Wo wohnst du?

Um das Wohnen geht es mir heute, liebe Gemeinde. Um unser Zuhause. Um den Ort, an dem wir gerne sind. „Home, sweet home“. Ein Haus, eine Wohnung, ein Zelt. Und ein Ort, an dem wir uns auskennen, wo Menschen sind, die uns wichtig sind. Solch einen Ort zu verlassen – manche können das gut. Anderen fällt es schwer. Denn oft ist ein Umzug verbunden mit dem Abbruch aller Beziehungen. Zumal dann, wenn es in einer Zeit geschehen ist, zu der kein Briefverkehr existierte und kein Telefon. Von einer kurzen SMS oder einer Nachricht per Email ganz zu schweigen. Wenn ich an Abraham denke, der aufbrach ins Ungewisse, der Vertrautes zurückließ – das ist schon eine Leistung. Und wie recht er damit hatte, dass er Gottes Verheißung vertraute, das erlebte er später: „Home, sweet home“. – Ein neues, ein süßes Zuhause fanden er und seine zahlreichen Nachkommen im Gelobten Land.

Jahrhunderte später hat einer dieser Nachkommen Menschen um sich geschart, die ihr jeweiliges Zuhause verlassen sollten. Wir haben sie doch im Ohr – diese Geschichten, in denen Jesus auffordert, alles zurückzulassen und ihm nachzufolgen. Das ist nicht immer einfach. Abschied vom Haus, von der Wohnung, vom Zelt. Von dem Ort, an dem wir uns auskennen, wo Menschen sind, die uns wichtig sind. Solch einen Ort zu verlassen – manche können das gut. Anderen fällt es schwer. Abbruch aller Beziehungen. Aber – und das ist die andere Seite – aber es gibt dann ja auch etwas Neues dafür. Unbekannt zwar – aber doch nicht ohne Reiz.

Auf den ersten Seiten des vierten Evangeliums wird uns überliefert, welche Idee die ersten Jünger nach der Überlieferung des Johannesevangeliums hatten:

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Haben Sie es, habt Ihr es herausgehört? Die Jünger wollen wissen, wie Jesus wohnt. Die sind richtig neugierig. Die wollen ihn näher kennen lernen. „Sag mir, wo du wohnst – und ich sag dir, wer du bist!“

Das erinnert mich an früher, an längst vergangene Zeiten. Vielleicht kennen Sie das. Wenn wir als Kinder anfingen, uns mit anderen zu befreunden, dann wollten wir ihn oder sie besuchen. „Wo wohnst du?“ wurde gefragt und – wenn die Adresse genannt war – dann: „Kann ich dich mal besuchen?“ „Sag mir, wo du wohnst – und ich sag dir, wer du bist!“

Die Jünger machen es genauso. Sie sind neugierig. Und sie wissen wohl auch, dass die Einrichtung eines Raumes ganz viel über seinen Bewohner verrät.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal den griechischen Jungen besuchte, der später dann mein Freund wurde. Panagiotis Katzamakidis. Wir nannten ihn „Jotti“. Schon in dem Flur des Mehrfamilienhauses roch es ganz anders als bei uns Zuhause. Und es war laut, weil immer irgendwo gerufen wurde oder mit Türen geknallt. Oder es war laute Musik. Es war eben ganz einfach anders als bei uns zuhause. Sein Zimmer teilte Jotti mit seinem kleinen Bruder – für mich, der auch ein kleinen Bruder, aber ein eigenes Zimmer hatte, eine merkwürdige Vorstellung. Über Jottis kleinem Schreibtisch hing ein Poster mit merkwürdigen Zeichen. „Das ist ein griechisches Alphabet.“, erklärte er mir. Vormittags besuchte er die deutsche Schule – und nachmittags, zweimal die Woche, hatte er Griechisch-Unterricht. Andere Gerüche, andere Geräusche, sogar eine andere Sprache. So ganz anders als Zuhause.

Die zwei Jünger sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm.

Der Jünger Andreas – übrigens auch ein griechischer Name – und sein Freund besuchen Jesus. Und spätestens an dieser Stelle staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Denn über ein Haus, eine Wohnung, ein Zelt von Jesus finden wir in der Bibel sonst nichts. Eher im Gegenteil: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“, so lesen wir im 8. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Und beschrieben wird die Unterkunft Jesu auch bei Johannes nicht. „My home is my castle.“ – Fehlanzeige! Wie Jesus also wohnt – wir erfahren nichts davon.

Nun fallen mir dazu zwei Erklärungsmöglichkeiten ein: Entweder steht nichts darüber geschrieben, weil allen bekannt war, wo Jesu zuhause war und wie es dort aussah – oder die Beschreibung seines Zuhauses ist nicht wichtig. Aufgrund dieses Verses mit den Füchsen und den Vögeln entscheide ich mich für Letzteres.

Wie Jesus es zuhause hat – das ist nicht wichtig! So kann man ihn auch nicht kennen lernen. Wie denn sonst?! Bei Jesus geht es – wenn ich auf dieser Schiene weiterdenke – nicht um das „Bleiben“. Sondern um das „sich aufmachen“, „in Bewegung kommen“, „losgehen“. Und die Frage der Jünger „Wo wohnst du?“ ist dann anders gemeint. Die Frage hinter der Frage heißt eigentlich: „Wohin gehst du mit uns?“ oder „Wie wird es uns mit dir ergehen?“ Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm.

Sehen zu wollen, wie es bei Jesus zuhause aussieht, das bedeutet, sich auf den Weg zu machen und unterwegs zu sein. Der theologische Begriff „Nachfolge“ drückt ja auch nicht „Stillstand“, sondern „Bewegung“ aus. „Wohnst du noch – oder lebst du schon?!“

Andreas und der andere Jünger bleiben bei Jesus. Und sagen es anderen weiter. Wenn der Meister den Mund nicht aufkriegt, dann ist es eben Andreas, der seinen Bruder Simon wirbt. Den Simon, der dann „Fels“ heißen wird.

Auch im Weitersagen steckt Bewegung.

Und später werden die Jünger – bei allem Unterwegssein – erkennen, wo ihr Zuhause ist: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen … ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ So sagt Jesus zu ihnen. Und so überliefert es Johannes in seinem 14. Kapitel. Aber bis dahin wird noch einiges passieren. Die Jünger werden noch einiges mit ihrem Rabbi erleben. Was alles noch geschieht, diese Geschichten können wir nachlesen.

Und was ist mit unserer Geschichte? Manchmal ist es notwendig, sein Haus, seine Wohnung, sein Zelt zurückzulassen, um dort anzukommen, wo man sich zuhause fühlt. Das kann das „Gelobte Land“ sein. Aber wichtiger noch als eine äußere Landschaft ist die innere Nähe zu Gott.

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