Wer kommt in meine Arme?

Liebe Gemeinde,

„Wer kommt in meine Arme“ – Wer kennt nicht dieses beliebte Spiel, auf das sich kleinere Kinder immer gern einlassen. Das funktioniert auch bei entfernteren Verwandten, die sie vielleicht weniger sehen, als Vater und Mutter. Wir stellen uns etwa 5 Meter entfernt hin und rufen: „Wer kommt in meine Arme?“ Dabei haben wir die Arme weit auseinander und schon kommen die Kleinen zu uns gerannt. Die einen lieben es, sie dann einfach in die Arme zu nehmen, andere nehmen gern den Schwung ihres Laufes auf einen schleudern die Kinder dann wie in einem Karussell im Kreis herum. Das Spiel zeigt dann zweifaches Vertrauen: Die Zustimmung: Ich komme in deine Arme und vertraue dir. Ich lasse mich von dir hochheben, und vertraue dann auch darauf, dass du mich nicht loslässt. Wir Erwachsenen sind in unserem Inneren, früher sagte man im Herzen immer noch Kinder geblieben. Wir kommen immer noch gern in die Arme eines Menschen, der uns offen entgegentritt, symbolisch gesehen. Doch bei Erwachsenen ist zweierlei zu beachten: Erstens werden sie nicht einander hochheben und umherschleudern, zweitens werden sie nicht ausdrücklich die Arme auseinandernehmen, sonder uns vielleicht freundlich anlächeln und uns ein paar nette Worte gönnen. Wir nehmen einander ernst, zeigen einander Sympathie und lassen uns auf den anderen dann auch gerne ein, in welche Spiele uns auch der andere verwickeln mag. Auch in unserem alter bleibt das gegenseitige Vertrauen und spielt bei jeder Begegnung mit, nur nicht mit ausdrücklich offenen Armen, sondern mit Gesten und mit Worten.

Diese Einladung zum gemeinsamen Leben wird uns nun durch den Heilandsruf von Jesus selbst gegeben. Jesus lädt uns hier zwar ausschließlich mit Worten ein, aber diese Worte haben einen tiefen und zuverlässigen Hintergrund. Jesus und der Vater gehören zusammen. Also wird uns mit der Einladung durch Jesus zugleich die Gegenwart Gottes vermittelt. Wir werden also eingeladen, und in die Nähe dessen zu stellen, der Grund allen Lebens ist, die höhere Macht, der wir uns ganz und über den Tod hinaus anvertrauen können. Die Einladung Jesu ist zuerst die Einladung eines Menschen, der uns seine Gegenwart zusagt. Aber Jesus ist auch der Sohn Gottes und gibt uns die Gegenwart des Vaters dazu. Wir könnten uns die Zusage der Gegenwart Gottes als Grund des Lebens auch anders vorstellen, da er ja in allen Geschöpfen lebt, denn Gott ist der „Herr des Himmels und der Erde“. Dennoch ist uns diese Vorstellung zugleich auch zu unbestimmt und zu weit. In allem Lebendigen liegt auch das verborgen, was unserem Leben nicht nur nützen, sondern auch schaden kann. Nur durch Jesus wird und die Gegenwart dieser Schöpfungs- Urgewalt so vermittelt, dass sie unserem Leben nützen kann. Die etwas umständliche Folgen von Aussagen über Sohn und Vater zeigen dieses eine ganz deutlich: Der Vater hat dem Sohn alles übergeben, was nichts an seine himmlischen Macht ändert. Aber nur durch den Sohn wird seine himmlische macht den Menschen auf der Erde gegeben. Vater und Sohn werden von gegenseitigem Erkennen geprägt. Der Sohn kommt die in die Arme des Vaters, ganz wie in unserem Spiel. Doch nicht nur: Auch der Vater kommt in die Arme des Sohnes. Der Sohn hat die Gegenwart des Vaters in seinem Leben ausgedrückt. Das wird im Leben Jesu deutlich in den vielen Heilungen, aber auch in den vielen wortmächtigen Aussagen und Verkündigungen. Durch Jesus gibt sich Gott weiter in der Gestalt der Worte. Der Sohn gibt dieses Wissen um Gottes Gegenwart weiter an uns, an die Menschen. „Wer kommt in Gottes Arme?“, allein der Sohn. „Wer ist in den Armen des Sohnes?“ Allein der Vater. Das was der Sohn an die Menschen weitergibt ist die Gestalt, in der er uns dies alles vermittelt, Gottes Nähe und Gottes Zuwendung. Dadurch schafft Jesus Vertrauen. Unser Wissen um Jesus ist das Wissen darum, dass wir vertrauen dürfen. Manchmal scheint es mir so, wenn von Vater Sohn und Heiligem Geist die Rede ist, als käme Gott in seinen drei Gestalten auch ganz gut ohne uns aus. Sind wir Menschen nicht die vierte Gestalt der Gegenwart Gottes? Der Glaube ist dies, der in uns wächst. Den wir nicht selbst herstellen können, aber den wir pflegen und bewahren können, wenn wir ihn in uns entdeckt haben. Der Glaube gibt sich uns durch den Sohn als Herr und Bruder unseres eigenen Lebensweges. Er ist der Grund allen Lebens, an dem jedes Geschöpf Anteil hat. So sind wir alle Kinder Gottes, Söhne und Töchter wie Jesus. Und so heißt es dann passen: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Der Geist Gottes ist aber nun nichts anderes als der Geist Jesu Christi. Der Geist Jesu nimmt sich in unserem leben die Gestalt, die er für unseren Alltag und für unsere Lebenswirklichkeit haben muss: Nur die Hauptsätze gelesen, hören wir im Heilandruf nämlich folgende Aussage:

1. Kommt zu mir, denn ich will euch erquicken.

2. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir.

3. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Die Einladung Jesu wird hier völlig unvermittelt und ohne Umschweife zu einer Berufung zur Jüngerschaft. Wenn wir die Aussage annehmen, uns als Kinder Gottes zu fühlen, dann sollten wir auch zugleich uns als Jüngerinnen und Jünger Jesu verstehen.

Zuerst sind wir angewiesen auf Mut und Zuwendung. Unsere Mühe und unsere Last wird uns zu schwer. Wir fordern dem Ruf Jesu und laden sie auf ihn. Denn er nimmt sich unserer Lasten an. Er will uns erquicken und Mut machen. Wir atmen auf. Wir merken wieder, dass wir als geliebte Kinder Gottes voller Freude leben dürfen. Wir empfinden Dankbarkeit für den Schöpfer des Lebens, wenn wir uns selbst am leben freuen. Die empfangene Liebe ist unser tägliches Brot. Jesus ruft: „Wer kommt in meine Arme?“ Und wir laufen hin und lassen uns umarmen. Doch Jesus verändert das Spiel, denn er wechselt die Rolle und die Regeln. Wenn wir gestärkt und getröstet sind, stellt er uns auf unsere Füße und sagt: Jetzt geht bitte zurück an euren Platz. Dann werdet ihr Menschen sehen, die mühselig und beladen sind. Ich bin euch auch in dieser Gestalt begegnet, denn es sind meine geringsten Brüder und Schwestern. Ich zeige euch wie es geht, und ihr habt es von mir gelernt. Jetzt öffnet ihr bitte auch eure Arme und ruft denen zu, die mühselig und beladen sind: „Wer kommt in meine Arme?“ So entsteht aus dem Heilandsruf Jesu eine Kirche Jesu Christi. Wir werden wie Jesus, das heißt, wir werden Christ. Wir geben anderen unser Vertrauen, indem wir mit offenen Armen freundlich aus sie zu und auf sie eingehen. Wir vermitteln anderen Menschen Vertrauen, weil uns durch Jesus das Vertrauen Gottes geschenkt wurde. Unser Glaube wird zu einer festen Brücke zu den anderen. So nehmen wir Jesu Last auf, seine Weise zu leben und zu denken. Und empfangen wir dafür den Dank, dann wird diese Last dadurch auch ganz leicht, denn Vertrauen trägt. In Jesus ist uns der Vater nahe und nimmt uns in die Arme. Wir spüren festen Boden unter den Füßen und schon werden wir als Empfangende selbst zu Spenderinnen lebensspendenden Vertrauens. Aus dem Glauben folgt tatsächlich so etwas wie lebendiges Wasser, weil durch den Anfang Jesu ein kleiner Bach zu einem breiten Fluss anschwillt. Vertrauen und Liebe sind die einzigen Güter, die nicht aufgebraucht werden, wenn man sie verschenkt. Sie werden zur Quelle immer neuen Vertrauens und immer neuer Liebe. Folgen wir dem Ruf Jesu in seine Nähe dann werden wir wie er sanftmütig und von Herzen demütig. Das ist Liebe und Vertrauen anders ausgedrückt: Wer anderen Menschen wie Jesus ohne Gewalt und ohne Hochmut begegnet, wird spüren, dass sie sich solcher Einladung gegenüber öffnen. Gottes Liebe ist ganz nah und fließt durch unser Leben hindurch. Amen

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