Gott genießen

(1) Aufstöhnen vor dem Abitur: „Das bringt nichts – das bringt einfach nichts mehr: Ich krieg’s nicht in den Kopf rein.“ Und die andere Seite: „Ich erklär’s Dir jetzt zum hundertsiebenundzwanzigsten Mal – irgendwann muss das doch klappen …“ So viel guter Wille – und nichts kommt an: Bei mir damals vor dem Französischabitur ebenso wenig wie bei hunderttausend anderen Dingen – bei Ihnen, bei anderen, bei mir -, die die Welt mehr oder auch weniger bewegen: Es will einfach nicht, liebe Gemeinde.

Ob Jesus auch resigniert? „Ihr könnt mir einfach nicht glauben …“ und ein Aufseuf­zen hinterher? Möglich schon – aber, um das Ende vorweg zu nehmen: Dennoch hat er seinen Weg durchgehalten, ist nicht zum verhinderten Messias geworden, dennoch hat er sich am Ende festnageln lassen am Kreuz, dennoch ist er für uns und die vielen mit ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten und Grenzen auf Golgatha gestorben und, die Gute Nachricht, auferstanden. Wer das annimmt, darauf baut, steht nicht mehr unter dem Verdikt „Ihr bringt das einfach nicht.“ Wer das gelten lässt, kann den Predigttext so zu Ende sprechen: „Selig, die nicht sehen und doch glauben … freut Euch, dass Eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind … Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen … Miterben der Schöpfung.“

(2) Mir ist völlig klar, dass ich die Sätze Jesu aus dem Predigttext so, wie ich sie jetzt auslege, ziemlich gegen den Strich bürste – und ich tu’s sehr bewusst und gern. Weil es zwar kein pauschales „Ende gut – alles gut.“ gibt, aber so, mit gelebtem Vertrauen, eben doch ein gutes Ende: Auch für uns mit unseren Leben innerhalb unserer Grenzen.

Martin Luther im Heidelberger Katechismus: „Das ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben, dass ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut für meine Sünden vollkömmlich bezahlt hat … sodass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.“

(3) Genau da liegt der Knackpunkt in unserem Predigttext für die Schriftgelehrten, Menschen, gottesfürchtige Menschen, wie es sie auch heute noch gibt – nicht nur in den jüdischen Gemeinden: Sie vertrauen nicht – am Ende nicht einmal den Schriften, die den Messias ansagen. Grundmotiv für ihr Handeln ist eine formale Frömmigkeit – so, wie es manchmal (meist von Außenstehenden) Ihnen nachgesagt wird: „Die kommen in die Kirche – aber nur um ihren neuen Hut oder das neue Kleid vorzuführen und hinterher gnadenlos über die anderen her zu ziehen.“ Will sagen: Die Ernsthaftigkeit ihrer Fröm­migkeit liegt da, wo sie dem eigenen An­sehen dient. Das ist das Motiv: Bei den Leuten Ansehen schinden.

Nicht, dass die Kirche oder Gemeinde heute die gesellschaftliche Nische wäre, in der Sie und ich unsere Defizite im sozialen Leben ausgleichen könnten – so hoch steht Kirche und Gemeinde nicht mehr im Kurs –, aber die geringe Gefahr und die Versuchung besteht immerhin.

(4) Deswegen macht es Sinn, nachzuschau­en, wie die Schriftgelehrten und die Wahrheitsbesitzer aller Zeiten um diese Falle herumgekommen wären, in der sie nun sitzen.

Drei Punkte dazu:

(4.1) Statt gegenseitigem Schulterklopfen und „Mann, bist Du gut.“ Gotteserfahrung. Das ist ja schon mutig, wenn von Gotteserfahrung gesprochen wird. Eigentlich ist sie zur Domäne von Pfingstgemeinden, Sekten und Esoterikern geworden. – Warum eigentlich? So, als ob Gott ausgewandert wäre. So, als ob er nach den über hundert „Und Gott sprach“ Ihre oder meine Nase, Ihr oder mein Leben gesehen hätte und gesagt hätte: „Du? Nee – nun reicht’s aber wirklich“ und sich schmollend in den hintersten Winkel des Himmels zurückgezogen oder jedenfalls die Himmelstür verriegelt und verbarrikadiert hätte: Da kommt mir nichts mehr raus und nichts mehr rein.

Dabei: Erfahrungen der Nähe, des Bewahrens, der Liebe Gottes haben viele gemacht – hautnah –, sind angerührt worden und haben es über die vielen Jahre nicht vergessen. Sie auch? Ich würde mich nicht wundern, wenn es so wäre.

Nur – was hilft die schönste und tiefste Gottes- oder auch Geisterfahrung, wenn sie in und bei mir stecken bleibt? Wenn sie nicht kommuniziert wird – nicht als Angeberei, sondern bescheiden, nüchtern, um andere im Vertrauen zu stärken?

(4.2) Leben mit der Bibel. „Wenn Ihr wenigstens die Schriften ernst nehmen würdet …“ sagt Jesus.

Und Obacht – gut möglich, dass wir da an­gesprochen sind: Bibellesen im McDonalds-Stil: Hier ne schnelle Losung halb verschlafen am Morgen und da ein Bibelvers und nächstens geh ich mal wieder in den Gottesdienst – das kann’s nicht gewesen sein, wenn ich Gott und wenn ich mein eigenes Christsein ernst nehme. Von Fastfood weiß ich nur, dass es ganz kurz mal lecker schmeckt und schnell fett macht – von kräftig weiss ich nichts. Mir geht’s dabei nicht darum, dass wir schriftvergessen unsere evangelisch-christ­liche Identität verlieren (wozu hat Luther die Bibel schließlich ins Deutsche übersetzt? Doch dazu, dass jede und jeder sich selbst darüber vergewissern kann, was es mit Gott und der Welt und dem Leben auf sich hat und nicht auf Aussagen aus zweiter und dritter Hand angewiesen ist). Mir geht dabei auch um das, was Leitwort des Kirchentags ist „Wenn Dein Kind Dich morgen fragt …“ oder Dein Enkel – dass wir noch über Gottes und unsere Geschichte Auskunft geben können. Kinder da ohne Antwort lassen ist – ich sag’s harsch – Sünde. Der oder dem wärs – nun wieder Jesu Worte – „besser, er wäre mit einem Mühlstein um den Hals ins Wasser geworfen.“ – Wir stehen da in einer Verantwortung für uns und über die Generationsgrenzen hinweg. Die ist – das ist zwingend, sofern ich Christ, sofern wir Gemeinde sind – wahrzunehmen. Betend die Bibel lesen und die Welt verstehen und etwas mehr von Gott – ob die Schriftgelehrten dann auch noch so bockbeinig vor Jesus gestanden wären?

(4.3) Raum schaffen für Gottes Liebe. Denn die sucht sich den Weg über das Wort und über den Geist. Raum schaffen für Gottes Liebe – ruhig werden vor Gott (und die entsprechende Zeit im Tag einplanen), Gott genießen, Sorgen loswerden und Hoffnung finden, Sinnloses weglegen und Sinn finden und ein Ziel und wissen „Ich bin gemeint. Ich bin geliebt.“ – so, wie es Tom und Ben in der Taufe zugesprochen worden ist – und zur Freude finden nicht in meinem kleinen, vergänglichen handgestrickten Paradies sondern bei Gott. Darum geht’s.

(5) Ob wir’s tun? Oder am Ende ebenso angefaucht werden wie die Schriftgelehr­ten? Da heißt es dann, so Mattäus „Weg mit Euch – mit Euch hab ich nichts zu tun!“ Oder nicht? Weil wir die Konsequenzen gezogen haben? An uns liegt’s, mit an uns, ob wir wieder ins Lied der Freude über Gott hineinfinden oder nicht. Die Freude an Gott – die wünsche ich uns von Herzen.

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