Unser aller täglich Brot

Während in London die Bomben explodierten tagten im schottischen Gleneagles PolikerInnen um über die Wirtschaftspolitik zu beraten. Ein Tagesordnungspunkt war der Schuldenerlass. Diskutiert wird, im Grunde nicht mehr ob, sondern wie man erreicht, dass ein solcher Schuldenerlass wirklich den Ländern zugute kommt und nicht nur den Mächtigen Dieser Punkt erinnert mich daran, wie vielen Menschen auf der Erde das Brot zum Leben fehlt. Dieser Mangel lässt Manchen stumpf und apathisch werden. Manche werden teilnahmslos, manche aggressiv.

Eine Wirklichkeit, die uns glücklicherweise fern liegt, aber mit den Nachrichten und Reportagen doch ins Haus kommt. Und wie bei den Nachrichten aus Holland reagieren wir mit einem Gefühl von Ohnmacht, fühlen uns hilflos.

Zu Zeiten Jesu war die Wirklichkeit näher, bedrängender. Dort gab es Familien, die lebten wirklich vom ‚täglichen Brot’, von dem, was sie am Tage erarbeiteten und wen sie keine Arbeit als Tagelöhner bekamen, musste eine ganze Familie hungern.

Aus ändern des Hungers wissen wir, dass das tägliche Brot auch immer etwas mit Menschen würde zu tun hat: ‚Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral’ hat Stalin formuliert und damit die Wirklichkeit beschrieben, dass Hunger leidende Menschen sich gezwungen sehen Gebote der Moral zu vergessen, wenn es darum geht, satt zu werden. Es gibt Berichte über Kannibalismus, aber auch über Mütter, die ihre Kinder verstoßen oder Ähnliches. Für uns Mitteleuropäer unvorstellbar.

Im Altertum diente Brot dazu Menschen ruhig zu stellen. Brot und Spiele – und die latent unruhige Masse Roms war ruhig gestellt.

Aber immer mehr Menschen bei uns stellen fest, das Brot allein auch nicht satt macht. Die verstorbene Theologin Dorothee Sölle hat das so formuliert:

‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er stirbt sogar am Brot allein, einen allgegenwärtigen, schrecklichen Tod, den Tod am Brot allein. Den Tod, bei dem wir noch eine Weile weitervegetieren können, weil die Maschine noch läuft, den furchtbaren Tod der Beziehungslosigkeit: Wir atmen noch, konsumieren weiter, wir scheiden aus, wir erledigen, wir produzieren, wir reden noch vor uns hin und leben doch nicht.

Alleinsein und dann alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass einer sich Sorgen um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden; nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden: der schreckliche Tod am Brot allein.

Das ist der Tod, von dem die Bibel spricht; der Mensch, für den die anderen nicht Reichtum bedeuten, Herausforderung, Glück, sondern Angst, Bedrohung, Konkurrenz, der Mensch, der von Brot allein lebt und daran stirbt, am Brot allein, von dem man nicht leben kann.’

(Dorothee Sölle, Die Hinreise, Kreuz-Verlag, Stuttgart 1975, S.7 ff.)

Dieser merkwürdige Gedankensprung ist durchaus im Sinne Jesu, der das täglich Brot und das Brot des Lebens im Blick hat. Eben hatte er 5000 satt gemacht, jetzt weist er über das satt werden hinaus – und wir dürfen beim Hören nicht vergessen, dass er mit Menschen redet, die den realen Hunger nur allzu gut kennen.

[TEXT]

Ein Wunder ist geschehen, dass die Menschen beeindruckt hat. Aber Einige wohl nicht so sehr. Die, denen der Hunger nach Brot nicht existentiell auf der Seele brennt, sagen: das ist ja alles ganz schön, aber woran könne wir erkennen, wer du wirklich bist?

Eigenartig. Er erinnert an das Murren in der Wüste, an das Volk Israel, dass nach dem Auszug aus Ägypten auf wunderbare Weise Wachteln und Manna erhielt und doch unzufrieden war mit dem Gott, der es in der Wüste verhungern ließ.

Das wesentliche Zeichen der Zuwendung Gottes ist nicht das Brot in der Wüste, sondern die Gegenwart Christi mitten unter den Menschen. ‚Ich bin doch da’ sagt er, wenn er sich selber als das Brot des Lebens anbietet.

Es gibt im Johannesevangelium mehrer Geschichten wo Menschen mit Jesus reden und Jesus antwortet und scheinbar reden beide aneinander vorbei. Sie reden von Brot und Wundern. Er redet von Gott.

Für ihn ist Gott das wahre Lebensmittel, der Mittelpunkt seines Lebens, der ihm die Luft zum Atmen gibt, das Leben und die Freiheit, die er braucht zum Leben.

Es geht in unserer Geschichte nicht um Juden, denen der Glaube fehlt, sondern um Menschen, die etwas erleben und es nicht einordnen können. Es geht um mich und die Frage an mich: Was macht diese Begegnung mit dir, was macht die Taufe mit dir, was macht das Hören des Wortes Gottes mit dir? Schmückt dich das Kreuz oder begleitet es dich in denken, Fühlen und Tun? Mein Glaube und mein Unglaube sind gemeint.

‚Religion ist Opium fürs Volk’ Dieser Satz von Karl Marx ist ein tief christlicher Satz, weil er erzählt von einer Kirche, die ihren Auftrag verloren hat, die Menschen reguliert statt ihnen von dem frei machenden Herrn zu erzählen, der Menschen befreit aus realer Angst um das tägliche Brot und aus realer Not um den Sinn in ihrem Leben. Er gibt ihnen zu essen und er beruft sie in seine Nachfolge und fargt sie: was macht Ihr mit dem Brot, das Ihr im Überfluss habt?

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