Die Zuschauer

Liebe Gemeinde.

„Wer Ordnung hält ist nur zu faul zum Suchen …“ dieser wunderbare Satz ist eine praktische Abwehr gegen alle, die schadenfroh zusehen, wenn andere an Boden robben und sich tastend fortbewegen oder gestresst durch die Wohnung jagen nur um ihren Schlüssel letztendlich im Kühlschrank zu entdecken. Hand aufs Herz – wie oft haben Sie schon Dinge verlegt, die Sie gerade dringend gebraucht haben: Schlüssen Scheckkarten, Schirm, Geldbeutel, das Buch für die Bücherei, den zweiten Socken … Ein ganzer kommerzieller Zweig lebt ausgesprochen gut von unserem Wunsch nie mehr etwas zu verlieren. Simplify your life – mit diesem Konzept hilft uns z.B. Pfarrer Küstenmacher für jedes Ding einen eineindeutigen Platz zu schaffen und es dort auch wirklich sofort zu deponieren.

Doch meistens liegt es nicht an unserer Zerstreutheit, wenn wir etwas nicht finden, sondern an einem Missgeschick. Wir sind mit einer Brosche hängen geblieben, sie hat sich geöffnet und nun ist sie fort. Vielleicht war es ein Erbstück, Schlüssel zu Erinnerungen an Menschen, die schon lange nicht mehr leben. Wie oft bin ich früher mit meinem Moped am Straßenrand gestanden, weil ein Lastwagen mit seiner Staubwolke dafür gesorgt hat, dass sich die Kontaktlinsen selbständig gemacht haben; ohne sie war an Weiterfahren zu denken und wie oft suche ich verzweifelt meinen Schlüssel, damit ich – sowieso schon knapp dran – zu einem Termin fahren kann und er ist aus der Tasche gerutscht. Ab und zu verheddert sich auch mal ein Ohrring im Schal und findet sich dann an den seltsamsten Orten.

So ein Missgeschick ist der Frau im Evangelium passiert: Eine Münze ist fortgekullert, den Verdienst eines Tages wert, ein Zehntel ihres Besitzes, vielleicht eine von den Münzen, die sie als Brautgeschenk als Notgroschen bekommen hatte. Ihre Wohnung ist dunkel, es hat höchstens ein kleines Fenster, der Boden ist aus gestampfter Erde, sie kehrt systematisch jeden Zentimeter des Bodens durch jede Ecke bis sie fündig wird. Der Schweiß steht ihr auf der Stirn, die Haare sind zerzaust die Kleidung ist zerknittert, die Hände sind voller Staub und der Rücken schmerzt – alles ist egal in dem Moment als sie die Münze blitzen sieht und nach ihr greift. Sie tanzt vor Freude durch den Raum und saust dann zu ihren Freundinnen um ihr von ihrem Glück zu erzählen. Das ist als hätten Sie ihren Lottoschein noch aus dem Altpapier gezogen und drei Richtige, den Ring, der wohl vom Tisch gefallen war aus dem aufgeschlitzten Staubsaugerbeutel befreit oder aus den diversen Häufen für „Wichtiges“ die Quittung herausgefischt, die ihnen eine satte Steuerrückzahlung bescheren wird. Alle Spannung fällt ab und ich kenne niemanden, der diese aufregende Geschichte nicht im Freundeskreis zum Besten geben würde.

Wenn man sich schon überaus freuen kann, wenn man einen Gegenstand wiederfindet, wieviel mehr noch wenn es sich um anvertraute Tiere bzw. Menschen handelt … So argumentiert Jesus vor den Schriftgelehrten. Sind Menschen nicht mehr wert als eine Geldmünze?

Wenn ich an Jesu Beispiel mit dem Hirten und seinen 100 Schafen denke, kommt als erstes das Argument, wie kann man nur 99 allein lassen um ein Schaf zu suchen, wer weiß, was da passieren kann. Es ist das Argument der 99, die gerne genausoviel Zuwendung haben möchten wie das eine. Die Geschwister, die sich leicht in der Schule tun und auch gerne hätten, dass man stundenlang mit ihnen Hausaufgaben macht, sie in die Ergotherapie bringt, Krankengymnastik macht und nicht einsehen, dass ihnen alles zufliegt, wofür andere arbeiten. Die Geschäftsinhaber, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind und nicht verstehen können, wie jemand wegen eines nicht bezahlten Wechsels gleich Konkurs anmelden muss und dazu noch Unterstützung von sozialen Einrichtungen bekommt. Die in sogennanten geordneten Familienverhältnissen, die nicht verstehen wollen, wie man alleinerziehende Mütter unterstützt, die doch selbst Schuld an ihrer Misere sind und ihnen gibt man nichts. Die, die im religiösen Bereich korrekt und fromm leben und nicht verstehen, warum man sich um Geschiedene, Homosexuelle, seelsorgerische und psychische Notfälle, Ausgetretene und Randgruppen mehr kümmert als um sie. Solche Menschen sind die Adressaten Jesu: die Zuschauer, die sich am Elend der anderen laben, notfalls sogar mit einem Bus an eine Katastrophenstelle fahren um live dabei zu sein; die Zuschauer, die aus der Distanz beobachten, wie es mit anderen den Berg hinab geht und mit ihren moralinsauren Ratschlägen und Kommentaren so richtig den Finger in die Wunde legen. Die Zuschauer, die sich zuhause vor den Bildschirmen, in Leserbriefen vor Gericht empören wie andere nur so auf die schiefe Bahn kommen konnten. Die Zuschauer, die beklagen, dass niemand Notiz von ihnen nimmt.

Auch wir sind in vielen Dingen eine Gesellschaft der Zuschauer geworden, die andere ausgrenzen, absägen, gegen die Wand laufen lassen und doch gibt es die Freude am wiederfinden noch. Da wo Menschen mehr als keinen Pfennig wert sind. Noch heute finden sich Menschen, die durch den Krieg und Mauerbau getrennt waren. Welche Freude und Tränen gab es beim großen Seebeben in Südostasien, wenn Angehörige wieder aufgetaucht sind, die man Tage lang vermisst hatte. Welche Freude, wenn sich die Tür auftut und das Kind, das jahrelang den Kontakt abgebrochen hatte, davorsteht. Welche Freude, wenn man einem Menschen auf der Straße begegnet, den man Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Diese Freude ist für gewöhnlich ansteckend. Als nach Tagen im Dunkel die verschütteten Grubenarbeiter ans Tageslicht gezogen wurden, klatschten die Menschen rundum – sie waren keine Zuschauer mehr sondern Beteiligte – als hätten sie selbst verloren und wiedergefunden. So sollte es sein, deutet Jesus mit seinen Geschichten an. Die neun Münzen der Frau verlieren nicht an Wert dadurch dass die Frau nach der einen sucht, sie können auch nicht beleidigt sein wie der Bruder des verlorenen Sohnes aus dem vorhin gehörten Evangelium – sie sind ungetrübt der Schatz ihrer Besitzerin. So sind wir Menschen der Schatz Gottes und er ist glücklich über jeden, der verloren war, sich abgewendet hat und zurückgekehrt ist. „Welt war verloren, Christ war geboren, freue dich, freue dich o Christenheit“ so singt es Jahrhunderte später eine der bekanntesten Lieder in globaler Sichtweise. Ah – und auch Gott kann mit seiner Freude nicht an sich halten. Wenn er sich freut, dann werden aus seinen Zuschauern – den Engeln – Beteiligte, die sein Lied durch tausendfaches Echo im Himmel verstärken.

Vielleicht noch ein aktuelles Beispiel zum Schluss, damit hoffentlich alle Zuhörer heute auch zu Beteiligten werden können: In knapp drei Wochen ist es wieder so weit: wir fahren mit den Konfirmanden und Leitern an den Walchensee – etwa 100 Jugendliche auf einen Haufen. Jeder – jede einzelne ist uns anvertraut – Ihr und unser Schatz für die Zukunft. Ginge nur einer verloren, könne man ja sagen, wir kümmern uns in aller Ruhe um die 99 – schließlich sind das alles wichtige Kinder und manche brauchen auch besondere Betreuung, da ist eine Ausfallquote von 1% doch wirklich nicht relevant … Ich möchte nicht wissen, wie Sie reagieren würden.

Letztes Jahr ist ein Konfirmand ungeschickt gefallen und hat sich tief am Knie aufgeschlitzt. Jeder wollte helfen und alle waren interessiert daran, dass es diesem Jugendlichen wieder gut geht. Gott sei Dank waren wir zu mehreren, sodass wir unvermindert für die anderen sorgen konnten und ein Team den Jugendlichen sicher ins Krankenhaus bringen konnte. Seine Sachen wurden gepackt, die Eltern informiert. Ich weiß noch wie groß die Erleichterung und Freude war per Handy zu hören, dass soweit alles gut gegangen war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand davon erzählt haben mag. Mich beschäftigt es heute noch oder wieder und ich möchte Sie an der Freude teilhaben lassen, wie schön es ist Jugendliche über Monate durch Hoch und Tief zu begleiten und zu wissen, dass keiner zuschaden gekommen ist und viele bleiben und selbst Verantwortung übernehmen wollen.

Diese Freude will Gott mit uns teilen, wenn wir auf Menschen zugehen, wenn wir nicht mehr distanzierte Zuschauer, sondern Beteiligte werden Und wenn wir verloren sind? Gut zu wissen, dass Gottes Tür für eine Rückkehr, für eine Einkehr immer offen steht. Nicht nur in dieser Apostelkirche, wie es das neue Schild ausweisen will: Die Kirche ist offen – treten Sie ein.

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