Ich will euch erquicken

Liebe Gemeinde!

Ich versichere Ihnen, für gewöhnlich ist es eine wunderbare Aufgabe, die gute Nachricht, das Evangelium Jesu Christi hier von der Kanzel verkünden zu dürfen. Der heutige Predigttext, Sie haben ich eben in der Lesung gehört, hinterlässt zunächst annähernd das, wovon er selbst spricht: „Heulen und Zähneklappern.“ Luther hat diesen Text als „schreckliches Evangelium“ bezeichnet. Und in der Tat: Während sonst in den Evangelien und den Gleichnissen davon gesprochen wird, wie Gott und Mensch, Mensch und Gott in heilsamer Weise zusammenkommen, so läuft hier manches – milde gesagt – schief.

Zunächst ist da ein König, der zu einem Hochzeitsfest einlädt – man ist an märchenhafte Feste erinnert oder an königliche Feste, über die Boulevardpresse berichtet, und zu denen jeder gerne einmal eingeladen wäre. Aber, man mag es kaum glauben, die Gäste wollen nicht kommen. Zunächst bleiben sie weg, ohne einen Grund zu nennen, dann mit fadenscheinigen Entschuldigungen. Es kommt noch schlimmer: sie töten die Boten des Königs. Der ist nun wiederum nicht nur enttäuscht und zornig, nein, er wird in seinem Zorn gewalttätig und schickt seine Armeen los, um die Mörder zu töten und ihre Stadt anzuzünden. Er übt Rache, die auch Unschuldige nicht verschont. Dann lässt er Gäste von der Straße aufsammeln, ist aber ärgerlich, dass einer darunter ist, der sich nicht ordentlich gekleidet hat. Den schmeißt er im hohen Bogen wieder raus.

Wie kann Jesus da noch sagen, dass das dem Himmelreich gleicht? Erst die Gäste, die nicht kommen, dann die Rache und schließlich ein Rauswurf, weil die Kleiderordnung missachtet wird. Ist das das Himmelreich?

Um diese eigenartige Geschichte zu verstehen, müssen wir wie Archäologen, einige Schichten abtragen und tiefer in die Geschichte dieses Textes vordringen, dann werden wir ans Licht bringen, was Licht an diesem Text ist. Und dann kann es sein, dass wir ein Fundstück zu Tage fördern, dass uns gut tut. Es ist ein Text an dem man sich reiben soll – und wenn man an ihm reibt, beginnt er zu leuchten – vielleicht so sehr, dass er uns ein Spiegel aus der Vergangenheit sein kann, der uns auch etwas über die Gegenwart lehrt.

Pusten und reiben wir den Staub der Geschichte weg, sehen wir zunächst einmal, dass unser Text-Fundstück ursprünglich aus zwei Teilen bestand und erst nachträglich zusammengefügt wurde. Es sind zwei Gleichnisse gewesen: dass vom Festmahl, zu dem die Gäste nicht erscheinen wollen und die Geschichte von dem Gast, der keine Festkleidung hatte. Matthäus hat diese Stück aneinandergefügt. Das hat er nicht selten getan. Das war seine Aufgabe und Arbeitsweise als Autor eines Evangeliums. Er sammelte und stellte die mündlich tradierten Jesusworte und Erzählungen in einen Zusammenhang. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Bergpredigt, die Jesus so nie gehalten hat. Matthäus hat aus der Überlieferung einzelner Jesusworte diese Rede komponiert und damit wichtige Teile der Lehre Jesu geschickt zusammengefügt.

Hier nun sind es zwei Festgeschichten, die er in Zusammenhang gebracht hat. Und er oder ein späterer Redakteur hat noch einen Vers hinzugefügt, die ursprünglich gar nicht in den Text gehört und offensichtlich auch nicht passt: der Rachefeldzug des Königs. Man spürt den Bruch im Text: die Tische sind gedeckt, die Boten gehen aus, werden ergriffen und der König schickt neue Knechte aus, während das Fest noch auf seine Gäste wartet. Wie passt da ein doch mehrere Tage dauernder Vergeltungsschlag des Königs hinein? Wer immer diesen Vers hineingestellt hat, hat damit versucht ein bedrückendes Ereignis seiner Gegenwart damit zu deuten. Jerusalem war im Jahr 70 n. Chr. von den Römer zerstört worden. „Seht ihr!“ will der Text nun sagen: „das ist Gottes Strafe für eure Gottlosigkeit.“

Dass Gottes Boten nicht angehört, verhöhnt und sogar getötet werden, dass ist ein trauriges, aber bekanntes Motiv, das schon im AT auftaucht. Die Propheten haben nicht selten dieses Schicksal erlitten. Und natürlich sahen auch die ersten Christen im Tod Jesu genau das wiederkehren. Sie verhöhnten und kreuzigten Gottes Boten. Die Menschen, genauer, das Volk Gottes, das jüdische Volk, schlägt Gottes Einladung aus. Das AT selbst deutet die Katastrophen, die das Volk Gottes heimsuchen immer als ein Strafgericht Gottes. Was uns so aufstößt, ist für die damaligen Hörer so ungewöhnlich nicht. Es ist eine harte Anklage nach einem bekannten Muster.

Für die junge Christenheit ist es noch mehr: es ist die Erklärung, warum Gottes Verheißung sich nun auch nicht mehr nur an das erwählte Volk Gottes, an die Juden wendet, sondern auch hinaus auf die Straße und zu anderen Menschen und Völkern getragen wird. Da die Juden, die zuerst eingeladen wurden, Gottes Sohn und Boten ablehnen, lädt er nun auch alle anderen ein.

Ich hoffe, wir sehen jetzt schon ein bisschen klarer. So wie man ein archäologisches Fundstück nur aus seiner Zeit erklären kann, so ist es auch mit Texten. Und doch spricht dieser Text auch in unsere Zeit hinein. Ich glaube wirklich, dass wir einen Spiegel gefunden haben.

Schauen wir hinein, sehen wir zunächst einmal die Einladung, die der König ausspricht. Jesus selbst hat sie formuliert mit den Worten, die der Wochenspruch sind: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Wer mit Trauer, Furcht, Misserfolg oder Hoffnungslosigkeit beladen ist, wer unter der Mühsal des Lebens stöhnt, der soll wieder

quicklebendig werden. Er soll getröstet werden durch die Hoffnung, dass Gott uns im Tod einen neuen Anfang schenkt, dass dem irdischen Leben ein himmlisches Leben folgt, dass er uns dort Geborgenheit schenkt; und wer Furcht hat vor der Zukunft, der soll Hoffnung darin finden, dass er sein Leben in Gottes Hand legen kann; Gott begleitet durch Höhen und Tiefen, und Misserfolge im Beruf oder das Scheitern an Aufgaben, sind in Gottes Augen auch immer Möglichkeiten einen Neuanfang zu machen; Gott verurteilt unseren Misserfolg nicht, sondern bietet die Hand an, dass wir uns an seiner Gnade und Liebe aufrichten. Er ist auch bereit Schuld zu vergeben, und Schuldlasten von unseren Schultern zu nehmen.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Das ist Jesu Einladung zu seinem Fest. Da geht die Tür auf, da strahlt Licht auf, da steht er selbst und lädt uns ein. Und das ist in der Tat das Himmelreich. Zu diesem himmlischen Fest lädt Gott uns sein, denn in Jesus Christus schenkt er uns seine Gegenwart: das Fest findet statt, immer, jeden Tag zu, jeder Stunde.

Ein Ausdruck dafür sind unsere Gottesdienste. In ihnen lädt Gott uns ein, sein Wort zu hören und seine Gegenwart zu feiern. Wir sind auch heute an den Tisch des Herrn beim Abendmahl alle eingeladen. Da stiftet Gott Gemeinschaft. Gemeinschaft mit ihm selbst und Gemeinschaft unter uns. Doch wo sind die Gäste? Auch wenn wir bei Gottesdiensten am Vormittag eine größere Gottesdienstgemeinde haben als heute Abend, und wir über einen schlechten Besuch nicht klagen können, so sind es andererseits kaum zwei Prozent der Gemeinde, die am Sonntagsgottesdienst teilnehmen. Wie fragt manchmal einer unserer Kirchenvorsteher: „Warum zahlen die Menschen ihre Kirchensteuern und holen sich dann nicht das ab, was sie dafür bekommen können?“ Was hält die Menschen ab?

„Der eine ging auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.“ Heißt es im Gleichnis. Ja, die privaten Geschäfte scheinen oft wichtiger, und immer häufiger öffnen die Geschäfte auch am Sonntag. Der Mensch ist so geschäftig und geschäftstüchtig, dass er das Fest des Lebens vergisst oder ausschlägt. „Hey“, sagt der Text, sagt Jesus, „lass dich einladen zum Fest des Lebens. Leg deine Geschäfte mal beiseite. Du brauchst das Fest des Lebens nicht selbst auf die Beine stellen. Gott hat dir dein Leben geschenkt, und er umgibt dich jeden Tag mit der festlichen Musik, die die Schöpfung dir singt, mit der Luft, die dir den Atem zum Leben schenkt, mit Düften und Genüssen, die herrlich sind. Hast du Liebe in deinem Leben erfahren ? – feiere sie als ein Geschenk und danke Gott.

Ruh mal aus und setzt dich hin. Und höre mal wieder auf Gottes Wort. Wo sonst wirst du erfahren, dass du mehr bist als die Summe deiner Taten und Leistungen, wo sonst wirst du erfahren und hören, dass du angenommen und geliebt bist, wo sonst hörst du, dass dir deine Schuld vergeben wird? Du bist geliebt, aller deiner Schuld und Misserfolge zum Trotz, denn Gott weiß, wer du wirklich bist. Und wer bin ich wirklich? Ein Geschöpf aus seiner Gnade. Wo sonst willst du das hören, wenn nicht aus seinem Mund?

Es ist zu spüren, es geht um mehr als um Gottesdienstbesuche und gefüllte Kirchenbänke.

Es geht darum, dass es eine Wirklichkeit gibt, die in unsere Welt und unser Leben hineinragt, ohne dass die meisten Menschensie wahrnehmen. Das Reich Gottes, das Himmelreich, Gottes Gegenwart durchdringt allerorten und zu aller Zeit unser Leben und unsere Welt, doch wir überhören in unser Geschäftigkeit seine Worte, wir übersehen die Zeichen seiner Gegenwart. Uns ist vor lauter Geschäftigkeit und Geschäftemacherei längst Hören und Sehen vergangen. Doch gerade weil wir unter der Woche unsere Pflichten haben, soll der Sonntag der Tag des Herrn sein, an dem wir Zeit haben zu ruhen und Gottesdienst zu feiern. Er ist ein regelmäßiger Feiertag, und wir dürfen unsere Feiertage um unser Seele willen nicht preisgeben.

Aber auch im Alltag liegen Möglichkeiten, die Gegenwart Gottes in mein Leben hineinzulassen. Wer betet, lässt Gott in sein Leben hinein, wer den Sonnenschein nicht nur zum Bräunen nutzt, sondern ihn als Geschenk Gottes preist und ihm dankt, der lässt Gott in sein Leben hinein, wer ihm seinen Kummer sagt, wird spüren, dass er nicht ins Leere spricht, sondern begleitet wird, wer ihm für sein Leben oder eine lange Ehe dankt, wird spüren, das die Freude dadurch eine Tiefe gewinnt, die die Freude himmlisch macht. Wer sich von Gottes Einladung abwendet, verschließt Augen und Ohren für die Wirklichkeit, für Gottes Gegenwart, die unser Leben durchdringt, der wendet sich vom wahren Fest des Lebens ab.

Dass unsere Welt von so viel Unfrieden und Ungerechtigkeit durchzogen ist, ist ja vielleicht auch ein Zeichen dafür, wie viele Menschen dem Fest fernbleiben. Doch jede und jeder sind eingeladen immer noch. Auch die, die bisher fern standen, auch die, die meinen, sie hätten kein rechtes Gewand. Ein liturgisches Gebet der Ostkirche lautet: „Dein Brautgemach sehe ich geschmückt, o Herr, doch habe ich kein Gewand, um einzutreten. So erleuchte das Gewand meiner Seele und errette mich.“

Christus reicht uns dieses Gewand, er bekleidet uns mit seiner Gnade und Liebe und hält es uns hin und sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

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