Zuwendung zum gelebten Willen Gottes

Viele Menschen erzählen von Jesus, aber nicht alle vom biblischen Jesus Christus. Er wird instrumentalisiert. Er wird benutzt als Liebe, die man ja tatsächlich nicht genug preisen kann.

Unser Episteltext ist besonders beliebt – und es bleibt ja richtig. Jesus ist die Liebe, aber nicht die Liebe, die alles zudeckt, die alles bemäntelt, die nichts ernst nimmt. Die Liebe, die wir mit Jesus bezeichnen, müssen wir schon genauer erforschen, genauer verstehen lernen

Aus dem Satz, dass Gott die Liebe ist, folgt alles und nichts. Jesus erlebt das. Er hat einen Menschen geheilt, der sehr lange krank war – und wird dafür von frommen Bedenkenträgern angegriffen: Darf er das? Bzw.: Hätte das unbedingt heute sein müssen, am Sabbat. Darf man das tun gegen geltende Gesetze oder hätte man nicht einen Tag warten müssen. Zugegebenermaßen heute 2000 Jahre später eine fremde Diskussion, aber die Argumente können uns heute noch treffen:

[TEXT]

Luther hat zu Johannes 5,44 eine Übertragung des Worts Jesu gebildet: ‚Ihr habt etwas, was Euch hindert und was Euch nicht dazu kommen lässt, dass Ihr mich annehmt. Ihr habt nämlich einen Götzen in Eurem Herzen. Der heißt Eure eigene Ehre.’

Und genau darum geht er’s: Warum hören wir Gottes Wort, was wollen wir, wenn wir Gottes Wort hören?

Wenn Jesus darauf hinweist, dass das Alte Testament von ihm zeugt, ist das nicht die ganze Wahrheit. Es ist im Grunde genommen eine Anfrage. Eine Anfrage an mich: Wie liest Du die Bibel?

Jesus dreht die Argumentation seiner Kritiker um. Ihr habt zwar einen treuen formalen Glauben, tut alles, was die religiöse Pflicht verlangt, gebt Opfer, betet und hört in der Synagoge – oder in unsere Zeit übersetzt: ihr zahlt Kirchensteuer, besucht Gottesdienste, aber ihr hört nicht wirklich hin, macht euch nicht wirklich klar, wo der Schwerpunkt liegt, was wesentlich ist in Eurem Glauben. Ihr haltet die Gebote, aber ihr legt sie nicht wirklich aus, fragt nicht nach ihrem Sinn. Die Gebote sind Regeln für das Volk Gottes, nach der Befreiung. Ihr Ziel ist Freiheit, auch Freiheit von allem, was Leben behindert. Freiheit zu jeder Zeit – für jeden.

Der Text handelt nicht nur vom falschen Schriftlesen. Er stellt auch eine Versuchung in diese Richtung dar. Die Versuchung liegt darin, dass ich in den Texten nur die Antworten suche, die ich vorher hineingelesen habe – nach dem Motto: Ich bin o.k. – und das will ich heute hören. Die Versuchung zu allen Zeiten besteht darin, sich seinen Gott zu bauen und ihn sich anschließend in der Bibel oder in der Kirche so zusammenzusuchen, wie wir ihn gerade brauchen. Wie manche Politiker, wenn sie eine Rede schreiben erst einmal wissen, was sie sagen wollen und sich dann die Fakten suchen, die zu ihrem Ziel passen und alles Andere nicht zur Kenntnis nehmen. Das meint Luther mit dem Götzen, den wir in unseren Herzen haben.

Das Ziel, das Jesus uns nahe legen will, heißt aber anders: Suche allein den lebendigen Gott und höre ihn aus den vielen Stimmen heraus.

Die Menschen, die Jesus begegnen, haben das wohl gespürt. Darum sind die einen ihm gefolgt und haben dafür alles aufgegeben und die anderen haben ihn bekämpft bis zum Kreuz.

Es geht Jesus allerdings weniger um das Ansehen der eigenen Person als vielmehr darum, dass wir in der Bibel Alten und Neuen Testaments forschen: Was ist es, das Gott von uns will und mit uns vorhat?

Der Hinweis auf Mose macht schon einmal ein Zentrum des Glaubens deutlich. Im Mittelpunkt der 5 Bücher Mose steht die Geschichte von der Befreiung des versklavten Volkes – und wer die Geschichte liest, merkt sehr schnell, wie politisch die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist. Da ist ein Mächtiger, der Pharao, der immer wieder Niederlagen erlebt, Plagen – und immer wieder aufsteht, halsstarrig auf seiner Position beharrt, sogar noch als Kinder seines Volkes ums Leben kamen, schickt er seine Truppen hinter dem entflohenen Volk Gottes hinterher.

Da sind die verzweifelten unterdrückten Menschen, die sich voller Verzweiflung an die Zusagen Gottes halten und gleichzeitig immer ins Zaudern kommen, weil ihre Erfahrung schlecht ist, weil sie zuviel Schlimmes erlebt haben, um jetzt blind zu glauben.

Der Zweifel gehört zur Befreiung dazu, der Zweifel gehört zum Glauben dazu – Zweifeln und doch glauben.

In der Geschichte Jesu finde ich ähnliche Züge. Gerade die Armen, die Verachteten waren es, die Jesu Ruf Folge leisteten. Gerade sie hörten den Zuspruch und sahen sich als legitime Nachkommen der Sklaven in Ägypten. Aber auch sie gingen in die Irre, als sie sich aus Jesu Worten das herausholten, was ihnen nützlich erschien. Mit Kreuz und Leiden wurden sie nicht fertig – und konnten darum auch nicht mit Ostern und Himmelfahrt rechnen, obwohl Jesus von all dem gesprochen hatte.

So geht es Kirche und ChristInnen seit Jahrhunderten immer wieder. Bis heute. Auch wir wissen nicht immer genau zu unterscheiden: Was ist der Wille Gottes – und was hätte ich gerne, dass der Wille Gottes ist. Von dieser kniffligen Frage leben zum Beispiel all die Diskussionen um Sterbehilfe und Wert menschlichen Lebens an der Grenze – auch an der Grenze vor der Geburt. Wir haben keine Verheißung immer die richtigen und schlüssigen Antworten zu finden, aber wir haben die Verheißung, dass der Herr bei uns ist, wenn wir diese Antworten suchen und uns dabei wirklich auf sein Wort einlassen.

Im Abendmahl empfangen wir Brot und Wein – und oft fragen mich Jugendliche: Was soll dieses Mahl, bei dem wir nicht satt werden? Das kann man doch nicht Mahl nennen. Und mir fällt es dann immer schwer angemessen zu antworten – zu erzählen von den vielen Menschen, denen im Stück Brot und im Schluck Wein der Herr selbst begegnet, zu erzählen, wie dieses bescheidene Mahl und die gefühlte Gegenwart Gottes weiterhilft zu erkennen: Was will Gott von mir – in meinem Leben?

Aber genau darum geht es im Leben von Christenmenschen: Die Nachfolge Jesu und die Nachfolge Mose in der Zuwendung zum gelebten Willen Gottes.

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