Wenn Himmel und Erde sich berühren

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

ein banger Blick zum Himmel: verheißt er mir heute morgen Gutes? An manchen Tagen ist er schwarz und wolkenverhangen. Man sieht die geballte Kraft des nahenden Unwetters, wenn man den Himmel anschaut. Er kann beängstigend sein. Dann wieder strahlt er ins Sonnenlicht getaucht; blau schimmert die Unendlichkeit des Himmels, der sich schützend über mir wölbt und zugleich meinen Horizont weitet. In der Nacht blitzen die Sterne, sie rauben der Nacht ihre absolute Dunkelheit und sind doch mehr als nur Positionslichter in der Nacht. Sie erzählen von weiten Räumen, unvorstellbaren Entfernungen und beflügeln die Phantasie der Menschen. Manche trauen ihnen Macht über das eigene Leben zu, in alten Kulturen und Religionen wurden sie als Götter verehrt.

Jeder sieht den Himmel anders, mit seinen Augen. Und viele wünschen sich dem Himmel nah. Sie wollen ihm nicht nur einige Kilometer näherkommen und die Freiheit über den Wolken genießen, sie erhoffen sich schon auf Erden himmlische Freude und erleben den siebten Himmel. Manche liegen mit dem Rücken im Gras und den Blick nach oben gerichtet und spüren: es muss doch ein Gott sein.

Für König Salomo war das anders als für uns keine Frage. Die Erinnerung an Gottes Treue in der Zeit der Wüstenwanderung war noch frisch, im gelobte Land war man sesshaft geworden, hatte die Zelte aus der Nomadenzeit eingetauscht gegen Häuser in dem Land, in dem vermeintlich Milch und Honig fließt. Jetzt. Das Gottesvolk hat nach außen hin Gestalt angenommen, als Sinnbild dafür stand an der Spitze des Staates der König, selbst wenn seine Macht nur die Macht Gottes wiederspiegeln sollte. Deshalb gehören Palast und Tempel zueinander.

Dass Gott ist, war unbestritten, ob man sich Gottes sicher sein kann war viel eher die Frage, die sich Israel in seiner Geschichte immer wieder gestellt hat. „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen“ Aber an einem Punkt sollten sich Himmel und Erde berühren, sollte das Volk den Himmel mit Händen greifen können und in Gottes Gegenwart eintauchen: im Tempel in Jerusalem, wo die Zeichen der Gegenwart Gottes ein zu Hause gefunden haben: die Bundeslade mit den Tafeln des Gesetzes in ihr.

Ja es gibt diese Orte, wo sich Himmel und Erde berühren. Und Menschen sehnen sich nach solchen Orten. Eine offene Kirchentür wird von vielen als Einladung verstanden, einzutreten. Eine offene Kirche ist für eine Einladung vor Gott und für sich einen Augenblick still zu werden und einen Gedanken, eine Sorge, einen Wunsch oder eine Bitte dazulassen. Gottes Gegenwart in unserer Mitte braucht solche sichtbaren Zeichen, auch wenn sie ihn kaum wirklich fassen können.

Heute morgen allerdings haben wir uns aus diesem Haus heraus auf den Weg in unsren Kirchenwald gemacht. Das sind gewissermaßen umgekehrte und identische Vorzeichen. Weder Himmel noch Erde können ihn fassen, kein Gebäude kann ihn einfangen, aber begegnen kann ich ihm überall. Haben sie schon einmal den Satz gehört „für meinen Glauben brauch´ ich keine Kirche, ich finde Gott im Wald“? Er ist genauso richtig, wie er zugleich falsch ist.

Natürlich begegnet mir Gott in seiner Schöpfung auf Schritt und Tritt. Alles trägt seine Handschrift, die klare, dunkle Kühle im Wald ebenso wie das Spiel des Sonnenstrahls auf dem See. Die dunkle bedrohende Wolkenwand, die alles dahinter verbirgt, ebenso wie das absichtlose Singen der Vögel am Morgen. Nicht anderes will Paul Gerhard mit seinem Sommerlied „Geh aus mein Herz und such Freud“ beschreiben. Alles wird ihm zu einem Gleichnis, so dass er am Ende bei sich denkt: „Ach denk ich, du bist hier so schön / und lässt du´s uns so lieblich gehen / auf dieser armen Erden: was will uns wohl nach dieser Welt / dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden, / und güldnen Schlosse werden.“

Es ist heilsam heute morgen hier zu sein und zu feiern, mit den Bläsern zusammen zu musizieren, den Blick schweifen zu lassen und tief einzuatmen. Wahrscheinlich tun wir uns viel zu selten etwas derart Gutes. Und doch brauche immer wieder auch das Dach über dem Kopf, nicht nur falls es an einem Himmelfahrtstag doch einmal regnen sollte. Mit anderen bin ich unter diesem Dach beisammen, zunächst wie ein Gast, dann bald wie ein Familienangehöriger, der hier zu Hause ist. Ich brauche diesen Ort, wo ich mit dem Himmel ins Gespräch kommen kann. Und genauso hat sich auch Salomo den Tempel gedacht: als einen Ort, wo Gott auf das Gebet seines Volkes hören möge.

Kirche oder Wald, das ist die falsche Entscheidung. Himmel und Erde mag da schon die richtige Alternative sein. Gebe ich mich mit der Erde schon zufrieden. Halte ich das, was mir hier begegnet und zustößt oder an Gutem widerfährt schon für das letzte und nicht mit/wie Paul Gerhard für einen Vorgeschmack auf viel Größeres. Oder habe ich noch Lust auf den Himmel (nicht nur auf Erden) und möchte mich wie Salomo vor dem Altar im Tempel zum Himmel ausstrecken.

Im Evangelium ist nur ganz knapp vom Abschied Jesu am Himmelfahrtstag von seinen Jüngern die Rede gewesen. Da ging es nicht mehr um Traurigkeit, wie ich sie von endgültigen Abschieden kenne. Da ist nicht von Tränen die Rede, die vergossen wurden. Aber da war von großer Freude die Rede. Ich glaube Lukas will uns erzählen, dass wir allen Grund zur Freude haben, weil es nicht um den Abschied geht. Jesus ist nicht verschwunden, in Luft aufgelöst, ad Acta gelegt und der Himmel als Ort, wo Gottes Gegenwart alles erfüllt und alles Fragen aufhört, ist nicht in unerreichbare Ferne gerückt, sondern es ist genau umgekehrt. Der Himmel, Gottes Leidenschaft für das Leben, die Kraft seines lebensschaffenden Geistes, die Botschaft Jesu von der Sehnsucht nach der heilen Welt des Reiches Gottes, sind mitten unter uns. Das haben die Jünger gespürt.

Christi Himmelfahrt ist eigentlich eine Bewegung aufeinander zu. Himmel und Erde berühren sich. Gott und Mensch gehören in Jesus Christus zusammen. Mein ganzes Leben und unsere ganze Welt ist nicht gottlos. Gerade an dunklen und trüben Tagen soll etwas von dieser fröhlichen Gewissheit in meinem Leben aufleuchten. Oder wie es strahlend und alles zusammenfassend in dem schönen Himmelfahrtslied heißt: „Jesus Christus herrscht als König, / alles ist ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. / Aller Zunge soll bekennen, / Jesus sei der Herr zu nennen, / dem man Ehre geben muss.“

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