Die Einladung ist da!

Liebe Gemeinde,

"wahr oder Märchen?", so fragen Grundschüler gerne, wenn sie Geschichten aus der Bibel hören. Manchmal ist da die Antwort schwer. Dann nämlich, wenn es um eine Beispielgeschichte geht, die Jesus erzählt, um seinen Zuhörern eine Botschaft deutlich zu machen. Diese Beispielgeschichten sind aus dem damaligen Leben gegriffen, haben sich aber so nicht ereignet. So schön diese Geschichten sind, wir heute haben manchmal Probleme, sie genau zu erfassen, weil uns die Lebenswelt örtlich und zeitlich fern geworden ist. Die folgende Geschichte begegnet uns mit Variationen in verschiedenen Evangelien, auch im Thomas-Evangelium, das nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde. Außerdem ist sie in die rabbinische Literatur des 1. Jahrhunderts n. Chr. eingegangen. Jeder Evangelist hat sie ein wenig anders notiert. Hören wir den Text nach Matthäus.

[TEXT]

Dieser König von dem da die Rede ist, der soll dem Himmelreich gleichen? So ein ungerechter Tyrann? Ich war nach dem ersten Lesen empört. Da wird gemordet und wieder zurückgemordet, eine ganze Stadt muss brennen, nur weil einige Leute nicht zur Hochzeit kommen wollen? Vom Mord an den Knechten des Königs sprechen übrigens die anderen Evangelisten nicht. Und dann, als der König endlich sein Haus voll hat, mit Leuten, die einfach auf der Straße aufgelesen wurden, dann wird er auch noch kleinlich, nur, weil einer von den armen Kerlen unpassend gekleidet ist? Naja, auf so ein Himmelreich verzichte ich doch, da bleibe ich lieber gleich weg, anstatt zu riskieren, dass ich auch noch gefesselt in die Finsternis zurückgeworfen werde, aus der ich komme. Wer weiß, was ihm an meinem Aufzug missfällt?

Ich habe die Geschichte wieder und wieder gelesen. Ich habe an den vergangenen Sonntag gedacht, wo in mehreren Orten die Gottesdiensträume schön geschmückt waren und kaum jemand kam. Und ich habe mir überlegt, ob Gott nicht doch vielleicht lieber ein paar Gäste mehr gehabt hätte, egal, was sie anhaben, und ob sie frisch gebadet sind oder nicht. Dann habe ich mir überlegt, ob denn unsere Gottesdienste dem Himmelreich gleichen oder ob das überheblich ist, und ich denke, eine Komponente stimmt wohl: Dieser König will seinen Sohn verheiraten, dazu lädt er ein. Und wenn dieser Sohn aus dem Himmelreich kommt, ist er der Messias. Diesem Messias wollen auch wir im Gottesdienst begegnen, und wir sind immer wieder traurig darüber, dass so viele Leute etwas anderes vorhaben.

Rasen mähen zum Beispiel oder Fußball sehen, im Garten grillen oder fernsehen. Und manche lachen wirklich über uns und haben ihren Spott. Allerdings wäre es ein bisschen kurz gegriffen, wenn wir glaubten, dieses Festmahl, zu dem so viele geladen sind, fände nur im traditionellen Gottesdienst statt. Und wer da nicht in angemessener Kleidung erscheint, der habe mit Heulen und Zähneklappern zu rechnen. Es geht Jesus aus der Sicht des Matthäus darum, zu zeigen, dass der Messias sich mit seinem Volk vermählen wollte. Dieser Vergleich ist den Zuhörern damals durchaus geläufig. Und es geht darum, dass Gott, als dieses Volk nicht der Einladung folgen will, alle anderen einlädt, auch die, die außerhalb des Gottesvolkes stehen. Und wer Jesus kennt, weiß auch, wo die Vermählung mit ihm einzig stattfinden kann, da nämlich, wo jemand dem Geringsten seiner Brüder beigestanden hat. Nicht unsere steinernen Kirchen sind der Hochzeitssaal, sondern die Situationen gelebter Menschlichkeit. Und es geht auch nicht darum, dass derjenige, der Mitglied der Kirche ist, damit eine Eintrittskarte in den Saal erworben hat und sich unter Geretteten bewegt. Es geht nicht um Konfessionen.

"Wie sollte dieser Mann sich so rasch noch umziehen?" habe ich mich wieder und wiedergefragt. Manche sagen ja, der König habe Hochzeitsgewänder bereitgestellt, aber davon steht im Text nichts. Mir ist dabei eine Geschichte aus meiner Zeit als Volontärin bei einer Tageszeitung eingefallen. Unser Chef vom Dienst, der für die Ausbildung von uns jungen angehenden Redakteuren zuständig war, hat uns dringend geraten, immer im Redaktionsschrank Ersatzkleidung zu haben, nur ein paar Kleinigkeiten: Eine Krawatte, ein Jackett, eventuell ein zweites Hemd und für uns Frauen ein paar elegantere Schuhe und eine gesellschaftsfähige Jacke und ein sauberes Top. "Es könnte sein, Sie müssen ganz plötzlich zu einem Termin bei einem Minister oder einem Prominenten, oder zu einem Empfang. Dann sollten Sie nicht unangenehm auffallen. Dass Journalisten zu den unterschiedlichsten Terminen müssen und nicht im Nadelstreifen zum Fußball gehen können, wissen solche Leute. Aber sie sollten sehen, dass Sie auf alle Anlässe vorbereitet sind. Mit der entsprechenden Jacke sehen die Jeans ganz anders aus …"

Immer damit rechnen, es könnte plötzlich eine Hochzeit sein, zu der er von der Straße weg eingeladen wird, das kann einfach nicht jeder.

Aber der König fragt ja diesen auffälligen Gast ganz liebenswürdig: "Mein Freund, wie bist du hier hereingekommen?" Und wenn derjenige, statt zu verstummen erklärt hätte: "Ich habe nur dieses eine Gewand und konnte mir so schnell nichts anderes borgen, aber ich wollte unbedingt dabei sein" – ich denke, der König hätte verstanden. Jederzeit Rede und Antwort stehen über die Hoffnung, die uns bewegt, dazu sind wir aufgerufen. Und es wird uns auch nicht zum Nachteil, wenn wir Gott gegenüber erklären, warum wir an dieser oder jener Stelle nicht perfekt sind. Das ist der Unterschied zu so einem Empfang, bei dem einen nur eine Krawatte oder ein Jackett "rausreißen" kann. Gott interessiert sich für uns, man kann mit ihm reden wie mit einem Freund, wenn er uns anspricht. Allerdings sollten wir uns schon ansprechen lassen. Er will, dass unser Inneres mit unserem Äußeren übereinstimmt, dass man uns auch anmerkt, wenn wir uns freuen und feiern wollen. Vielleicht ist dieses "hochzeitliche Gewand" nur eine Metapher für die Haltung, die jemanden dazu qualifziert, zu den "Auserwählten" zu gehören. Paulus spricht ja auch einmal davon, dass man den neuen Menschen "anziehen" kann, indem man mit ganzem Herzen zu Christus gehört. Auch an anderen Stellen der Bibel ist, vor allem mim Zusammenhang mit der Taufe, davon die Rede, den neuen Menschen anzuziehen wie ein Kleid. Und irgendwie hat Gott dem einen Gast angemerkt, dass da was nicht ganz stimmte. Was es war, das wollte er von ihm selbst hören.

Diejenigen, die nicht zur Einladung gekommen sind, die wichtigeres zu tun hatten, die gehören wahrscheinlich eher zu der Sorte, die denken: "Ich brauche keinen Messias, ich habe mein Leben selbst im Griff. Und damit das auch so bleibt, habe ich genug zu tun, für mich selbst zu sorgen". Sie merken dabei gar nicht, dass sie sich selbst bereits an Händen und Füßen gefesselt haben und im Dunkeln stehen. Im Dunkel von Gleichgültigkeit den anderen gegenüber, im Dunkel von einer Selbstbezogenheit, die sie bereits isoliert hat. Und jener arme Kerl, der da schweigend und verbittert beim Festmahl sitzt, der hat vielleicht noch den ganzen Sumpf alter Gedanken mit sich hereingeschleppt, er ist nicht offen für die Liebe des Bräutigams. Er will nicht mitmachen. Er sitzt sozusagen auf der falschen Hochzeit.

Immer angezogen sein für eine Hochzeit, das kann wirklich nicht jeder. Aber im Geist immer damit rechnen, dass Jesus uns einlädt, das können wir wohl – denn er tut es täglich. Und weiß ich, welcher Tag mein letzter sein wird?

Wir sind heute in einer ganz anderen Situation als die ersten Christen. Und trotzdem wissen auch wir, die wir Jesus nicht mehr erlebt haben, worum es ihm geht: Er möchte, dass wir durch ihn Gottes Liebe spüren und dass wir sie weitergeben, nicht nur durch Worte, sondern vor allem dadurch, dass wir auch andere diese Liebe spüren lassen. Und zwar auch die, die uns nicht gerade wohlgesonnen entgegenkommen. Das Heulen und Zähneklappern, die ewige Finsternis, die werden wir dann spüren, wenn wir uns selbst ausgrenzen, wenn wir uns abwenden und nicht mit ihm und den anderen feiern wollen. Oder wenn wir uns auf den Beobachterposten zurückziehen. Die Einladung ist da – immer und immer wieder. Es liegt an uns, sie anzunehmen.

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