Anerkennung

Liebe Gemeinde,

wir haben vorhin als Lesung den Taufbefehl Jesu gehört. Das liegt daran, dass der 6. Sonntag nach Trinitatis traditionell dem Gedächtnis der Taufe gewidmet ist und deshalb dieser Sonntag auch ein klassischer Taufsonntag ist.

Außerdem haben wir eine zweite Lesung gehört, die Taufe des Kämmerers aus dem Morgenland, die für mich ein der interessantesten Tauftexte überhaupt ist – aber dazu vielleicht nächstes Jahr, wenn dieser Text Predigttext sein wird. Warum trotzdem dieser Text auch, das hören wir später.

Heute steht ein Abschnitt aus dem 1. Testament auf der Verkündigungsliste, ein Text, der also nichts mit der christlichen Taufe zunächst einmal nichts zu tun hat und dennoch gerade in diesem Zusammenhang spannend zu hören ist. Es ist ein Abschnitt aus dem 5. Buch Mose, dem sogenannten Deuteronomium, das eigentlich eine Predigt, die Abschiedspredigt Moses an das Volk Israel ist, quasi ein theologisches (und vielleicht auch politisches) Testament. Dort heißt es im 7. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, „… dich habe ich erwählt!“ Solch eine Aussage erscheint uns im Zusammenhang mit der Erwählung des Volkes Israel zwar sehr bekannt vorzukommen – gleichzeitig ist es eine Formulierung, die mir persönlich heute zunächst fremd zu sein scheint – oder?

„… ich habe dich erwählt, ausgewählt!“ – solch einen Satz würde ein Jugendlicher heute gerne lesen, wenn er den Antwortbrief der Firma Chance und Co. KG auf sein 57. Bewerbungsschreiben erhält. Oder glaubt ihr nicht, dass die Mitteilung einen Ausbildungsplatz zu haben, einem Schulabgänger heutzutage vorkommt, wie ein 6er im Lotto?

„… sie sind auserwählt!“ lese ich in dicken Lettern auf dem Anschreiben der Firma Halsabschneider GmbH, die mir in einem Brief mitteilt, dass ich beim Preisausschreiben – ich kann mich gar nicht erinnern, einen entsprechenden Abschnitt ausgefüllt zu haben – jedenfalls soll ich den Hauptpreis gewonnen haben, der mir bei der lächerlichen Zuzahlung von 799.-€ ein Wochenende auf einem Eisberg verspricht. Und tatsächlich: Für einen Moment zögere ich und glaube ernsthaft an mein Glück.

„… ich habe dich auserwählt!“ – solche eine Aussage von der schönen Helena kann das Herz des hoffnungslos in sie Verknallten höher schlagen lassen …

„… ich habe dich erwählt!“ – ja, vielleicht heute eine etwas ungewohnte Formulierung – und doch besagt sie genau das, was die ganz persönliche Sehnsucht eines jeden Menschen darstellt: Ich möchte (wenigstens einmal) etwas Besonderes sein. Ich möchte der sein, der auf dem brutal engen Ausbildungsmarkt eine Chance bekommt; ich möchte die sein, die einmal im Leben einen Hauptpreis ergattert hat; ich möchte der sein, der geliebt wird. Ich könnte jetzt Unmengen an Beispielen anführen, wo Menschen sich anstrengen, drei Beine ausreißen und Klimmzüge vollführen, nur um auf irgendeine Weise Anerkennung zu bekommen. Der eine schreibt sein Liebesbekenntnis in großen Lettern an eine Autobahnbrücke; die andere arbeitet sich krumm und bucklig, nur um immer die trendigsten Klamotten zu haben, und der dritte sucht sein Heil in spektakulären Medienauftritten und … und.

Anerkannt zu sein, dass heißt akzeptiert, geliebt und wertgeschätzt zu werden; und dies ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Doch kriegen wir das wirklich so einfach durch unsere eigene Leistung gestillt? Manches mal sicher schon und jeder ist stolz darauf, wenn er sich selbst hochgearbeitet hat. Aber das klappt eben nicht immer. Und „das mit dem Lottogewinn, haut eh’ nicht hin …“ Aber was dann? Wie bekomme ich dann meine Anerkennung? meine Erwählung?

Damit sind wir beim Thema des Predigttextes (und vielleicht auch der christlichen Taufe): Erwählung – oder soll ich es mit dem schon gebrauchten Begriff „Anerkennung“ bezeichnen? Es geht darum, dass einer „Ja“ sagt zu einem Menschen, zu den Menschen. Das ist das große Thema der Liebe: Dass Einer zum anderen „Ja“ sagt – bedingungslos „Ja“ sagt, ohne wenn und aber.

Genau das beschreibt unser Predigttext – hier allerdings nicht als persönliches, individuelles Geschehen, sondern eben unter dem Aspekt eines Kollektives: Das ganze Volk Israel wurde von Gott erwählt, d.h. es wurde und wird geliebt bis zum heutigen Tag. Gott sagt „Ja“ zum Volk Israel. Und was so ¢ne richtige Liebe ist, die geht durch dick und dünn.

Wie heißt es hier noch einmal: „Dich – das Volk Israel – hat der Herr, dein Gott ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“

Das ist eigentlich totale Willkür gewesen: Das Volk Israel hatte sich keine besonderen Verdienste erworben. Es war weder groß, noch machtvoll, weder besonders erfolgreich, wahrscheinlich nicht mal besonders fromm. Trotzdem: Gott hat es unter all den Völkern als „sein“ Volk auserwählt, weil er es liebt. (Und Liebe ist bekanntlich nicht zu erklären – ich spreche lieber nicht von Liebe, die höherer Wahnsinn ist, das wäre wahrscheinlich respektlos – obwohl, wenn damit das Unerklärliche erklärt, oder ausgedrückt werden soll, wen damit gesagt werden soll, dass man diesen Gedankenblitz Gottes eben nicht verstehen kann, dann ist das wirklich „höherer Wahnsinn“)

Liebe kennt also keinen Grund. Beim Kämmerer aus Äthiopien, dessen Taufgeschichte wir vorhin gehört haben, da wird auch keine Voraussetzung genannt, die er leisten musste, um getauft zu werden. Philippus tauft ihn, ohne jede Voraussetzung, ohne Grund darf er die Anerkennung, die Zugehörigkeit zu Gott erfahren.

Liebe kennt keinen Grund. Liebe offenbart sich nur, indem der Liebende (in dem Fall Gott) dem Geliebten seine Liebe beweist. Der Liebesbeweis, der hier angeführt wird, ist der Exodus, also die Herausführung aus der Sklaverei, die ein absoluter Liebesbeweis Gottes an sein Volk war.

„Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten“. Diese Liebe Gottes führt Israel in die Freiheit. Liebe macht frei – macht frei von allen Zwängen, die mensch sich selbst auferlegt: Der verzweifelten Suche nach Anerkennung, nach Sinn, nach Geliebt-Werden. Hier die Worte zu unterscheiden ist nicht nötig. Anerkennung, Liebe, Erwählung unterscheidet sich vielleicht nur darin, das im Einen einzelne Personen gemeint sind (dann wird es wieder für die christliche Tauftheologie interessant), zum anderen ein Kollektiv, das alte Gottesvolk Israel.

Liebe geht sogar durch Krisensituationen, wie sie das Volk Israel erlebt hat – Situationen, in denen sie eher dachten, Gott habe sie gerade da verlassen. Ich erinnere nur an die Krise der Exilszeit: Selbst die zeitweise Abwendung (immerhin waren es ca. 40 Jahre) wurde und wird in der Theologie des 1. Testaments als Liebesbeweis, als Kampf Gottes um sein Volk verstanden. Gerade in der zeitweiligen Abwendung habe er seine Liebe gezeigt, habe er versucht, das Volk Israel wieder für sich zu gewinnen. Eigentlich eine phantastische Vorstellung: Gerade im Abwenden zeige ich mein Bemühen um einen Gegenüber.

Eltern können das sicher verstehen, die gegenüber ihren Kindern auch einmal strafend auftreten müssen, eben weil sie ihre Kinder lieben und auf den richtigen Weg führen wollen.

Bleibt noch zu klären, warum Mose das alles seinem Volk erzählt. Unser Predigttext gebraut hier eine ungewohnte theologische Rangordnung, denn hier führt das Evangelium zum Gesetz, bzw. zum Anspruch an das Volk: „So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten … So halte nun die Gebote …“ sagt er.

Mose möchte, dass die Geliebten, die Geliebten Gottes aus dieser Liebe, aus der Anerkennung heraus leben. Und das heißt für ihn eben auch: Die Gebote und Regeln Gottes beachten.

Wir wissen aus der weiteren Bibel, wir wissen aus der Geschichte, dass die Erwählten Gottes diese Antwort auf die Liebe Gottes oft schuldig geblieben sind. Doch wir dürfen darauf vertauen: Gott steht zu seiner Erwählung; Gott steht zu seiner Liebe bis ins tausendste Glied.

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