Zeit der Erwartung

Liebe Gemeinde,</p>

Advent = Ankunft, wir erwarten die Ankunft Gottes – es ist Zeit der Erwartung. Im Fernsehen, im Radio oder in der Zeitung hören oder sehen wir öfter von Umfragen, die durchgeführt werden. " Wie gefällt Ihnen … Was halten Sie von … Was meinen Sie zu … oder auch: Was erwarten Sie … "Über ganz Unterschiedliches werden da Leute befragt – über Produkte, Moden, Freizeit, Menschen, politische Entscheidungen. Unsere Meinung ist gefragt, – ist die Umfrage abgeschlossen, kann man irgendwo eine gedruckte Volksmeinung lesen. Entweder im Nordkurier, einer anderen Zeitung oder in einem Bericht, denn Umfragen werden oft in Auftrag gegeben, um eben die Volksmeinung, oder die Meinung bestimmter Menschengruppen herauszubekommen. Wir alle wissen, wozu man unsere Meinung wissen will – man will auf unser Erwartungen eingehen können. Politiker wollen unsere Erwartungen kenn, um uns im nächsten Wahlkampf bessere Versprechungen zu machen – Große Firmen, damit sie uns mit ihren Produkten besser erfreuen können. Ja unsere Erwartungen sind gefragt, damit man sich darauf einstellen kann.</p>

Und mitten im Gewühle des Weihnachtsmarktes kommt jemand auf Sie zu und versucht die laute Musik, das Gewühl und Menschenstimmen übertönend zu schreien: Was erwarten Sie von Advent und Weihnachten? Und Sie schreien zurück: "Ruhe und Besinnlichkeit- und Frieden" sagen Sie gerade als Sie von einem vorbeihastenden Geschenkeeinkäufer den Ellenbogen in den Rücken gestoßen bekommen. Das die Familie zusammen sein soll, können Sie schon nicht mehr sagen, weil Ihnen sonst der Sohnemann, oder die Enkelin verloren zugehen droht. Erwartungen haben wir an Advent und Weihnachten, wir wollen in Stimmung kommen, und oft bleibt sie aus, weil wir es mal wieder zu hektisch haben werden lassen. Plätzchen backen, Adventgesteck vorbereiten, Geschenke einkaufen, Karten schreiben, Großeinkauf machen, basteln, Wohnung sauber machen, Geschenke einpacken, Päckchen verschicken, niemand vergessen ? – aber die anderen erwarten ja die Geschenke, also … es gehört sich so, da kann man sich doch nicht einfach ausklinken, man muss doch wenigstens ein wenig den Erwartungen entsprechen. Heiligabend kommt man in der Christvesper endlich zur Ruhe und dann werden nicht einmal die alten Lieder gesungen – so ging es jedenfalls einigen Chemnitzern im letzten Jahr, wie man mich über einige Ecken wissen ließ. Wir haben unsere Erwartungen an Weihnachten und Advent, genährt durch die Erinnerungen an unsere Kindheit. Wir erinnern uns noch gut an die Gefühle von damals und gerne knüpften wir daran wieder an, würden gerne noch einmal so erwartungsvoll staunen können, wie damals – stattdessen staunen wir heute darüber, wie anders alles geworden ist, wie wenig wir zur Ruhe kommen, wie schnell alles vorbei ist. Sind unsere Erwartungen vielleicht falsch?</p>

Wir haben vorhin das Evangelium gehört. Wir hörten, wie Jesus in Jerusalem ankam, auf einem Esel reitend als König empfangen und verehrt. Vielleicht haben Sie sich gefragt, was dieser Text in der Adventszeit zu suchen hat. Dieser Text gehört doch zur Passionsgeschichte, Jesus zieht wenige Tage vor seinem Tod in Jerusalem ein. Eigentlich erwarten wir diesen Text nicht, dann doch eher Weissagungen aus dem AT, die auf die Geburt Jesu hinweisen oder die Geschichte Maria, der Mutter Jesu. Vielleicht ärgern sich sogar einige, dass die Kirche mal wieder so wenig Rücksicht auf die Erwartungen der Gemeindeglieder nimmt, die jetzt Advent und Weihnachten erwarten, aber nicht Passion. Wir erwarten die Verknüpfung zwischen Advent und Passion nicht. Seien Sie versichert, die Leute, die damals Jesus empfingen, hatten auch ganz andere Erwartungen an Jesus. Das er auf einem Esel einzog, dass fanden sie in Ordnung, denn davon hatte Gott schon die Propheten sagen lassen, dass der Friedenskönig auf einem Esel kommen würde. Das er auf einem Esel ritt und nicht auf einem Pferd, entsprach sogar ihren Erwartungen. Aber alles andere, was er in den nächsten Tagen in Jerusalem tat, bzw. nicht tat, entsprach überhaupt nicht ihren Erwartungen. Sie wollten einen König, der Schluss macht mit der Unterdrückung der Armen durch die Reichen, sie wollten einen starken Mann, der endlich wieder Ordnung ins Land bringt, der sagt wo es lang geht, der die zugezogenen Herren, die es nur aufs Geld abgesehen haben wieder nach Hause jagt, – das erwarteten sie von ihm. Aber Jesus entsprach diesen Erwartungen nicht, sondern er fragte sie mit Worten und durch sein Verhalten: Seid ihr so anders als die Reichen und Mächtigen, seid ihr nicht ganz genauso? Verlangt ihr nicht von ihnen das, was ihr selber nicht bereit seid zu tun? Ihr werft den Reichen vor, nur an sich zu denken. Ihr werft ihnen vor, ihre Macht zu missbrauchen – ihr Stellung und ihre Beziehungen auszunutzen- Ihr werft ihnen vor hochmütig zu sein – mit dem zu prahlen, was sie können, oder noch größer zu tun als sie sind- Bildet ihr euch ein, ihr wäret besser als sie? Täuscht euch nicht, denn so schlecht, wie ihr über andere denkt, so schlecht seit ihr. Das hörten die Leute nicht so gerne – so einen unbequemen König wollten sie nicht und einige Tage später schrien die selben Leute – kreuzige ihn.</p>

Jesus, der gewaltlose auf einem Esel reitende König hatte vorher nicht nach den Erwartungen der Leute gefragt. Vielleicht war das sein Fehler – hätte er man nur einen Umfrage machen lassen, dann hätte er genau gewusst, was die Leute von ihm erwarten und den Erwartungen entsprechen können und das Kreuz wäre ihm erspart geblieben.</p>

Was wäre dadurch anders geworden? – NICHTS. Sicher wusste er, was die Leute von ihm wollen – sie wollen ihn für sich gebrauchen, wollen einen Vorteil aus der Bekanntschaft mit ihm haben – Jesus tanzt den Teufelskreis der Ichsucht nicht mit, denn Frieden lässt sich nicht schaffen, wo jeder an sich denkt. Jesus fragt nicht: Was erwartet ihr von mir? Es geht nicht um Erwartungen im Sinne von Vorstellungen, die man erfüllt sehen will. Jesus stellt die Frage: Wie erwartet ihr Gott? Wie erwartet ihr Frieden. Das ist nicht die Frage nach einem bisschen Weihnachtsfrieden, der Stimmung wegen. Wer Gott erwartet und Frieden verwirklichen will, lebt, denkt, redet und handelt anders. Der fragte nicht, was erwartet ich von und Gott, sondern erwartet Gott von mir? Das sagte Jesus den Menschen damals auch: Gott erwartet von euch, dass ihr Frieden untereinander macht, dass ihr eure Feinde liebt, dass ihr euch um Unterdrückte, Einsame und Kranke kümmert. Der Friede in der Welt beginnt bei dir, und Gott erwartet, dass du dich um Frieden mühst. Jesus will uns aufmerksam machen und stellt uns die unbequeme Frage: Ist alles was ihr Frieden haltet wirklich Frieden? Ist ein freundliches Gespräch wirklich so gemeint? – Ist jedes Geschenk ein Friedensgruß – eine Liebesgabe? – Geschieht jede Hilfeleistung aus Mitgefühl? – Ist bescheidenes Auftreten Zeichen der Reife – oder Mittel der Selbstdarstellung? Nicht alles, was nach Frieden aussieht ist auch Frieden – dafür will Gott uns aufmerksam machen. Diesen Auftrag hat Jesus, wenn er zu uns kommt – Aufnahme findet er bei allen, die den Teufelskreis des Unfrieden durchbrechen wollen. In diesem Sinne wollen wir Advent feiern – wir feiern den Frieden Gottes, der nicht nur Schein ist, wir feiern unsere Sehnsucht nach echtem Frieden, wir feiern ihn und wünschen uns diesen Frieden schon zu spüren, wir feiern ihn im Wissen, dass wir ihn noch nicht erreicht haben – wir feiern Gottes Frieden schon vor – Advent und Weihnachten ist Erinnerung, dass wir Gottes Frieden erwarten. So bestätigt Gott unsere Erwartung nach Ruhe und Frieden und zeigt uns seinen Weg – seinen Weg, ihn zu finden.</p>

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