Fundamentalismus …

Liebe Gemeinde,

viele Hausgeschichten gehen mir durch den Sinn, wenn ich diese Jesuworte höre. Ich denke an mein Elternhaus, das einer Straße weichen musste. Vor mir steht das alte Haus meines Cousins, an dem sich Risse im Mauerwerk zeigen. Das Haus liegt im Schwemmland der Pleiße.

In mir steigen Bilder von Häusern auf, die vom Wasser einfach weggeschwemmt wurden. Ich denke auch an das Haus Gottes – in Jerusalem – an den Tempelberg, der heute eine Mosche trägt, in dessen Zentrum ein Fels zu sehen ist.

Warum Jesus seine Hausgeschichten erzählt? – Die Absicht liegt auf der Hand: Am Beispiel des Hauses erklärt er, dass wie bei jedem Haus auch jedes Lebenshaus einen festen Grund, ein festes Fundament braucht.

Die eindringliche Mahnung, die uns aus Jesu Worten entgegenkommt, ist unübersehbar: achtet auf das Fundament, auf den Baugrund, dies ist der einzige Garant für Zukunft, für die Zukunft eines Hauses, eines Lebenshauses, meines und deines Lebenshauses.

Fundament, Grund, Fels, Basis …

Wenn es zuerst und zuletzt darauf ankommt, sein Leben auf festen Grund, ein festes Fundament zu bauen, dann müssten Christen ja Fundamentalisten sein, so schießt es mir durch den Sinn.

Fundamentalisten? – das geht mir nicht leicht über die Zunge, es lässt mir den Atem stocken. Es klingt in meinen Ohren wie ein Unwort, wenn es so etwas geben sollte. Mit ihm verbinden sich sogleich: Alkaida, Mullahs, Extremisten, Bombenleger, Fundamentalisten eben.

Nichts aber auch gar nichts möchte ich mit Fundamentalisten gemein haben, ich, ein Kind meiner Zeit, mit meinen Idealen von Toleranz.

Deshalb trifft mich das Wort Jesu wie ein Schlag: Da stellt dieser Jesus mir mein Leben im Vergleich mit einem Bau vor Augen, der auf festem Fundament steht oder eben auf Sand gebaut ist.

Und eines ist klar, wenn mein Fundament nicht stimmt, ist der Untergang nur eine Frage der Zeit.

Fordert Jesus uns also auf, Fundamentalisten zu werden, uns darauf zu besinnen, was wirklich hält, worauf wir unser Leben bauen? Das Fundament lässt mich nicht los – die Fundamentalisten auch nicht. Ich gehe auf die Suche.

Es ist die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zum ersten Mal verwendet man den Begriff „Fundamentalismus“. Damit werden Christen bezeichnet, es geht um Christen, die sich gegen "modernistische" Tendenzen innerhalb des US-amerikanischen Protestantismus wehren, die sich auf ihr Fundament besinnen (wikipedia). Es ist Juli 2005: Ich gerate in eine Radiosendung hinein. In der Gegend von Paderborn leben fundamentalistische Baptisten, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken – sie wollen nicht zulassen, dass ihre Kinder mit der Evolutionslehre bekannt werden.

Fundamentalismus hat es offenbar mit dem bewahren von alten Überzeugungen zu tun, kompromisslos – Gegen den Strom versuchen Menschen ihre Überzeugungen zu leben

„Im populären Sprachgebrauch werden meist unter dem Begriff Fundamentalismus unterschiedslos konservative religiöse oder politische Gruppen und Parteien, genauso wie Terroristen mit mehr oder weniger religiöser Motivation bezeichnet." (wikipedia)

Doch nun zurück zu Jesus, der mahnt, sein Lebenshaus auf festem Grund zu bauen. Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.

Noch einmal: Müssten Christen im Grunde dann nicht immer Fundamentalisten sein, Menschen, mit fester Grundlage, Überzeugung, die jeder Beliebigkeit entbehren, Menschen, die sich Jesu Worte zu Herzen nehmen und danach handeln?

In unserer Kirche kommt gerade ein Gespräch in Gang, in dem man sich über das zu verständigen sucht, was wesentlich für uns als Christen ist, wo wir als Kirche hinlaufen, woran wir uns ausrichten, wofür wir unser immer weniger werdendes Geld einsetzten.

Es ist die alte Frage nach dem Unverzichtbaren in unserer Kirche wieder laut geworden. Anders gesagt: die Frage nach dem Fundament kommt auch bei uns in den Blick. Solange genug Geld vorhanden war, war man großzügig beim Geldausgeben – viele Kirchen sind gebaut worden, bequem sollte der Weg für jeden Christen sein, um sein Gotteshaus zu erreichen. Erst mit zeitlichem Abstand und mit finanziellem Druck kommt die Frage zu Gesicht, ob Bequemlichkeit zu dem Fundament gehört, das unabkömmlich für ein Christenleben ist.

Mir scheint aber die Frage nach den eigenen Fundamenten nicht allein durch die Geldsorgen angeregt zu werden. Wir erleben gerade heute schreckliche Gewaltakten, die im Namen des Antikolonialismus und der Religion verübt werden Schmerzlich erinnert vieles auch an unsere eigene christliche Geschichte.

Daneben nehmen wir verwundert wahr, wie sich Menschen bei uns dem Christentum immer weiter entfernen und muslimische Gemeinden zugleich erstarken und aufblühen.

Wir sehen auch ein bisschen sehnsüchtig danach, wie in Entwicklungsländern auch das Christentum eine viel stärkere Strahlkraft besitzt als in unserem alten Europa. Da ist etwas von dem Fundament, von dem festen Grund sichtbar, der Menschen ihr Lebenshaus, ihre Gemeinden bauen lässt.

Da ist überhaupt der Bau angesagt – Aufbau, Gestaltung und nicht allein die ängstliche Bewahrung von dem, was man hat und nun um keinen Preis verlieren möchte. Ich kann uns die Angst nicht nehmen, um das, was wir besitzen, um das, wie wir leben, sie wird berechtigt sein und der Untergang nicht abzuwenden, wenn das Fundament nicht stimmt, sagt uns Jesus. Nur der, der meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baut, sagt uns Jesus.

Nicht dass wir Jesus falsch verstehen: Stürme und Erschütterungen, Sintflut und Gericht sie bleiben keinem erspart – Christen so wenig wie Muslimen, auch Attheisten nicht. Nur wer mit Gottes Worten ernst macht, dessen Lebenshaus wird am Ende bestehen.

Die Worte, die Jesus wohl meint sind nachzulesen – zum Beispiel, in dem mutmachenden Vers, der unserem Predigttext vorangeht vom Bitten und Empfangen, Suchen und Finden, vom Anklopfen und den offenen Türen.

Liebe Gemeinde, wer sein Leben auf dieses Gottvertrauen baut, auf dieses feste Fundament, dessen Haus wird Bestand haben. In diesem Sinne will ich gern eine Fundamentalistin sein – jemand, der weiß, wo Halt und Zukunft zu finden ist.

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