Not lehrt beten

Liebe Gemeinde,

Not lehrt Beten, so heißt es schon im Sprichwort.

In diesen beiden Beispielen Jesu scheint die Alltagsnot auf das Beten übertragen zu werden.

Die vorgestellte Situation ist eindrücklich. Jemand bekannt unerwarteten Besuch, den er aber gern bewirten möchte. Hier spricht orientalische Gastfreundschaft durch, die das einfach vorschreibt. Woher soll er aber nun zu so später Stunde das Brot nehmen, wenn nicht von der Nachbarin borgen? Wer von uns hat das noch nicht gemacht, etwa drei Eier oder eine Tasse Mehl oder gar wie hier ein ganzes Brot. Nachbarschaft ist Hilfsbereitschaft auf Gegenseitigkeit. Wird leider heute immer seltener.

Soll der Nachbar nun mürrisch antworten und sagen: Lass mich zu so später Stunde mit deiner Alltagsnot in Ruhe. Kauf auf Vorrat, dann passiert es dir nicht, dass dir etwas fehlt.

Doch der bittende Freund findet den Nachbarn. Der Nachbar begegnet dem Nachbarn, der an seiner Tür klopft. Vielleicht hat er schon lange drauf gewartet, dass er endlich einmal klopft und jetzt ist es ihm gerade recht, dass er kommt.

Zusammenfassend sagt Jesus: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfte an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“

Oder kurz gesagt: Not lehrt Beten.

Doch diese Anwendung wird ausgeweitet auf die Beziehung von Eltern und Kindern. Kein Vater gibt einem Sohn eine Schlange für einen Fisch, und kein Vater gibt einem Sohn ein Skorpion für ein Ei. Kinder erwarten von den Eltern zu recht alles Gute. So ist es gewöhnlich. Das bleibt auch, wenn schon die Kinder erwachsen sind. Und das gilt für den Vater im Himmel nun erst recht. Doch das Beispiel hat Hintersinn, so meine ich. Während der bittende Freund und Nachbar ja nur einen bestimmten Gefallen wünscht aus einer Not heraus, erwarten wohl Kinder sehr oft etwas von den Eltern. Und da gibt es auch Grenzen, nicht erst am Süßigkeitenstand vor der Kasse. Das Beispiel sagt ja nur, dass die Eltern den Kinder nicht schaden wollen, obwohl sie das ja manchmal trotzdem tun, aber es sagt nicht, dass sie nicht auch mal Nein sagen und eine Bitte abschlagen.

Not lehrt Beten? Ja, ich denke schon, und Gott wird auch uns Gebete abschlagen, nur schaden wird es uns damit nicht. Die Wünsche von Betenden gehen doch tiefer. Ihre Not ist ja oft existentiell. Betende sprechen in der Not zu Gott, weil sie mit sich selbst und auch oft mit Hilfe anderer Menschen nicht weiterfinden. Sie stoßen an Grenzen und finden Gott selbst dann oft auch nicht. Aber sie beten, für sie sogar vermeintlich manchmal ins Leere.

Jesus vergleicht das Beten mit der menschlichen Bitte und stellt uns als das Idealbild die natürliche Fürsorge der Eltern vor Augen. Aber auch die Bitten an Nachbarn und Freunde, die auf offene Ohren reffen sind Beispiele für das Beten.

Doch es gibt keine Gebetsautomatik. Die Beziehung zu Gott funktioniert eben nicht wie ein Kaugummiautomat. Das ist doch schon mit der Eltern Kinde Beziehung oft ja ähnlich.

Ich glaube, wir finden über diesen Text nur dann wirklich zum Gebet, wenn wir beim Satz Not lehrt Beten nicht stehen bleiben. Klar ist: Gebet braucht Worte. Beten ist Sprachen, auch wenn’s im Stillen geschieht. Aber wichtig ist das Gegenüber.

Not lehrt Beten heißt auch: Ich muss anerkennen, dass über meiner menschlichen Existenz ein Himmel ist, eine Welt Gottes die alles umfasst und Grund allen Lebens ist. Sicher ist Gott wie ein Freund und wie ein Vater und eine Mutter, aber als Gegenüber. Gottes Wille zu erkennen, ist doch gerade in der Not nicht einfach. Manchmal endet das Gebet in der Not doch einfach mit dem Satz, den auch Jesus in Gethsemane gesprochen hat: Dein Wille geschehe. Unser Gebet wird dann als erhört zu verstehen sein, wenn Gottes Wille sich unserem Willen zuwendet. Wie soll es denn auch angehen können, dass der Grund allen Lebens unseren persönlichen schlichten einfachen Willen erfüllt der nur egoistisch bezogen ist auf unsere eigenen Not.

Ja Not lehrt Beten. Aber die Erfahrung mit dem Gebet lehrt uns dann aber auch anders denken über unser eigene Not. Sie zeigt uns durch die Erinnerung an Gottes Weiten willen, dass er neben unserem Gebet auch noch die Gebete vieler anderer Menschen hört. Beten wir zu Gott, dann erfahren wir Gottes Gegenwart. Das ist die eigentlich Gebetserhörung. Wir finden durch das Sprechen zu Gott zum Glauben zurück. Das ist die Erfüllung. Der Glaube ist die Antwort auf das Anliegen unserer Not, auch wenn die Antwort mal schlicht aus einem Nein besteht.

Wer sind wir denn auch, die meinen durch unsere eigenen Not auf Gottes Willen Einfluss nehmen zu können. Jesus aber zeigt uns die Vorstellung des Glaubens, dass Gott in aller Ferne und Höhe allein in Zuwendung und Liebe besteht.

Not lehrt beten, das heißt: Wir trauen Gott zu, dass er seine Welt nicht im Stich lässt. Wir vertrauen uns seinen Schöpferhänden an und überlassen uns der tiefen macht allen Lebens.

Es gibt ja ein Spot in der Werbung, der zeigt, dass jemand bei seiner Nachbarin anklopft und sie um einen Gefallen bittet, wobei daraus dann eine Liebe oder Freundschaft wird. Die eigentliche Bitte tritt dahinter zurück. So ähnlich stelle ich mir die Erfahrung des Gebets bei Gott auch vor. Vielleicht haben wir hinterher wie bei echter Liebe unseren eigenen Wunsch und unsere eigene Not schon vergessen, weil wir die Antwort auf unser Gebet in der Tatsache gefunden haben, dass wir zu Gott Vater unser im Himmel sagen dürfen, voller Vertrauen und Liebe.

Ich schließe daher bewusst mit Worten Martin Luthers, der ebenfalls die Wahrheit der Bitte um den Willen Gottes auf die Glaubensbeziehung zu Gott zurückgeführt hat:

Die dritte Bitte

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Was ist das?

Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.

Wie geschieht das?

Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, wie der Teufel, die Welt und unsres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

Und stimmt nun der Satz: Not lehrt Beten? Ja schon. Aber das Beten lehrt uns Vertrauen, und darauf kommt es an. Amen.

drucken