Schwerter zu Pflugscharen

am Tag zuvor war die ganze Stadt London aus dem Häuschen. Die Bewerbung für die olympischen Spiele 2012 wurden gegen die Konkurrenz von Paris, Moskau und New York angenommen. Die britische Hauptstadt ist Austragungsort der olympischen Spiele 2012. Das wird ein Fest des Friedens. Die aktiven Sportler vieler Nationen werden gegeneinander antreten. Die Eröffnungsfeier, in der die Fahnen der teilnehmenden Länder hereingetragen werden, wird es mal wieder zeigen: Menschen unterschiedlicher Rassen, Geschlechter und Nationen können miteinander in Frieden leben. Sie können sich im Sport messen.

Doch nun ist dies schon wieder vergessen, denn ein fürchterliches Blutbad hat die Stimmung urplötzlich verändert. Morgens früh als Tausende in dieser Millionenstadt auf dem Weg zur Arbeit waren, stiegen vier Männer in die U Bahnstation Kings Road. Dass sie in ihrem Rucksack nicht nur harmlose Lektüre oder ein Pausenbrot hatten, sondern Sprengstoff ahnte niemand, der mit ihnen in die U – Bahn stieg oder in den Bus stieg. Innerhalb einer Stunde war es dann geschehen. Im Abstand von wenigen Minuten explodierten die Bomben und rissen die Täter und mit ihnen über 50 Menschen in den Tod. Viele Hunderte werden noch in Krankenhäusern versorgt. Sie sind teilweise schwer verletzt. Einige Opfer konnten erst nach Tagen geborgen werden, da ein U Bahn Schacht einzustürzen drohte.

Im Weltmaßstab haben wir uns ja an diese Opferzahlen schon fast gewöhnt, weil wir selbst dagegen machtlos sind. Gerade im Irak sterben immer wieder viele Menschen in solchen Bombenattentaten, zuletzt über 20 Kinder, die von US Soldaten Süßigkeiten in Empfang nahmen. Der tägliche Krieg in unserer Welt ist gnadenlos. Seit dem Einsturz des World Trade Centers in New York am 11. September 2001 wissen wir, dass es in unserer Welt zur Zeit keinen Frieden geben kann.

Und wir hören heute den Satz: Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.

Zur Zeit des Londoner Attentats trafen sich die Regierungschefs der wichtigsten Industrieländer in Schottland wenig mehr als 500 Kilometer vom Ort des Attentats entfernt. Sie wollten die hohen Schulden der Armen Länder zum Teil erlassen. Der Krieg des 21. Jahrhunderts ist ein Krieg zwischen Arm und Reich.

Und wir stehen dabei, ob wir wollen oder nicht, auf einer Seite. Der Seite der Industrieländer.

Es gibt bei uns viele Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und gerade bei Katastrophen gibt es eine Welle von Hilfsbereitschaft und Mitleid. Aber wir können nicht ändern, dass der Hunger der Milliarden in den armen Ländern immer wieder zu Zorn und Hass Anlass gibt. Menschen, die für sich keinen Ausweg sehen, als nur den zum Märtyrer zu werden, binden sich Sprengstoff auf den Rücken und jagen sich selbst in die Luft, um so Angst und Schrecken in den Zentren unserer reichen Welt zu werden. London, Madrid, New York wurden getroffen und sind für eine Weile geschockt. Dem Terrorismus wird der Kampf angesagt. Doch alle Versprechungen scheinen in den Wind geweht, denn kein Frieden kommt.

Können wir da noch an die Botschaft des Jesaja glauben, dass in die Worte mündet:

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen…

Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Sollen wir also angesichts dieser sinnlosen Morde in London und im Irak und anderswo die Visionen der Bibel vergessen und zu illusionslosen Realisten werden? Zunächst scheint es so. Ein wenig regt sich dabei schon mein Widerstand, aber vielleicht nur weil ich eben ein wenig romantisch bin, so wie Jesaja? War Jesaja romantisch? Wusste er nicht, dass von Jerusalem in dieser Welt mehr Krieg als Frieden ausgegangen ist? Wusste er nicht, dass Christus dort gekreuzigt wurde und dass die Kreuzfahrer dort ein Blutbad unter der Bevölkerung angerichtet haben? Was besagen denn diese Sätze?

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

Doch da müssen wir schon einmal etwas genauer in den Text sehen. Was ist denn hier mit Zion, mit Jerusalem gemeint, die Stadt auf der Landkarte, die Ortsbevölkerung israelischer oder palästinischer Nation? Nein. Mit Zion ist gemeint: Dort ist Gott zu Hause. Mit Zion ist immer von Gott die Rede: Dort ist des Herrn Haus. Der Tempel, das Haus Gottes steht auf dem Berg des Herrn, des Gottes Jakobs. Von dort wird das Wort Gottes und seine Weisung ausgehen. Aus diesem Wort empfangen die Gläubigen, die hier angesprochen sind, das Licht des Herrn.

Lesen wir dies noch einmal aus der Sicht der Gläubigen, dann heißt es: Ihr findet Gott im Haus des Tempels. Der Tempel ist auf dem Berg Gottes, an einer heiligen Stätte. Dort wird Gott angebetet und Gott ist gegenwärtig. Doch seine Gegenwart ist kein pures Geheimnis, sondern erklärt sich in seinem Wort, in der Verkündigung der Bibel. Diese Worte ernst zu nehmen und zu glauben bedeutet, das Licht des Herrn zu empfangen und mit hineinzunehmen in das eigenen Leben und dort im Licht Gottes zu wandeln.

Der Friede auf dieser Welt wird also von Gott kommen, oder er kommt eben nicht. Von Gott empfangen dann alle Völker, die das Wort des Herrn kennen die Wahrheit ihres Lebens. Sie können anders miteinander umgehen, als es ihnen die Triebe das Hasses und Gewalt eingeben. Sie können über ihre Leben nachdenken und herausfinden, dass im Frieden und der umfassenden Liebe das Ziel des Lebens liegt, wenn die Erde nicht im Gemetzel der Todesschwadronen untergehen soll. Und dort wo Gottes Wort Einfluss hat und wo das Licht seiner Liebe scheint, geschieht ein Wunder: Menschen vollbringen es selbst. Sie werfen ihre Waffen weg.

Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen…

Doch leider ist mit diesen Worten unser Problem, das ich am Anfang besprochen haben, noch nicht aus der Welt. Ich hörte es in diesem Tagen im persönlichen Gespräch: Wenn eine Religion Menschen zu einer solchen Bluttat anstiften kann, dann möchten viele Menschen mit Religion nichts mehr zu tun haben. Aus der Sicht des Glaubens könnte man sagen: Sie können nicht mehr glauben, sie haben Gott nicht als ihren Herrn erfahren. Das mag schon sein, dennoch finde ich diesen Einwand sehr wichtig.

Wir müssen den Kern dieser Botschaft herausfinden. Sind es die Gebote, die immer wieder gebrochen werden? Ist es die Botschaft der Nächsten- und Gottesliebe Jesu? Können wir mehr von der Botschaft der Gnade Gottes erfahren, die uns Paulus überliefert hat? Sind nicht all dies auch religiöse Antworten, die immer wieder so oder so ausgelegt und verdreht werden können. Menschenworte können wir nicht glauben, auch wenn es religiöse Worte sind. Der Frieden ist tatsächlich nun mal nicht von Jerusalem ausgegangen, es sei denn, dass man die Kreuzigung Jesu dazu rechnet. Da ist es aufgeleuchtet, aber unter seinem Gegenteil: Gott macht sich klein und geht in unsere Welt ein. Gott wird Mensch und ist nicht mehr dieser gewaltsamen Welt fern.

Wir müssen nun also im Namen Jesu nicht anderes tun, als immer wieder den Weg zu Gott selbst suchen. Vier mal drückt der Text seine Angebote so aus, dass er sagt: Das Haus des Herrn, der Berg des Herrn, das Wort des Herrn und das Licht des Herrn. Nicht der Tempel als Gebäude, der Berg und die Stadt Jerusalem, nicht die Buchstaben der Bibel und nicht der religiöse Geist ist der Ursprung des Frieden, sondern Gott selbst.

Der lebendige Gott lässt also auch den Unfrieden zu.

Für mich scheint klar, dass nur in der eigenen, persönlichen Begegnung mit Gott Frieden entstehen kann. Gott begegnet uns in der Gemeinschaft, auf dem Weg, im Hören und im Sehen des Gutes, aber nicht die Menschen sind es, sondern die Kraft Gottes selbst.

Es geht nicht um den Frieden, der durch die Gebote entsteht, nicht um den Rechtsfrieden, obwohl auch der mitgemeint ist. Es geht um den Frieden, den Gott selbst in diese Welt bringt.

Jesaja selbst hat ein kleines Beispiel dieses großen Weltfriedens erlebt, als Feindschaft zu Ende ging und Israel neu entstehen konnte, ja als sogar die Nachbarländer ohne Rache und Hass zur Einweihung des Tempels gekommen sind.

Er sagt: Was im Kleinen möglich ist, wird auch im Großen geschehen können, wenn wir Gott selbst machen lassen:

Und dann werden die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.

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