Schafskälte

Jetzt kommt die Predigt passend zum Wetter. Schafskälte haben wir in diesen Tagen. Der Ausdruck hängt bekanntlich zusammen mit dem Temperaturabfall, der oft in der Junimitte auftritt. Angeblich nur einige Tage lang. Wenn es dann richtig kalt wird, so auf 10 Grad herunter, kann das für frisch geschorene Schafe echt gefährlich werden, ungemütlich ist es für sie allemal.

Soviel zum Bauernkalender. Abgesehen von der Schafskälte mögen dem Städter die Zustände aus diesem Gleichnis auf den ersten Blick ganz fern vorkommen, aus einer versunkenen Zeit. Andererseits sind wir doch alle betroffen. Jeder von uns hat sich ernsthaft gesorgt oder geärgert über abhanden gekommene Dinge. Manches war nicht wirklich tragisch. Wenn du die Fernbedienung verlegt hast, könnte es sogar sehr heilsam sein, wenn sie lange unauffindbar bleibt. Leider lassen sich die meisten TVs auch per Hand einschalten, so wird weiterhin viel wertvolle Zeit vertan mit unwichtigen Sendungen. Andere haben ihre Schlüssel verlegt oder ihre Brieftasche. Das ist schon heftiger. Man kann sich dann furchtbar ärgern, alle möglichen im Hause verdächtigen und scheuchen. Man kann aber auch zu dem Mittel greifen, das einem Christen in allen Lebenslagen bereit steht: Das Gebet. Gott freut sich, wenn wir ihm alles sagen, was uns bewegt. Ein Gebet wie, Herr erinnere mich doch bitte daran, wo ich das Teil hingelegt habe, zeigt ihm unser Vertrauen. Und es erleichtert ungemein. Ich bin die Sorge jetzt los, kann mich um andere Dinge kümmern, und darf ganz gespannt sein, wo sich das Verlorene anfinden wird. Gott weiß ja, wo es liegt.

Zum Glück reicht die Aktualität der Geschichte vom Verlorenen Schaf viel weiter als nur auf das Gebiet unserer Vergesslichkeiten. Jesus redet hier nicht von Sachen. Er redet von Menschen. Er redet von Menschen unserer Zeit. Und hier ist das Gleichnis geradezu erschütternd aktuell. Denn immer größer wird die Zahl derer, die verirrt darauf warten, dass sich jemand um sie kümmert, ihre Not sieht, sie dahin bringt, wohin sie gehören. Lasst mich dazu drei Gedanken ausführen:

1. Die Welt ist voller Vereinzelter

2. Es gibt eine Herde, zu der wir gehören dürfen.

3. Wir brauchen mehr Hirten.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf trifft die Not unserer Zeit genau. Die Zahl derer, die in Vereinzelung, in Isolation leben, nimmt immer mehr zu. Da ist das blasse etwas pummelige Mädchen auf der hintersten Bank. Der Platz neben ihr ist leer. Ihre Familie ist vor kurzem hergezogen. Sie musste sich umstellen auf eine neue Umgebung, auf eine andere Schule. Zu den Cliquen ihrer Klasse findet sie keinen Zugang. Na ja, das eine Jahr noch rumkriegen. Hoffentlich findet sie dann rasch einen Ausbildungsplatz und neue Freundschaften.

Da ist der Student, der seine Diplomarbeit immer noch nicht geschrieben hat und ein Semester ans andere reiht. Man sieht ihn nicht mehr in den Vorlesungen wie vor Jahren. Irgendwie schlägt er sich durch. Die Kontakte von einst sind ausgedünnt.

Da ist die Witwe aus dem Block. In der Wohnung, wo ihre Kinder einst aufgewachsen sind und wo sie viele Jahre an der Seite ihres Mannes verbracht hat, ist sie geblieben. Die Nachbarn von einst sind nicht mehr da. Von den Neu Eingezogenen hat sich niemand vorgestellt. Ein flüchtiger Gruß im Vorbeigehen, wenn überhaupt.

Die Vereinzelung nimmt rapide zu. Nicht immer sind die Umstände schuld. Da ist auch vielfach mangelnde Bereitschaft, sich anzupassen, die eigenen Ansprüche zurück zu stellen. Da ist die junge Frau in der Reihenhaussiedlung, die von den Einheimischen immer noch als Neuzugezogene eingestuft wird. Der Mann ist beruflich oft außerorts. In das örtliche kulturelle Leben mag sie sich nicht einfügen, unter Kultur versteht sie etwas anderes als Feuerwehrball oder Landfrauenbund. Sie vermisst die frühere Umgebung.

Unsere Zeit ist voller Vereinzelung. Die anonymen Gräberfelder auf den Friedhöfen der Großstädte sind oft nur ein Spiegelbild dessen, was im Leben vorher der Fall war. Das Leben scheint an vielen dieser Vereinzelten vorbei zu gehen. Schlimmer noch: Die Not wird zur Tugend erklärt. Der Individualismus wird als erstrebenswert dargestellt in den Medien. Mach was du willst, schau selber, wie du glücklich wirst, lass dir nichts vorschreiben. Finde deinen eigenen Weg. Du musst nicht angewiesen sein auf andere, du musst niemanden fragen, das kannst du alleine machen über das Internet. Genieße die Vielfalt, entdecke die Möglichkeiten. Viele Menschen sind damit überfordert. Sie schaffen es alleine eben nicht. Es fällt ihnen schwer, ihren Haushalt in Ordnung zu halten, ihr Konto im Plus zu halten, früh aufzustehen, auf andere zuzugehen, gute Gewohnheiten zu pflegen, Beziehungen zu pflegen, kurz: das Leben zu meistern.

Die Welt ist voller Vereinzelter, und es werden immer mehr. Inmitten dieser traurigen Entwicklung kommt nun eine gute Nachricht: Jesus sieht den Einzelnen. Jeden. Mehr noch: Jesus sucht den Einzelnen. Mehr noch: Jesus lässt nicht locker, bis er ihn findet. Er sieht den Verlorenen Sohn im Schweinestall. Er sieht den reichen, aber einsamen Zöllner, wie gut er sich und seine Not auch getarnt hat. Er sieht den Fischer, der nach einer schlaflosen Nacht ohne Fang verbittert am Ufer hockt. Er sieht die chronisch kranke Frau, die ihr Vermögen bei Ãrzten gelassen hat, die ihr nicht helfen konnten.

All die hat er nicht nur gesehen, er ist auf sie zu und hat sich um sie gekümmert und ihnen geholfen. Und dann, das ist das besondere, hat er sie nicht weg geschickt und gesagt: Nun sei dankbar sieh zu, wie du voran kommst glücklich wirst. Er macht es anders. Er macht es wie der gute Hirte in unserem Gleichnis: "Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und sagt ihnen: Freut euch mit mir!"

Jesus bringt also das verlorene Schaf heim. Wohin? Zur Herde natürlich. Aber so natürlich ist das nicht in unserer Kultur des hochgepriesenen Individualismus. Viele müssen erst entdecken, was dieses Heimbringen des verlorenen Schafes bedeutet, nämlich

2. Es gibt eine Herde, zu der wir gehören dürfen.

Mit anderen Worten: Wir sollen nicht uns selbst genug sein, jeder nach seiner Facon selig zu werden trachten ohne Rücksicht darauf was die anderen denken. Es gibt eine Gemeinschaft in die du gehörst und wovon du ein Teil bist. Und ohne dich fehlt etwas und dieser leere Platz ist ein wirklicher Verlust. Diese Wahrheit verdeutlicht Jesus mit der Geschichte von den 100 Schafen, von denen die Abwesenheit von nur einem für andere ein verkraftbarer Verlust sein mag. Aber nicht für Jesus. Er sucht nicht nur das Verlorene, er weist ihm auch wieder seinen Platz in der Gemeinschaft zu. Wohin es eigentlich gehört.

Diese Sicht fehlt unserer Zeit. Das größere Ganze, zu dem der einzelne gehört, wird nicht gezeigt und wird nicht empfohlen. Es wird höchstens gesagt: Such dir was schönes aus.

Nach unserem Gleichnis ist aber diese größere Gemeinschaft, zu der man gehört, nicht etwas was man sich aussuchen muss. Sondern etwas, wozu man bereits vorher gehört. Diese größere Gemeinschaft kann in der Welt viele Formen haben: Ein Sportverein, die Klassengemeinschaft in der Schule, der Kollegenkreis, eine Hausgemeinschaft, die Nachbarschaft in der Straße. Das sind durchaus wichtige Gruppen. Und man tut gut daran, sie nicht zu meiden, sondern hier Gemeinschaft zu suchen und sich einfügen. Aber letztlich sind das vorübergehende Gemeinschaften, auf einen Lebensabschnitt bezogen. Die wichtigste Gemeinschaft, eben weil sie lebensübergreifend ist und weil sie von Gott gestiftet ist, nicht von Menschen, ist die christliche Gemeinde. Von Anfang an kannst du dazugehören. Die Taufe der Kinder eröffnet dazu die Möglichkeit, allerdings muss das später bewusst bekräftigt werden. Zu dieser Gemeinschaft gehören ist nicht so sehr eine Frage von Mitgliedschaft oder Mitgliedsbeitrag, von Konfessionszugehörigkeit. Es geht um ein wirkliches Miteinander, die anderen sehen, treffen und kennen, die auch dazu gehören.

Weit verbreitet ist nach wie vor die Ansicht, ich kann Christ sein auch ohne in die Kirche zu gehen. Ich kann meine Andacht auch im Wald haben, dem Schöpfer auch nahe sein in Gottes freier Natur. Also da, wo ich niemand treffe außer Bienen und Vögel. Im Grunde steckt dahinter die Vorstellung, ich kann Glaube leben für mich allein, ohne die anderen. Das ist ein tragischer Irrtum. Graf Zinzendorf, der Schöpfer des Losungsbuches hat diese Einstellung einmal scharf getadelt mit den Worten: Ich konstatiere kein Christentum ohne Gemeinschaft.

Oder mit den Worten diese Gleichnisses gesprochen: Es gibt kein Schaf ohne Herde. Darum möchte uns dieses Gleichnis Mut machen, dass wir uns von Jesus nicht nur finden lassen, helfen lassen. Sondern uns von ihm auch heimführen lassen zu der Gemeinschaft zu der wir gehören. Jesus verspricht keineswegs, diese Gemeinschaft sei ideal. Bei Jesus ist es herrlich, bei der Herde nicht immer! Und doch ist die Gemeinde der Raum, wo wir Schutz haben, Heimat, wo wir lernen im Glauben zu wachsen, wo wir unsere Gaben finden und entwickeln können.

Insofern ist das Verlorene, das Jesus sucht, nicht nur Einzelne, die vom Glauben abgefallen sind, die in schwerste Schuld sich verstrickt haben, die nicht mehr klar kommen. Die Verlorenen, die Jesus sucht, sind gerade die, die den Anschluss verloren haben an die Gemeinschaft. Die große Schwierigkeiten haben, sich wieder einzuklinken. Und die Gemeinschaft macht es ihnen auch nicht immer leicht. Es ist nicht leicht, etwa hier beim Kirchkaffee nach dem Gottesdienst Anschluss zu finden. Und ich wünsche mir, dass wir etwa im Zusammenhang der Wiedereröffnung des kleinen Saals nach dem Umbau auch schauen, wie können wir durch die Gestaltung und Sitzordnung und das Arrangement einladender sein, damit man leichter Zugang findet. Und es bedarf dazu insbesonderer einzelner aus der Herde, die in besonderem Maße diesen Zugang erleichtern.

Das sind die Hirten, deshalb der dritte Punkt:

3. Wir brauchen mehr Hirten.

Es geht dabei nicht nur um Pastoren, sondern generell um Leiter, die auf die Einzelnen achten und die auf die Herde achten. Das ist es, was ein Hirte tun muss. Wenn also Kirchengemeinden Menschen in Leitungsämter berufen, etwa als leitenden Kirchenvorsteher, oder als einen hauptamtlich Angestellten. Dann ist von entscheidender Wichtigkeit, das sie oder er einen Hirtenblick hat. Das sie oder er bereit ist, Hirtenwege zu gehen. Das ist oft mühsam. Das kostet Zeit. Dabei erntet man Missvergnügen. Die schon dabei sind, sehen es ungern, wenn der Hirte sie allein lässt und sich um die Verlorenen kümmert. Natürlich darf ein guter Hirte nicht nur abwesend sein auf der Suche nach einzelnen Verirrten. Er muss auch vor Ort präsent sein, da sein, nicht nur unterwegs, auf die braven Schafe achten, die unauffälligen. Ein Hirte hat immer den zweifachen Blick: Auf die Herde achten, sie zusammen halten, und die nicht aus dem Blick verlieren, die abseits der Herde sind und nichts nötiger haben als wieder zu ihr heim zu finden.

Ein menschlicher Hirte wird das nur unvollkommen tun können. Aber Gemeinden sollten darauf achten, dass künftige Leiter diese Hirtengabe haben, diese Hirtenziele verfolgen. Der tüchtige Leiter muss nicht ein Tausendsassa sein, ein Alleskönner, einer der die tollsten Programme ausdenkt und durchführt. Es genügt, wenn er ein treuer Hirte ist. Einer, der klare Ziele hat und den Weg dazu zeigen kann. Einer, der die kennt, die dazu gehören und der sich müht sie zusammen zu halten. Einer dem es auffällt, wenn jemand fehlt, und der gleich nachhakt und dabei hartnäckig bleibt. Dann ist das Wichtigste getan.

Das ist manches Mal mühsam. Es macht nicht immer Spaß Hirte zu sein, es macht nicht immer Spaß in der Gemeinde zu sein, und es macht am wenigsten Spaß abseits von der Gemeinde in der Vereinzelung sein. Aber wenn Jesus, der gute Hirte, uns erreicht und prägt und versorgt und stärkt und führt, dann kommt wieder Freude auf.

So wie es in dem alten Kinderlied heißt, das leider aus dem Gesangbuch verschwunden ist:

Weil ich Jesu Schäflein bin freu ich mich nur immerhin

übe meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten

der mich liebet der mich kennt, und bei meinem Namen nennt.

Sollt ich denn nicht fröhlich sein, ich beglücktes Schäfelein,

denn nach diesen schönen Tagen, werde ich endlich heim getragen

in des Hirten Arm und Schoß. Amen, ja mein Glück ist groß!

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