Gott hat unter uns ein Zuhause.

Liebe Gemeinde,

wenn ich diese Geschichte in eine Satz zusammenfassen möchte, sage ich:

Gott hat unter uns ein Zuhause.

Hat Gott etwa eine Wohnung gesucht? Zunächst kann von einer Wohnungssuche Gottes nicht die Rede sein. Das hätte Gott auch gar nicht nötig. Alle wissen, wo Gott wohnt, nämlich im Himmel. Und das schon seit Anfang der Welt. Gott ist also keinesfalls wohnungslos. Das Problem liegt vielmehr bei uns. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Problem zu beschreiben. Die alte traditionelle Kirchenreligion sprach allgemein von der sogenannten Erbsünde. Die Entwicklung der Menschheit sei schief gelaufen. Gott musste die ersten Menschen aus dem Garten Eden, dem Paradies verweisen. Und wir seien eben durch Adam geprägt, durch den ersten Menschen, durch den die Sünde in die Welt gekommen ist. Einzelne Sünden sind damit gar nicht zuerst gemeint, sondern die Sünde die darin besteht, immer den Sinn des Lebens selbst zu schaffen. Früher hieß es: Sie beteten Götzen an, Götterbilder aus Holz oder Stein, die sie selbst gemacht hatten. Doch wir sind modern. Wir haben keine solche Götzen. Aber die Grundeinstellung ist vielleicht gar nicht so verschieden: Gott kommt in unserem Leben nicht vor, wenn es um den Sinn geht. Wir haben genug Dinge, die unserem Leben Sinn geben die Partnerschaft, die Familie, die Sexualität, der Wohlstand, der Beruf, manche Hobbys, der Urlaub, das Auto und bei manchen auch der Arbeitsplatz.

Das Wort Erbsünde kann man heute keinem mehr begreiflich machen. Doch die Tatsache, die dahinter steht gibt es immer noch. Gott kommt in unserem Leben nicht vor, weil wir anderweitig beschäftigt sind. Und wenn er doch vorkommt, dann merken wir es nicht oder halten es für so selbstverständlich, dass wir uns weigern darüber nachzudenken.

Wenn Gott also im Himmel wohnt, dann ist er eben nicht bei uns. Gott ist weit weg und geht uns scheinbar nichts an. Das ist doch eher das Problem. Die Rede von der Sünde hat ja immer etwas Vorwurfsvolles. Doch um Vorwürfe darf es hier gar nicht gehen, weil die Tatsache um die es geht unverschuldet ist. Sie ist, so würde man heute sagen: systembedingt.

Manchmal bricht die Suche nach dem Sinn des Lebens auf. Manchmal geraten unsre vertrauten Systeme durcheinander durch Unvorhergesehenes Tod, Abbruch von Beziehungen, Verlust der Arbeit und andere Krisen. Diese Menschen haben Probleme, so würden wir allgemein sagen. Doch die Wahrheit ist anders: Die Sinnfrage bricht auf, die andere brav in den Schrank stellen, den sie dafür gekauft haben. Und dann wird uns klar, dass es gar nicht so einfach ist, daran zu glauben, dass Gott im Himmel wohnt. Der Himmel kann eben doch ganz schön weit weg sein, auch wenn manche sagen: Er ist unter uns. Wir begeben uns auf die Suche und suchen können wir eigentlich nur dort, wo wir sind, in unserer Welt. Wir würden Gott also nur dann finden, und damit den Sinn und das Verständnis unseres Lebens, wenn Gott bei uns wäre, Gott eine Wohnung hätte in unserer Welt. Johannes der Täufer kannte diese Situation und er antwortete darauf: Bereitet auch auf Gottes Ankunft vor, denn er kommt tatsächlich zu euch. Gott wird in Gestalt eines Menschen unter uns erscheinen, und diese Gestalt heißt Messias. Und dann ereignete sich etwas für Johannes absolut Wundervolles. Ein Mensch namens Jesus von Nazareth kam zu ihm und ließ sich taufen. Während Johannes ihn taufte ereignet sich eine Bewegung des Geiste. Der Geist Gottes ist förmlich vom Himmel herabgefallen und hat von Jesus Besitz ergriffen. Johannes der Täufer hat dies persönlich während der Taufe Jesu erlebt. Von da an wusste er: Die Verheißung ist Gegenwart geworden.

Gott hat unter uns ein Zuhause.

Dieser Jesus, von seiner Abstammung her aus dem Königshaus David stammend, wurde durch den Geist Gottes berufen, Gottes Sohn und Messias zu sein. Johannes der Täufer sagte sofort, als er es erlebt hatte: „Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Gemeint ist, das Lamm hebt die Sünde auf. Es ist nicht mit dem Sündenbock zu verwechseln, sondern vielleicht mit einem Tempelopfer zu vergleichen.

Einen Tag danach kommt Jesus erneut in der Nähe des Täuferplatzes vorbei. Vielleicht sucht er Freunde. Da stößt Johannes zwei seiner Jünger an und zeigt auf Jesus mit den Worten: „Seht das Lamm Gottes.“ Das haben diese nun als Auftrag verstanden, sich Jesus anzuhören, ihn näher kennen zulernen. Daher gingen sie einfach zu ihm hin und folgten ihm auf seinem Weg. Das merkt Jesus nun, dreht sich um und spricht: „Was sucht ihr?“ Sie antworteten: „Wo wohnst du, Rabbi?“ Offensichtlich wussten sie, dass er zu seiner Wohnung gehen würde und wollten nun fragen, ob sie mitkommen könnten.

Es ist bis dahin eine ziemlich normale Angelegenheit. Modern würde man es einfach Anmache nennen. Diese Anmache hat hier einen anderen Hintergrund als den, den wir kennen. Sie wollen mehr über ihn erfahren, wollen wissen, was dieser Rabbi lehrt und was es wohl bedeutet, was Johannes von ihm gesagt hat.

Man könnte es einfach auch mit der Form einer Wohnungssuche vergleichen. Wer nur Anzeigen liest, wird keine Wohnung finden. Man muss sich schon aufmachen und Kontakt aufnehmen und sich die Angebote ansehen.

Johannes hat erlebt, dass der Geist Gottes in Jesus wohnt. Was heißt das aber nun? Wer ist dieser Mensch Jesus? Was würde er über seinen Auftrag und sein Leben erzählen? Sie folgten ihm und sprachen dann einen ganzen Tag lang mit ihm. Später wird deutlich, dass diese beiden Jünger des Johannes nun die ersten Jünger Jesu geworden sind. Gott wohnt nun nicht mehr allein nur im Himmel, sondern hat in Jesus selbst Wohnung genommen. Die Jünger des Johannes können die Gegenwart Gottes in Jesus auf ganz persönlich einfache Art und Weise erfahren, indem sie in seine Wohnung gehen, bei ihm bleiben und ihm zuhören.

Ich sagte: Wir Menschen sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Dieser Sinn zeigt sich nun zunächst nicht in Gott, weil Gott uns zu fern erscheint. Doch die Antworten, die wir uns selbst zurechtlegen sind nicht von ewigem und religiös untermauertem Wert, sondern flüchtig, vorläufig und krisenanfällig.

Gott verlegt unsere mögliche Begegnung mit ihm nun in eine ganz einfache menschliche Beziehungsaufnahme. Das heißt nichts anderes als:

Gott hat unter uns ein Zuhause.

In unserer menschlichen Gegenwart. Natürlich sind die Geschichten der Bibel für uns auch wiederum in der Vergangenheit. Wir können die Wahrheit dieser Begegnung aber auch in unserem Leben erfahren, wenn wir wie die zwei Jüngern des Johannes Jesus zuhören. Seine Worte sind überliefert und werden weitergegeben. So ist Jesus auch unter uns lebendig in seinen Worten und hat eine Wohnung. Aus dem Gespräch entseht nun eine feste Bindung, doch diese ist auch offen für andere. Ein Jünger mit Namen Andreas geht zu seinem Bruder und sagt ihm: „Wir haben den Messias gefunden, den versprochenen Retter.“ Es ist klar, dass er Jesus meint. Auf das Hören der Worte Jesu folgt, dass wir seine Sendung für uns akzeptieren, dass wir an ihn als den Christus glauben. Im Glauben an Jesus erschließt sich der Sinn des Lebens, denn Gott ist in dieser Person Jesus menschlich nah, Gott wohnt in der Welt und hat einen persönlichen Namen. Wer dem Anspruch des Messias glaubt, ist in seine Gemeinschaft aufgenommen und wird Jesu Jünger. Glaubende Menschen sind Jesu Jüngerinnen und Jünger. Sie haben durch ihn am Geist und der Gegenwart Gottes Anteil, weil und indem sie glauben. Zuerst glauben sie, in dem sie es für wahr halten und dann glauben sie, indem sie bei Jesus bleiben und ihm vertrauen. Ihre Berufung besteht nun darin, anderen Menschen eben diese Erfahrung zu vermittelt: „Wir haben den Messias gefunden.“ Aus dem Glauben an den Messias entsteht die messianische Gemeinde, die wir heute schlicht Christentum nennen. Und so ist in der Kirche heute Jesus in seinen Worten lebendig und hat Gott in unserer Gegenwart eine Wohnung gegeben.

Gott hat unter uns ein Zuhause.

Andreas lädt nun seinen Bruder Simon zu Jesus ein. Folge doch und höre auch du zu, komm wir gehen hin. Ich wünsche mir für jede Art von Gemeinde, dass dies unter uns viel häufiger geschehen würde. Jeder und jede einzelne Christ und Christin würde andere Menschen ansprechen und einfach zu Jesus einladen.

Jesus spricht den Simon mit Namen und gibt ihm einen Beinamen, Kephas, der Fels. Ich möchte nun keine Petruspredigt halten und darauf näher eingehen, dass es Petrus ist. Er ist durch seinen Bruder zum Jüngern geworden, ist schlicht in die Gemeinde des Messias hinein geworben worden. Jesu verändert nun seinen Namen und zeigt damit: Du bist der Fels auf den ich mich verlassen möchte. Das Unternehmen des Messias ist also keinesfalls ein Einmann Unternehmen, dass nur durch den Messias geleitet und bestimmt wird. Das Unternehmen mit dem großen „C“, womit keine Partei gemeint ist, ist eine Gemeinschaft die auf der gemeinsamen Grundeinstellung beruht: Gott ist der Welt nicht fern, sondern ist nah und gegenwärtig. Gott heilt in Jesus die Grundkrankheit, die darin besteht, dass wir Menschen den Himmel nicht glauben können. In der Gemeinschaft der Glaubenden und dann, wenn die Worte Jesu weitererzählt werden, kommen Menschen zu der Erfahrung der Jünger des Johannes: Jesus hat den Geist Gottes erhalten und gibt ihn an uns weiter. Jesus lebt heute in Worten und Zeichen unter uns und gibt uns seine Gegenwart. Dadurch entsteht die messianische Gemeinschaft, die in dieser Welt Gottes Nähe zur Sprache bringt und immer wieder an Gottes Gegenwart erinnert, sowohl tröstend, bekräftigend aber auch mahnend und erinnernd. Und auf uns, auf jeden Christ und jede Christin baut Jesus seine Kirche auf, jeder ist Kephas, ist Fels, ein lebendiger Stein dieses neuen Tempels, der Kirche heißt. Gott ist in der Kirche gegenwärtig und dann natürlich auch, wenn das Reden und Handeln der Kirche in andere Lebensvollzüge übertragen wird. Wollen wir doch einfach hingehen und unser Christusbekenntnis nicht weiter verschweigen. Wollen wir immer wieder anderen Menschen sagen: Wir haben den Messias gefunden. –

Wir haben doch alle miteinander den Messias gefunden. Warum sagen wir das nicht einfach weiter? Wir waren und sind doch in seinem Haus und haben seine Worte gehört.

Die Geschichte der Jüngerberufung bei Johannes ist so einfach und schlicht, dass sie überall umgesetzt werden kann. Wenn wir uns für das Wachstum der Kirche einsetzen wollen, dann ist uns doch die Zusage der Nähe Gottes gegeben. Wir geben´s nur weiter: Gott hat unter uns ein Zuhause – in Jesus Christus.

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