Wertmaßstäbe

Liebe Gemeinde,

der Predigttext des Himmelfahrtsfestes steht im 1. Buch der Könige 8,22-24 und 26-28. Es geht um die feierliche Einweihung des Tempels durch König Salomo.

[TEXT]

Salomo hat einen Tempel bauen lassen. Das hat eine Menge Geld und Arbeit gekostet. Nun wird er feierlich eingeweiht. Dabei gibt sich Salomo bescheiden. Er sieht das Bauwerk, das für die Gegend und die Zeit sicher eindrucksvoll war, und trotz der Großartigkeit spürt er eine Lücke. Er fragt sich, ist dieses Bauwerk auch angemessen für Gott? Und er beantwortet die Frage mit Nein. Natürlich wird dieses Bauwerk Gott nicht gerecht. Natürlich ist dieser Tempel kein angemessener Ort für Gottes Gegenwart. Denn Gott ist groß, Gott ist unfassbar gewaltig. Selbst der Himmel, selbst das Weltall können ihn nicht fassen. Gott, der die Welt geschaffen hat, ist größer als die Welt. Nichts in der Welt kann diesem Gott gerecht werden. Nichts und niemand kann für sich in Anspruch nehmen, diese weit über menschliches Fassungsvermögen hinausgehende Macht fassen zu können. Jeder Versuch, den zu verstehen, der das Universum gemacht hat, ist zum Scheitern verurteilt. Wir verstehen ja noch nicht einmal das Universum geschweige denn seinen Schöpfer. Das weiß schon König Salomo.

Wir blicken in den Himmel und sehen die Weite. Wir hören die Natur und das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Sirren der Insekten. Wir fühlen die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut. Nacht blicken wir in den Sternenhimmel weit hinaus ins All und weit hinaus in die Vergangenheit der Sterne.

Diese grenzenlose Weite gibt es ja nicht nur wenn wir ins Weltall blicken, sie begegnet uns ja auch wenn wir in die andere Richtung auf das Kleine blicken. Als das Wetter letzte Woche so schön warm war, habe ich mich auf die Wiese im Garten gelegt und habe mit einfach einmal eine halbe Stunde angesehen, was da um mich herum los war. Wie lebendig selbst so eine Gartenwiese ist, wie viele Insekten und Vögel und Pflanzen dort leben. Und obwohl so ein Garten ja von Menschen angelegt ist, gibt es doch viel mehr als der Mensch dort geplant und angesiedelt hat.

Was Gott geschaffen hat ist unfassbar vielfältig. Viele Generationen von Forscherinnen und Forschern werden noch damit zu tun haben, das alles zu verstehen. Und wenn etwas erforscht ist, dann tun sich immer neue Rätsel auf. Gott ist so groß, dass einem Angst und bange werden könnte, Gott ist so unfassbar, dass sich ihm zu nähern tatsächlich erschreckend sein muss.

Trotzdem wagt es Salomo sich im Gebet an Gott zu wenden. Trotzdem ruft er zu Gott und bittet ihn seine Stimme zu hören. Wie kann er das wagen, wo er doch gerade erkannt hat, dass der Himmel und aller Himmel Himmel Gott nicht fassen können?

Wie können wir es wagen, uns mit unseren winzigen Problemen und Nöten und Fragen an den Gott zu wenden, der Himmel und Erde gemacht hat? Wie können wir es wagen, Gott um Hilfe und Unterstützung und Beachtung zu bitten? Sind wir denn in den Augen Gottes nicht weniger als ein Staubkorn, das im Fluss der Zeiten keinen Bestand hat? Wieso sollte Gott sich ausgerechnet mit einem bestimmten der 6 Milliarden Menschen auf der Erde befassen, rechnen wir mal nicht die Lebewesen, die es möglicherweise noch in anderen Galaxien oder Paralleluniversen geben könnte?

Salomo gibt auf diese Frage eine Antwort: Er sagt von Gott: Du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen.

Der große Gott sucht offensichtlich Kontakt zu uns kleinen Menschen. Gott geht auf uns zu und möchte unsere Zuwendung zu ihm. Gott möchte angesprochen und in unser Leben einbezogen werden. Das ist doch erstaunlich.

Salomo geht noch einen Schritt weiter: Der große Gott hat sich ein kleines und unbedeutendes Volk ausgesucht, und mit diesem einen Vertrag geschlossen. Gott kümmert sich um einen Pufferstaat, der zwischen den Großmächten Ägypten und Babylon zerrieben werden wird. Er liebt dieses sein Volk und befindet sich im Austausch mit den Menschen dort. Und wenn sie sich an seine Regeln halten und sich ihm zuwenden, dann wird er es ihnen gut gehen lassen, hat er versprochen. Und wenn wir weiter vom Alten Testament zum Neuen denken, dann hat Gott in Jesus Christus diese besondere Verbundenheit mit Israel für alle Menschen und für alle Völker also auch für uns geöffnet. Das ist doch wirklich unglaublich. Der große Gott geht von sich aus auf uns kleine Menschen zu. Und dabei sucht er sich als seine Lieblinge nicht die bedeutenden und großen Völker, die bedeutenden und großen Herrscher aus. Nein, er erwählt Israel und mit Salomo einen drittklassigen Provinzfürsten, damit er den Tempel baut, in dem er wohnen will. Die Bibel und zwar die ganze heilige Schrift alten und neuen Testaments ist an dieser Stelle ganz klar.

Gott verfolgt seine Pläne und seine Ziele offensichtlich nicht in erster Linie mit den Menschen, die wir für groß und bedeutend halten. Gott wendet sich vorzugsweise denjenigen zu, die wir nicht weiter zu beachten pflegen.

Das ist natürlich eine große Herausforderung für uns, eine Anfrage an unsere Sicht der Welt und unsere Wertmaßstäbe. An welchen Personen orientieren wir uns? Wessen Zustimmung ist uns wichtig? Wen nehmen wir ernst und wen lassen wir links liegen? Wie sehr verfehlen wir Gott, wenn wir unser Verhalten einer Person gegenüber davon bestimmen lassen, wie viel Ansehen und Macht diese Person hat.

Ich nehme mal ein Beispiel aus dem Schulalltag. In einer Klasse kam die Frage auf, ist Streben nach Wissen in der Schule etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Eine Schülerin brachte es auf den Punkt: Jeder möchte gute Noten haben. Aber eine Streberin darf man nicht sein, weil dann hat man keine Freunde und die anderen schließen einen aus. 4. Klasse Grundschule. Das fand ich eine ziemlich klare Aussage, der die anderen auch alle zugestimmt haben. Die Kinder orientieren sich an denjenigen, die andere strietzen und schlagen und nicht an denjenigen, die freundlich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern umgehen. Die Rabauken haben die Macht in der Klasse und bestimmen das Klassenklima. Vielleicht war das schon immer so. Aber es ist ziemlich verrückt, dass wir unsere Kinder in eine Schule schicken, in der sie spätestens ab der 4. Klasse einer so scheußlichen Doppelbotschaft ausgesetzt werden. Du sollst gute Noten haben aber du darfst eigentlich keine guten Noten haben. Am Ende lautet die Botschaft: Verhalte dich unauffällig, passe dich an. Und diese Norm wird in den Klassen gnadenlos durchgesetzt. Angststörungen unter Kindern sind deutlich auf dem Vormarsch. Die einen haben Angst, weil sie die Leistungsstandards nicht schaffen und die anderen, weil sie gerne etwas lernen möchten und das nicht dürfen.

Was hat das jetzt mit Gottes bevorzugter Zuwendung zu den Kleinen und Schwachen zu tun?

Gott schafft für ganz verschiedene Lebewesen und für ganz verschiedene Menschen Räume und Zeiten, in denen sie leben und sich entfalten können. Gott akzeptiert uns Menschen, die wir so anders und so verschieden sind und handeln. Gott macht in seiner Liebe zu uns Menschen keine Unterschiede zwischen Nobelpreisträgern und schwer geistig Behinderten. Und wir sperren unsere Kinder in ganz enge Verhaltenkorridore und erlauben ihnen nicht unterschiedlich zu sein. Wir fördern sie nicht einzeln nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wir verlangen von unseren sich an einen Durchschnitt anzupassen. Und die, die das nicht können, gehen vor die Hunde. Die einen weil sie Leistungsstandards nicht erreichen können, und die anderen weil sie völlig unterfordert werden. Wir wissen inzwischen wie eine angemessene Förderung möglich wäre, aber das wäre teuer, und der Staat hat nicht genug Geld für Kinder.

Ich habe das jetzt nur für den Bereich Schule ausgeführt. Für alle anderen Lebensbereiche gilt die göttliche Frage an uns auch. Das gilt für Wirtschaft und Politik und Verwaltung und Arbeitslosenhilfe. Der Gott, der uns entgegen kommt und uns liebt, stellt uns die Frage: Was sind eure Wertmaßstäbe und wie geht ihr mit denjenigen um, die anders sind als der Durchschnitt? Wie geht ihr mit den Schwächeren mit den Kranken, mit denjenigen, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um? Wenn wir Gott begegnen wollen, dann müssen wir uns dieser Frage als einzelne und als Gesellschaft stellen!

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