Wirklich satt werden

Liebe Gemeinde,

von der französischen Königin Marie-Antoinette ist ein Satz überliefert, der Geschichte gemacht hat. Sie wurde darauf aufmerksam gemacht, dass das Volk im Aufruhr ist und fragte, was denn die Leute wollen. "Sie haben kein Brot", war die Antwort. Marie-Antoinette soll sehr erstaunt gesagt haben: "Warum können sie nicht Kuchen essen?" Am Französischen Hof von Versailles herrschte verschwenderischer Prunk, während die Menschen in Paris in bitterer Armut lebten und durch Steuern ausgesogen wurden. Wenige Monate nach dem denkwürdigen Ausspruch starb die Königin auf der Guillotine, die Französische Revolution war ausgebrochen.

Sehr wahrscheinlich hat die Königin, Tochter der Kaiserin von Österreich und überzeugte Katholikin, jeden Tag in der Messfeier das Vaterunser gesprochen: "Unser tägliches Brot gib uns heute" – aber sie wusste nicht um die grundlegende Notwendigkeit von Brot. Sie war satt. Wir haben heute hier in Mitteleuropa ebenfalls selten Hunger. Trotzdem sind wir manchmal nicht satt, uns fehlt etwas zum Leben, und manchmal wissen wir gar nicht, was es ist. Und manchmal höre ich den Satz: "Früher, zu DDR-Zeiten, da war doch alles besser." Menschen fühlen sich heute weniger geborgen und weniger beschützt als damals, in einer Gesellschaft, in der zwar alle versorgt waren, aber doch vieles an Freiheit entbehrten. Im Johannes-Evangelium steht folgende Episode, die mir dann manchmal einfällt.

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Offenbar vermissen die Menschen an Jesus etwas Spektakuläres. Sie wollen sehen, dass nun das Goldene Zeiltalter angebrochen ist – ähnlich wie 1989, als die Mehrheit der Menschen hier auf den Straßen nach dem "einig Vaterland" gerufen haben und viele damit meinten: Markenartikel, Westprodukte, Erdbeeren auch im Winter. Erst nach geraumer Zeit ist ihnen aufgefallen, dass ihnen die Westbrötchen gar nicht schmecken und dass sie oft in der Mitte nur aus heißer Luft bestehen. Jedenfalls sind die Leute um Jesus unzufrieden. Was er ist und was er redte und tut, ist ihnen nicht wunderbar genug, und sie vergleichen ihn mit Mose.

Vierzig Jahre war Moses mit seinem Volk unterwegs in Entbehrungen, Zweifeln und Hunger. Gott erbarmte sich seines Volkes und sie wurden satt von himmlischem Manna. Aber sie machen dabei einen Denkfehler: Nicht Mose, nicht Menschenhand ist es, die Wunder tut, sondern Gott handelt und lässt im Morgentau die Wüste erblühen mit Brot vom Himmel. Und im Übrigen haben auch damals die Leute nach kurzen Staunen ihrer Unzufriedenheit Luft gemacht. Das Manna war ihnen auch nicht genug. So sind wir: oft wissen wir erst im Nachhinein zu schätzen, was wir hatten. Dann, wenn es zu spät ist. Oder wir verklären es sogar: Die Kinder Israel träumten in der Wüste von den Fleischtöpfen Ägyptens trotz Sklaverei, die Menschen hierzulande sind in DDR-Nostalgie verfallen und haben vergessen, was ihnen an Freiheit fehlte. Diejenigen, die Jesus vor sich haben, erwarten dass Jesus ein Brot gefunden hätte, das ihnen ständig zur Verfügung stünde und ihren leiblichen Hunger ein Leben lang stillt. Und sie merken gar nicht, dass er etwas zu bieten hat, was weit mehr ist. Auch heute noch gibt es das Brot des Lebens, das Jesus anbietet, umsonst. Aber auch heute ist es wenig gefragt. Warum? Wollen die Leute lieber Kuchen? In einer Zeit, wo es beim Bäcker die Wahl zwischen 20 Brotsorten gibt, ist es natürlich schwer, mit einem Satz wie dem von Jesus Menschen in die Kirche zu locken: "Ich bin das Brot des Lebens". Sind wir zu satt oder merken wir nicht, dass wir Hunger haben? Ich denke an die rapide Zunahme von Esstörungen in unserer Gesellschaft. Vor allem Mädchen und Frauen essen verzweifelt, weil sie das Gefühl haben, in ihnen ist ein Loch, das mit nichts zu füllen ist. Sie essen, weil sie sich nicht angenommen fühlen. Bei Jesus sind wir angenommen, alle – aber diese Sicherheit ist uns irgendwie abhanden gekommen.

Ist es in Ländern, in denen es am Nötigsten fehlt, leichter, zu glauben? Steht unsere Sattheit, unser relativer Reichtum zwischen uns und Gott? Ich bin mir nicht ganz sicher. In manchen Ländern wurden die Leute, die vom Verhungern bedroht waren, von Missionaren auf eine eigenartige Weise christianisiert: "Wenn Ihr Euch taufen lasst, bekommt Ihr hier jeden Tag euren Reis." "Reischristen" nennt man die Bewohner armer Länder, die so in Gemeinden gekommen sind, aber mit dem Herzen noch an ihren alten Naturreligionen hängen. Das kann Jesus nicht gemeint haben, als er sagte: Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Jesus wird von seinen Jüngern nach der Auferstehung am Brotbrechen erkannt. Jesus kann den Hunger von mehreren tausend Menschen mit wenigen Broten stillen – Brot spielt in vielen neutestamentlichen Geschichten eine große Rolle. Und ganz reeller Hunger nach Brot ist auch eng mit der Geschichte des Christentums verbunden. "Unser tägliches Brot gib uns heute", beten wir im Vaterunser. "Brot für die Welt" ist ein zentrales Anliegen unserer Kirche. Wobei es immer vor allem um das Teilen von Brot geht. Die Speisung der 5000 kommt dadurch zustande, dass alle zum teilen bereit sind. Jesus brach das Brot und gab es seinen Jüngern. Und er sagte: "Das ist mein Leib, der für Euch gegeben wird." Darauf wird in diesem Wort: "Ich bin das Brot des Lebens" schon hingewiesen. Wir sind alle eingeladen zu diesem Mahl, in dem Jesus sich mit Brot und Wein uns selbst gibt – aber wie selten machen wir von dieser Einladung Gebrauch? In manchen Gemeinden hier wird nur zweimal im Jahr Abendmahl gefeiert. Ich würde es gerne öfter mit Ihnen tun, aber dann heißt es: "Zweimal im Jahr reicht uns." Da bietet Gott etwas an, aber die Gemeinde sagt: "Danke, das brauchen wir nicht". Sagen wir wirklich noch: "Herr, gib uns täglich dieses Brot" – oder sind uns andere, vergängliche Dinge wichtiger, von denen wir denken, sie könnten unseren Hunger stillen?

Auch wir fordern gerne Zeichen, wir beklagen uns darüber, dass Gott so viel Elend in der Welt zulässt, dass er angeblich nichts gegen Hunger, Krankheiten und Kriege tut, alles Zustände, die wir selbst angezettelt haben. Aber wir denken selten daran, dass auch wir Zeichen setzen könnten. Zeichen gegen Ausbeutung armer Länder zum Beispiel, indem wir Produkte aus fairem Handel kaufen. Die sind zwar etwas teurer, aber dafür werden die Menschen, die in Tee- und Kaffeeplantagen arbeiten, gerechter bezahlt.Und vielleicht können wir ja ein bißchen weniger Kaffee trinken, dann können wir uns den aus fairem Handel auch leisten. Jesus hat das Brot mit seinen Jüngern geteilt, wir sind im Teilen nicht so besonders gut. Wir schielen immer nur auf die Reichen, die ständig reicher werden, wenn wir uns über soziale Ungerechtigkeit aufregen, aber wir sehen recht selten, dass es uns bei allen Rückschlägen immer noch besser geht als einem Großteil der Weltbevölkerung. "Brich mit dem Hungrigen dein Brot", auch das hat Jesus gesagt. "Ich bin das Brot des Lebens", in diesem Satz steckt ungeheuer viel drin, sowohl was irdisches als auch was himmlisches Brot betrifft. Es ist ein Wort, das uns alle existentiellen Sorgen abnimmt.

"Die Menschen glauben, sie leben durch die Sorge für ihr Ich. Sie leben aber einzig durch die Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott in ihm, denn Gott ist die Liebe.", so heißt es in einem Theaterstück nach Tolstoi, das den Titel trägt: "Wovon die Menschen leben."

Novalis, Friedrich, Freiherr von Hardenberg (1772-1801), hier nebenan in Oberwiederstedt geboren, hat ein Gedicht über das Abendmahl geschrieben, in dem diese Liebe auch zentral ist

Heißere Sehnsucht durchbebt die Seele.

Durstiger und hungriger wird das Herz:

Und so währet der Liebe Genuss

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Hätten die Nüchternen

einmal gekostet,

alles verließen sie,

und setzten sich zu uns

an den Tisch der Sehnsucht,

der nie leer wird.

Sie erkennten der Liebe

unendliche Fülle,

und priesen die Nahrung

von Leib und Blut.

Gewiss, so romantisch würden wir das heute nicht mehr ausdrücken. Und dennoch,ich würde mir wünschen, dass "die Nüchternen" unter uns sich ein wenig anstecken ließen von dieser Begeisterung und dass wir viel, viel öfter Brot und Wein teilen, damit wir wirklich satt werden.

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