Damit Sein Fest gelingt

Mattäus 22.1 Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Eine Gemeinde glich einem gastlich–fest­lich geschmückten Haus, zu dem der Herr des Hauses einlud zu einem Fest. Und er schickte seine Knechte und Mägde, aber die waren schon beschäftigt – so viel war zu tun – und es gab wirklich viel zu tun. Einige gingen ja, andere hörten einfach nicht hin oder schickten mit guten Gründen andere vor – „Ihr könnt das besser“ – und es waren eigentlich gar nicht so wenige die gingen, wenn man’s bedenkt – und sie luden ein und manche ließen sich tatsächlich einladen – aber unterm Strich wenige, viel weniger als erwartet und die zu Hause sagten: „Wir haben die ganze Zeit am Haus weitergearbeitet und immer einen Blick auf die Straße geworfen ob nicht doch vielleicht jemand kommt – aber Ihr wisst ja: Die Zeiten sind schlecht, die Wege bei uns weit und die Menschen böse …“ – und es schien, als würde nichts aus dem Fest. Als der Herr des Hauses das merkte, dachte er: „Was soll nur aus dem Fest werden? Immerhin geht’s ja um die Hochzeit meines Sohnes!?“ Und er lud durchweg erfolgreich festerprobte Nachbarn zu einem Besuch und die machten sich Gedanken, schrieben ein Diskussionspapier, visitierten ihn, und brachten Zeit, Ohren und Augen mit und versuchten … – nein: So steht’s natürlich nicht in der Bibel, vielmehr – und nun wirklich Jesus:

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(0) Zwei Erzählungen Jesu, liebe Gemeinde, die Mattäus zu einer verknüpft. Und da bleibt zunächst der Eindruck von dem einen Gast haften, eingeladen und nicht angemessen gekleidet, der glatt rausfliegt. Was soll das? Warum der? Weshalb dieses Hü und Hott – erst einladen und dann rauswerfen? Fragen: Sie sind da, haben ihr recht. Aber sie gehen am Kern der Sache vorbei. Besser, wir notieren die Fragen im Hinterkopf und schauen uns die Geschichten der Reihe nach an:

(1) Ein König richtet seinem Sohn die Hochzeit aus. Das ist mehr als eine abendliche Party, das ist ein Großereignis. Der Vater legt seine ganze Liebe und seinen ganzen Stolz in die Vorbereitung: Da muss, nein: da soll alles stimmen. Sie merken: In dem Fest und in der Einladung steckt mehr als Konvention und ein „Das gehört sich so“ – da steckt Herzblut drin: Mein Sohn ist nun nicht mehr nur ein Kind des Vaters, so viel das auch sein mag; vielmehr gründet er nun eine eigene Familie – ich freue mich: Kommt, freut Euch mit, feiert mit – Hochzeit! Kommt und freut Euch mit: Zeichen der Liebe zu seinem Volk – und es geht ja auch sein Volk an: Es geht um die Zukunft des Herrscherhauses ebenso wie um die Zukunft des Volks. Der König sieht sein Volk wie einen großen Freundeskreis, in dem man einfach verstehen, schmecken, sehen muss, was er für seinen Sohn empfindet. Er schickt Boten aus. Er entbietet den führenden Männern seinen Gruß, verleiht seiner Freude Ausdruck, dass er sie bald bei sich willkommen heißen darf.

Enttäuschung: Die Boten werden mit einer seltsamen Gleichgültigkeit empfangen. Die Leute lassen grüßen, wünschen alles Gute – im Übrigen haben sie keine Zeit: Der Gutsbesitzer muss seine Ernte unter Dach und Fach bekommen, der Unternehmer ist gerade dann in der kritischen Phase von Verhandlungen. Und so weiter … Das Maß ist voll, als der König hört, dass an einem Ort Boten misshandelt und ermordet wurden. Die Folge? Eine Strafexpedition, wie man sie von einem orientalischen Herrscher erwarten kann – Aber dann Überraschendes: Der König sucht Tuchfühlung mit dem Mann auf der Strasse. Die Einladung geht nun an alle, der bereit sind sie anzunehmen, denn: „Die vorher waren’s nicht wert.“ Der König setzt sich über Konventionen hinweg, bricht das Tabu, lässt Rang und Würde fallen – was er sucht, sind nicht Rollen und Masken, sondern echte Menschen: seine Menschen. Und die kommen, füllen die Säle. Eine festlich gekleidete Schar. Denn nach orientalischer Sitte hat der König jedem Eingeladenen ein besonderes Hochzeitsgewand geschenkt. Das Fest beginnt. Und es beginnt bei aller Freude über die Schar der Gäste, die gute Stimmung, mit einer zweiten Enttäuschung. Indessen der König durch die Gruppen der Gäste schlendert entdeckt er einen Mann, der sein Geschenk gering achtet – er ist in Alltagskleidung gekommen.

Das ist nun nicht eine Frage der höfischen Etikette, bei der wir nicht so recht mitsprechen können. Es geht also nicht darum, ob jemand im Overall zum Hofball geht – vielmehr entdeckt der König in diesem Menschen ein Stück der Haltung wieder, die er auch bei den ersten Gästen erlebt hat, denen, die nicht kommen wollten weil sie keine Zeit hatten: Schludrigkeit, Gleichgültigkeit. Im Grunde braucht der Mann ja gar nicht erst rausgeworfen werden – er steht ja auch so schon außerhalb. Er hat sich mit seiner Haltung selbst ins Abseits gestellt – er ist Zuschauer mit einer gewissen Wurschtigkeit, nicht Festteilnehmer, eine Art Schnorrer: müssig zu fragen, ob er das geschenkte Kleid schon längst verscherbelt hat und hier nur noch abstauben will, was noch abzustauben geht. Der König reagiert, wie verschmähte Liebe reagiert: Wütend. Das Fest endet – jedenfalls für diesen Menschen – tragisch.

(2) Weshalb erzählt Jesus die Geschichte? Er ist an dieser Geschichte beteiligt. Seine eigene Freude findet sich darin wieder – die Freude über das, was er später den „neuen Bund“ nennt: Schmeckt und seht … – und da weigert sich einer, auf den Geschmack zu kommen. So haben das später seine Jüngerinnen und Jünger verstanden. Diese Freude hat die Gemeinschaft ganz am Anfang der Gemeinde, der Kirche überstrahlt. Wer die Zeit miterlebte, erinnerte sich, wie Jesu Worte von etwas erfüllt waren, was einem das Herz anders, wie neu, schlagen ließ. Da gewann ein einfaches Mahl von Brot und Wein eine Bedeutung, die Worte nicht auszudrücken vermögen – ein Fest, daran teilzunehmen, ein Fest wie eine Hochzeit. Dem wurde – so mühselig und beladen er oder sie auch kam – das Herz frisch. Und hinter allem, irgendwo hinter den Sternen wie im kleinsten Tautropfen die väterliche Liebe, die hinter all dem steht, aus der all das lebt, die alles hell macht. Die Freude der Gemeinschaft war Gottes eigene Freude und entsprang aus den Tiefen seiner Welt. Zu diesem Fest der Ruf: Auch anderen sollt die Freude mitten im Leben aufleuchten: Kommt zur Hochzeit, in der sich Himmel und Erde vereinen, in der Leben heil wird und gut.

Und: Mit dem Ruf beginnt die Tragödie, die bis heute nicht aufgehört hat: Das Haus bereit, der Tisch gedeckt, die Liebe selbst lädt ein – aber die Leute haben keine Zeit. Ich muss noch so viel tun. Mit jeder Faser des Herzens sind sie an ihre kleine Welt, ihren kleinen Alltag, ihre kleinen Freuden und ihren kleinen Zorn, Geschäft, Verein, Briefmarkensammlung gebunden. Ach, Jesus – muss das gerade jetzt sein?! Aber der Ruf bleibt. Niemand wird ausgeschlossen. Jeder ist eingeladen.

Tatsächlich: Ungehört bleibt die Einladung nicht. Viele kommen. Aber man kann auch ohne innere Beteiligung kommen, pflichtgemäß, Termin unter Terminen, alles miterleben – und zugleich nichts: Nichts von der Liebe des Vaters dahinter, der Liebe als treibender Kraft. Die große Gleichgültigkeit sitzt ebenso mit am Tisch wie der Zweifel, ob das denn überhaupt der richtige Tisch ist. Der Vorbehalt hat Sitz und Stimme in der Gemeinde Jesu Christi: Festkleidung? Deswegen? Erst mal sehen, was es gibt – was soll’s schon sein? – und dann seh ich zu, dass ich schnell wieder Land gewinne. Wer so kommt, sitzt am falschen Platz, wird an den richtigen gesetzt: An die frische Luft.

(3) Jetzt können Sie natürlich fragen „Wo bleibt denn da das Positive?“ Richtig: Wo bleibt das Positive. Dabei – hab ich’s nicht gesagt? Der Herr lädt die kleinen Leute ein und wir sitzen und stehen und beten und feiern hier und an vielen Orten rund um die Erde heute noch zusammen einen wöchentlichen Vorgeschmack des großen Fests das kommt. Und wir eingeladen. Heute schon. Fassen Hoffnung, und wenn’s gelingt: Sind von der Liebe angesteckt, dass wir losgehen wie Knechte und Mägde: Laden selber ein – nein, nicht nur zum Gottesdienst, zum Tisch des Herrn, sondern in die Liebe des Vaters. Am Montag, am Dienstag, am Mittwoch, an den anderen Tagen. Damit Sein Fest gelingt. Das ist es wert.

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