Gottes Geschichte wird zu meiner Geschichte

Liebe Gemeinde,

gestern haben wir gemeinsam das Pfingstfest gefeiert: der Heilige Geist wurde über die Jünger ausgegossen und sie waren in der Lage, allen Völkern gewissermaßen in ihrer Sprache vom Evangelium Jesu Christi zu berichten und es ihnen so nahe zu bringen, dass es sie selber ergriffen hat. Es müssen sehr persönliche Dinge gewesen sein, die die Jünger und Jüngerinnen damals einzubringen wussten, denn das Evangelium ist den Menschen wirklich nahe gekommen. Nicht nur theoretisch verstanden oder pädagogisch geschickt vermittelt, nein: diese doch eigentlich sehr fremde und neue Botschaft ist plötzlich zu einer Erzählung geworden, die mit dem Leben der Menschen, die sie hörten zu tun hatte. Das geschieht nicht dadurch, liebe Gemeinde, dass man den Menschen Beispiele gibt, die sie aus ihrer eigenen Umwelt kennen. Das ist zwar auch wichtig, damit die Botschaft nicht abgehoben und für die Hörer weltfremd wird, aber es ist nicht das entscheidende, denn die Botschaft kommt ja gerade nicht aus der Lebenswelt der Hörer und somit nicht aus ihnen selbst, sondern sie kommt von Gott und damit, wenn Sie so wollen, von außen her. Sie trifft den Menschen als etwas Neues, etwas, das ihn herausfordert, das ihn umkrempeln möchte, das ihn herauswirft aus seinen gewohnten Bahnen. Mit anderen Worten: dass bei den Menschen der Glaube entsteht, liegt in Gottes Hand. Er öffnet ihnen die Augen, damit sie sehen können, was doch eigentlich so nahe liegt, den meisten aber verborgen bleibt.

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, wie man so sagt, weil es durch Gottes Geist geschehen ist, dass der Anfang gemacht werden konnte, weil Menschen durch Gott sehen und hören gelernt haben. Was aber haben sie gesehen und gehört? Wohl nicht die Feuerzungen, von denen die Apostelgeschichte schreibt und die wir auf manchen Bildern betrachten können. Aber es ist auch schwer ein Bild dafür zu finden. Es sind ihnen die Augen aufgegangen, es ist ihnen wie Schuppen von den Augen gefallen – auch das sind nicht viel bessere Beschreibungen für das Phänomen, wenn einem der Glauben, das Vertrauen auf Gott, geschenkt wird. Vielleicht so: die Menschen waren plötzlich in der Lage, ihre eigene Geschichte mit der Geschichte Gottes zu verbinden. Sie haben Verbindungslinien gesehen, wenn Sie so wollen, Anknüpfungspunkte, Wendemarken in ihrem Leben, die sie nun nicht mehr einer Vielzahl an unberechenbaren und launischen Götzen andichten mussten oder wie wir es heute machen, einem dubiosen und ominösem Schicksal zuschreiben, dem wir irgendwie alle ausgeliefert sind, ohne, dass man in diesem eine Richtung oder ein Ziel erkennen könnte. Nein, durch die Geschichten und die Predigten der Jünger war es den Menschen mit dieser neuen Kraft Gottes plötzlich möglich, sich selber wieder ernst zu nehmen, ihre eigene Geschichte besser kennen zu lernen, zu wissen, wo man stand und auch Handlungsoptionen für die Zukunft zu haben. Kein Ränkespiel mehr und kein Glücksgewürfel, keine Abhängigkeit von den Sternen oder von irgendwelchen Mondstellungen. Der Mensch war plötzlich frei geworden, weil ihm klar geworden ist, dass ihm gegenüber ein Gott steht, der ihm in Liebe und Gerechtigkeit zugetan ist.

Wer diese Freiheit in Gott erfahren hat, der kann sein Leben plötzlich anders deuten. Der wird dankbar sein können in echter Dankbarkeit für Gesundheit und Glück und kleine Freuden, der wird aber auch Leid besser ertragen können, weil er weiß, dass das Leid nicht das letzte Wort bekommen hat und dem Schmerz und dem Tod ein Ende bereitet worden ist. Wer Gottes Geschichte mit seiner eigenen Geschichte verknüpfen kann durch Gottes Heiligen Geist, der wird es nicht nötig haben, Datum und Stunde seiner Bekehrung o.ä. zu nennen und die Welt in vorher und nachher zu teilen, aber er kann sein Leben nun begreifen als ein Leben unter Gottes Schutz und Führung. Und das können die Armen und die Kranken und die Schwachen ebenso wie die Starken und die Reichen und die Gebildeten, denn das äußere Leben zählt nun eben nicht mehr als Indikator für ein rechtes Gottesverhältnis. Gott spricht durch den Heiligen Geist zu den Menschen und ruft sie und schenkt ihnen den Glauben an ihn. Das ist: ich darf mein Leben begreifen als ein Leben aus Gottes Hand und in Gottes Hand. Welche Beispiele gibt es dafür? Unzählige: Sie selbst können mir viel mehr nennen, als ich es mir hier ausdenken könnte. Die großen Beispiele kennen wir: wir haben an das Kriegsende gedacht und denken deswegen auch an Dietrich Bonhoeffer, der trotz bevorstehendem Tod eine Lebenskraft und Lebensenergie ausstrahlen konnte auf seine Mitgefangenen, dass diese darin nur Gottes Kraft erkennen konnten.

Aber wir müssen nicht Bonhoeffer sein, um so etwas zu leben. Es reichen auch die kleinen Schritte in unserem Alltag. Wer in Gottes Geschichte lebt und auf ihn vertraut, der kann seinem Mitmenschen vergeben, ohne dass er die Tat vergessen müsste. Er kann ihm die Hand reichen und sich selber sagen: "Wir beide stehen unter Gottes Obhut – wer bin ich, dass ich zu seinem Richter werde?" Kleine Schritte sind es, fürwahr, aber sie können auch nur klein sein, weil wir selber nicht alles überblicken können. Sich einzusetzen für die sozial Schwachen, für soziale Gerechtigkeit, für eine bessere Verteilung der Güter dieser Erde, für die Erhaltung der Schöpfung usw.: das alles kann in kleinen Schritten passieren, gerade weil ich weiß, dass meine Geschichte mit Gottes Geschichte verbunden ist. Ich bin nicht Gott: ich kann nicht mit einem Fingerschnipp Glück, Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Erde herbeizaubern. Aber ich kann mich mit kleinen Schritten für diese Dinge einsetzen, ohne an den großen Utopien scheitern zu müssen oder sich durch Rückschläge entmutigen zu lassen. Für diese Dinge brauche ich keine durchgestylte und marktorientierte Strategie: ich darf sie angehen, weil ich weiß, dass es eine Geschichte Gottes mit dieser Welt bereits gibt, an der ich teilhabe, aber dessen Motor ich nicht sein muss.

Wenn das so einfach ist, werden Sie mit Recht fragen, gibt es denn dann eine Vorbedingung oder eine Vorbereitung, um diesen Glauben zu erlangen? Wenn ich darauf streng antworten wollte, dann müsste ich sagen: Nein, diese gibt es nicht. Es kann jemand noch so lange in der Bibel lesen und noch so intensiv in Gesprächskreise gehen oder sich bemühen – es kann passieren, dass er Gott nicht findet. Andersherum kann es auch passieren: einer, der sich nie für den Glauben interessierte und unsere Versammlungen nicht riechen konnte, der kann plötzlich und scheinbar ohne äußeren Grund ergriffen werden von dieser Kraft Gottes, die ihn zum ihm hintreibt. Das wäre die strenge Antwort und ich will sie festhalten um der Größe Gottes willen, denn kein Mensch kann aus sich selbst heraus sein Heil finden und ergreifen. Aber natürlich gibt es gute und nützliche Übungen.

Eine davon treiben wir, wenn wir uns hier Sonntags treffen: wir antworten Gott, wir preisen seinen Namen, wir wenden uns an ihn mit unseren Gebeten. Wir hören seine Worte durch die Schrift und die Predigt. Mit anderen Worten: wir stellen uns darauf ein, gnädig etwas von Gott zu empfangen und zu erbitten. Das, liebe Gemeinde, ist wohl die wichtigste Übung: Demut üben seinem Gott gegenüber. Die Hochmütigen verschmäht er und stößt sie vom Thron, weil sie sich einbilden, sie könnten die Geschichte Gottes überblicken oder vielleicht sogar in sie eingreifen. Wer aber ausharrt und bereit ist, sich von ihm beschenken und ergreifen zu lassen, den beschenkt Gott in der Regel reich. Ich erzähle dies heute an Pfingstmontag so ausführlich, weil es uns unser Predigtwort aus dem ersten Buch Mose im elften Kapitel, die Verse eins bis neun, so deutlich vor Augen hält:

[TEXT]

Wir haben es gehört: der Hochmut der Menschen lässt sie denken, sie stünden alleine in ihrem Turm und könnten die Welt überblicken. Weil dies aber jeder von sich denken mag, der hochmütig in seinem Herzen ist, kann er den anderen nicht mehr verstehen. Er spricht gewissermaßen eine andere Sprache. Der Hochmut, der sich auf seinen Turm stellt, um alles zu überragen, alles zu überblicken, der lässt einsam werden, weil er den Menschen zurück wirft auf nur seine eigene Geschichte: "Was habe ich doch alles tolles geleistet! Was ist doch alles durch meine Hände Werk geschehen! Was bin ich doch für ein toller Kerl!" Stehen sich zwei oder mehrere solcher Menschen gegenüber ist es, als würden sie alle eine verschiedene Sprache sprechen: keiner versteht mehr den anderen, denn er kann es nicht zulassen, dass er höher steht als er selber. Umso mehr und umso schwieriger ist es, wenn die Menschen hochmütig werden ihrem Gotte gegenüber. Wie sollen sie dann noch seine Geschichte mit uns, seine gute Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus verstehen können. Es ist, als wäre es in einer fremden Sprache geschrieben und wir könnten sie nicht mehr übersetzen. Pfingsten leuchtet aber das Gegenbild mit kräftigen, feuerroten Farben aus: der Hochmut ist verschwunden, Gottes Geist schenkt den Menschen eine Sprache – sie verstehen sich darin, sich nicht groß machen zu müssen, sich nicht überheben zu müssen über andere Menschen und über Gott. Sie können Gottes Geschichte für ihr eigenes Leben entdecken. Und erst dann geschieht das Wunder von Pfingsten: sie werden in ihrer Demut hochgehoben, aber von außen her. Sie werden hochgehoben über ihr eigenes Leben, sie stehen gewissermaßen darüber und können sich eingliedern in die große Geschichte Gottes, sich begreifen als einen Teil dieser Geschichte. Wer dort steht, in dieser Kraft Gottes, der wird sehen, wie klein doch der Turm von Babel schlussendlich geblieben ist, ein Machwerk des Menschen, eitel und vergänglich. Lächerlich geradezu, wie es versucht, an eine Größe heran zu reichen, die doch die ganze Welt in Händen hält.

In der Dreieinheit unseres Gottes glauben wir den Heiligen Geist als Tröster für unsere Zeit. In ihm wird uns Gott selbst ganz gegenwärtig, in seiner Kraft sind wir in Gottes Kraft geborgen. Deswegen gibt es dies immer wieder: ein Pfingstfest nah und fern, wo die Menschen die gleiche Sprache sprechen, egal welchen Zungenschlag sie haben. Diese Menschen werden sich einfinden in eine Gemeinschaft, in eine Gemeinde, gerade weil sie wissen, dass das Turmbauen ihnen keinen Gewinn bringt, sondern sie nur miteinander in der großen Geschichte Gottes ihren Platz finden werden. So ist der Demütige auf wundersame Weise höherstehend als der Hochmütige in seiner Einsamkeit.

Pfingsten ist geschehen.

Und der Friede Gottes, der uns vereinen will durch den kräftigen Geist Gottes, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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