Heimat

Liebe Gemeinde,

gerade eben haben wir die kleine Eva in unserem Gottesdienst nach dem Auftrag unseres Herrn getauft. Ich erinnere an ihren Taufspruch aus dem 2. Buch Mose im 23. Kapitel, den 20. Vers: "Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behütet auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe."

Unser Leben, liebe Gemeinde, hat ein Ziel. Würde ich Sie jetzt fragen, was ist denn Ihr Ziel, so würde ich Sie vielleicht in Verlegenheit bringen, denn natürlich würden viele von uns gute und hehre Ziele vortragen können.

Sei es eine intakte Familie, sei es ein Leben, welches Früchte für andere trägt. Ich denke schon, dass die, die heute hier sind, Ziele in dieser Richtung für ihr Leben aufweisen können und nicht nur die Ziele, die wir in der Werbung oder im Kommerz so oft zu hören bekommen: "mein Auto, mein Haus, meine Jacht …". Aber dennoch weist uns der Taufspruch von Eva und unser heutiges Predigtwort noch über jene Ziele hinaus. Hören wir also unser Predigtwort aus dem Evangelium des Johannes im ersten Kapitel, die Verse 35-42.

[TEXT]

Von Jüngern, liebe Gemeinde, ist hier die Rede. Menschen also – übrigens Frauen und Männer – die bereit waren, einem Lehrer zu folgen, ihm nachzufolgen, mit ihm ihr Leben zu teilen und durch sein Lebensvorbild zu lernen.

Durch das, was er tat und das, was er sagte. Eine Jüngerschaft übrigens, wie wir sie uns heute nur noch schwerlich vorstellen können: sein bisheriges Leben quasi aufzugeben und sich ganz und gar der Obhut eines anderen Menschen anvertrauen und auf sein Wort hin, neue Richtungen im eigenen Leben einzuschlagen. Johannes der Täufer, von dem wir hören, muss ein solch charismatischer Lehrer gewesen sein. Ein Mann, der in die Wüste zog, sich von wildem Honig und Heuschrecken ernährte, als Kleidung nur einen rauen Kamelhaarmantel zuließ und in seinen Worten die radikale Buße predigte und bereit war, jeden, der es damit ernst meinte, im Jordan zu taufen.

So hatte er einige Jünger, die angezogen von der Radikalität ihres Lehrer, seine Worte begierig aufnahmen, denn sie suchten ein Ziel für ihr Leben. Johannes aber wollte und konnte nicht mehr als ein Wegweiser auch für seine Jünger sein. Seine Radikalität – so war ihm bewusst – war noch nicht genug, taufte er mit Wasser, so sein Bild, so käme bald ein anderer, der mit Feuer taufen würde. Und er? Er wäre es nicht wert, diesem, der da kommt, auch nur die Schuhriemen zu lösen. Was wundert es also, dass die zwei Jünger, die bei Johannes sind auf ein Wort ihres Meisters: "Siehe, das ist das Lamm Gottes!", Johannes stehen lassen, wo er ist, um diesem Jesus, dem Lamm Gottes, hinterher zu laufen. Und nun offenbart sich, was diese Menschen eigentlich suchen. Denn Jesus spricht sie an und fragt: "Was sucht ihr denn?" Sie aber antworten: "Herr und Meister, du sollt von nun an unser Lehrer sein, denn wir suchen eine Bleibe. Wir suchen eine Herberge. Genauer: wir suchen deine Herberge, denn wir wissen, was Johannes über dich sagt: du bist der Sohn des lebendigen Gottes! Zeige uns, wo unsere göttliche Heimat ist!"

Die Jünger suchen nichts weniger als das Ziel ihres eigenen Lebens. Und sie wissen in ihrer Suche schon mehr, als viele Menschen heute wissen. Wenn ich heute höre, dass so viele Menschen auf der Suche seien, dann muss ich immer lächeln und fragen: "Ja, was suchen sie denn?" Suche um der Suche willen ist nutzlos. Und anderes Suchen möchte ich gar nicht unterstützen: Suche nach der Karriere, Suche nach viel Geld und Gold, Suche nach Macht. Es geht bei einer Suche nämlich immer um mehr. Es geht um die Entscheidung, in welche Richtung, auf welches Ziel ich denn suchen möchte. Viele Menschen, die mir in der Esoterik begegnet sind, würden von sich behaupten, dass sie auf der Suche sind. Ich habe allerdings oft den Eindruck gewonnen, sie suchen eigentlich nur sich selber und meinen damit so etwas ähnliches wie die eigene Göttlichkeit, das eigene Ego, das gestärkt, verklärt, aufgeladen oder was auch immer werden soll. Die Jünger suchen etwas anderes. So wie der Wanderer ein Ziel hat, eine Herberge, wo er rasten kann oder ein Heim, zu dem er hinstrebt, so haben die Jünger das Ziel ihres Lebens vor Augen. "Herr, wir möchten dort sein, wo du zu Hause bist." Jesus nimmt sie mit und sagt zu ihnen: "Kommt und seht!".

Tatsächlich, die Jünger werden sehen, was es heißt, mit Jesu unterwegs zu sein und aus seiner Heimat heraus zu leben. Sie werden erleben, was es bedeutet, in dieser Welt auf Wanderschaft zu gehen, um die zukünftige Welt leben zu können. Vielleicht ist das der deutlichste Unterschied, den wir überhaupt machen können, wenn wir von Jesu Heimat reden. Mir fällt Jesu Wort ein: "Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt betten könnte." In dieser Welt, wohlgemerkt. Die Christen, die also, die in Jesu Namen versuchen, seinen Weg zu gehen, bleiben in dieser Welt ein wanderndes Gottesvolk, wie es der Hebräerbrief ausdrückt. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt." spricht Jesus im Johannesevangelium an anderer Stelle. Dennoch greift dieses Reich, diese Heimat Jesu in unsere Welt hinein und wer an Christus glaubt, der wird erleben, wie das Reich sich ausbreitet und die Menschen verwandelt im Heiligen Geist. Jesus betet darum, ebenfalls im Johannesevangelium: "Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben, damit sie alle eins seinen." Jetzt ist das Ziel endlich genannt. Es ist der Ort, der für uns vorbereitet wurde und zu dem wir alle hingeleitet werden möchten. Dass wir eins werden mit dem Vater, den wir hoffen von Angesicht zu Angesicht zu sehen in der kommenden Herrlichkeit.

Nun, liebe Gemeinde, das ist schwer zu begreifen und wer das Johannesevangelium liest, dem wird es oft so ergehen: "Wie ist das zu verstehen? Was soll das heißen für mein eigenes Leben?". Es bedeutet dreierlei. Zunächst gibt uns das Beispiel der Jünger an: dass wir nicht ohne Hilfe sind in dieser Welt. Wir müssen uns nicht alleine mühen, wir müssen nicht aus eigener Kraft kämpfen und wir müssen nicht so tun, als ginge es dabei nur um den Teil von uns Menschen, den wir heute begreifen und sehen können. Nicht nur um meinen Körper, nicht nur um das, was ich von meinem Geist verstehen. Es geht auch nicht nur um meine Seele, die zu retten wäre. Es geht um viel mehr. Es geht um uns als ganzer Mensch – mit allen Dingen und Eigenschaften, mit aller Eigenheit und aller Individualität und Persönlichkeit, die ich selbst gar nicht überblicken kann. Bei all dem bekomme ich eine Hilfe, die mir unverbrüchlich zugesagt worden ist, ganz so, wie es heute bei unserem Täufling geschehen ist. Die Hilfe steht bereit und es ist jeder eingeladen, sie anzunehmen und sie im eigenen Leben zu verwirklichen. Aber es geht noch um ein zweites: diese Hilfe will ergriffen werden. Die eigene Suche muss qualifiziert und benannt werden. Und obwohl wir im Vergleich zu den Jüngern damals einen enormen Vorteil haben, müssen doch auch wir immer wieder bergreifen, dass Suchen mit Entscheiden zu tun hat. Die Jünger des Johannes damals sind durch eine radikale Schule gegangen und es war ihnen dennoch nicht genug. Sie wussten, ihre Suche war nicht zu Ende – schließlich folgten sie Jesus. Wir sind bereits Jesu Jünger und durch die Taufe Gott zugeordnet. Aber auch wir sind noch auf der Wanderschaft durch diese Welt. Wer stehen bleibt und seine Heimat in den weltlichen Dingen findet, der geht den Weg nicht mit Jesus zu Ende, sondern verharrt in dem, was er bereits meint gefunden zu haben. Und vielleicht ist es gar nicht so viel anders als das, was die Welt eh schon anbietet: "Mein Haus, mein Auto, meine Jacht …".

Die Nachfolge Jesu bedeutet, den Weg zur Heimat, zur Herberge zu Ende zu gehen. Los zu lassen von allem, was uns hier binden will und sein Vertrauen alleine auf den zu setzen, dem wir als Lehrer, als Meister nachfolgen. Das wäre das dritte, so wie wir es aus unserem Predigtwort auch hören: "Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte." In unserem Bekenntnis machen wir uns daran fest. Nicht der Mensch Jesus ist es, der uns fasziniert, sondern erst der Mensch im Gott und Gott im Mensch, der Christus, auf Deutsch: der Gesalbte. Er ist der Retter der Welt, wer an ihn glaubt, der wird das ewige Leben erlangen. Wer ihm nachfolgt, der wird sein Reich und seine Herrlichkeit schauen.

Aber, liebe Gemeinde, was hilft uns das schon für unser Leben hier? Hat nicht doch der konkretere Ziele, der Fotos auf den Tisch knallen kann uns über uns lacht: "Mein Haus, mein Auto, meine Jacht …"? Oder vielleicht sogar subtiler und nicht ganz so offensichtlich kommerziell: "Meine Frau, meine Kinder, meine soziale Lebensbilanz …!". Es ist wahr – der Christ lebt gegen den Augenschein. Er kann sich dieser Fotos nicht erwehren.

Er kann mit seinem Leben nicht in dieser Weise prahlen. Denn solche Fotos, solche Geschichten, solche Ziele blenden eines aus: das Leid in dieser Welt. Der Christ kann das Leid nicht ausblenden, denn er erfährt es zu oft am eigenen Leibe. Dort, wo unser Leben bedroht ist, wo Unheil und Unglück hereinbricht. Und das Unheil ist so vielfältig, dass wir es nur anzureißen brauchen, damit wir die Dimension des Unheils erkennen: Arbeitslosigkeit, Armut, Tod, Schmerzen, Einsamkeit, Depression, Verzweiflung, Mutlosigkeit, Angst usw. usf. Es ist das bedrohte Leben hier auf dieser Erde, liebe Gemeinde, mit dem der Christ offenen Auges konfrontiert ist. Er wird zwar seine guten Zeiten haben, wie die Kinder der Welt auch. Aber er kann sein Lebensziel nicht an diesen guten "Ich-habe-doch-alles-erreicht-Fotos" festmachen. Diese Erde, diese Welt ist nicht das Paradies, was wir erreichen könnten, sondern es ist das verlorene Paradies und unsere Heimat liegt woanders. Der Prophet Sacharja drückt es so aus: "Ich will sie heimbringen, dass sie in Jerusalem wohnen. Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein in Treue und Gerechtigkeit." Darauf, liebe Gemeinde, wartet die Christenheit, dass diese Zusage vollständig erfüllt werde. Mit Christus ist uns die Heimat offenbart worden und aus dieser Heimat, aus dieser Hoffnung leben wir. Aber hier auf Erden ist das Ende noch nicht vollbracht, noch wandern wir hin zu jenem Ort, der uns versprochen ist und zu dem uns Engel geleiten werden, wie es Evas Taufspruch ausdrückt.

Weil wir mit Christus verbunden sind, sind wir auch mit dem Leiden verbunden, so wie er an der Welt gelitten hat und für das Leiden dieser Welt gestorben ist. Die Christen haben also ein offenes Auge für das Leiden der Welt und deswegen reicht ihr Ziel weiter, als nur zu besagten Fotos hin: "Mein Auto, mein Haus, meine Jacht …".

Zurück zur Frage aber: was hilft uns das schon für unser Leben hier? Wir finden Antwort in dem letzten Vers unseres Predigtwortes: "Du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels!" Unser Wissen, unser Glaube, unser Vertrauen auf diesen Jesus schenkt uns mehr als die Welt uns schenken kann. Denn wir sind der Welt und ihrem Leide nicht schutzlos ausgeliefert. Wenngleich wir es erleiden müssen und darin keine weltliche Lösung finden, so haben wir doch einen Halt im Glauben, der uns weiter trägt – über dieses Leben hinaus. Dieser Glaube ist gebaut wie auf Fels und er trägt auch noch, wenn die Fotos von Auto, Haus und Jacht längst vergilbt und vergessen sind.

Wer bekennen kann wie die Jünger: du bist Christus, der darf gewiss sein: seine Heimat reicht schon jetzt zu ihm in die Gegenwart und bietet Grund und Halt bis zu jenem Tag, wenn es heißt: "Kommt und seht – die Herrlichkeit unseres Vaters!".

Und der Friede Gottes, der uns unsere Heimat zeigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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