm wird kommen. Das ist gewiss. Um so mehr möge Gott und die Kraft geben, fundiert zu glauben. „Sorget nicht“, steht in Jesu Regierungsprogramm. Wer das nur hören will am Strand des Lebens wird weggespült. Wer das hört, es glaubt und in diesem Glauben mutig handelt hat auf Fels gebaut. Wer auf Fels gebaut hat, wird fundiert leben.

Wer fundiert lebt, kann fundiert handeln. Wer glaubt, hat Fundament und bliebt so davor geschützt, ein Fundamentalist zu werden.

drucken