Liebe – grenzenlos

<i>Diese Predigt wurde gehalten im ökumenischen Gottesdienst anlässlich eines Jubiläums einer Behindertenwerkstatt, ist aber mit Variationen wohl auch ohne dem einsetzbar.</i>

30 Jahre Werkstattzentrum für Menschen mit Behinderung. Das ist Grund zu danken. Grund zu danken für die Frauen und Männer, die vor 30 Jahren gegen alle Vernunft begannen mit diesem Werk, weil sie die Not sahen. Grund zu danken aber auch für die Menschen, die hier arbeiten, weil sie uns helfen eine neue Sicht des Menschen zu gewinnen. Für mich gehört dieses Werkstattzentrum zu den ganz wichtigen Einrichtungen unserer Kommune weniger weil es der größte Arbeitgeber vor Ort ist, sondern vielmehr weil ich hier etwas über den Wert des Menschen erfahre, das woanders nur schwer zu erfahren ist. Es passt in eine Geschichte von Jesus, die zufällig für heute als Predigttext vorgeschlagen ist:

[TEXT]

Eine Alltagssituation, die den Menschen der Bibel täglich vor Augen stand. Das Bild von Psalm 23, den wir vorhin miteinander gebetet haben steht im Hintergrund. ‚Hirte’ ist eine gebräuchliche Bezeichnung für Könige, die ihr Amt gut führen. Darum kann unser Psalm auch Gott als den Hirten bezeichnen, der die Seinen in die Freiheit führt, sie versorgt und sie behütet. Gleichzeitig sind Hirten zur Zeit auch schlecht geachtete Arbeiter am Rande der Gesellschaft, wie wir auch aus der Weihnachtsgeschichte wissen.

Der Hirte kann ein Tagelöhner sein, der unter ungeheurem Druck steht. Es muss nicht die Liebe sein, die ihn auf die Suche nach dem Schaf treibt. Es ist die nackte Existenzangst. Ob er die Tiere im Schutz zurücklässt oder ungeschützt ist eher zweitrangig. Es geht für ihn eh um nichts mehr. Wenn er nicht alle 100 Schafe behält, hat er verloren, ist er seinen Arbeitplatz los.

Wie so oft, wenn Jesus ein Gleichnis erzählt, werden die Menschen gehört haben und verstanden. Sie kannten die Situation dieses Hirten und konnten sie nachvollziehen. Wie ein Löwe kämpft er um dieses eine Schaf, sucht es wie die Nadel im Heuhaufen, wohl wissend, dass es sein kann, dass das Schaf nicht mehr lebt. Aber der Mut der Verzweiflung treibt ihn. Wenn er dieses Schaf verloren gibt, gibt er seinen Arbeitsplatz verloren. So wie Jesus seine Mission verloren gegeben hätte, wen er es zugelassen hätte, dass ein Mensch verloren gegeben wird.

Niemanden verloren geben – das ist das Ziel. Es geht um Jesus, den guten Hirten, der gerade denen, die verloren sind hinter her geht. Es geht aber auch um uns. Wem gehen wir hinterher?

Jesu Gegner machen ihm Vorwürfe. Mit uns solltest du zusammen sein. Für uns solltest du Zeit haben. Und nicht für die verkommene Subjekte, Zöllner und Sünder zu denen du immer wieder gehst. Aber Jesus weiß es besser. Er geht zu denen, die ihn brauchen, denen, die am Rande stehen, verachtet werden. Sie waren auch die ersten an seiner Krippe und sind hier ein gutes Beispiel für das, was er will.

Er will nicht, dass Menschen unter die Räder kommen. Unnütze Glieder der Gesellschaft gibt es für ihn nicht. Sie sind alle Schwestern und Brüder.

Uns beruft er in seine Nachfolge – und wir dürfen leben in dem Bewusstsein, dass es keine Menschen gibt, die er nicht sucht. Deswegen dürfen wir uns den Menschen, die wir sehen zuwenden und ihnen helfen, ihr Leben zu gestalten. Wir alle sind Zeugen dieser grenzenlose Liebe Jesus, die bis zur Verzweiflung um jeden Menschen kämpft und keine aufgibt. Wir sind Angenommene und wollen andere annehmen als Schwestern und Brüder.

Wenn ich einmal im Jahr mit Jungendlichen eine Praxistag in dieser Werkstatt gestalte und die Jugendlichen 2 – 3 Stunden mit den Behinderten den Arbeitsplatz teilen, brauche ich den Jugendlichen hinterher nicht viel zu sagen. Sie begreifen auch ohne viele Worte. Hier arbeiten nicht Menschen am Rande. Hier arbeiten Menschen wie wir. Menschen, für die sich einzusetzen lohnt.

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