Vergib uns unsere Schuld

Wenn heute vor allem christdemokratische Politiker, aber auch Kirchenleute, den Werteverfall in der modernen Gesellschaft beklagen, wird oft der Zustand der Familien kritisiert. "Da gibt es Frauen, die haben Kinder von drei verschiedenen Männern, die wiederum eigene Kinder mit in die Ehe bringen. Wie soll in solchen Patchwork-Familien noch Orientierung möglich sein?", klagen auch Lehrer. Als wäre das ein Leiden des 21. Jahrhunderts.

Ein Blick in die biblische Vätergeschichte kann jeden, der sich die Zeit nimmt, sie zu lesen, eines lehren. In der Familie Jakobs herrschten, vorsichtig ausgedrückt, einigermaßen verworrene Familienverhältnisse. Der Vater selbst hatte nach sieben Dienstjahren von seinem Onkel in der Hochzeitsnacht statt der geliebten jüngsten Tochter Rahel die wenig anziehende ältere Lea ins Bette gelegt und jene erst nach weiteren sieben Arbeitsjahren zur Frau bekommen. Dann kam es zu einem Gebärwettstreit zwischen den beiden Frauen, in die nach damaligem Brauch auch ihre Mägde Bilha und Silpa als Ersatzmütter einbezogen wurden. Im Ergebnis hatte Jakob dann zwölf Söhne von vier Frauen: Lea gebar ihm Simeon, Ruben, Levi und Juda, Rahel aber blieb vorerst unfurchtbar, sodass ihre Magd Bilha für sie einspringen und Dan und Naphtali gebären musste. Als Lea glaubte, dass sie keine Kinder mehr bekäme, ließ sie Jakob mit ihrer Magd Silpa schlafen, die ihm Gad und Asser gebar. Dann aber wurden ihr doch noch Issaschar und Sebulon geschenkt. Und nun wurde auch endlich Jakobs Lieblingsfrau Rahel fruchtbar und gebar ihm Joseph und – die Geburt mit ihrem Leben bezahlend – Benjamin. Kein Wunder, dass Joseph Jakobs Lieblingssohn wurde und er ihn gegenüber seinen Brüdern bevorzugte: Er wurde wie ein Fürst in ein kostbares Wickelkleid, den bekannten "bunten Rock" eingekleidet und brauchte nicht zusammen mit seinen Brüdern Schafe und Ziegen zu hüten. Diese Bevorzugung schien dem Jungen so in den Kopf gestiegen zu sein, sodass er nicht nur zweimal von seiner künftigen königlichen Stellung träumte, sondern das auch noch seinen Brüdern erzählte und sie damit gegen sich aufbrachte.

Die Brüder haben dann, diese Passage aus der Josefsgeschichte kennen viele, den Lieblingssohn an ägyptische Händler verkauft. Er machte am Hof des Pharao Karriere, weil er Träume deuten konnte und wurde dort zum Vezier des Königs auf und konnte die nötige Vorsorge treffen, während der in den Träumen vorausgesagten sieben fetten Jahre im ganzen Lande so große Getreidevorräte anzulegen, dass sie in den nachfolgenden sieben mageren nicht nur für die Ägypter ausreichten, sondern auch die Bewohner der angrenzenden Länder nach Ägypten ziehen konnten, um dort Brotgetreide zu kaufen. Auf diesem Weg kamen auch Josepfs Brüder nach Ägypten. Joseph wollte erst wissen, ob sich seine Brüder verändert hatten. Er ließ sie als Spione ins Gefängnis werfen, er verlangte ihnen allerlei ab. So sollten sie seinen jüngsten Bruder Benjamin als Sklaven bei ihm lassen.

Doch nun trat Juda vor ihn und erklärte sich seinerseits bereit, Josephs Sklave zu werden. Benjamin aber müsse zurückkehren, weil sein Verlust dem Vater das Herz bräche. Da erkannte Joseph, dass sich seine Brüder gebessert hatten, gab sich ihnen zu erkennen und lud sie ein, mit ihrem Vater, ihren Frauen und Kindern und Herden in das im östlichen Nildelta gelegene Land Gosen zu ziehen, damit sie alle die restlichen Hungerjahre überlebten. Und so geschah es. Nun wäre die Geschichte zu Ende, wenn nicht nach dem Tod des gemeinsamen Vaters die Brüder eine grenzenlose Panik erfasst hätte. Davon hören wir nun:

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Da haben sich die Brüder Josefs also doch wieder eine komplizierte listenreiche Geschichte ausgedacht, denn ob Jakob das auf dem Sterbebett wirklich so gesagt hat, wissen wir nicht. Aber wer würde den letzten Willen des toten Vaters missachten? "Naja, wird doch oft genug gemacht. Wie viele lassen heute ihre Eltern weltlich begraben, obwohl die es sich ausdrücklich anders gewünscht haben. Und wie viele entscheiden sich gegen den letzten Willen der Eltern aus Kostengründen für eine Urnenbeisetzung. Oder prominentes Beispiel: Der letzte Wille von Johannes Paul II., seine privaten Aufzeichnungen zu vernichten, wird gerade von seinem engsten Vertrauten missachtet.

Es ist allerdings auch nicht der Respekt vor dem toten Vater, der Josef liebevoll auf seine Brüder zugehen lässt. Josef stellt vielmehr die entscheidende Frage: "Wer bin ich denn, dass ich über euch zu bestimmen hätte? Stehe ich an Gottes Stelle?" Das ist nicht mehr der verwöhnte kleine Bruder von damals, der mit seinen Markenklamotten die Brüder zur Weißglut brachte. Das ist ein Mann, der gelernt hat, wem allein es zusteht, über Menschen zu entscheiden: Gott. Und er selbst hat in seinem Leben so oft erfahren, dass Gott es gut mit ihm meint, dass er in seinem ganzen Leben Gottes Führung erkennt und anerkennt. Vergebung, das ist eine Sache zwischen Gott und den Menschen, nur er kann Schuld wirklich aufheben. Aber er tut es, sobald er spürt, dass jemand ihn ernsthaft darum bittet. Und dann steht es keinem Menschen zu, kleinlicher zu sein als Gott.

Das ist oft gar nicht so einfach. Es gibt Familienzwiste, die schleppen sich durch Generationen. Und es gibt Dinge, die Geschwister einander antun, da fällt es schwer, die ausgestreckte Hand wieder zu ergreifen. Josef, dem seine Brüder wirklich übel mitgespielt hatten, wächst an dieser Stelle über sich selbst hinaus: Er ist sogar in der Lage, seine verängstigten Brüder zu trösten. Zu mehr ist nur einer fähig: Jesus: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", sagt er.

Was sollen wir heute mit einer so alten Geschichte? Für die einen ist sie eine, ja DIE Führungsgeschichte, also das Paradebeispiel, wie Gott alle Dinge in der Hand hat und auch aus den schlechtesten Absichten Gutes bewirken kann. Andere werden sagen: "Ist ja gut und schön, aber in meinem Leben merke ich davon nichts. Ich kann keinen Sinn darin erkennen, dass Gott mir meinen Mann oder meine zwei Kinder genommen hat, ich finde keine Erklärung und ich finde auch nichts Gutes daran. Was ist denn an mir so anders als an Josef, dass Gott mich offenbar vergessen hat oder bestraft?" Da fällt eine Antwort schwer, denn es ist hier und jetzt nur ein schwacher Trost, zu sagen, dass wir die Wege Gottes nie ganz ermessen können und nicht wissen, wovor er uns bei allem Leid noch bewahrt hat.

Andere werden sagen: "Mag ja sein, dass Josef in der Lage war, seinen Brüdern zu verzeihen. Ich kann das nicht. Was mein Bruder (oder mein Vater) mir angetan hat, das kann ich einfach nicht vergessen, und in mir kommt so viel Schmerz und Wut hoch – darüber komme ich nicht hinweg." Das ist ehrlich und ehrenwerter als geheuchelte Vergebung und ein innerer Hass, der einen zerfrisst. Dennoch sind wir als Christen aufgerufen, immer wieder über einen Neuanfang nachzudenken. In vielen Fällen – ich rede hier über Zerwürfnisse zwischen Erwachsenen – ist es doch oft auf beiden Seiten alte Schuld. Gott will, dass wir leben können, dass wir eine Zukunft haben und nicht ersticken in Angst und Schuldgefühlen. Er öffnet uns die Tür für eine neue Zukunft. Hineingehen können wir dann, wenn wir aufhören, einander Schuld vorzurechnen. Es gibt da so eine Bitte im Vaterunser, die wir oft gedankenlos sprechen: "Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Das bedeutet, das Vergangene loszulassen. Wann aber können wir das? Ich habe lange Zeit in einer Therapieeinrichtung für Jugendliche gearbeitet und bin heute noch regelmäßig dort in einer familientherapeutischen Gesprächsgruppe. Daher ist mir das Wort "Familiengeheimnis" vertraut. Es gibt Familien, die werden zerfressen von einer alten Geschichte, über die nicht gesprochen wird. Und meist wird einer in einer solchen Familie dann seelisch oder auch körperlich krank, weil er das ungesunde Klima von Schweigen, Andeutungen und Aussparen nicht mehr erträgt. Es ist ein unangenehmer und schmerzlicher Prozess, den Deckel von so einem abgestandenen Brunnen der Vergangenheit aufzuheben, aber nur so kann eine vergiftete Atmosphäre wieder sauber werden. Manchmal wird Patienten aus solchen Familien geraten, einen Brief an die einzelnen Beteiligten zu schreiben und den Brief dann irgendwo abzulegen – zum Beispiel durchaus auch am Grab des Großvaters, der Anlass für die Verwicklungen war. Und dann einen Schlusstrich zu ziehen.

Wir als Christen haben eine andere Möglichkeit: Wir können die ganze Geschichte vor Gott bringen. Er wird uns helfen, die Bitte umsetzen zu können: "vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Wenn er an unserer Seite ist, dann sind wir fähig, zu vergeben, dem anderen und auch uns selbst.

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