Kraft, Fundament zu sein

Diese Worte, liebe Gemeinde, stehen als Abschluss über dem großen Redeblock im Matthäusevangelium, der mit dem Namen Bergpredigt besser bekannt ist. All diese Anweisungen und Auslegungen Jesu sollen also beherzigt werden, will man Jesu Lehre wirklich leben. Nun scheint das aber gar nicht so einfach zu sein, denn sonst hätte Jesus seine Rede nicht mit einem solchen Vergleich beendet. Ich weiß nicht, vielleicht sind ja einige unter Ihnen, die schon einmal ein Haus gebaut haben und daher bautechnisch etwas mitreden können. Das Bild mit dem Sand kann man ganz einfach nachvollziehen, wenn man die Bilder aus der Zeitung und dem Fernsehen der letzten Woche noch vor Augen hat: Überschwemmungen, kleine Bäche werden zu reißenden Strömen: alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird gnadenlos mitgerissen. In diesem Sinne auf Sand baut ja schon lange keiner mehr. Die meisten Häuser bekommen ein festes Fundament, werden unterkellert und sauber gemauert mit Steinen, die etwas aushalten.

Der Vergleichspunkt, liebe Gemeinde, liegt daher auch ein wenig anders. Schauen wir uns vorher noch das Bild vom Bau auf dem Felsen an. Auch dort habe ich noch nicht gebaut, aber ich kann mir vorstellen: es ist eine schwierigere Arbeit, dem Felsen etwas Grund abzutrotzen, Flächen herzustellen und Ebenen einzuziehen, damit man überhaupt mit dem Hausbau anfangen kann. Der Sand hingegen passt sich viel schneller an: er ist formbarer und leicht zu handhaben. Genauso, liebe Gemeinde, verhält es sich aber mit der Lehre Jesu. Es ist keine smarte und harmoniesüchtige Selbstbeweihräucherung des eigenen Lebens. Jesu Lehre ist sperrig und kantig, sie ist manchmal wie ein schroffer Fels, an dem unsere eigenen Überzeugungen nicht haften und halten können, sondern von dem sie abgewiesen werden, als wären sie butterweich. Mit anderen Worten: wer Jesu Lehre nachfolgen möchte, der muss bereit sein, etwas von seinen eigenen Vorstellungen hinten an zu stellen. Er muss bereit sein, quer zu denken, anders zu handeln und sein Leben neu zu justieren.

Ich möchte Ihnen einen grundlegenden Vergleich geben. Jesu spricht in seinen Gleichnissen und Geschichten oft davon, dass sich die Liebe Gottes am Nächsten realisiert. Wer ist dein Nächster, an dem du hättest handeln sollen, fragt er in seinen Gesprächen oft seine Gegner. Es wird klar: die Lehre Jesu ist eine Lehre der Liebe und der Gemeinschaft. Wer begriffen hat, dass wir alle Gottes Kinder sind, dass wir Teil seiner Gemeinschaft und Gemeinde sind, der wird damit konfrontiert, auch so zu handeln, dass es der Gemeinschaft entspricht. Der Starke trägt den Schwachen. Der, der hat, gibt davon dem, der nicht hat. Der Gesunde besucht den Kranken. Der Freie sucht die auf, die in Gefangenschaft und Gefängnis leben müssen. Wer zu essen und zu trinken hat, gibt dem, der diese Dinge dringend braucht zum Überleben.

Ich glaube, Sie kennen diese Aufzählungen zur Genüge. Und dennoch müssen sie immer wieder herangezogen werden, wenn es darum geht, dieses Grundsätzliche in der Lehre Jesu klar zu machen. Wir sind als Kinder Gottes eine Gemeinschaft vor Gott. Und in der Gemeinschaft achtet einer auf den anderen. Nun leben wir aber in einer Welt, die ganz grundsätzlich diesem Bild von Gemeinschaft widerspricht. Und ich möchte da nicht missverstanden werden: ich schimpfe nicht auf die Gesellschaft oder auf die Wirtschaft oder auf einen übertriebenen Individualismus. Nein: ich glaube, dass dies nur Auswirkungen sind einer viel tiefer liegenden Problematik, die mit unserem sündigen Menschsein zu tun hat. Der sündige Mensch – und dass sind wir alle immer noch zum Teil – der sündige Mensch also hat einen Blickwinkel, der grundsätzlich weg geht von dieser Gemeinschaft und sich hinwendet zu sich selber. Martin Luther sprach ganz bildhaft davon, dass dieser Mensch in sich selbst verkrümmt ist, er blickt gewissermaßen immer nur auf seinen eigenen Bauchnabel: er kann die anderen um sich herum gar nicht sehen. Leben wir aber in Zeiten, in denen die Gesellschaft wieder neu sich finden muss, um mit Problemen umzugehen, dann spüren wir es besonders deutlich. Den Hang, weg zu gucken von den anderen, hin zu gucken zu uns selber, gewissermaßen auf unseren eigenen Bauchnabel. "Muss ich nicht zuerst kämpfen um meine eigenen Rechte? Muss ich nicht zuerst darauf gucken, dass es mir gut geht? Muss ich nicht zuerst meine eigene Seele streicheln und darauf dringen, dass ich mich selbst verwirkliche?"

Ich bin der festen Überzeugung, liebe Gemeinde, dass wir alle diese oder ähnlich Fragen für uns kennen. Und weil sich mit diesen Fragen viel Geld verdienen lässt, werden wir auch von außen dazu ermuntert: "denkt an euch! Kauft für euch ein! Behaltet und häuft so viel an, wie es euch möglich ist!" Natürlich wissen Sie es auch: jeder einzelne Fall ist unterschiedlich und ich möchte es daher auch gar nicht verallgemeinern und die Welt für böse erklären. Aber oft genug spüren wir es in uns drin: "wir sind uns selbst der Nächste." Und das, liebe Gemeinde, ist der grundsätzlichste Unterschied, auf den Jesu Reden hinweisen will. Wir kommen nur weiter, wir gehen nur dann den richtigen Weg, wenn wir erkennen, dass diese verkrümmte Sicht der Sünde nur auf uns selber eben eine Sackgasse ist.

Dort liegt keine Erfüllung, dort liegt kein Heil. Nein, es ist der Weg der Gemeinschaft, der Solidarität, der Treue zueinander. Und weil jeder Mensch – Gott-sei-Dank – verschieden ist, kann die Gemeinschaftstreue nur funktionieren, wenn jeder für sich erkennt, worin er denn der Stärkere, der Wohlhabendere, der Gesündere usw. ist, und wo der jeweils Schwächere, Ärmere und Kränkere ist, dem er sich zuwenden soll. Das ist der Fels, auf den wir bauen sollen und auf dem doch so schwer zu bauen ist.

Es ist so schwer, dort zu bauen, weil jeder plötzlich eine Verantwortung bekommt, die ihn mit sich selber ins Gericht bringt. Denn es hat keinen Sinn, allgemeingültige Zahlen oder Formen anzugeben, wie denn diese Gemeinschaftstreue zu leben sei. Und noch schwerer wird es, weil wir gewohnt sind – gerade in der ersten Welt – diese Gemeinschaftstreue zu erkaufen, sie materiell abzugelten. Es ist ja auch nicht schlecht und schon gar nicht falsch, Geld zu spenden, ja es ist sogar dringend notwendig, eben weil es Gruppen und Initiativen gibt, die mit diesem Geld in meinem Namen gute Dinge tun können, die ich selber nicht machen könnte, z.B. die Fluthilfe in Südostasien. Aber wir vergessen leider allzu schnell darüber, dass es nur ein kleiner Teil von dem ist, womit ich mich auseinander setzen soll. Denn nicht alles, oder besser noch: nicht das Wesentliche ist durch das Tauschmittel Geld abgegolten. Nein, mein persönlicher Einsatz ist gefragt. Z.B.: Der Gesunde soll den Kranken besuchen, so nimmt es später Matthäus in Kapitel 25 wieder auf, als die sogenannten Werke der Barmherzigkeit. Also muss ich für mich entscheiden, wo ich denn gesünder bin, als andere Menschen und wer der Kranke ist, der meine Hilfe braucht. Und wo bin ich stärker als andere und kann den Schwächeren helfen? Kirche und Gottesdienst, das Jahr im kirchlichen Durchgang, die Gebete und die stillen Zeiten für einen selber sollen dazu dienen, sich immer wieder diesen Fragen zu widmen: "wo ist meine Aufgabe, wo ist mein Platz, wo bin ich wirklich gefragt?" Und sie werden sehen, wie schwer das ist, solches umzusetzen in seinem eigenen Leben.

Nehmen wir unsere Jugendlichen und Konfirmanden, die ja heute auch unter uns sind. Sie wissen es, wie einfach es doch ist, auch in der großen Gruppe – wir sind z.Zt. 40 Konfirmanden – wieder kleine zu bilden, wo sich die zusammen finden, die auf andere wieder herabschauen können. Die Starken bedrängen die Schwachen, die Coolen lachen über die Uncoolen. Die, die etwas haben, geben damit an vor denen, die nichts haben. Das ist der einfache Weg, denn wer sich gegen die Kleingruppe stellt und den Schwachen in Schutz nimmt, wer zu dem hält, den keiner mag oder mit dem redet, dem man nichts zutraut, der wird ebenfalls verhöhnt und verspottet. In der Erwachsenenwelt ist es übrigens nicht anderes, vielleicht ist es etwas versteckter, etwas subtiler, aber dennoch genauso brutal und genauso eigensüchtig. Dieses Verhalten, sagt Jesus, ist der Bau auf Sand. Denn wenn ein Platzregen kommt, spült er dich weg und dein Haus stürzt ein. Es gibt viele Mitläufer in einer solchen, kleinen Gruppe, die den jeweils Schwächer en noch schikaniert, weil sie selber Angst haben, heraus zu fallen und nicht mehr anerkannt zu sein. Der Platzregen kommt dann aber und plötzlich stellt man fest, dass man selber zu den Gemobbten und Verspotteten gehört.

Nun leben wir in einer Zeit, in der die Gesellschaft umstrukturiert werden muss – die Gründe dafür seien heute mal dahin gestellt. Und wir erleben das, wovon ich gerade sprach. Ungeniert wird inzwischen gefordert, den Schwachen und Armen, denen die auf der gesellschaftlichen Leiter unten stehen, noch mehr weg zu nehmen, damit – so die Logik – es der Wirtschaft insgesamt besser ginge und dann wieder jeder davon profitiere. Ich mag das heute nicht wirtschaftlich besprechen, dafür gibt es andere Räume und Zeiten, aber ich sage heute, dass allein schon der Gedanke, bei den Schwachen, Alten, Kranken und Armen zu sparen dem widerspricht, was Jesus gelehrt hat. Solidarität meint etwas anderes. Und ich bin sicher, es gäbe andere Möglichkeiten, einen sozialen Staat zu erhalten. Das Wort Eigenverantwortung ist da ein bloßer Hohn und eine Entwertung des Begriffs, wenn es nur dazu dienen soll, die Umverteilung von unten nach oben zu rechtfertigen. Eigenverantwortung wäre sinnvoll gefüllt, wenn man an die Lehre unseres Herrn denkt und sich selber in Verantwortung nimmt durch die Frage: "Wo ist heute mein Nächster?".

Dies ist der Bau auf den Felsen: hart und mühsam, aber dieser Bau wird belohnt werden, weil der Platzregen dem Haus nicht schaden kann. Weil wir auf Wanderschaft sind in dieser Welt, liebe Gemeinde, steht der endgültige Lohn noch aus – wir haben die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott. Aber wir können den Lohn schon ahnen und wir können in Teilen diesen Lohn schon spüren. Und es ist wiederum dies, was in der Gemeinschaft geschieht. Wer schon einen Kranken gepflegt hat, einem Sterbenden die Hand gehalten hat, wer ein gutes Wort für den hat, den die Hoffnung verlassen hat, wer sich schützend vor einen Schwachen gestellt hat, wer bereit war aus seinem Überfluss zu teilen, der hat vielleicht die dankbaren Augen seines Gegenüber, seines Nächsten gesehen. Der hat vielleicht die Liebe gespürt, die in diesen Momenten aufgeflackert ist. Das, liebe Gemeinde, ist übrigens ein Gefühl, das man mit Geld nicht kaufen kann und wer weiß, was ich meine, weil er es selber schon erfahren hat, der weiß auch, dass dieses Gefühl in der Lage ist, die Leere in einem Menschen zu füllen, die er oft empfindet. Der weiß, dass dieses Gefühl in der Lage ist, ihn auszufüllen für Momente, in denen der Himmel auf Erden wohnt. Und der weiß, dass dieses Gefühl die Kraft hat, Fundament zu sein, wie ein starker Fels für ein gelingendes Leben.

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