Ströme lebendigen Wassers

Liebe Gemeinde,

heute jährt sich das Kriegsende in Deutschland zum 60. mal. 60 Jahre ist es also her, dass nicht nur unser Land zerstört und zugleich befreit wurde. Ein Neuanfang konnte geschehen und eine Zeit des Friedens und Wohlstandes kam für Deutschland, die ihresgleichen sucht. Es ist der Lauf der Zeit, dass sich nur noch wenige an diese Kriegszeit erinnern können, weil es immer weniger von uns selbst miterlebt haben. In allen Medien laufen im Moment solche Erinnerungshilfen von Menschen, die noch mit dabei waren und die Schrecken des Krieges real und nicht nur vermittelt, bequem auf dem Sofa sitzend, erlebt haben. Auch ich gehöre zu denjenigen, die auf diese Vermittlung angewiesen sind und dennoch merke ich, wie schwer es doch in der Tat fällt, sich jene Schrecken des Krieges klar zu machen. In den Berichten meiner Tageszeitung lese ich immer wieder von Einzelschicksalen normaler Menschen in den letzten Tagen des Krieges und ihre Schicksale bedrücken mich. So lese ich z.B. vom Fehlen des Nötigsten, vom Mangel an Nahrung und Wasser: ein Kriegsumstand, den wohl alle Kriege gemein haben und der vor 60 Jahren erst von Deutschland aus in die Welt exportiert wurde, um dann als genau so schrecklicher Import wieder zurück zu kehren.

Wie Sie alle wissen, liebe Gemeinde, ist das Christentum leider nicht davor gefeit, missbraucht zu werden, wenn es darum geht, Gewalt und Krieg zu rechtfertigen. Wir erleben dies in jüngster Zeit immer wieder: dort wird eine gute, angeblich christliche Welt, einer bösen, weil nicht-christlichen Welt gegenüber gestellt und es wird gefolgert, dass Gewalt gegen diese böse Welt gerechtfertigt ist. Ohne auf die These eines gerechten Krieges einzugehen, wehre ich mich bis heute jedoch dagegen, Gewalt von Menschen gegen Menschen mit christlicher Argumentation zu unterstützen. Ich glaube die Bibel spricht da eine andere Sprache und es ist uns nicht nur nicht möglich, sondern sogar verwehrt, die Heilige Schrift gegen andere Menschen auszulegen. Denn die Bibel spricht Worte des Lebens und nicht des Todes. Christus selbst bedient sich der gängigsten Bilder seiner Zeit, um zu verdeutlichen, was mit ihm in die Welt gekommen ist: "ich bin das Brot, ich bin das Wasser, ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Licht, ich bin das Leben." Und so hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Johannes im siebten Kapitel, die Verse 37-39:

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Und ich setze zu unserem heutigen Predigtwort noch den Taufspruch von N.N. hinzu, den wir heute schon gehört haben, ebenfalls aus dem Evangelium des Johannes im achten Kapitel, den Vers 12b: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben."

Wasser und Licht als Symbole für das Leben, denn kein Leben kann ohne Licht und ohne Wasser existieren. Nichts weniger behauptet das Christentum von einem Leben ohne Christus – wer ihn nicht hat, der kann nicht leben. Natürlich kann er existieren, da-sein in dieser Welt, aber er wird nicht das Leben haben, wie es die Christen glauben. Welches ist aber dieses Leben, von dem die Christen sprechen?

Es ist kein Leben, das in dieser Welt vor den anderen ausgezeichnet wäre. Oft findet man das Leben, von dem Jesus Christus spricht gerade bei den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben: oft bei den Armen oder Kranken, bei denen, die es zu nicht viel gebracht haben oder sogar bei denen, die in ihrem Dasein bisher seltsame Wege gegangen sind, über die wir alle gelacht haben.

Warum es so ist, dass der Weg Jesu für seinen Jünger und Jüngerinnen auch heute oft noch ein Weg des Leidens ist, können wir nur anreißen, aber nicht tiefer besprechen. Wichtig ist, dass das Leben eines Christen nicht mit einer Schablone oder einem Maßstab erkannt werden könnte. Wäre das so, könnten wir Kriterien einführen, z.B., dass es jedem Christen, der nur ordentlich betet, auch finanziell sehr gut gehen muss. Also: wer Geld hat, der ist ein guter Christ. Nein, so geht es nicht, auch wenn es immer wieder Gruppierungen gibt, die solcherlei Maßstäbe einführen möchten.

Nein, liebe Gemeinde, es ist vielmehr so, dass mich die Menschen, die mit Christus leben, immer wieder überraschen werden, gerade weil ich nicht gedacht hätte, dass in ihnen Christus wohnt. Christus in diesen Menschen begegnet mir also auf eine Weise, die mich selber in meinem Denken und in meinen Strukturen immer wieder hinterfragt, weil sie mich zweifeln lässt, ob das, was ich bisher gedacht und dessen ich mir sicher war, wirklich auch stimmt. Stellen Sie sich also Menschen vor, von denen sie sicher sind, dass sie ihr Leben völlig falsch leben. Die Gründe dafür sind jetzt egal: sei es, dass in Ihren Augen etwas Falsches tun, Falsches reden. Sei es, dass sie zu oberflächlich sind oder zu unverbindlich. Und nun stellen Sie sich vor, diese Menschen bieten Ihnen etwas, was Sie niemals von diesen erwartet hätten und das Sie völlig positiv überrascht. So, liebe Gemeinde, geschieht Begegnung in Christus. Drehen Sie es um: der Mensch lebt in der Gefahr, sich immer nur unter Seinesgleichen aufzuhalten. Die gleichen Menschen mit den gleichen Gewohnheiten, mit den selben Ansichten und den selben Maßstäben. In diesen Gruppen wird etwas stattfinden, was wir als Selbstbestätigung gut kennen. "Ja, du hast es richtig gemacht!", hören wir in diesen Gruppen. "Ja, ich sehe es genau so!": getrost lehnen wir uns zurück und sind froh, dass wir an unserer Art und Weise zu leben, nichts ändern müssen. Das Leben aber in und mit Christus ist lebendig, wandelbar, fließend. Es will Veränderung bis zum Ziel hin. Es ist nicht die äußere Veränderung, von der ich spreche, es ist die innere, die Verwandlung in einen Menschen, der Gott wohlgefällt. Unser Taufkind wird nicht durch die Taufe im Nu verwandelt werden, genauso wenig wie Sie, liebe Gemeinde, in Ihrer Taufe völlig verwandelt wurden. Wer aber mit Christus lebt und wer in sein Buch durch die Taufe eingeschrieben wurde, der hat die Zusage, dass Wandlung bis zum Tode hin geschieht. Zunehmend lichter soll es werden in diesen Leben: "ich bin das Licht des Lebens". Aus ihm selber sollen Ströme lebendigen Wassers fließen: "wen da dürstet, der komme zu mir und trinke". Leben mit Christus ist also kein Stillstand, sondern immer wieder eine Herausforderung, sich dem zu widersetzen, was sich in uns setzen möchte, z.B. das Gefallen an dieser Welt und wie sie funktioniert. "Es ist doch so einfach, es ist doch so bequem!" Leben mit Christus bedeutet, sich immer wieder ansprechen zu lassen von diesem Christus, der mich fragt: wie gestaltest du das Leben, das ich dir geschenkt habe? Wie bist du das Ebenbild Gottes, als das ich dich geschaffen habe?

Die Zusage Christi, die wir mit der Taufe erhalten, so wie sie N.N. heute erhalten hat, ist die Zusage, bei uns zu bleiben auf unseren Wegen durch diese Welt. Nicht zur Seite zu weichen, wenn uns Unheil droht und auch nicht wegzugehen, wenn wir selber Unheil verursachen: oft genug liegt beides eng beieinander. So glaube ich, kann es auch Vergebung geben für diejenigen, die in diesen schrecklichen Krieg mit verstrickt waren, für die Täter aller Coleur, für die Kleinen, wie die Großen. Diese Täter waren stehen geblieben in ihrem Leben, hatten ein festes Bild gewonnen vom Menschen, wie er sein müsste. Oder vom Menschen, wie er nicht sein sollte. Vom Andersartigen, dem Bösen, das in ihre Welt eindringen wollte, gestützt durch absurde Verschwörungstheorien und krude Volkstümeleien. Dass dies "Stehen-bleiben" nicht zum Leben, sondern zum Tode geführt hat, das wissen wir inzwischen alle bestens. Dass dies "Stehen-bleiben" aber noch nicht vollständig überwunden ist, das wollen wir nicht so gerne hören. Natürlich, die alten Stereotypen von damals, "die haben wir ja wohl überwunden" – nein, selbst das muss ich manchmal anzweifeln. Aber neue haben wir uns geschaffen und plötzlich wird es wieder ganz aktuell, was zum Leben führt oder was zum Tode. Wo sind denn die, von denen wir uns heute abgrenzen müssen? Sind es immer noch die Ausländer, die uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen, wie ein Schüler kürzlich behauptete? Sind es immer noch die Schwarzen oder Andersfarbigen, die doch immer irgendwie dümmer sind, als die Weißen, wie es eine Standesbeamtin kürzlich erklärte? Oder sind es diejenigen, die eine andere Lebensform wählen oder in sie hinein geboren wurden, die doch krankhaft ist, wie ein anderer Schüler behauptete?

Wo sind Ihre Grenzen, liebe Gemeinde, wo sind Sie stehen geblieben, in Abgrenzung, in Frontstellung", um die Sprache des Krieges wieder aufzunehmen? Machen Sie sich also darauf gefasst, jenseits ihrer Front, jenseits ihres Graben, in dem Sie stecken, um abzuwehren, was nicht sein darf – dass also auf der anderen Seite Ihnen plötzlich Christus entgegen kommt. Mit ausgebreiteten Armen, bereit Sie aufzunehmen und an seine Brust zu drücken. Denn dort scheint das Licht des Lebens, dort fließen die Ströme lebendigen Wassers – dort wohnt die Versöhnung. "So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!"

Leben in Christus, liebe Gemeinde, ist also immer mehr, als nur unser kleines Leben, welches wir kennen und als richtig behaupten. Leben in Christus geschieht dort, wo Menschen einander vergeben, sich verstehen, ja: sich gegenseitig Frieden wünschen und Gottes reichen Segen, der sie auf ihren Wegen begleiten würde. Wir alle, liebe Gemeinde, die wir hier sitzen und getauft sind – auch unser Täufling von heute – wir alle haben in uns die Kraft dazu, dieses Leben in Christus zu finden. Wir alle haben die Chance bekommen, entgegen zu stehen, wenn wieder Gräben ausgehoben werden gegen den Mitmenschen, sei es im Kleinen oder sei es im Großen – wir haben in Christus die Kraft bekommen, zu Brückenbauern (auf lateinisch: Pontifex) zu werden über diese Gräben, genauso wie Christus ein Brückenbauer geworden ist, indem er sein Kreuz als Brücke über den Graben der Sünde gelegt hat, damit wir wieder zu Gott finden können. Wenn wir ihm nachfolgen, dann werden auch wir Brücken bauen können und wir werden sehen, was es heißt, wenn in uns und aus uns heraus Ströme lebendigen Wasser fließen. Ich glaube: mit dieser Kraft in Christus können Menschen da sein, auch in den schweren Zeiten, wenn Brot und Wasser knapp wird und andere in der Dunkelheit kauern müssen, um etwas zu bringen von dem, was Leben in sich trägt: "ich bin das Brot des Lebens" – "ich bin das Licht des Lebens" – "Wen da dürstet, der

komme zu mir und trinke!".

Und der Friede Gottes, der die Menschen untereinander verbindet, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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