Frustrierend

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel.de</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde!

also etwas frustrierendes hat es schon, das heutige Evangelium. Da geht der Andreas zu seinem Bruder und sagt: "Wir haben den Messias gefunden". Und schon glaubt der Simon.

So etwas zu lesen, das ist frustrierend. Da darf man dann nicht daran denken, was das heute für eine Mühe macht, auch nur einen Menschen zum Glauben an Christus zu führen. Da darf man nicht an all den Aufwand denken, den wir heute anscheinend treiben müssen, um auch nur einen einzigen Menschen zusätzlich zu erreichen. Andreas, der geht da nur hin und sagt: "Wir haben den Messias gefunden." Und Simon steht auf, lässt alles stehen und liegen und geht mit ihm. Wie wenn Johannes in seinem Evangelium sagen wollte: Seht ihr, so leicht geht das!

Das ist schon frustrierend, vor allem für diejenigen, die sich beinahe täglich darum mühen. Und ganz besonders deswegen, weil in dieser Szene ja nicht etwa Jesus selbst jemanden in seine Nachfolge ruft.

Das wäre ja noch einmal etwas ganz anderes. Dass Jesus eine ungeheure Ausstrahlung gehabt hat, dass er die Menschen fasziniert und begeistert hat, dass er jemanden nur anzuschauen brauchte, und der Betreffende dann alles stehen und liegen ließ, um ihm zu folgen, das ist ja einsichtig. Andreas aber, das ist ein ganz normaler Mensch, einer wie wir alle hier. Der ist gerade einmal einen Tag bei Jesus gewesen, der weiß kaum etwas über ihn, der hat mit Sicherheit noch keine gewaltigen Reflexionen angestellt und ist auch nicht geschult in Katechese und Verkündigung. Und dieser Andreas der geht jetzt einfach hin und sagt: "Wir haben den Messias gefunden". Und Simon geht mit und er glaubt.

Da muss man sich doch fragen, was hat der, was ich nicht habe? Warum klappt das bei dem, warum klappt das damals, warum geht das heute nicht so einfach?

Ich denke z.B. an die vielen Bemühungen der Kirche „kundenorientiert" Programme anzubieten. Da gibt es die so genannten "Zielgruppen-" und erweiterten "Kasualgottesdienste": vom "Berggottesdienst" (für Kletterfreunde) über den "Lappen-Gottesdienst" (für Führerscheinneulinge) und "Autoskooter-Gottesdienst" (für Kirmesbesucher) bis hin zum "Gottesdienst mit Tempo 200" (im ICE) und den traditionellen "MoGos" (für Motorradfahrer); von den "Haustiersegnungsgottesdiensten" (besonders für Hunde- und Katzenhalter) über "Raver-Prayer-Partys" (für jugendliche Tänzer) bis hin zum "Fußballgottesdienst" bieten wir alles allen an, die sich irgendwie als spezifische Gruppe definieren lassen! Und welchen Erfolg haben sie?

Neu scheint dieses Abholbedürfnis nicht zu sein. Schon 1930 hat Kurt Tucholsky über die beiden großen Kirchen gesagt: "Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische." (Tucholsky, Kurt: "Braut- und Sport-Unterricht", in: Gesammelte Werke (hg. von Mary Gerold-Tucholsky), Band III, Reinbek bei Hamburg 1961, hier: S. 410) Nachfolge wird zum Nachlaufen. "Im Kampf gegen den Schwund ihrer Kirchenmitglieder und ihrer Kirchensteuern setzen sie immer jappender und immer atemloser auf das größte Missverständnis von allen: auf das Zeitgemäßsein." (Süddeutsche Zeitung Nr. 140 vom 21. Juni 2005, Seite 13) Laufen wir so nicht Gefahr, unser Profil zu verlieren und beliebig zu werden? Und reden und handeln wir damit nicht an den wahren Bedürfnissen der Menschen vorbei?

Noch einmal nachgefragt: Warum lässt sich dieser Simon so schnell ergreifen? Und warum ist Andreas so überzeugend? Es geht mir um die Frage, wie man Menschen zu Christus führt, wie man Menschen von Christus überzeugt.

All die Überlegungen im Blick auf Techniken und Methoden, all die Konzeptionen und Anstrengungen, all das kann man vergessen, all das ist letztlich nichts, wenn das eine fehlt, wenn das fehlt, was mir aus diesem knappen Satz des Andreas so überdeutlich heraus zu sprechen scheint. Die eigene, spürbare und fast unerschütterliche Überzeugung nämlich. Genau das macht nämlich letztlich wohl die Überzeugungskraft des Andreas aus. Deshalb ist er wohl so mitreißend: er überzeugt, weil aus seinen Worten dem Simon gegenüber nichts anderes spricht, als seine ungeheure Überzeugung: "Wir haben den Messias gefunden!" Deshalb ist er so überzeugend, weil seine Überzeugung aus ihm spricht!

Was aber spricht aus uns? Was spricht aus den Christen?

Da brauche ich gar nicht lange zu überlegen. Ich denke: aus uns spricht augenblicklich kaum etwas anderes als eine ungeheure und beinahe allumfassende Unzufriedenheit. Die Pfarrer/innen sind unzufrieden und lamentieren, weil immer weniger Menschen in die Kirche gehen. Die Hauptamtlichen sind unzufrieden, weil ihre Stellen von Streichung bedroht sind. Die Gemeinden sind unzufrieden, weil immer mehr von ihnen verlangt wird. Die traditionell Geprägten sind unzufrieden, weil immer mehr Neuerungen eingeführt werden. Und die Progressiven sind unzufrieden, weil ihnen alles viel zu langsam geht. Da entstehen Spannungen und Zwistigkeiten, Frust, Grabenkriege und zuletzt breitet sich wie ein Grauschleier Unzufriedenheit über die Gemeinde aus. Da kann keiner mehr überzeugen und begeistern. Und besonders einladend wirkt dann die Gemeinde auch nicht mehr, denn es ging etwas Entscheidendes verloren. Ich nenne es mal den Blick fürs Wesentliche: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“

Sollte dieser Eindruck aber wirklich nur vordergründig sein, sollte es dahinter tatsächlich noch etwas anderes geben, sollte es da wirklich noch eine Überzeugung geben, die uns trägt, eine Hoffnung, die uns leben lässt, sollten sich hinter diesem äußeren Eindruck tatsächlich noch Horizonte öffnen, die Leben in einer neuen Dimension erschließen, dann müssen halt wir endlich auch wieder anfangen davon zu reden, davon mitzuteilen, genau das nach außen zu strahlen.

Ich muss dann davon reden, dass dieser Glaube an Jesus Christus mir Kraft gibt, dass ich mit dem Bewusstsein, dass Jesus Christus bei mir ist, anders in eine Prüfung hineingehen kann, als derjenige, der diese Hoffnung nicht kennt, dass ich im Vertrauen darauf, durch mein Leben geführt zu werden, mit einer anderen Sicherheit und Zuversicht leben kann, als diejenige, der dieses Vertrauen nicht geschenkt wurde, dass mich die Überzeugung "Jesus Christus ist bei mir" mit einer Dankbarkeit erfüllt, die dem Tag seine Trübnis nehmen kann und dass ich diesen Glaube mit ‚zig anderen Menschen gemeinsam habe, dass er mich mit einer Fülle von Menschen verbindet, dass er uns zusammenbindet zu einer Gemeinschaft, die mir Halt und Trost geben kann, selbst da, wo ich den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe.

Kurzum wir sollten nach guter evangelischer Tradition doch wieder zu den Wurzeln zurückkehren: Nachfolge, wie sie in den Evangelien beschrieben wird, geschieht durch persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch. Und über jegliche Zielgruppenorientierung hinweg. Eine/r sagt’s dem/der anderen – in Worten und Taten und von Angesicht zu Angesicht. Vor einigen Jahren gab es in der hessisch-nassauschen Landeskirche eine Aktion „Evangelisch aus gutem Grund“. Sie wollte die Gemeinden und ihre Glieder motivieren, Menschen im Sinne Jesu einzuladen: „Kommt und seht!“

Als Kirche, als Gemeinde, als Glieder Jesu Christi haben wir die Möglichkeit, den Menschen Begegnung anzubieten, die sich eben nicht an den gesellschaftlichen Standards orientiert und nach den gleichen Mustern funktioniert. Bei uns sind die Kinder ebensoviel wert wie die Erwachsenen, der Arbeitslose besitzt ebensoviel Würde wie der Konzernchef und der Asylant ist ebenso willkommen wie der Rollifahrer.

Und selbst wenn es nur winzige Ansätze sind, die wir verwirklichen, schon das steckt an, schon das reißt mit, so wie Andreas den Simon mitgerissen hat. Wir können auch heute noch genau so wie er Menschen anstecken. "Du, wir haben den Messias gefunden".

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