Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Liebe Gemeinde,

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

So endet ein bekanntes Gedicht von Hermann Hesse und diese Worte stehen auch im Zentrum meines Nachdenkens über das gehörte Bibelwort bei Johannes im 16. Kapitel.

Ein ungewöhnlicher Predigttext für das Pfingstfest erschließt uns heute ein sonst wenig wahrgenommenes Wirken des Heiligen Geistes.

Von Abschied und Trauer ist die Rede, von Wahrheit, die weh tut.

Kein überschwängliches, pfingstliches Jubeln in vielen Zungen, eher ein ernster, nachdenklicher, ermahnender und am Ende vielleicht auch tröstlicher Text.

Doch bis dahin ist ein gutes Stück Weg zu gehen.

Abschied, das wird im Allgemeinen immer als etwas Schweres und Schmerzhaftes verstanden und wenn es sich auf Menschen bezieht, von denen wir Abschied nehmen müssen, dann ist das zumeist auch richtig.

Natürlich kann Abschied und Trennung von Menschen, selbst der Tod, auch etwas Befreiendes und Erlösendes haben, doch diese Dimension des Abschieds wird meist nur wenig deutlich formuliert.

Wer keinen Schmerz beim Abschied empfindet dem wer sehr leicht mangelnde Liebe oder mangelnde Treue unterstellt.

Der heutige Predigttext lässt, was die Notwendigkeit „Abschied zu nehmen“ angeht, keine Zweifel:

„Wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch“, sagt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen.

Jesus spricht diese Worte bei Johannes in den so genannten Abschiedsreden, die sich über mehrere Kapitel erstrecken. Sie sind wie ein Vermächtnis Jesu an seine Jünger, kurz bevor er verhaftet und ermordet wird.

Der Leser und die Leserin des Evangeliums wird seelisch auf den Tod Jesu vorbereitet, mehr noch gibt der Schreiber den Grund an, warum Menschen auch weiterhin mit der Nähe Jesu in ihren Herzen rechnen können.

„Wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch“!

Manche Abschiede, sind einfach notwendig!

Wie es treffend das Gedicht von Hermann Hesse.

Es gibt verschiedene Stufen im Leben eines Menschen, Stufen des Verstehens und der Erkenntnis.

Und manche Stufe kann nur erreichen, wer immer wieder zum Abschied bereit ist.

Abschied z.B. von einem kindlichen Glauben der bestimmte Probleme nicht sieht und daher auch nicht hinterfragt.

So wie es auch Paulus im 1. Korintherbrief beschreibt: „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.“

Vom Kinderglauben zum Glauben eines Erwachsenen, ist eine Stufe des Glaubens.

So hat das erwähnte Gedicht von Hermann Hesse, das ich gerne in seiner ganzen Länge vortragen möchte auch den Titel „Stufen“:

Wie jede Blüte welkt

und jede Jugend dem Alter weicht,

blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegensenden,

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Jesus sagt bei Johannes:

„Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat … „Weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.“

In der Geschichte der ersten Christen markieren diese Worte Jesu die notwendige nächste Stufe, ohne diese, die Kirche nicht möglich gewesen wäre.

Es gilt zu begreifen, dass der eine Gott, den die Menschen in der Person Jesu erfahren hatten, zukünftig nur mehr durch seinen Geist in den Herzen der Menschen am Werk ist.

Für die ersten Christen war dieser Abschied von dem ihnen vertrauten Jesus von Nazareth, hin zu dem Jesus, der nur noch als Geist zu erfahren ist, eine große Hürde, die es zu begreifen und zu akzeptieren galt.

Erst eine schmerzliche Erkenntnis, dann eine befreiende und letztlich eine tröstliche.

Manche Abschiede, sind einfach notwendig.

„Wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch“, oder wie Hesse sagt: „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne.“

Liebe Gemeinde,

ein kürzlich erschienenes Buch des emeritierten Theologie-Professors Klaus-Peter Jörns lautet: Notwendige Abschiede.

Es ist der Versuch, heute von einem glaubwürdigen Christentum zu reden. Ein Reden, das die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht leugnet auch wenn es bedeutet, von manchen lieb gewonnenen Gottes- und Glaubensvorstellungen Abschied zu nehmen.

Jesus sagt: „Weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer“.

Es ist erstmal ganz natürlich, dass Menschen vor Veränderungen Angst haben.

Besonders in einer Zeit, wo man den Eindruck hat, dass sich das Leben in allen Bereichen der Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft einem grundlegendem Wandel unterworfen sind.

Und so ist das vielleicht auch der Grund, warum wir auf der Suche nach Sicherheit, oft noch an vielen Glaubensvorstellungen festhalten, von denen wir uns meines Erachtens tatsächlich im guten Sinne verabschieden sollten.

Wir sollten z.B. viel nachdenklicher sein, wenn wir von einem göttlichen Schöpfer und Erhalter der Welt reden.

Wir sollten viel nachdenklicher sein, wenn wir von einem allmächtigen Gott reden, „der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn“.

Muss der Glaube nicht von manchen biblischen Vorstellungen Abschied nehmen und neue Antworten suchen auf die Frage, was es bedeutet das wir Menschen im Rahmen einer Evolution entstanden sind und unsere Welt nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, wie es schon der englische Physiker Isaac Nyton im 17. Jahrhundert beschrieben hat.

Eigentlich wissen wir das ja alles schon, aber Glaube und Lebenswirklichkeit werden oft nicht Zusammengebracht. Vielleicht tatsächlich aus Angst vor notwendigen Abschieden.

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginn,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben.“

sagt Hermann Hesse und trifft für mich genau das, was mir das Bibelwort an Pfingsten sagt.

Gottes Geist ist eine Kraft, die unablässig in unserer Welt wirkt. Ein Geist, der immer wieder zum Abschied und zum Neubeginn ruft, auch wenn es weh tut.

Liebe Gemeinde,

ich habe manchmal den Eindruck, dass die Kirche aus Angst vor notwendigen Abschieden vielen Menschen unserer Zeit eine Antwort schuldig bleibt.

Ich kann mich gut an Gespräche erinnern, wo mit gesagt wurde, „die Wunder in der Bibel, und das mit der Jungfrauengeburt usw. das kann man doch alles nicht glauben“.

Ich antworte dann immer: „Das ist für uns heute nur unglaubwürdig, wenn wir es wörtlich nehmen, für mich sind das keine historischen Berichte sondern Beispielgeschichten.“

„Ja darf man das so sagen, oder ist das nur eine private Meinung“, ist dann meistens die nächste Frage, die in ein vertiefendes Gespräch führt.

Am Ende so eines Gespräches habe ich oft erlebt, dass Menschen begonnen haben das Christentum oder den Glauben an Gott aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Manche haben es auch als befreiend erlebt, dass Glaube und Vernunft, Glaube und Wissenschaft keine Gegner sein müssen.

Manchmal habe ich aber auch erfahren, dass Menschen fürchteten, solche Gedanken führen weg von Gott und der Glaube wir ausgehöhlt.

Solche Befürchtungen teile ich nicht, aber ich kann sie stehen lassen.

Es muss eben jede und jeder für sich seinen Weg des Glaubens finden, der ihm hilft sein Leben zu bewältigen.

Ich bin davon überzeugt, dass gerade im Abschiednehmen von lieb gewonnenen und vertrauten Vorstellungen eine Chance zu einem tieferen Gottesverständnis liegt.

Im Abschiednehmen gebe ich dem Heiligen Geist ein Chance mir neue Wahrheiten für mein Leben und die Welt zu erschließen.

Darum:

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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