Hier bin ich!

Ein Mensch bekommt den Auftrag von Gott, seine Botschaft zu verkündigen. Darum geht es im heutigen Predigttext. Möglicherweise ist Ihnen das beim einmaligen Hören nicht so deutlich geworden. Jedenfalls ging es mir selbst nach mehrmaligem Lesen so.

Ein schwieriger Text. Erstmal ist es schwer zu verstehen, worum es überhaupt geht. Und wenn man meint, dahintergekommen zu sein, dann wird es auch nicht leichter.

Jesaja erzählt uns hier die Geschichte seiner Berufung zum Propheten. Diese Geschichte beginnt mit einer Vision – einer Vision von Gott, der im Jerusalemer Tempel thront, der von Seraphen umrahmt wird – sechsflügligen Feuerengeln. Diese Engel singen sich gegenseitig ein Loblied auf den Herrn zu: „Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr Zebaoth! Alle Lande sind seiner Ehre voll.“ Sehr bildhaft werden die Auswirkungen dieses Lobliedes geschildert: Der Tempel erbebt und ist voller Rauch.

Soweit ist das Ganze zwar nicht gerade alltäglich, aber nachvollziehbar.

Weiter geht es nun mit einem Schuldbekenntnis. Angesichts dessen, was Jesaja da sieht, erkennt er seine eigene Sündhaftigkeit – er spricht von unreinen Lippen – und wünscht sich zu sterben. Das mag fatalistisch klingen, heißt aber eigentlich nur, dass sein Bekenntnis von Herzen kommt und er bereit ist, die Konsequenzen für sein Fehlverhalten zu tragen.

Nun macht Gott aber genau das Gegenteil von dem, was Jesaja erwartet. Statt ihn vergehen zu lassen, vergibt er ihm seine Schuld. Als Bild dafür lässt der Text einen der Seraphen Jesajas Lippen mit einer glühenden Kohle vom Altar des Tempels berühren.

Jetzt ist alles gut, könnte man denken. Es ist genau das passiert, was wir alle von Gott erwartet haben. Jesaja, bekennt seine Schuld, und sie wird ihm vergeben.

Aber zu früh gefreut – jetzt geht es erst richtig los. Jesaja hört die Stimme des Herrn. Sie stellt zwei Fragen: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ Und was macht Jesaja? Er antwortet: „Hier bin ich, sende mich!“ Offenbar ist Jesaja also nicht allein. Und er meldet sich freiwillig. Er weiß zwar nicht genau, worauf er sich da einlässt, aber er meldet sich sozusagen freiwillig. Man könnte denken „Natürlich macht er das. Wenn der Herr schon mal zu einem spricht, dann sagt man nicht nein.“ Aber wir kennen das auch anders. Der Prophet Jeremia, z.B., hat sich gesträubt und mit allen Mitteln gegen seine Berufung gewehrt. Nicht so Jesaja. „Hier bin ich, sende mich!“ sagt er.

Da könnte die Berufungsgeschichte jetzt doch zu Ende sein. Alles schön. Gott hat offenbar einen hochmotivierten neuen Mitarbeiter gefunden.

Nur dieses Problem: [Es folgt die Stellenbeschreibung.]

Jetzt erklärt Gott Jesaja genau, was er zu tun hat. Er gibt ihm seinen Auftrag. Und dieser Auftrag ist für unser Verständnis so unfassbar, dass wir ihn noch mal im Original hören sollten.

[TEXT Verse 9-13]

Ja, Gott gibt seinem Propheten Jesaja den Auftrag, seinem Volk auszurichten, dass es für sie gelaufen ist. Keine Chance mehr. Alles vorbei. Der Herr wird sie alle vertreiben. Und vorneweg gibt er ihm noch mit auf den Weg, dass sowieso niemand das verstehen wird, was er zu sagen hat. Das Volk kann und will das, was Gott ihnen durch seinen Propheten sagt, nicht verstehen. Und weil sie es nicht verstehen, schickt Gott sie ins Verderben.

Das ist ganz schön heftig.

Und nun sitzt der arme Student der Gemeindepädagogik, der das erste Mal predigen darf, vor diesem Text und denkt sich: „Mannomann! Wie soll ich der Gemeinde das erklären? Das ist doch nicht der Gott, den wir haben wollen, wie wir ihn uns vorstellen. Unser Gott ist doch gnädig und verständnisvoll und gerecht …“

Dieser Gott nicht. Dieser Gott hat die Faxen dicke. Es reicht ihm mit der Sündhaftigkeit und Selbstgerechtigkeit der Menschen. Jesaja soll ihnen ihre Verfehlungen noch ein Mal vor Augen führen, sie werden es nicht einsehen, und das wird es dann gewesen sein.

So, jetzt könnten wir, wie die Theologen das gerne machen, noch mal genau schauen, was die Menschen damals denn überhaupt falsch gemacht haben. Und vielleicht könnten wir dann erleichtert feststellen, dass sie ja selbst Schuld waren damals und dass das mit uns gar nichts zu tun hat, weil die Zeiten überhaupt nicht vergleichbar sind und so weiter …

Eine andere Möglichkeit wäre, sich einfach auf die Seite Jesajas zu schlagen. Er ist unsere Identifikationsfigur. Er macht alles so, wie Gott es von ihm erwartet, und wir sind wie Jesaja, nicht wie das dumme, ungläubige Volk.

Das war jedenfalls mein erster Gedanke, mein erster Zugang zum Text. Ich konnte mich sofort mit Jesaja identifizieren, dachte „Mensch, Dir geht es ja genau so. Du hast jetzt den Auftrag, eine ganz schön harte Botschaft unters Volk zu bringen. Du wirst zur Gemeinde sprechen, und es kann gut sein, dass sie kein Wort verstehen werden von dem, was Du da sagst. Oder sie verstehen es falsch – noch schlimmer! Aber das gehört nun mal zum Job, und Du fühlst Dich ja auch dazu berufen. Außerdem hast Du Dich ja gewissermaßen freiwillig gemeldet. Fast genau wie bei Jesaja – auch wenn Du kein Prophet bist.“

Ich halte beide Varianten nicht für die Besten. Irgendwie würden wir uns ja in beiden Fällen auf genau den Weg der Selbstgerechtigkeit begeben, dem Gott in unserem Text so ein grausames Ende bereiten will.

Die Lösung liegt auch nicht irgendwo in der Mitte – Rumgeeiere hilft uns vor diesem Gott ganz sicher nicht weiter.

Ich glaube, der Weg ist ein radikaler und ein ganz schön schwieriger. Und er setzt voraus, dass wir uns aus dem Text nicht das herauspicken, was uns am besten passt.

Der erste Schritt, ist dass wir anerkennen, dass wir kein Stück besser sind als das Volk, das Gott ins Verderben schickt. Dazu ist es nicht nötig, jetzt aufzuzählen, wann und wo wir alle selbstgerecht, egoistisch, arrogant und blind für unsere Nächsten sind. Das weiß jeder von uns selber am Besten. Und eines sollte es uns leicht machen, dieses einzugestehen: Wir wissen, dass Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hat und ihn am Kreuz hat sterben lassen, damit wir nicht ins Verderben rennen! Der heilige Same im Stumpf, von dem der text spricht, ist aufgegangen und hat uns mit Gott versöhnt.

Jetzt sind wir schon ein bisschen wie Jesaja. Aber wir wissen ja, dass die Geschichte mit Schuldbekenntnis und Vergebung noch nicht zu Ende ist. Es gilt noch, die Ohren aufzumachen und genau hinzuhören, damit wir es mitbekommen, wenn Gott fragt: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ Um dann zu sagen: „Hier bin ich!“ Gott hat für jeden von uns den passenden Auftrag, wir können uns ruhig freiwillig melden. Und dann bloß nicht aufgeben, wenn wir Angst haben, es könnte zu schwierig sein. So schwierig wie damals für Jesaja wird es ganz sicher nicht.

Und dann sollten wir noch kräftig einstimmen in das „Heilig, Heilig, Heilig“ der Seraphen. Denn gerade heute, an Trinitatis, wird uns die Heiligkeit von Vater, Sohn und Geist vor Augen geführt. Diese Gelegenheit gilt es wahrzunehmen.

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