Fels der Versöhnung

Liebe Gemeinde!

In der vergangenen Woche hielt ich einen Vortrag im ökumenischen Seniorenkreis über das Thema. „Taize – eine ökumenische Gemeinschaft“. Der Schweizer reformierte Theologe Roger Schütz hat 1940 in Südburgund, wo er sich in dem kleinen Dorf Taizé niedergelassen hat, dazu den Grundstein gelegt. 1949 gründete er dann mit anderen Brüdern die Communauté Ich möchte heute von dieser christlichen Bewegung erzählen, weil sich an ihr gut ablesen lässt, worum es im heutigen Predigttext geht. Dieser steht am Ende der Bergpredigt. Jesus fordert zum Schluss seine ZuhörerInnen auf:

[TEXT]

War es klug als Bürger eines freien Landes wie der Schweiz, das sich nicht im Krieg befand, in ein besetztes Land wie Frankreich zu gehen? War das denn zeitgemäß?

War es klug inmitten einer von Hass und Rassenwahn erfüllten Kriegswelt eine Gemeinschaft zu gründen, die das christliche Ideal der Versöhnung lebte? War das denn zeitgemäß?

War es klug sich dort der Gefahr der Verfolgung auszusetzen, in dem er Flüchtlinge, vor allem Juden, Schutz vor der Gestapo bot? Denn Taizé lag unweit der damaligen Demarkationslinie zum besetzten Frankreich. War das denn zeitgemäß?

War es klug sich nach Kriegsende um deutsche Kriegsgefangene zu kümmern?

War das denn zeitgemäß?

War es klug sich ganz auf die alten mönchischen Regeln einzulassen: Armut Ehelosigkeit und Gehorsam? War das denn zeitgemäß?

Armut als Verzicht sowohl auf persönlichen Besitz und Geschenke wie auf Stiftungen, Erbschaften und Spenden für die Gemeinschaft. Allein den Unterhalt zu bestreiten durch seiner Hände Arbeit.

Ehelosigkeit als freiwilliger Lebensstil zu wählen, um sich ganz dem Dienst in der Gemeinschaft zu widmen.

Gehorsam verstanden nicht als Unterwerfung einer Hierarchie, sondern als Hören auf Gottes Wort, aus dem das Gehorchen erwächst.

Ist es klug, Jugendliche ohne Vorbedingungen einzuladen, sich an den Andachten, Gottesdiensten, Gesprächen zu beteiligen? Ist es klug, über Konfessionen hinweg die verschiedenen Glaubensweisen z.B. Ikonen, Marienbilder aufzunehmen, um zu meditieren und zu beten? Was bringt das? Ist es klug, immer wieder die Jugend der Welt einzuladen über den Jahreswechsel in verschiedene Metropolen zu dem Pilgerweg des Vertrauens? Lohnt sich das?

Liebe Gemeinde, die Fragen ließen sich ins Unendliche fortführen und würden doch nur alle eine Antwort darin finden: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“

Diesen Fels beschreibt Roger Schütz als Fels der Versöhnung. Die Gott in Jesus Christus uns allen geschenkt hat. Sie wird in der Gemeinschaft von Taize und an verschiedenen Orten in der Welt, wo die Gemeinschaft tätig ist, gelebt. Ohne große Worte gehen die Brüder die Nachfolge Christi an. Grundprinzip sind die Worte von Roger Schütz: "Wir wollen vor allem Menschen sein, die anderen zuhören. Wir sind keine Lehrmeister." Das überzeugt die Jugendlichen und die ökumenische Gemeinschaft gewinnt damit an unglaublicher Bedeutung für die ökumenische Bewegung. Die Communauté will erklärtermaßen keine eigenständige Bewegung sein. Die Brüder wollen Horizonte öffnen für Kirchengemeinden und ermutigen die Menschen immer, in den Gemeinden zu helfen und sich vor Ort zu engagieren.

So möchte ich ein paar Gedanken von Roger Schütz aus seinem Jahresbrief „Eine Zukunft in Frieden“ zitieren. Dieser Brief wurde in 55 (u. a. 24 asiatische) Sprachen übersetzt und beim Europäischen Jugendtreffen in Lissabon veröffentlicht. Er dient im Jahr 2005 zum Nachdenken bei den wöchentlichen Jugendtreffen in Taizé und bei Treffen anderswo in Europa oder auf den anderen Erdteilen. Und ich füge hinzu, dass die Gedanken dieses Briefes auch Erwachsene ansprechen. Da heißt es u.a.:

„Gott bereitet euch eine Zukunft des Friedens und nicht des Unheils; Gott will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.“

Unzählige Menschen sehnen sich heute nach einer Zukunft in Frieden, danach, dass die Menschheit von drohender Gewalt befreit wird.

Manche ergreift Angst vor der Zukunft und sie sind davon wie gelähmt, aber überall auf der Erde gibt es auch erfinderische, schöpferische Jugendliche.

Diese Jugendlichen lassen sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen. Sie wissen, dass Gott uns nicht zur Untätigkeit erschaffen hat. Für sie ist das Leben nicht einem blinden Schicksal unterworfen. Ihnen ist bewusst: Was den Menschen lähmen kann, sind Skepsis oder Entmutigung.

Deshalb wollen diese Jugendlichen mit ganzem Herzen einer Zukunft des Friedens und nicht des Unheils den Weg bereiten …

An manchen Sommerabenden, unter einem sternklaren Himmel, hören wir in Taizé die Jugendlichen durch die geöffneten Fenster. Wir sind nach wie vor erstaunt, wie zahlreich sie sind. Sie suchen, sie beten. Und wir sagen uns: Ihr Verlangen nach Frieden, ihre Sehnsucht nach Vertrauen sind wie diese Sterne, kleine Lichter in der Nacht.

Wir leben in einer Zeit, in der sich viele fragen: Was ist eigentlich der Glaube? Der Glaube ist ganz einfaches Vertrauen auf Gott, ein unerlässlicher, im Leben unentwegt neuer Aufbruch des Vertrauens.

In jedem Menschen können sich Zweifel regen. Sie haben nichts Beunruhigendes. Wir möchten vor allem auf Christus hören, der leise in unserem Herzen sagt: „Hast du Bedenken? Sei ohne Sorge, der Heilige Geist bleibt immer bei dir.“

Manche machten die erstaunliche Entdeckung: Auch in einem Herzen, das von Zweifel befallen ist, kann sich die Liebe Gottes entfalten. Im Evangelium lautet eines der ersten Worte Christi: „Glücklich, die im Herzen einfach sind!“ …

Ein Mensch mit einfachem Herzen beansprucht nicht, ganz allein alles vom Glauben zu verstehen. Er sagt sich: Was ich kaum begreife, verstehen andere besser, und sie helfen mir auf meinen Weg weiter.

Wer sein Leben vereinfacht, kann mit den Bedürftigsten teilen, um Leiden zu lindern, wo es Krankheit, Armut, Hunger gibt.

Auch unser persönliches Gebet ist einfach. Meinen wir, dass es im Gebet viele Worte braucht?

Nein, bisweilen genügen einige, manchmal auch unbeholfene Worte, um Gott alles anzuvertrauen, unsere Ängste wie unsere Hoffnungen.

Wenn wir uns dem Heiligen Geist überlassen, finden wir auf den Weg, der von der Unruhe zum Vertrauen führt …

Das Gebet befreit nicht davon, sich um die Dinge der Welt zu kümmern. Im Gegenteil, nichts ist verantwortlicher als zu beten: Je mehr man ganz einfach und bescheiden betet, desto mehr sieht man sich veranlasst, zu lieben und es mit seinem Leben zum Ausdruck zu bringen …

Seit zweitausend Jahren ist Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig, und seine geheimnisvolle Gegenwart wird in einer sichtbaren Gemeinschaft greifbar: Sie vereint Frauen, Männer, Jugendliche, die berufen sind, gemeinsam auf dem Weg zu sein, ohne sich voneinander zu trennen.

Im Lauf ihrer Geschichte haben die Christen aber vielfältige Erschütterungen erlebt: Es kam zu Trennungen unter ihnen, obwohl sie sich auf denselben Gott der Liebe beriefen.

Es ist dringlich, Gemeinschaft heute wiederherzustellen; das kann nicht ständig auf später, auf das Ende der Zeiten verschoben werden. Tun wir alles Erdenkliche dafür, dass die Christen für den Geist der Gemeinschaft wach werden?

Es gibt Christen, die ohne Aufschub ganz schlicht, ganz einfach schon vor Ort miteinander in Gemeinschaft leben.

Durch ihr Leben möchten sie Christus für viele andere gegenwärtig machen. Sie wissen, dass die Kirche nicht für sich selbst da ist, sondern für die Welt, dafür, einen Sauerteig des Friedens in die Welt einzubringen.

„Gemeinschaft“ ist einer der schönsten Namen der Kirche: In ihr kann es nicht hartes Gegeneinander geben, sondern nur Lauterkeit, Herzensgüte, Erbarmen … und die Tore der Heiligkeit können sich auftun.

Im Evangelium wird uns eine überraschende Entdeckung zuteil: Gott ruft weder Angst noch Sorge hervor, Gott kann uns nur lieben. Durch die Gegenwart seines Heiligen Geistes kommt Gott und verklärt unser Herz.

Und im schlichten Gebet können wir ahnen, dass wir nie allein sind: Der Heilige Geist stärkt unsere Gemeinschaft mit Gott, nicht nur für einen Augenblick, sondern bis in das Leben, das kein Ende kennt.

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