Lebensüberblick

Liebe Gemeinde,

manchmal geht es sehr verworren zu in unserem Leben. Ich kriege es mit aus den Gesprächen anlässlich von Taufe und Beerdigung, aus der Schule und von Konfirmanden. Da gibt es Trennung und Wiederverheiratung, da gibt es berufliche Wirren, aufgezwungene Arbeitslosigkeit, Neuorientierung und Umzüge.

Natürlich gibt es auch viel Leid und Schmerz, Gott-sei-Dank auch aber Freude und Hoffnung. Vieles davon macht uns Angst, weil wir nicht überblicken können, wohin das führen soll. Gibt es ein Ziel hinter solchen Geschichten, oder ist es bloß ein blindes Schicksal, das uns wie Treibholz im großen Meer des Lebens umherwirft, um uns einst an irgendeinem beliebigen Strand wieder auszuspucken?

Eine solch verwirrende Geschichte finden wir auch in der Bibel, die Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Sein Vater Jakob, hatte nach sieben Dienstjahren von seinem Onkel statt der Braut, um die er warb, deren ältere Schwester Lea bekommen und er musste weitere sieben Jahre um Rahel werben, um schließlich auch sie heiraten zu können. Die beiden Schwestern veranstalteten daraufhin so etwas wie einen Wettkampf im Kinderkriegen, in welchen sie nach damaliger Sitte auch ihre Mägde mit einbezogen. Am Ende hatte dann Jakob zwölf Söhne von vier verschiedenen Frauen, ganz zuletzt erst von seiner Lieblingsfrau die Söhne Josef und Benjamin, bei dessen Geburt Rahel starb. Josef wurde der Liebling Jakobs und vom Vater stark bevorzugt. In seinen Träumen sah sich Josef schon in königlicher Stellung. Seine Halbbrüder waren deshalb recht sauer auf ihn und sorgten dafür, dass er aus der Familie verschwand. Auf einem Sklavenmarkt in Ägypten tauchte Josef wieder auf, wo ihn ein Hofbeamter des Pharaos mit Namen Potiphar kaufte. Er kam in eine gute Stellung, landete aber wiederum auf der sozialen Leiter ganz unten – diesmal im Gefängnis, weil ihn Potiphars Frau anschwärzte, er hätte sie sexuell belästigt. Im Gefängnis deutet er die Träume der Gefangenen, was ihn schließlich durch eine Empfehlung an den Tisch des Pharaos bringt und er von dort aus Wesir des Königs wird und Ägypten vor einer Hungersnot rettet. Vom Hunger getrieben müssen aber die Halbbrüder Josefs nach Ägypten kommen und um Getreide betteln. Dort geht es noch eine Weile hin und her und Josef testet seine Brüder, ob sie sich gebessert hätten. Als er erkennt, das dem so war, offenbarte er sich ihnen und die ganze Geschichte endet mit einer Versöhnung: so wir hören das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem ersten Buch Mose im 50. Kapitel, die Verse 15 bis 21:

[TEXT]

Diese Geschichte, liebe Gemeinde, ist eine der längsten Erzählzyklen im Alten Testament und ich finde es schon erstaunlich, was diesem Josef da alles widerfährt. Sein Leben ist ein einziges Auf-und-Ab und ganz oft befindet er sich so sehr am Rande des Todes, dass man als Leser denken muss: jetzt ist es gleich aus mit ihm. Auch unsere Gefühle sind nicht eindeutig verteilbar. Nicht immer gilt die ganze Sympathie dem Josef. Warum muss er sich auch so aufplustern mit seinen Träumen und die vor allem noch erzählen: wie Sonne, Mond und Sterne sich vor ihm verbeugten? Ist es da nicht verständlich, dass die, die hart arbeiteten, sich an dem verzogenen Tagträumer rächen wollen?

Die Geschichten in der Bibel, liebe Gemeinde, werden um unserer Willen erzählt. Wir dürfen uns in diesen Geschichten wiederfinden. Wir dürfen uns festmachen mit unseren eigenen Geschichten und Gefühlen an diesen alten Erzählungen. Die Bibel hat etwas mit unserem Leben zu tun. Weil aber jeder von uns ein eigenes Leben hat, wird auch jeder von uns seine eigenen Gefühle und Anknüpfungen finden, wenn er die Geschichte von Jakob und seiner Familie liest oder hört. Nun aber stecken wir selber in unseren Geschichten mitten drin. Wir kommen nicht aus ihnen heraus oder könnten gar von oben auf sie herabblicken – wir leben sie, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Am Ende unseres Leben können wir vielleicht zurückblicken auf unsere Geschichte und vielleicht lassen sich dann auch Lebenswege, Kurven, Abkürzungen und Umwege besser verstehen. Das ist der einzige Unterschied zu den biblischen Geschichten. Diese haben bereits ein Ende und wollen uns mit ihrem Ende etwas mitteilen. Josef kann sagen: "Gott hat unsere Geschichte zu einer guten Geschichte gemacht, obwohl ihr selber einst etwas Böses vorhattet und das Böse auch ausgeführt habt. Dennoch ist etwas Gutes daraus erwachsen und siehe: unsere ganze Familie ist auf diese Weise erhalten geblieben." Die Bibel kann so erzählen, weil für sie die Geschichte damit zu Ende erzählt ist. Sie bekennt vor ihrem Leser und damit vor uns: Gott hält die Fäden in der Hand. Er kann aus menschlichem Bösen etwas Gutes schaffen. Er kann das Verworrene entwirren und es zu einem Ziel führen, welches der Mensch nie im Blick hatte. Wenn unsere Heilige Schrift so zu uns redet, dann meint sie damit das Bekenntnis zu unserem lebendigen und geschichtlichen Gott. Ich bekenne: Gott führt mich durch mein Leben, er ist der gute Hirte, vom dem wir letzte Woche hörten. Und selbst, wenn ich im finsteren Tal wandere, so fürchte ich doch kein Unglück, denn ich weiß – ich bekenne – ich glaube – ich vertraue darauf: Gott ist bei mir. Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das das Vornehmste, was wir aus der Josefsgeschichte lernen dürfen. Dass wir Gott zutrauen dürfen, dass er unser Leben lang bei uns ist, auch, wenn wir ihn nicht sehen. Zu nichts anderem ruft uns Christus Jesus auf – unser Vertrauen auf Gott zu setzen, wenngleich es unglaublich schwer fällt in den Wirrungen unseres Lebens. Da werde ich entlassen und kämpfe mit der Arbeitslosigkeit – vielleicht so, wie Josef wieder im Gefängnis landet – und dennoch soll ich festhalten an einem Gott, der mein Leben reich beschenkt? Da stirbt mein Lebenspartner, die Liebe meines Lebens – vielleicht so, wie Jakobs Lieblingsfrau gestorben ist – und dennoch soll ich festhalten an einem Gott, der mich durchs Leben führt? Da werde ich gemobbt und sozial geächtet, obwohl ich mich korrekt verhalten habe – vielleicht so, wie Potiphars Frau Josef unter schweren Verdacht stellt – und dennoch soll ich festhalten an einem Gott, der für meine Rechte streitet? Das ist sehr schwer, liebe Gemeinde, und es ist oft zynisch, wenn wir einem Menschen, der unter solchen Wirrungen leidet zusprechen, dass Gott doch bei ihm wäre. Dennoch lernen wir aus der Josefsgeschichte und aus der Heiligen Schrift. Entgegen allem menschlichen Augenschein, entgegen allen Beweisgängen des Unglücks: Gott hält mich in seiner Hand – darauf darf ich grenzenlos vertrauen. Aus diesem Vertrauen – aus dem Glauben -, liebe Gemeinde, kommt eine Kraft, die wir uns selber nicht zutrauen würden. Eine Kraft, die ins Leben wirkt und die ich Gott zuschreiben möchte. Ein Schüler von mir fragte: "Ist das dann nicht wie bei einem Placebo? Obwohl ich keine "echte" Medizin bekomme, werde ich trotzdem gesund?" Eine sehr schlaue Frage, liebe Gemeinde, die natürlich darauf hin zielt, ob es Gott überhaupt "gibt".

Nun, die Antwort wird nicht befriedigen: wir können Gott nicht beweisen mit unseren naturwissenschaftlichen Methoden und unserem naturwissenschaftlichen Denken. Im naturwissenschaftlichen Sinne gilt: "einen Gott, den es gibt, gibt es nicht." Aber wir können auf diese Kraft verweisen, die wir ebenfalls nicht erklären können. Im Fragebild des Schülers müsste ich zurückfragen: ist der Mensch, der durch das Placebo gesund wurde, jetzt weniger gesund, als der Mensch, der eine "echte" Medizin genommen hat? Auch das kann uns unser Predigtwort sagen: Verknoten Sie nicht ihre Gehirnwindungen, liebe Gemeinde, indem Sie im naturwissenschaftlichen Sinne Beweise für diese Existenz unseres Gottes suchen – bleiben Sie bei dem, was uns die Bibel empfiehlt: vertrauen Sie auf Gottes begleitende Kraft für ihr ganzes Leben und setzen Sie dieses Vertrauen – wenn Sie es können – immer an die erste Stelle.

Aber es gilt auch: die Geschichte von Josef weist uns ebenfalls auf Grenzen hin. Weil wir in unseren Geschichten noch mitten drin stecken, können wir auf gar keinen Fall schon jetzt das Ende deuten. Wer sagt – im schlimmsten Falle zu seinem Freund, dessen Kind gestorben ist – "Gott wird schon einen Plan mit dem Tode deines Kindes gehabt haben", der hat nicht verstanden, worum es geht. Der tut so – und fühlt sich dabei vielleicht als Vorbildchrist – der tut so, als stünde er an Gottes Statt und würde das Ende der Geschichte seines Freundes bereits überblicken.

Wenn überhaupt, liebe Gemeinde, dann können wir im Nachhinein und auch das nur manchmal und auch das nur für uns selber sagen: "siehe, ich habe damals den Weg, den ich gehen musste nicht verstanden. Heute habe ich eine Ahnung davon, warum der Weg für mich wichtig war." Vielleicht geht das ab und an für sich selber, Worte des Glaubens gesprochen. Aber im Großen und Ganzen werden wir unsere eigenen Geschichten erst dann überblicken können, wenn wir mit Gottes Geschichte ganz und gar eins geworden sind, nach diesem Leben, am Beginn der Neuen Schöpfung.

Solange wir aber noch in unseren Geschichten stehen, solange wir also noch unser Leben hier leben, bleibt uns das, was die Schrift mit dem Beispiel Josef empfiehlt: Vertrauen zu haben, dass Gott uns beisteht und dieses Vertrauen an andere weiter zu geben, indem wir es selber leben und tätig werden. Wie heißt es doch am Ende unseres Predigtwortes? "So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen."

Und der Friede Gottes, der uns unser Leben lang umfängt und trägt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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