Gottes Herrlichkeit

Liebe Gemeinde,

die ganze Woche schon denke ich sehr an einen Gottesdienst in meiner Kinderzeit. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war – aber ich ging noch in den Kindergottesdienst, der bei uns nach dem Hauptgottesdienst gefeiert wurde. Wir haben wie die Erwachsenen die Liturgie im Wechsel mit dem Pfarrer gesprochen. Dann las der Pfarrer einen einzigen Text vor, ich nehme heute an, es war jeweils der Predigttext. Und dann gingen wir in Altersgruppen, um mit ehrenamtlichen Helferinnen ein anderes Thema zu bearbeiten. Dieser eine, vom Pfarrer gelesene Bibeltext stand immer als pures Wort da mitten im Gottesdienst. Und einmal ging es um den Saum des Kleides von Gott und um glühende Kohlen. Ganz lange hat mich diese nicht nur für ein Kind schwierige Geschichte beschäftigt und fasziniert zugleich, denn zum allerersten Mal wurde mir etwas von der Größe Gottes anschaulich bewusst. Hören wir die Geschichte:

[TEXT]

"Da sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.", dieser erste Satz war mir im Gedächtnis geblieben. Unsere Kirche war ziemlich groß, ich wusste aber, der Jerusalemer Tempel war viel größer. Und so stellte ich mir diesen Jesaja vor, wie er, winzig klein, diesen Saum sieht. Mehr kann er von Gott gar nicht erkennen. Und dann noch diese Engel, die nicht, wie ich es bisher aus dem Krippenspiel kannte, zwei, sondern sechs Flügel haben, von denen sie allein schon vier brauchen, um vor Ehrfurcht oder auch, um nicht zu vergehen, ihre Augen und ihre Füße bedecken mussten. Mir wurde ganz schwach. Ich konnte so gut nachvollziehen, dass dieser Jesaja erst einmal sagte: "Weh mir, ich vergehe". Jahre später war ich erstmals beim Abendmahl dabei, immer noch Kind. Und als ich das "Heilig, Heilig, heilig ist Gott der Herr Zebaoth" hörte, da fiel mir diese glühende Kohle ein, die der Engel dem Jesaja an die Lippen gelegt hat. Ich fürchtete, so etwas sei mit jeder Abendmahlsfeier verbunden. Mir wurde ganz schwach vor so viel Heiligkeit und meiner eigenen Unvollkommenheit.

Erst viel später, ich muss gestehen, erst nach dem Konfirmandenunterricht, ist mir klar geworden, dass diese glühenden Kohlen überflüssig geworden sind durch Jesus, und dass das Brot, das wir zu seinem Gedächtnis essen, uns sagt: "Deine Schuld ist schon von dir genommen, deine Sünden sind dir vergeben".

Trotzdem ist, das merke ich immer wieder, mein Gottesbild bis heute geprägt durch diese Vision des Jesaja aus dem Alten Testament. Und manchmal bin ich auf die Menschen ein bisschen neidisch, die sich ganz unbefangen der anderen Gestalt Gottes zuwenden, dem Bruder Jesus, mit dem sie auf Du und Du sind.

Heute feiert die Kirche ein Fest, dessen Bedeutung schwierig ist, das Dreieinigkeitsfest, lateinisch "Trinitatis". Über die Dreieinigkeit Gottes, die Trinitätslehre, haben sich Theologen über Jahrtausende gestritten und entzweit. Menschen mussten sterben, weil sie Vater und Sohn nicht als eine Person und doch zwei sehen konnten. Ich möchte darüber nicht reden, mir ist viel wichtiger, wie unterschiedlich und wie jeweils einmalig die Gotteserfahrung von Menschen sein kann. Da ist dieser Jesaja, der Gewaltiges sieht und trotzdem – oder deshalb den Mut hat, auf die Frage: " Wer will unser Bote sein?" zu sagen: "Hier bin ich, sende mich".

Jesaja wird erst, nachdem ihm seine Schuld vergeben ist, berufen. Damit erst ist die Bahn frei, für den Auftrag Gottes. Gott spricht zu Jesaja. "uns" könnte man als eine Anspielung auf die Dreieinigkeit Gottes sehen. Gott stellt nun eine Frage in den Raum, die er aber nicht aus Verlegenheit stellt. Er ist eigentlich nicht auf uns Menschen angewiesen, aber Jesaja bekommt die Möglichkeit sich freiwillig zum Dienst für Gott zu entscheiden. Wer frei geworden ist von seiner eigenen Sünde, kann fortan Gottes Gedanken mitdenken und ist nicht genötigt – um seines belasteten Gewissens willen -, sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen. Jesaja stellt sich nun Gott ganz zur Verfügung. er hat Gott erlebt, seine Schuld ist ihm vergeben, er will für Gott gehen.

Gott wusste, wem er sich in dieser Gewalt und Macht zeigte, er hat diesem Mann auch die Kraft gegeben, den Anblick des lebendigen Gottes zu ertragen und daraus ein Sendungsbewusstsein zu entwickeln. Es ist ja schließlich keine leichter Auftrag, den er da empfängt: er soll die Herzen seiner Mitmenschen verstocken. Das ist hart, auch, wenn man selbst voller Kritik an der Lebensweise seiner Umwelt ist. Dennoch sagt er "ja", weil Gott bereits seinen Geist in ihn gegeben hat, einen Geist, dem er sich einfach nicht mehr entziehen kann.

Jesaja erlebt die Herrlichkeit Gottes in einer Theophanie, die die Auswirkung hat, dass Jesaja sich und sein Volk als sündig erkennt, worauf Gott ihm seine Schuld vergibt und Jesaja sich, aufgrund dieses Erlebnisses, in den Dienst Gottes stellt.

Andere, die Gott in seinen Dienst ruft, erfahren das auf völlig andere Weise. Denken wir einmal an Paulus, dem Jesus Christus erschien, dessen Anhänger er verfolgt hatte, oder auch an Mose und den brennenden Dornbusch. Ich weiß ja nicht, wie Ihre Begegnungen mit Gott aussehen. Vielleicht sind Sie ja manchmal enttäuscht, weil Ihnen solche spektakulären Gottesbegegnungen nicht zuteil werden. Ich weiß auch nicht, ob Sie zu denen gehören, die überzeugt sind: "Ja, ich hätte auch sofort: "Hier bin ich" gerufen." Vielleicht geht es Ihnen ja auch ganz anders: Ihre Gotteserfahrung ist geprägt von irgend jemandem, der Ihnen beibringen wollte: "Gott ist soundso", einem superstrengen Pfarrer zum Beispiel, der Ihnen als Kind regelrecht Angst vor Gott eingejagt hat. Und wenn jemand ruft, vor dem man Angst hat, mag man ja ungern "Hier bin ich" sagen, zumal sich wie zur Bestätigung noch herausstellt, dass die Aufgabe, die er zu übertragen hat, nicht so ohne ist. Oder Sie fragen sich: Woran merke ich überhaupt, dass es Gott ist, der mich ruft? Schließlich gibt es genügend prominente Beispiele, die einem so etwas hinterfragen lassen: Das Sendungsbewusstsein des derzeitigen amerikanischen Präsidenten etwa kann einen da schon ins Grübeln bringen. Auch die Frage: woher weiß ich, dass ich Gottes Auftrag so umsetze, wie er es gemeint hat? Da hilft es wohl nur, darauf zu vertrauen, dass Gott mir die Fähigkeit gibt, seinen Auftrag zu verstehen. Und wenn das nicht klappt, dass er denen, an die ich mich wende, den Geist gibt, zu unterscheiden und Gottes Wort aus meinen Worten herauszuhören.

Jesaja kommt nicht auf die Idee, Gewalt anzuwenden, er beschränkt sich darauf, die unangenehmen Wahrheiten wieder und wieder auszusprechen und die Folgen aufzuzeigen, die sie haben werden. Und er sagt den Menschen, dass nur Gott sie befreien kann. Aber sie halten – wir kennen das heute ebenfalls – an ihren Lebenslügen fest. Das macht Jesaja fassungslos. Genauso, wie es die ersten Christen fassungslos gemacht hat, warum Gott es zulässt, dass die meisten nichts von Jesus und seiner befreienden Liebestat hören wollten.

Und wie es uns manchmal fassungslos macht, dass von Gott zwar auch Leid, das wir nicht verstehen, aber auch immer wieder Befreiung, Friede und Versöhnung kommt – manchmal nach langer Zeit, aber dennoch zuverlässig und unermüdlich. Gott mag zwar in seinem Wesen für uns unbegreiflich und unfasslich sein, aber er ist uns ganz nahe. Sein Geist macht uns Mut, in Jesu Namen bittend zu ihm zu kommen wir zu einem Vater. Und wenn dieser Vater uns vor eine Aufgabe stellt, so haben wir Jesus, unseren Bruder, vor Augen, wie er mit den Menschen umgegangen ist: Voller Liebe, Verständnis und Versöhnungsbereitschaft. Daran können wir auch unser Leben orientieren.

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