Die Wut über den verlorenen Groschen

Liebe Gemeinde,

im Verlieren bin ich ziemlich gut. Zwar habe ich keinen Sohn, der mir abhanden kommen könnte und auch keine Schafe, aber die Situation, die Jesus in dem letzten Gleichnis von den dreien erzählt, die wir gerade im Evangelium und im Predigttext gehört haben, die kenne ich recht gut aus eigenem Erleben.

Ich habe gelesen, bei den zehn Silbergroschen der Frau handele es sich wahrscheinlich um ihren Brautschmuck, der in Palästina in Münzen bestand, die die Braut am Kopf trug. Und Schmuck verlieren ist meine Spezialität. Ich kenne diese Sucherei. Da man heute nicht mehr mit Palmwedeln kehrt wie zu Jesu Zeiten, habe ich schon manche Staubsaugertüte aufgeschlitzt, um einen Ohrring oder einen Ring wiederzufinden, meist übrigens vergeblich. Die Frau zündet ein Licht an, nicht etwa, weil sie das Geld in der Nacht verloren hat, sondern, weil sie eine arme Frau war, deren Haus wahrscheinlich nur ein Fenster hatte. Zehn Denare sind für einen Brautschmuck recht armselig, das lässt Rückschlüsse auf die Lebenssituation der Frau zu. Die zehn Denare dürften ihre einzige Reserve, ihre Sparkasse gewesen sein. Vielleicht eine Sparkasse, die sie nie angetastet hatte, weil auch Erinnerungen an so einem Brautschmuck hängen.

Ich hatte mal so ein Armband mit einem großen Erinnerungswert, es war zudem auch noch wirklich wertvoll – ich habe es in einem Klostergarten verloren und nie wiedergefunden. Das ist zwölf Jahre her – und trotzdem träume ich manchmal noch von dem Schmuckstück, dass ich es wiederfände. Vielleicht auch, weil ich den Menschen, der es mir geschenkt hat, schon lange vorher verloren hatte.

Kürzlich vermisste ich plötzlich einen Ring, den ich normalerweise niemals abnehme. Ich habe ihn auf einer Pilgerfahrt nach Santiago gekauft. Tagelang kam mir mein Finger nackt vor. Ich habe mich beschimpft, weil ich so an einem toten Gegenstand klebe, aber auch hier war es die verlorene Erinnerung an eine besondere Reise, die mir weh tat. Ich habe den Ring wiedergefunden, unverhofft, und ich habe mich genauso gefreut wie diese Frau. Ich habe es auch einer Bekannten erzählt, ich musste es erzählen, sonst wäre ich geplatzt. Wir saßen auf einer Geburtstagsfeier zusammen. Und plötzlich fingen alle Frauen um mich herum damit an, solche Geschichten von Wiederfindensfreude zu erzählen. Es waren alte Frauen, und ihre Augen leuchteten dabei. Nicht verstehen konnten uns die, die nie etwas verlieren, weil sie alles ängstlich wegschließen. Aber die haben auch keine Chance, ein Freudenfest zu feiern, wenn sie was wiederfinden.

Da wurde mir klar, warum Jesus gleich drei verschiedene Geschichten erzählt, um deutlich zu machen, wie groß die Freude ist, wenn etwas verloren Geglaubtes wieder auftaucht. Beim bekanntesten der Gleichnisse, dem vom verlorenen Sohn, wird ja gar nicht gesucht, sondern einfach nur gefunden. Bei Schaf und Silbermünze ist das anders.

"Wie kann einer 99 Schafe im Stich lassen, um ein einziges zu suchen? Das ist doch unvernünftig", werden Sie vielleicht sagen. Und eine Silbermünze ist doch kein Grund, gleich ein Fest zu feiern. Vielleicht musste die Frau ihre Nachbarinnen auch noch bewirten und hat dabei mehr ausgegeben als die Münze wert war. Ist Gott unvernünftig? Nach menschlichem Ermessen vielleicht schon. Er rennt ausgerechnet denen nach, die ihm abhanden gekommen sind. Das ist es, was die Schriftgelehrten so in Wut bringt. Auch heute haben manche Frommen an so etwas hart zu schlucken. "Meine Gemeinde wird immer liberaler", hörte ich einen Baptisten klagen, "die machen schon keinen Unterschied mehr zwischen Geretteten und Verlorenen. Die nehmen sogar Leute auf, die ohne Trauschein zusammenleben oder geschieden sind." Irgendwie musste ich sofort an den Satz der Schriftgelehrten denken:

Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Die neun anderen Silbermünzen der Frau können nicht, wie der Bruder des wiedergefundenen Sohnes, meckern, als die Frau sich so unbändig über das Wiederfinden freut. Aber sie verlieren auch nichts an Wert durch die Freude über den wiederfundenen Groschen. Das ist etwas, was sehr schwer zu vermitteln ist: Gottes Liebe ist so groß, dass sie wirklich für alle ausreicht. Niemand kann zu kurz kommen, es sei denn, er kapselt sich selbst ab und grenzt sich aus. Und selbst dann hört Gott nicht auf zu suchen. Die ganze Bibel ist ein einziges Zeugnis von Gottes Freude am Wiederfinden. Es sind ja auch im Alten Testament nicht die Perfekten, die Gott sich auserwählt. Denken wir an Jakob, den Betrüger, an Joseph, der doch recht eitel war, und an seine schlimmen Brüder, eigentlich lauter Spitzbuben. Denken wir an Mose, der einen Mann erschlagen hatte. Denken wir an die Könige Saul und David, Mörder und Ehebrecher. Und wie oft haben berufene Menschen es satt gehabt, Gott zu dienen und versucht, ihn hinter sich zu lassen. Er hat immer wieder um sie geworben, er hat sie gesucht. "Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöhe zum äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten", heißt es im Psalm.

Will ich denn von Gott überhaupt gefunden werden? Vordergründig gesehen scheint es ja so, als bleiben manche lieber im Dunkel als es zu wagen, sich auf das Licht göttlicher Liebe und Verheißung einzulassen. "Lass mich in Ruhe", das hat sogar schon der ein oder andere Prophet gesagt, und heute sagen das viele Menschen.

Sie sagen es zu denen, die sich im missionarischen Auftrag aufmachen, zu suchen, was verloren scheint.

Manchmal allerdings vergessen die, die sich selbst schon gerettet glauben und unbedingt alle anderen auch retten wollen, dass Gottes Wege, an einen Menschen heranzutreten, sehr behutsam sein können. Er sucht wirklich von Herzen. Mit dem Holzhammer Mission machen ist immer schlecht.

Alle drei Gleichnisse lassen sich ja so deuten, dass Gott derjenige ist, der sucht und findet, ohne Mitwirkung von anderen. Natürlich wäre es auch möglich, sich vorzustellen, dass ich der Hirte bin oder die Frau oder der Vater, oder aber das Schaf, die Münze oder der heimgekehrte Sohn bzw. die 99 anderen Schafe, die neun verbliebenen Münzen und der ältere Bruder … aber logischer wäre es, und das umfasst ja auch alle anderen Varianten, dass wir diejenigen sind, die eingeladen sind, sich mit zu freuen.

Und wie wäre es da: Angenommen, ein Schäfer lädt Sie zu einem Fest ein, weil er ein verlorenes Lamm wiedergefunden hat: "Klar gehe ich da hin", werden Sie sagen. Und zur Nachbarin, die zwanzig Euro aus der gewaschenen Hose gefischt hat und vor Freude einen Kaffenachmittag startet? Natürlich auch. Oder bleiben Sie zu Hause, weil Sie die Frau für verrückt erklären: Erst sucht sie diese Münze wie nicht gescheit und dann lädt sie großzügig zu Kaffee und Kuchen ein, und das kostet doch auch nur wieder?

Wie veralten wir uns aber bei der Familie von nebenan, bei der missratene Sohn mit einem Haufen Schulden und einer Vorstrafe wiedergekommen ist, um bei den Eltern unterzukommen? Kann ja sein, Sie finden es toll, dass beim Nachbarn alles wieder gut läuft, und Sie gehen begeistert zu dem Grill-Fest. Kann aber auch sein, Sie denken: "Das wird doch nichts, der junge Mann hat schon so viel Mist gebaut, der setzt doch das nächste, was er anpackt, ohnehin wieder gegen den Baum. Der Vater ist doch nicht zu begreifen. Scheint in der Familie zu liegen, dass die lieber feiern als einer geregelten Arbeit nachzugehen und ihre Sachen beeinander zu halten. Ist ja im Grunde eigenartig, dass die auch zur Kirche gehören. Da passen die doch gar nicht hin. Wir jedenfalls haben immer gelernt, fromm sein geht in eins mit Sparsamkeit, Fleiß und Selbstkontrolle."

Oder so ähnlich. Unser Blick geht immer wieder von uns aus: "ICH habe es so gelernt, ICH gehe gerne zum Gottesdienst, MIR fällt Beten leicht, ICH habe es als erleichternd empfunden, zu einer Gemeinde zu kommen, ICH kann mit neuen Gottesdienstformen nichts anfangen, ICH finde, Laien gehören nicht auf die Kanzel, ICH liebe die alten Kirchenlieder, MEINE Kinder klauen nicht und nehmen keine Drogen …" und deshalb müssen Menschen in aller Welt das auch wollen oder auch so sein, um überhaupt gemeindewürdig zu sein. "Die afrikanischen Gemeinden müssen erst mal lernen, mit unserem Geld umzugehen", hat neulich mal jemand gesagt, der Partnerschaften mit Tanzania ablehnt. Das Argument, dass da viel fröhlicher geglaubt wird bei aller Armut, das kam gar nicht an. Mit einem, der MIR nicht in den Kram passt, kann ich mich nicht freuen, und ich kann auch nicht verstehen, dass Gott den gesucht haben soll.

Ich finde es sehr menschlich und typisch, dass Beethoven ein Stück komponiert hat, das unter dem Titel "Die Wut über den verlorenen Groschen" Musikgeschichte gemacht hat. Aber es gibt kein Stück, das "Die Freude über den gefundenen Groschen" hieße.

Um wieviel Freude bringen wir uns doch mit einer solchen Haltung! Wir kleben in der Vergangenheit fest und lassen uns von ihren Schatten lähmen. Unser Blick geht von uns aus – Jesus führt uns die Perspektive Gottes vor Augen. Wo wir kleinlich sind, ist Gott großzügig. Wir verlieren uns in Aufrechnen von Schuld, die Gott längst vergeben hat, und in Trauer über ein verlorenes Paradies, da, wo Gott längst die Tür geöffnet hat zu einer viel größeren himmlischen Freude.

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