Berufen wie Jesaja

Gewerkschaft VERDI kritisiert Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer. – Müntefering bekräftigt seine Kapitalismus-Kritik: „Eigenverantwortung ist ohne Sozialverantwortung nicht zu haben.“ – Sächsischer Landtag ist empört über Aktionen der NPD-Fraktion. Dennoch gehen deren Anträge immer wieder durch. – Ein Nürnberger Rektor will mit einfachen Regeln seinen Schülern Sozialkompetenz und Disziplin beibringen: „Es kann nicht sein, dass Kinder einfach machen, was sie wollen. Sie müssen lernen, mit anderen Menschen vernünftig umzugehen.“

Liebe Gemeinde, diese Zitate stammen aus der SZ von Donnerstag und Freitag – ihnen kommen sie wahrscheinlich bekannt vor, solches oder ähnliches bekommen wir fast jeden Tag irgendwo zu hören oder zu lesen. Es wird gemahnt und kritisiert. Die Wirtschaft muss mehr Verantwortung übernehmen. Die Politiker müssen etwas gegen Rechts unternehmen. Die Eltern müssen ihre Kinder endlich wieder anständig erziehen. Sonst, so klingt unausgesprochen in all diesen Mahnungen mit, wird es ein böses Ende nehmen mit uns allen. Wir hören es. Wir denken oft vielleicht auch: Stimmt, man sollte doch … und wir tun meistens – nichts. Oder zumindest nicht viel. Denn es ist mühsam. Und man macht sich nicht sonderlich beliebt, wenn man gegen den Mainstream schwimmt. Oder?

Was ich jetzt beschrieben habe, wird meistens als ein „Problem unserer Zeit“ dargestellt. Tatsächlich ist das aber gar nicht so, sondern es scheint eher ein Problem der Menschheit ganz allgemein zu sein. Jedenfalls lesen wir davon auch häufig in der Bibel – die Prophetenbücher sind voll davon; da wird gewettert gegen eitle Frauen, die nichts anderes im Kopf haben als ihre Kleider, gegen hochmütige Menschen, die meinen, alles was sie erreichen käme nur von ihnen selbst, gegen Rechtsverdreher, die die Schwächeren und Ärmeren schamlos ausnutzen. Ein Prominenter Mahner begegnet uns heute im Predigttext. Er hat vor etwa 2500 Jahren in Jerusalem gelebt. Er war – sehr wahrscheinlich – Beamter dort, und hat als solcher sicherlich nicht schlecht gelebt. Ganz normal halt. Es handelt sich um den Propheten Jesaja. Und der hat eines Tages ein Erlebnis, das ihn aus seinem Alltagsleben total herausreißt, auf eine Art, wie er sich das wahrscheinlich nie hat träumen lassen. Davon berichtet der Predigttext:

[TEXT]

Eine düstere und finstere Vision hat Jesaja. Ich bin selbst ganz erschrocken, als ich sie gelesen habe. Gott ist in dieser Geschichte überhaupt nicht lieb, sondern furchterregend, übermächtig, zornig auf die Menschen! Es ist wie ein schlimmer Alptraum, aus dem man am liebsten aufwachen will. Die meisten Menschen hätten Jesajas Erlebnis wahrscheinlich als so einen Alptraum betrachtet, und hätten versucht, hinterher einfach so wie immer weiter zu leben. Nicht so Jesaja. Er hat daraufhin sein Leben radikal geändert. Das macht mich neugierig. Warum tut er das?

1. Dem Jesaja wird in dieser Vision einiges klar. Schon vorher hat er gewusst: Es gibt Missstände in unserem Land, man sollte mal versuchen, die abzustellen. Aber jetzt wird ihm klar: Ich kann dieser Probleme nicht wegschieben, ich kann nicht so tun, als hätte ich nichts damit zu tun. Ich kann nicht die Umstände dafür verantwortlich machen. Denn ich gehöre zu dem Volk, in dem das passiert – ich bin also genau so schuldig wie jeder andere, auch wenn ich versuche ein anständiges Leben zu führen. Jesaja bekommt es mit der Angst zu tun, denn er merkt: Gottes Macht kann sich auch gegen Menschen wenden. Grundsätzlich ist Gott für das Leben – aber wenn sich die Menschen selbst gegen das Leben wenden, dann wird Gott zu einem strengen Richter. Und vor dem kann er nicht bestehen.

2. Jesaja gibt nun seine Schuld zu. Er rechnet damit, bestraft zu werden – aber statt dessen kommt etwas ganz anders in Gang: Er wird von seiner Schuld befreit und gereinigt. In einem archaischen Ritual, mit einer glühenden Kohle werden seine Lippen gereinigt – schon in der Vorstellung klingt das schmerzhaft. Muss das so sein? – Nun, was da passiert, ist schmerzhaft, wenn vielleicht auch nicht in einem körperlichen Sinne. Denn Jesaja hat erkannt: Da ist etwas, das mächtiger ist als er, und vor dem er schuldig geworden ist. Allein diese Erkenntnis

ist schon schmerzhaft für einen, der eigentlich gedacht hat, dass er sein Leben selbst ganz gut im Griff hat. Ihm wird in diesem Moment etwas weggenommen, das eigentlich immer zu ihm gehört hat: Das Gefühl, selbst Macht zu haben, selbst bestimmen zu können. Das tut weh.

3. Als Gott dann überlegt, wen er denn als Boten schicken könnte – da meldet sich Jesaja freiwillig. Vielleicht in der Hoffnung, dass ihm das zugute gehalten werden könnte. So ähnliche verhaltensweisen kennen wir ja gelegentlich auch. Ich nehme an, Jesaja hatte keine Ahnung, was da auf ihn zukommen würde. Als er die Aufgabe hört, wird ihm denn auch ziemlich mulmig: „Wie lange soll das gehen?“, fragt er. Er soll Menschen mahnen, Menschen auf offensichtliche Missstände hinweisen und immer wieder versuchen, sie zum Umdenken zu bewegen. Aber er weiß gleichzeitig genau: Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, es wird sich ja doch nichts ändern. Die Menschheit ist zu bequem, und was dieser Gott will, interessiert sie nicht. Man könnte es gut verstehen, wenn er es gar nicht erst versuchen würde. Aber Jesaja geht los, führt seinen Auftrag aus – das ganze Jesaja-Buch berichtet davon. Und er holt sich seine gehörige Portion Spott und Unverständnis ab. Er hat es nicht leicht – aber er bleibt dabei. Ich habe Respekt vor seinen Mut.

4. So viel zum historischen Jesaja. Nun stellt sich die Frage: Wo stehen denn eigentlich wir in dieser Geschichte? Vielleicht warten einige von ihnen ja schon insgeheim darauf, dass ich jetzt mit der Schelte loslege und sage: Seht ihr, ihr seid wie das Volk damals. Und damit es euch nicht so geht wie denen, solltet ihr euch ändern und auf die Mahnungen der Pfarrer und Politiker und wen sonst noch hören. Mancher hat es sich vielleicht auch schon gedacht, na ja, vielleicht sollte ich ja wirklich …

Das werde ich aber nicht tun. Denn ich denke, unser Standort sollte nämlich wo anders sein: nämlich der von Jesaja selbst. Es hat zwar wahrscheinlich – oder hoffentlich – noch keiner so eine furchterregende Vision gehabt wie Jesaja – und ich für meinen Teil bin auch herzlich dankbar dafür. Trotzdem gibt es einige Parallelen: Die Reinigung, die Berufung, die Aufnahme in die Gemeinschaft mit Gott – die haben wir auch alle erlebt, und zwar in unsrer Taufe. Taufe heißt: Ein Mensch wird aufgenommen in eine Gemeinschaft mit Gott und mit allen anderen Gläubigen, und in dieser Gemeinschaft ist Gott nicht mehr furchterregend für den, der sich zu ihm hält. Taufe heißt Reinigung von allem, was Menschen von Gott trennt. Taufe ist eine Einladung, sich auf Gott einzulassen. Und Taufe ist nicht zuletzt eine Anfrage, ob wir uns als Getaufte nicht als Boten Gottes in die Welt schicken lassen wollen.

Unsere heutigen Täuflinge sind also Berufene, so wie Jesaja. Zugegeben, sie sind noch ein bisschen zu klein, um wirklich aktiv zu werden. Aber wir Erwachsenen, wir sind ja auch alle getauft. Die Anfrage an uns ist schon längst herausgegangen. Es werden ganz dringend Menschen gesucht, die sich in Gottes Sinne in die Welt senden lassen. Die in das heutige Alltagschaos mit Angst vor der Zukunft, vollem Einsatz der Ellenbogen, Wurschtigkeitsgefühl anderer und was uns sonst so das Leben schwierig macht gehen. Und ich meine, wir können uns genau wie Jesaja auch schicken lassen.

· Wir können uns z.B. dazu berufen lassen, anderen Menschen von Gott zu erzählen – das wäre vor allem eine Aufgabe für Eltern und Paten. Aber nicht nur die, ich selber habe als Kind z.B. ganz viele Jesusgeschichten von unserer Nachbarin gehört.

· Wir können uns dazu berufen lassen, dass wir uns für das Zusammenleben einsetzen. Das fängt damit an, dass wir andere Menschen achten, auch wenn sie anders sind als wir. Es geht weiter, wenn wir Menschen aktiv helfen, ihren Weg im Leben zu finden – und zwar nicht unbedingt, indem wir Geld für einen sozialen Zweck spenden. Sondern indem wir beispielsweise uns mit Jugendlichen auseinandersetzen und ihre Widerstände aushalten. Oder dem ausländischen Kind helfen, Deutsch zu lernen. Oder die kranke Nachbarin besuchen und ihr so wieder Lebensmut

geben.

· Wir können uns dazu berufen lassen, nicht wegzuschauen. Wenn in Dorfen Neonazis aufmarschieren, nicht sagen: Was geht mich an, was in Dorfen passiert. Sondern hingehen. Ihnen klar machen, dass ihre Einstellungen hier nichts zu suchen haben. Und mithelfen, eine Gesellschaft zu bauen, in der so etwas wie Rechtsradikalismus gar nicht erst nötig ist.

All das ist zugegebenermaßen ziemlich unpopulär. Und es könnte sein, dass es uns mit diesen Aktionen nicht wesentlich besser ergeht als dem Jesaja. Aber es wäre schön, wenn viele es trotzdem probieren würden. Wenn sie sich sagen würden: Ok, ich werde mich schicken lassen, ich werde etwas gegen Hoffnungslosigkeit unternehmen, es kann besser werden. Jeder, der nicht wegschaut, sondern sich für das Leben engagiert, macht einen Unterschied, und sei er auch winzig klein. Wenn wir alle „kleine Jesajas“ sind – dann können wir etwas ändern – für die Täuflinge, für die sog. Randgruppen, für uns selbst.

Und dazu soll Gott uns helfen – er gebe uns Ohren, damit wir hören, Augen, damit wir sehen, und einen Geist, damit wir verstehen können.

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