Felsen, auf die Sie bauen können!

Liebe Gemeinde,

am Ende der Bergpredigt stellt uns Jesus vor eine Entscheidung: Was fangen wir mit seinen Worten, was fangen wir mit seiner Lehre an? Wir können sie hören und in die Tat umsetzen, dann werden wir ein kluger Mensch sein, der sein Haus auf einen Felsen baut. Oder wir hören seine Worte, nehmen sie in uns auf, aber leben weiter als ob nichts weiter geschehen wäre. Dann leben wir unser Leben nach ganz anderen Maßstäben. Dann gleichen wir einem dummen Menschen, der sein Haus auf Sand baut!

Jesus erwartet von uns, das wir klug handeln. Was meint Jesus mit Klugheit? Ist das Schlauheit? Ist das Gerissenheit? Ist das Cleverness? Jesus sagt später im Evangelium: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ (Mt 10,16). Klugheit ist also für Jesus etwas Positives! Gott hat Jesus, seinen Sohn, auch deshalb zu uns Menschen gesandt, um uns zur Klugheit zu erziehen. Dazu hält Jesus seine Reden vor vielen Menschen. Gott will aus törichten Menschen kluge Leute machen.

Vielleicht denken Sie jetzt: Klugheit? Was soll das mit unserem Glauben zu tun haben? Klugheit ist doch eher etwas für berechnende Menschen und für Egoisten. Wir halten es in unserem Glauben lieber mit der Liebe als mit der Klugheit. Denn Klugheit ist berechnend, aber christliche Liebe gibt sich hin ohne zu rechnen, ohne berechnend zu sein. Jedenfalls: hoffentlich tut sie das! Es gibt unter Christen also eine Ablehnung der Klugheit aus dem Herzen heraus: wer liebt, berechnet nicht.

Der große Philosoph, Immanuel Kant, den ich sehr schätze, hat scharf unterschieden zwischen Klugheit und Moralität. Was klug ist, ist noch lange nicht moralisch. Was klug ist, entspricht noch lange nicht dem moralischen Gesetz, das nach Kant von Gott gegeben ist. „Klugheit“, so sagt er, ist „die Geschicklichkeit in der Wahl der Mittel zu seinem eigenen größten Wohlsein.“ Ein geschickter Betrüger etwa oder ein Dieb, der mit seinem Verbrechen sein eigenes Wohlsein durch unrechtes Gut vergrößert, ohne erwischt zu werden, der muss als klug gelten. Aber es ist ja klar, dass Jesus etwas Anderes im Sinn hat, wenn er uns dazu aufruft, klug zu sein! Es ist nicht die Klugheit der Egoisten und der Ellenbogenmenschen und der Kriminellen zu der uns Jesus Mut macht. Er sagt ja auch: „Seid ohne Falsch wie die Tauben.“ Also: Seid ohne Hinterlist! Ganz zu Recht sind wir misstrauisch gegen die Klugheit der Betrüger, der Verführer, gegen die Klugheit derer, die sich immer und überall ihren Vorteil zu verschaffen wissen. Und trotzdem sagt Jesus zu uns: Seid klug! „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann.“ Jesus redet von einer anderen Klugheit. Sie besteht darin, seine Worte zu hören und dann auch zu tun. Klug ist, wer in die Praxis umsetzt, was Jesus sagt. Klug ist nicht der Theoretiker, sondern der, der Jesu Worte in konkrete Taten umsetzen kann.

Jesus predigt ja eine neue Ethik. Die Ethik seiner Bergpredigt ist viel radikaler und weitreichender als alles, was vorher da gewesen ist. Jesus sagt nicht nur: Du sollst nicht töten. Er sagt: schon wer auf seinen Bruder zornig ist, der muss vor Gottes Gericht. Jesus sagt nicht nur: Du sollst nicht ehebrechen. Er sagt: schon wer einen anderen Menschen mit sinnlichem Begehren anschaut, hat in seiner Seele schon die Ehe gebrochen. Jesus sagt nicht nur: Du sollst keinen falschen Eid schwören. Er sagt: Du sollst überhaupt nicht schwören! Wenn dir jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere an. Liebet eure Feinde. Bittet für die, die euch verfolgen. Das sind Spitzensätze aus der Bergpredigt, die ich jetzt aneinandergereiht habe, um die Radikalität von Jesu Ethik aufzuzeigen. Ich gebe zu: diese Sätze können einen erschlagen. Wenn ich sie so nacheinander höre, dann werden in meiner Seele verschiedene Stimmen laut. Eine sagt: „Das ist doch unrealistisch, so etwas bringt doch kein Mensch fertig – ich jedenfalls nicht.“ Eine andere Stimme sagt: „Das ist vielleicht im Himmel einmal so, aber mit unserer Welt hat das nichts zu tun. Das ist zu utopisch, und damit kann man auch keine Politik machen.“ Eine dritte Stimme sagt: „Das ist etwas für Mönche und Nonnen und Heilige, aber nichts für gewöhnliche Menschen.“

Zu allen Zeiten haben Christen die Aufforderungen Jesu zu einem neuen Leben als eine unerträgliche Zumutung angesehen. Man hat sie schnell ins Reich des Unerfüllbaren abgeschoben, eben weil sie so radikal sind. Und weil sie uns so nahe treten. Um sie loszuwerden hat man sie immer wieder als übertrieben bezeichnet. Auch in der Kirche ist man mit ihnen so umgegangen. – Und dennoch nennt Jesus diejenigen kluge Leute, die seine Worte hören und tun!

Jesus kommt es gerade auf das Tun an. Bloßes Hören genügt nicht! Es genügt nicht, bloß etwas zu wissen über Gott und Jesus – wiewohl heutzutage –selbst unter Christen- auch da viel nachzuholen ist! Es geht Jesus nicht darum, dass wir ein paar schöne Ideen über Gott und die Welt in unserem Gehirn mit uns herumtragen, an denen wir uns dann und wann bei Bedarf ergötzen und erbauen können. Ob jemand klug oder töricht ist, das entscheidet sich daran, ob das getan wird, was Jesus lehrt.

Jesus tritt hier auf als ein Lehrer der Weisheit Gottes. Er zeigt uns Menschen, wie wir nach Gottes Willen richtig leben sollen. Jesus ist also durchaus eine Art Guru, ein Weiser, der den Weg zum Leben zeigt. Leider hat das Wort Guru bei uns einen sehr negativen Klang bekommen. Wir benutzen es heute zu Unrecht fast mit der selben Bedeutung wie ‚religiöser Verführer‘. Ein Guru ist im guten Sinn ein Weiser, der den Weg zum Leben zeigt.

Zu allen Zeiten und in allen Religionen hat Gott weise Frauen und Männer erweckt, die den Menschen den rechten Weg zum Leben gezeigt haben. In diese Reihe der großen Weisen gehört Jesus selbstverständlich auch und in unüberbietbarer Weise hinein. Das hat man neben seinem Kreuzestod und seinem Heiland-Sein leider schnell verdrängt!

Natürlich ist Jesus für uns heilkräftig durch seinen Tod und seine Auferstehung. Und weil er Gottes Sohn ist, ist er einzigartig. Ich wehre mich aber dagegen, dass diese andere Seite an Jesus totgeschwiegen wird. Totgeschwiegen, weil Jesus eben ein sehr unbequemer Weiser ist. Weil es etwas kostet, ihm nachzufolgen.

Schon unser Glaubensbekenntnis sagt nichts mehr über Jesu Lehre und Weisheit. „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten, unter Pontius Pilatus gekreuzigt und gestorben“: mehr sagt das Glaubensbekenntnis nicht über das irdische Leben von Jesus! Kein Wort über seine Lehre, kein Wort über seine Ethik. Als ob all die Reden, die Jesus gehalten hat, für uns keine Bedeutung hätten.

Wenn die Menschen im NT Jesus ansprechen, dann nennen sie ihn in 25% aller Fälle „Lehrer“, „Meister“ oder „Rabbi“. Die Menschen damals in Israel erwarteten von Jesus Wegweisung für ihr Leben, sie erwarteten von ihm göttliche Weisheit! Es ist für mich erschreckend, wie sehr die Kirche diese Seite an Jesus ausgeblendet hat. Ich habe einmal drei verschiedene badische Agenden des 20. Jh.s auf ihre Gebetsanreden hin untersucht. 1376 Gebete waren das. Ergebnis: in keinem einzigen dieser Gebete wurde Jesus als unser Lehrer oder unser Meister angesprochen! In keinem einzigen! Es scheint in der Kirche fast vergessen zu sein, dass Jesus auch gekommen ist, damit Gott uns durch ihn erziehen kann, dass er auch gekommen ist, um uns die rechte Lebensweise zu lehren!

Aber es gibt auch für uns Christen nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir leben nach der Klugheit Christi, oder wir leben nach der Klugheit dieser Welt. Entweder werden wir im göttlichen Sinne klug und tun, was Jesus lehrt, oder wir verfallen der Cleverness dieser Welt, der Geschicklichkeit der Egoisten, der Weisheit derer, die sich immer leicht durchs Leben schlängeln. Lassen wir uns nicht blenden: die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott!

Freilich kann die Weisheit dieser Welt ein imposantes Haus bauen. Vielleicht sogar viel großartiger und glanzvoller als das Haus, das göttliche Weisheit bauen kann. Aber daran liegt nichts! Es ist auf Sand gebaut. Sobald ein Unwetter kommt, der Platzregen und der Wind, da bricht so ein Haus zusammen und wird weggespült von den Fluten. Da zeigt es sich, dass es keinen Halt und kein Fundament hat. Wenn die Krisen des Lebens (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod, Streit in der Familie, Scheidung) kommen, dann zeigt es sich, ob ein Mensch einen Halt hat oder nicht.

Jesus sagt: Wer meine Rede hört und tut, der wird standhalten. Es kommt also auf das Tun an. Was wir tun, bestimmt uns mehr als wir glauben! Es hinterlässt tiefe Spuren, nicht nur in unserer Welt, sondern besonders in unserer Seele! Der Glaube darf nicht nur ein System von schönen Ideen bleiben, er muss bei mir Fleisch und Blut bekommen! Er muss Hand und Fuß bekommen. Dadurch bekomme ich Standhaftigkeit und Rückgrat.

Jesu Worte sind Felsen, die den festen Grund für unser Leben abgeben. In Abwandlung eines Werbeslogans sage ich: Auf diese Felsen können sie bauen! Tun sie es!

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