Gute und Böse

Liebe Gemeinde,

der Ruf unseres Herrn, ihm nachzufolgen wird in der Gegenwart oft verwechselt mit einer leichten, nicht sehr verbindlichen, "Gott-hat-euch-alle-lieb-Botschaft". Wie ist so etwas möglich geworden, wenn man an die alten Bilder und Gemälde denkt und an die Furcht der Menschen vor Gott und den menschlichen Institutionen, die vorgaben, seine Stelle auf Erden zu vertreten? Diese Furcht vor Gott zu überwinden ist eigentlich erst möglich geworden mit Martin Luther, dem Reformator unserer Kirche. Er wusste: ich kann alleine nicht gerecht werden vor Gott, sondern Gott lädt mich ein und macht mich gerecht, weil er ein Gott der Liebe ist, der auf die Menschen zugeht und sie aufsucht, dort, wo sie im Leben gerade stehen. Und Sie wissen es, liebe Gemeinde, diese neue Sicht auf Gottes Gerechtigkeit hat die Menschen wahrhaft freier gemacht und hat sehr vielen den Zugang ermöglicht zu einem Gott der Liebe und zu einem Verständnis von Gerechtigkeit, das unsere menschlichen Grenzen mit bedenkt. Aber, wie alles in unserer menschlichen Welt, hat auch diese Entwicklung zwei Seiten. Denn auch die Botschaft Luthers, die freimachend und wegweisend war, wurde von einem großen Teil der Menschen missverstanden und wird auch heute noch missverstanden. Dort heißt es dann: "ich kann eh machen, was ich will – Gott wird mich schon retten, denn er ist ja ein lieber Gott." Dort heißt es auch: "ich muss mich nicht um eine gute Lebensführung bemühen, denn wir Evangelischen haben ja alle Freiheit der Welt – so ist es egal, ob ich in die Kirche gehen, Gemeinschaft aufsuche, ob ich bete usw." Sie merken es, liebe Gemeinde, an meiner Titulierung: das sind schwere Missverständnisse von evangelischer Freiheit. Meinen Schüler an der Schule sage ich, dass evangelisch sein oft schwerer ist, als römisch-katholisch, denn die Verantwort für diese Lebensgestaltung liegt nun nicht mehr in einer Institution begründet und an meiner Zugehörigkeit zu dieser, sondern ich muss selbst mein Leben verantworten und in den Entscheidungen, die ich treffe, mein Gewissen immer wieder aufs Neue befragen. Deswegen geht es nicht, die Schwarz-Weiß-Malerei von Menschen, die Orientierung sich erhoffen, indem sie klare Standarts für Gut und Böse einteilen: das ist nicht mehr möglich.

Jeder steht vor Gott mit seinem Gewissen: das ist entlastend für die, die neue Wege gehen und trotzdem sich ihrer Verbindung zu Gott gewiss sind. Es ist belastend für die, die nur festhalten an dem Alten und sich rückwärtsgewandt mit Strafen und Drohungen eine heile Welt erhalten wollen, die es so längst nicht mehr gibt und so wahrscheinlich auch nie gab. Der Ruf nach klaren, verbindlichen Standarts für eine Lebensführung kann in der evangelischen Kirche nicht fruchten, denn der evangelische Glaube weiß um die Vielfältigkeit des menschlichen Lebens vor Gott. Aber dennoch, liebe Gemeinde, ist nicht alles einfach beliebig und damit belanglos und gleich-gültig. Die Gleich-gültigkeit ist der größte Feind des Glaubens, nicht der Leugner oder der Streiter gegen den Glauben. Wer nur noch die Achseln zuckt und sich gelangweilt abwendet, der wird auch die Achseln weiterhin zucken und sich abwenden, wenn es seinen Mitmenschen an den Kragen geht und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wie wir es aus unserer eigenen Geschichte zur Genüge kennen. Dass unser Leben nicht gleich-gültig ist, erfahren wir aus unserem heutigen Predigtwort aus dem Evangelium nach Matthäus. Ich lese die Verse eins bis 14:

[TEXT]

Gott, der König, lädt ein zu einem herrlichen Festmahl. Wir kennen diese Geschichte meist besser aus Lukas, denn Matthäus ist hier härter und grausamer und schwerer zu hören für unsere Ohren. Die, die nicht kommen wollen, die seine Rufer und Knechte verhöhnen und sie umbringen, die werden selbst vom König mit harter Hand bestraft und lässt sie töten durch seine Heere. Das erinnert uns an das Gericht, das uns allen bevorsteht, jedem Menschen, egal ob er an Gott glaubt oder nicht. Aber lässt uns gleichzeitig nicht zu, mehr über dies Gericht zu sagen, denn allein Gott, der König, wird die Menschen zu richten haben und seinen Richterspruch können und dürfen wir hier nicht vorweg nehmen. So haben wir dies Gericht im Blick und sehen aber auf unsere Gegenwart, in der wir Menschen dies Leben auf Erden zu bestehen haben. Gott lädt also alle ein, nachdem die eigentlichen Gäste das Mahl verschmäht haben – er lädt sie alle ein. So wie wir heute unsere Kirche begreifen: alle Menschen sind geladen. Es gibt keine Vorbedingung mehr, kein Auswahlkriterium, keine Unterschiede. Und tatsächlich, liebe Gemeinde, es sitzen dann alle zu Tisch und die Tafel wurde voll: Gute und Böse sitzen dort. Genauso wie heute. Das bekennt auch unsere evangelische Kirche: das die wahre Kirche nicht sichtbar ist, unser Gebäude, unsere Gemeinde, unsere Landekirche, die weltweite lutherische Kirche: all das ist nicht die wahre, weil unsichtbare Kirche, sondern es ist nur und allein die Versammlung der berufenen Menschen. Wir finden dort: Gute und Böse. Das Heil ist hier nicht in der Institution zu finden. Das ist der große Irrtum aller Sektierer: man kann diese äußerliche Kirche nicht dadurch verbessern, dass man sie zu einer Entscheidungskirche macht – das haben so viele versucht: die Bösen rauszuwerfen, damit nur noch die Guten übrig bleiben. War man so weit, musste man feststellen, dass auch dort noch Böse sind. Und immer weiter ging und geht eine solche Spirale: sie führt ausschließlich zu Einsamkeit und immerwährender Trennung.

Diesen Weg hat unserer Kirche mit ihren Bekenntnisschriften ausgeschlossen. Ja, bei uns sitzen sie immer zusammen: die Guten und die Bösen. Mehr können wir als Menschen nicht erreichen. Wenn wir gleich Abendmahl feiern, gilt das selbe: wer will von uns dort die Guten von den Bösen trennen mit unseren menschlichen Augen? Das kann keiner von uns, denn alle sind geladen und alle werden mit dem König an einem Tische sitzen. Wir werden uns noch wundern, wer dort alles sitzt an diesem herrlichen Tisch. Menschen, denen wir es niemals zugetraut hätten und die vielleicht doch mit mehr Berechtigung an diesem Tisch sitzen als wir selber. Menschen, die in Not und Zweifel geraten sind, Menschen, die mit ihrem Gott hadern, weil sie ihn nicht verstehen können, Menschen, deren Glaubensfestigkeit nach unseren Maßstäben schon längst verloren gegangen ist. Und dennoch bin ich der festen Überzeugung: sie sitzen richtig dort an dem königlichen Tisch und kommen richtig zum königlichen Mahl, weil sie sich dort noch etwas von ihrem Gott erhoffen. Wer wird nämlich rausgeschmissen in unserem Predigtwort? Der König ging umher, um sich seine Gäste anzusehen und er sah einen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an. Dieser, liebe Gemeinde, wurde hinaus geschmissen in die Finsternis, denn er war nicht vorbereitet auf dieses Mahl. Auch hier können nicht die äußerlichen Dinge gemeint sein, es geht nicht um Kleidung oder Schmuck und Haartracht, es geht darum, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. Wenn unsere Konfirmanden etwa sich schick anziehen zu ihrem großen Tag, dann geht es nicht darum, dass die Gemeinde sehen kann, wer von ihnen ein reiches und wer von ihnen ein armes Elternhaus vorweisen kann. Nein, es geht darum, dass sie mit ihrem Äußeren etwas andeuten von ihrer inneren Einstellung. Mehr als ein Andeuten kann es freilich nicht sein. Etwa in der Art: "Ja, es ist ein Festtag für mich heute, denn ich trete vor Gott und antworte ihm mit dem ganzen Bewusststein meines Geistes. Als Zeugen rufe ich dazu die versammelte Gemeinde." So könnte es sein, wenn man die Konfirmation ernst nimmt. So ist es gedacht mit dem hochzeitlichen Gewand: ich drücke aus, dass ich diese Hochzeit ernst nehme. Ich erkenne das hochzeitliche Geschehen an und ich freue mich mit dem Brautpaar über ihr Ja-Wort gegeneinander. Die Gäste an der Tafel des Königs, von dem wir reden, drücken eine ähnliche innere Haltung aus: "Ja, ich erkenne an, dass Gott mein Herr über Leben und Tod ist. Ich erkenne an, dass er sein Sohn für meine Sünden gestorben ist." Und noch mehr, liebe Gemeinde: "Ich setze mein Vertrauen auf diesen Gott – ihm will ich mich überantworten für alle Fragen, die mit meinem Leben zu tun haben." Wer kann solches sagen? Alle, die an der Tafel sitzen: die Guten und die Bösen, verwechseln Sie das nicht, liebe Gemeinde! Wer solches Vertrauen in Gott besitzt, den wird Gott auch bei der Verwandlung behilflich sein. Der wird sein Leben aus dieser Kraft transformieren können und die Menschen werden mit der Zeit Früchte erkennen. Wer aber gleichgültig der Sache gegenüber steht, der trägt kein hochzeitliches Gewand, denn er hat übersehen, dass sein Leben immer in Entscheidungen steht. Wer kein hochzeitliches Gewand trägt, der lebt gewissermaßen ein Leben, als ob es nur ihn selber gäbe, denn er sucht keine Nähe zum Gegenüber, zum Mitmenschen und zu Gott. Auf diesen Menschen wird es zurückfallen, wenn der Gastgeber ihn bittet, von der Tafel aufzustehen und zu gehen. Denn nicht der Gastgeber hat den Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – er selber hat sich außerhalb der Gemeinschaft gestellt.

Außerhalb der Gemeinschaft der Guten und der Bösen, die trotz alledem zusammen am Tisch des Königs speisen dürfen. Wer sich selber ausschließt durch sein Achsel-Zucken, der wird heute durch unser Predigtwort gemahnt: "viele sind berufen, aber nicht alle sind auserwählt!".

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