Manntje, Manntje, Timpe Te

Was Menschen errichten verkommt oft zur Katastrophe. Da werden Siedlungen und Hotelanlagen direkt ans Meer gebaut, auch aus dem richtigen Wissen heraus, dass Touristen einen Weg von 500 m zum Meer nicht schätzen – und es kommt der Tsunami, da werden jahrelang Diesel-Autos gebaut als sparsamere Variante bis der Feinstaubwert ins Unerträgliche steigt. Da werden Waren immer billiger, bis man merkt, welche Opfer da von Arbeitenden in der Dritten Welt und Arbeitslosen bei uns abverlangt werden.

Die Titanic war vor knapp 100 Jahren ein Symbol solcher menschlichen Allmachtphantasien: ein riesiger Dampfer, der alles schlagen sollte und durch nichts aufzuhalten sei – bis er einem Eisberg unsanft begegnete. Diese Katastrophe hat Menschen immer wieder fasziniert, vielleicht auch, weil sie sich immer wieder wiederholt. Von einer solchen Urkatastrophe erzählt auch die Bibel:

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Die Rede ist hier zuallererst einmal von einem alten Traum der Menschheit. Die Menschen reden alle in einer Sprache – und das ist wohl nicht nur Sprache im Sinnes des englischen ‚language’, sondern auch Sprache im Sinn von ‚speech’. Wie oft erleben wir, dass wir Menschen gleicher Sprache nicht verstehen. Ehekrisen haben da einen Grund genauso wie die Tatsache, dass wir manchmal sprachlos vorm Fernseher sitzen und die Worte verstehen, aber nicht den Sinn, den uns dieser oder jener vermitteln will. Die babylonische Sprachverwirrung ist längst auch im deutschen Sprachraum perfekt – und daran ist die Rechtschreibreform wirklich nicht Schuld.

Die Urgeschichte schildert uns einen Idealzustand, wo die Menschen einander verstehen und Großartiges planen. Und was sie planen ist wirklich phantastisch: Sie wollen eine Turm bauen, an Gott heranreicht, bzw. an den Himmel, den man sich im Altertum ja als Wohnort Gottes vorstellte. Und warum? Nicht um näher bei Gott zu sein. Das fällt Menschen meist erst ein, wen Alles Andere zu spät ist. Oder glauben Sie, dass die Bordkapelle der Titanic in den ersten Tagen der Reise gespielt hätte: ‚Näher mein Gott zu dir’?

Gott fährt herab. Er ist bei den Menschen, auch da wo sie in die Irre gehen, er besucht sein Volk, weil er weiß, in welch schwerwiegender Gefahr sie schweben, in der Gefahr der Überheblichkeit. Ihr gemeinsames Allmachtsstreben bringt sie an den Rand des Abgrunds.

Was genau die Schuld der Menschen ist, wird nicht festgehalten. Scheinbar geht es nur darum, dass sie glauben, alles zu können. Dem werden Grenzen gesetzt.

Die Pfingstgeschichte bildet genau den Gegenpol. Die Menschen können nicht mehr reden. Der Geist muss vom Himmel kommen, um ihnen zu einer Sprache zu verhelfen, dass sie erfahren, was ihnen im Leben weiter helfen kann.

Es geht wie in der Geschichte vom Sündenfall um den Verlust einer Einheit mit sich selbst und der Außenwelt. Dieser Verlust ist "Zerstreuung", Verwirrung, Trennung. Die Abwesenheit von Sprachfähigkeit und gegenseitigem Verständnis gilt als spürbares Zeichen dessen. Dieses wird ganz konkret erfahren.

Pfingsten eröffnet uns Getrennten und Verwirrten vielleicht nicht die Rückkehr in paradiesische Zustände, wohl aber die Gewissheit, in Begrenzung und Verständnislosigkeit nicht verharren zu müssen. Das Angebot einer neuen Lebenssicht, die uns Schwestern und Brüder in der Ökumene zeigt und näher bringt. Und es hat schon etwas von einer gemeinsamen Sprache, wenn man mit fremden Schwestern und Brüdern gemeinsam betet oder singt in unterschiedlichen Sprachen, aber einem Geist.

Der Geist Gottes will mir helfen, auch über (eigene) Grenzen hinwegzuschauen, obwohl sie bestehen bleiben. Pfingsten ist Hilfe zur Gemeinschaft.

Die Geschichte vom Turmbau ist auch Schuldbekenntnis, Schuldbekenntnis der Menschen aller Zeit, wie sie mit ihrem Größenwahn Schuld sind an der Zerstörung von Gemeinschaft.

"Wenn’s Ende gut ist, so ist alles gut." Das soll von Martin Luther kommen. War selber ein Baumeister-Mensch, Baumeister an der Kirche, die Pfingsten Geburtstag hat. Martin Luther war einer, der gewusst hat, warum er etwas tut und plant. Aber er musste oft im Leben erfahren: Pläne werden nicht immer Wirklichkeit. Auch Kirchenpläne nicht. Die Kirche, die Pfingsten Geburtstag hat, auch sie sieht an vielen Stellen eher so aus wie der Turm von Babel. Manches wackelt. Und das letzte I-Tüpfelchen fehlt noch. Trotzdem lebt diese Kirche, ist fantasievoll und bunt. Sie ist Gottes Kirche unter den Menschen der Erde. Mir zeigt das: Ich kann planen und bauen. Ich kann das, weil ich weiß: es muss nicht gelingen und trotzdem ist es richtig, diesen Lebensraum, den privaten und den kirchlichen, zu gestalten.

Hoch hinaus und tief gefallen. Tief gefallen und zerstreut. Zerstreut in alle Länder. Da sitzen sie heute noch bis auf diesen Tag.

Wie der Fischer und seine Frau, die Ilsebill, und der gefangene Fisch, der Wünsche erfüllt. Von denen wird genauso erzählt, hoch hinaus und tief gefallen. Es wird erzählt, wie sie in einem schäbigen Pisspott wohnen. Aber sie wollen da heraus, ja, heraus wollen sie aus dem Staub und zu den Sternen greifen. Jedenfalls Ilsebill, Fischers Frau, die will das. Nicht mehr so armselig, nicht mehr stumpfes Leben, einförmig, eimerförmig, so soll es nicht mehr sein. Sie will nicht ausgeliefert sein. Nicht den eigenen Sorgen, nicht dem täglichen Chaos. Sondern dem Himmel näher kommen, los jetzt!, aufsteigen wie von silbernen Fäden gezogen, das ist meine einzige Chance, denkt sie. Alles oder nichts! Endlich komme ich mal raus aus dem Alltag, meint Ilsebill, endlich schaffe ich es, endlich könnte ich mich mal wieder wie ich selbst fühlen. Das wäre Leben! Ein gutes Leben! Das wäre sinnvoll! Was für ein Traum, was für eine Möglichkeit: Ein Fisch, der Wünsche erfüllt. Der Fischer zögert, ihm scheint das nicht geheuer zu sein. Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, meine Frau die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will.

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