Zwischen Hoffen und Bangen

<i>[Vor Beginn dieses Gespräches wird von einer weiteren Person der Predigttext vom Turmbau zu Babel gelesen.]</i>

Ein Gespräch nach Himmelfahrt zwischen dem Jünger Jakobus und Maria von Magdala, die zum Kreis um die Jünger

zählte

Erzähler: Einige Tage nach Himmelfahrt sitzen der Jünger Jakobus und Maria von Magdala auf einem Hausdach in Jerusalem. In diesem Haus leben sie mit den anderen Anhängern von Jesus. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten gesellt sich zur Hoffnung der Zweifel. Sie leben zwischen Hoffen und Bangen. Wie wird es weitergehen ohne Jesus? Wir lauschen ein Stück weit ihrem Gespräch:

Jakobus (J): Es ist ja ganz nett, wenn wir uns hier immer noch treffen, aber irgendwie ist die Luft raus.

Maria (M): Was? Wie kommst du denn da drauf?

J: Okay, Himmelfahrt war ein starker Abgang von Jesus. Ich hatte auch noch einmal dieses Kribbeln im Bauch, wie zu der Zeit als wir so viel mit Jesus erlebt haben. Diese besondere Kraft, die mit ihm kam, war noch einmal voll da. Aber jetzt ist er weg.

M: Aber er hat doch gesagt, dass er uns diese Kraft wieder schicken wird. Ich glaube das noch. Auch wenn mich das Warten nervt.

J: Ich hab einfach Angst, dass jetzt alles um ist. Ein bisschen Nostalgie noch und das war´s. Aber von schönen Erinnerungen kann keiner auf Dauer leben.

M: Das stimmt. – Obwohl – diese Erinnerungen geben mir auch Kraft.

J: Ich befürchte, dass wir uns irgendwann nicht mehr verstehen. Uns um irgendwelchen Kleinkram streiten und uns dann so nach und nach in alle Winde zerstreuen.

M: Das wäre schlimm. Ich will und kann nicht mehr in mein altes Leben zurück.

J: Vorstellen kann ich mir das auch nicht. Aber wenn das Feuer in uns aus ist, hält uns hier nichts mehr zusammen.

M: Oh, weh. Das wäre eine totale Bankrotterklärung, wenn wir, die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, in einer babylonischen Zerstreuung enden würden.

J: Und dann schreibt sicher auch irgendeiner eine Art Nachruf auf die Jesusbewegung. Wie über die Leute von Babel. Welch hochfliegende Pläne wir hatten und wie dann alles jämmerlich zusammen gestürzt ist.

M(entrüstet): Moment mal. Bei den Leuten von Babel war das doch wohl eine Strafe Gottes!

J: Warum eigentlich? Ich finde die haben das gar nicht so falsch angepackt.

M: Wie bitte? Willst du dich gegen die Tradition stellen? Hochmut kommt vor dem Fall. Ganz einfach. Deshalb wurden sie bestraft!

J: Ich finde, du machst es dir zu einfach. Die Geschichte erzählt, dass alle Menschen noch zusammen in einer überschaubaren Gruppe lebten. Und sie nahmen sich vor, dass das auch so bleiben sollte.

M: Ja und?

J: Also haben sie eine Vision für sich entwickelt. Sie haben sich einen Ort gesucht, wo sie gut zusammen leben konnten. Sie haben ein Stadtkonzept entworfen und umgesetzt. Was ist daran falsch? Dass sie sich so gut verstanden? Das kann ja wohl nichts Böses sein. Ich wünschte wir hätten wieder eine gemeinsame Vision, ein Konzept und einen Ort für unser Leben.

M: Aber mit dem Turm haben sie es einfach übertrieben.

J: Wieso? Jede Gemeinschaft braucht eine Mitte, ein Zentrum. Der Turm stand in der Mitte als Zeichen für ihre Einheit, für ihre Vision. Wenn jeder einen eigenen Turm gebaut hätte, wie das heute oft der Fall ist, dann wäre es problematisch. Aber so finde ich das eigentlich klasse, je länger ich darüber nachdenke.

M: Dass heute häufig jeder nur an seinem eigenen Häuschen rumbaut, ärgert mich auch.

J: Ja, und so ein gemeinsamer Turm ist da echt praktisch. Alle identifizieren sich damit, auch wenn sie vielleicht nicht oft hingehen oder sich nicht viel um die Gemeinschaft kümmern.

M: Moment! Das ist doch nicht dein Ernst! Der Turmbau zu Babel als richtungsweisendes Gemeinschaftskonzept? Hast du vergessen, dass der Turm bis zum Himmel reichen sollte? Ich denke, sie wollten Erde und Himmel beherrschen.

J: Na, ja. Ich man könnte auch darin das besondere ihrer Vision sehen. Es sollte über sie hinausweisen. Es blieb eben gerade nicht bei ihnen stehen, sondern hatte eine himmlische Dimension.

M: Ha! Die fällt aber so mickrig aus, dass Gott noch weit hinunter muss, um überhaupt erst mal zu sehen, was da bei diesen ambitionierten Menschen los ist. Ich denk mal, dass ihre Träume wie ein Kartenhaus zusammengestürzt sind. Deshalb wird die Geschichte erzählt. Klar sie hatten sich viel vorgenommen. Aber allein aus eigener Kraft erreichst du den Himmel nicht. Das haben schon viele Lebens- und Gesellschaftskonzepte schmerzhaft erfahren.

J: Aber man braucht doch ein Ziel, etwas, womit man sich identifizieren kann! Oder man nimmt alles immer nur so hin. Aber davon hab ich genug!

M: Wie schnell so etwas zerbrechen kann, siehst du ja bei uns. Wie viele von uns dachten, dass mit Jesus die ganze Welt auf den Kopf gestellt würde? Und zwar so wie wir uns das wünschten: Römer raus, Jesus als neuer König, wir an der Macht. Doch es war alles ganz anders.

J: (träumerisch): Ja, anders. (resigniert) So anders, dass jetzt der Ofen aus ist.

M: Ich glaub noch nicht, dass es uns ergehen wird wie den Leuten von Babel. Ja, wenn wir nur auf unsere zerbrochenen Lebenstürme schauen – okay, dann ist alles vorbei. Mancher von uns schielte wohl schon fasziniert auf die Macht. Und jetzt ist der Frust groß und die Kraft weg. Aber was hat Jesus beim Abschied gesagt?

J: (nachdenklich) „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird …“

M (entschlossen): „…und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“

J: Wer´s glaubt wird selig.

M: (ignoriert ihn): „…bis ans Ende der Erde.“ Da ist wohl eine andere „Zerstreuung“ gemeint als die von Babel. Gott straft eben gerade nicht, indem er Zwietracht sät. Sondern alle sollen verstehen, was es mit Gottes Liebe auf sich hat. Das ist doch wohl eher das Gegenteil der babylonischen Sprachverwirrung.

J: Maria, ich beneide dich ein wenig um deine Zuversicht. Aber ich bin dabei, wenn es so kommt. Da kannst du sicher sein.

Erzähler: Wir wissen es. Maria sollte Recht behalten. Pfingsten gab Gott seinen Heiligen Geist. Damit hatte die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Jesu wieder neue Kraft, neuen Atem zum Weitermachen. Vor allem aber gab es ein Ziel, mit dem sie sich identifizieren konnten: Die Verbreitung der guten Nachricht, dass Gott nicht nur eben mal auf der Erde vorbeigeschaut hat, um die Menschen in ihrer vergeblichen Bauerei allein zu lassen oder gar zu verwirren, wie in Babel. Sondern, dass Gott Mensch wurde und damit ganz nah bei ihnen ist. Damit kam eine Gemeinschaft in Gang, die eine andere Mitte hatte als die von Babel. Sie bauten nicht darauf, dass ihre Träume in den Himmel wachsen würden, sondern darauf, dass der Himmel zu ihnen gekommen war. Das hat das Leben dieser ersten christlichen Gemeinde nachhaltig geprägt. In der Apostelgeschichte heißt es über die Auswirkungen von Pfingsten: „Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,41+42). Das ganze hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. „bis an die Enden der Erde“, wie Maria zitiert hat. Deshalb feiern auch wir hier Gottesdienst, Pfingstmontag 2005. Gott sei Dank!

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