Das Blatt wendet sich

Gesegnete Pfingsten, liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder –

vergangene Woche war’s, am Telefon: „Das kannst Du mir noch hundert Mal sagen – da steht keine Telefonnummer – wie soll ich dann anrufen?“ Ihre Stimme am Telefon klang zunehmend genervt und ungehalten. „Dann dreh’s doch mal um, das Blatt … – ja, die andere Seite.“ „Ach da – Entschuldigung … Alles in Ordnung. Ich nehm’ sofort mit ihm Kontakt auf … Danke.“ Kleine Ursache, große Wirkung – über viele hundert Kilometer hinweg. Jetzt konnte es weitergehen für sie mit ihrer Wohnungssuche in der viel zu großen Stadt.

Das Blatt wenden, die entscheidende Information finden. Ob’s uns auch so geht? Die eine Seite des Blatts kennen wir: Die Geschichten auf Jesus hin, Abraham, Isaak, Jakob, mehr, viel mehr, die Hinweise und Zusagen Gottes auf den Messias, den Retter. Die Geschichte von der wunderbaren Geburt: Gott wird Mensch – seine Worte, seine Taten; wie in seiner Gegenwart Leben aufblüht – die Passion mit ihren Schmerzen, die Menschen über die lange Zeit hinweg heute noch nachfühlen – die grausam lange Grabesnacht – das Erschrecken und Staunen über die Auferstehung; so ein Leben lässt Gott nicht bei den Toten – das Blatt nähert sich dem Ende: Begegnungen mit dem Auferstandenen – das wunderbar-traurigschöne Geheimnis der Himmelfahrt – … wir würden gerne weiter lesen, uns in seiner Gegenwart sonnen, die tiefe Geborgenheit der Jünger erfahren: wie, wenn Er selbst heute auf der Kanzel stünde, das Mahl mit uns feierte, Er mitten unter uns?

Nichts. Nichts dergleichen. Das Blatt – diese Seite des Blatts ist ausgelesen. Wir können es wiederholen – und wir werden es wiederholen – wir werden Neues, bisher Überlesenes finden, Zusammenhänge feststellen – aber nichts, was schon seit Langem dort stünde, nichts, was wirklich neu wäre. Das Blatt ist zu Ende gelesen. Und Er nicht mehr da. „Jetzt seid Ihr traurig …“ -? Wir nicht mehr: Wir haben uns daran gewöhnt. Aber manchmal, vielleicht nicht heute morgen, ist es eben doch traurig so ohne ihn und als Nach- und Zuspätgeborene.

Und nun? „Dann dreh’s doch mal um … – ja, die andere Seite.“ Damals, vergangene Woche am Telefon. Heute ebenso: „Dann dreh’s doch mal um … ja, die andere Seite.“ da das nun noch Entscheidende: Pfingsten. Er. Nein – nicht mehr Er, Er beim Vater – aber der Helfer,

· der, der voranbringt, der, der Durchblick schafft und Ordnung im Durcheinander der Tage,

· der, der erklärt, der, der Heimat schafft mitten im Ungeborgenen ohne Ihn: Der Heilige Geist. Pfingsten.

· der, der die Mut- und Phantasielosigkeit nimmt,

· der, der den neuen Anfang schafft und dabei im Alten anknüpft: Der Heilige Geist.

· Der, der oft übersehen Motor und Kraftstoff in einem ist, oft vergessen, übersehen, der, der Seine Stelle einnimmt, zeigt, was Sache ist – Sünde, Gerechtigkeit, Gericht – und Leben.

„Ach da – Entschuldigung … Alles in Ordnung. Ich nehm’ sofort mit ihm Kontakt auf … Danke.“ Hat sie gesagt. Und wir? Damit wir nicht mitten in der Zeit in uns selbst und in unseren kleinen Kreisen trotzdem unbehaust bleiben und für unser Vertrauen, Haus, Heimat, Mut, Phantasie, Impulse für heute und morgen bekommen.

Der Geist Gottes ist unserer Kirche, ist allen Kirchen und Christen zugesagt. Die Kraft aus Gott, die auf den Sohn weist – und der auf den Vater –, die erfahren lässt, was richtig und gut ist und jetzt dran, die Kraft, die uns in der Kurzatmigkeit unserer Tage den langen Atem gibt, den roten Faden zeigt, dem Leben Richtung und Kraft gibt. Die Kraft Gottes gegen alle Kraftlosigkeit, der Mut Gottes gegen alle Mutlosigkeit mitten unter uns. Er ist da. Nicht weiter weg als das Gebet, mit dem ich mich von mir löse, öffne, Ihm Einlass in mein Leben gebe: Dann nicht theologische Theorie, sondern gelebte Praxis. Man muss ihn nicht wollen – niemand muss. Aber wer will auf ihn verzichten und in den eigenen Grenzen stehen bleiben?

Wer immer will mag mitbeten: Komm, Heiliger Geist. Sei uns nicht nur der Anlass für ein Frühlingsfest: Erfülle uns mit Dir selbst, Kraft aus der Höhe, Tröster, Helfer, erklär uns das Leben, schaff in uns Leben. Und bleib uns nah, damit wir uns nicht wieder geistlos in unsere alte Frömmigkeit einigeln, verschlossen für das Gute des Vaters. Um Jesu willen: Nimm unsere Leben in Dein Eigentum. Und verändere uns so, wie Du uns haben willst, damit wir die Freundlichkeit, den Mut, die Barmherzigkeit unseres Vaters ausstrahlen – uns zum Segen, dem Vater zur Freude, unseren Nächsten zum Dienst. Und wenn wir dann doch wieder ins Gewohnte hineinrutschen dann komm und bleib uns nah und finde Dir wieder neu Wege in unsere Leben.

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