Klopfzeichen

Willst du wirklich noch los? Weißt du überhaupt, wie spät es ist? Die Frau sagt es so leise wie möglich. Der nächtliche Gast soll es nicht mit bekommen. Schau mal raus. Nirgendwo ein Licht. Bleib doch hier. Unser Besuch ist sicher müde, da müssen wir doch nicht wer weiß was auftischen. Du machst uns noch zum Gespött im ganzen Dorf. Lass mal, ich weiß schon, wo ich was bekomme. Bist du sicher? Und wenn du keinen Erfolg hast, willst du zum Nächsten und Übernächsten? Mensch, ist mir das peinlich! Meinst du, mir nicht. Was glaubst du, wie unangenehm es ist, andere anzubetteln!

Bist du schon mal angebettelt worden? In der Fußgängerzone vielleicht, auf dem Bahnhof, oder im Auslandsurlaub auf dem Basar. Es ging wahrscheinlich nicht um Brot, sondern um einen Euro. Aber zu Hause? Richtig mit Rausklingeln? Und auch noch nachts?

Nachts klingeln traut man sich ja nur bei Freunden. Als ich noch studierte, hab ich die Entfernungen zwischen dem Studienort und dem Wohnort meiner Verlobten, immer per Anhalter zurück gelegt. Das konnte auch mal spät werden. Einmal wurde es sehr spät. Sie war nicht mal anwesend. Aber nachts klingeln war da kein Problem. Ich kannte ja die Nachbarn aus der WG. Ich wurde reingebeten auf eine Tasse Tee. Unlängst klingelte es nachts am Pfarrhaus. Ich war schon oben im Schlafanzug. Runter in die Küche, Fenster auf. Auf der Treppe stand ein Afrikaner. Ich kannte ihn noch aus den 90ern, eigentlich ungewöhnlich, dass er noch in Bremen ist, er schien damals nur eine befristete Duldung zu haben. Dass es so spät war, störte ihn nicht. Ausländer halten sich nicht an Zeiten, ist meine Erfahrung. Er machte es sehr dringlich, erzählte von seiner Familie, die von der Tsunamikatastrophe betroffen sei. Er schien angetrunken, aber das nur nebenbei. Er wollte Bargeld, ich sagte, kommt nicht in Frage und schickte ihn weg. Einige Wochen später trafen wir uns bei Plus. Er hielt mich an und kam auf den Vorfall zu sprechen. Das wäre nicht das schlimmste gewesen, dass er nichts bekommen habe. Aber dass es übers Fenster gelaufen sei, er nicht an der Tür empfangen worden sei, das habe ihn verletzt. Er sei doch mein Freund. Ich sagte nichts dazu und dachte: Das hättest du wohl gerne!

Das Beispiel Jesu hier ist nicht einfach ein Gleichnis. Es ist die Geschichte vom bittenden Freund. Freunden vertraut man seine Sorgen an. Auf richtigen Freunde kann man in der Not zählen. Gott verspricht uns, er ist so ein Freund und er will gebeten sein. Zu ihm können wir zu jeder Tag und Nachtzeit kommen. Wir stören nicht. Im Gegenteil: Er wartet auf unser Gebet. Gott will nicht wunschlose Bewunderung oder stumme Anbetung. Er will sich mit unseren Wünschen und Sorgen befassen. Er will der Freund sein, an den du dich vertrauensvoll, erwartungsvoll wendest. Er will der sein, den du zuerst fragst und nicht zuletzt. Kennst du ihn überhaupt als deinen Freund?

Im 15. Kapitel des Johannesevangeliums steht der wunderbare Vergleich vom Weinstock. Ein Christ ist mit Jesus seinem Herrn verbunden wie die Reben am Weinstock. Dieses Gleichnis erzählte Jesus den Jüngern und wandte es dann auf sie persönlich an mit den Worten: Ihr seid meine Freunde. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid. Das konnte ihnen nur Jesus sagen. Von sich aus hätten sie nicht gewagt, Jesus so anzureden. Sie sahen ihn als ihren Meister, ihren Lehrer, ihr Vorbild, ja sie ahnten sein göttliches Wesen. Das flößte ihnen Bewunderung und Respekt ein. Und wenn wir in dieser Weise Gott ehren, Jesus ehren, so ist da wunderbar. Aber er will mehr. Er will mit dir verbunden sein, nicht nur von dir geglaubt und verehrt sein. Du kannst dich an ihn wenden egal mit welchem Anliegen egal zu welchem Zeitpunkt. Sprich ihn an! Nicht nur hier. Nicht nur sonntags. Seid ihr noch im lebendigen, Gespräch, er und du?

Die Mutter eines Konfirmanden kommt zum Pastor. Können Sie uns nicht helfen? Es geht um unseren Sohn. Haben Sie eine Ahnung, wie es mit unserem Michael weiter gehen soll? Nein, warum? Wissen Sie´s denn nicht. Sie schüttelt den Kopf. Und der Vater? Ach, der erst recht nicht. Mit dem spricht der Michael schon seit Wochen so gut wie kein Wort mehr.

Nach der nächsten Unterrichtsstunde hält der Pastor den Jungen zurück. Sag mal, du sprichst wohl nicht mit deinem Vater? Nein. Warum nicht? Er sagt auch nichts zu mir! Ach so! Aber so ganz in Ordnung ist das doch nicht! Der Junge zuckt die Schultern. Hör mal, das muss anders werden! Du bist doch der Jüngere, bist beweglicher. Fang du doch an. Gleich heute Abend. Was soll ich denn sagen? Nun, du kannst ja beim Wetter anfangen.

Sie sitzen beim Abendbrot. Der Junge nimmt alle Kraft zusammen. Du Vati, sagt er, heut war wieder mal schönes Wetter! Der Vater lässt vor Schreck über die unerwartete Anrede fast den Löffel fallen Ja, erwidert er nach einer Pause, nur etwas heiß. Nun gehen die Worte hin und her, erst zögernd, dann rascher. Die Mutter räumt ab, die beiden bleiben sitzen. So viel haben sie sich zu sagen.

In der Folge erfüllt eine nicht für möglich gehaltene Liebe zum Vater das Herz des Jungen. Der Vater trank, der Junge wollte ihm helfen. Um zu zeigen, dass es ohne Alkohol geht, verzichtet er später auf alle alkoholischen Getränke. Zunächst schien sein Opfer umsonst zu sein, einige Jahre lang. Die paar Jahre nämlich, die der junge Mann noch zu leben hatte. Früh wurde er krank und starb. An seinem Grab überfällt dem Vater die Erkenntnis: Wie lieb hat er mich gehabt. Und die Reue. Er wurde ein anderer Mensch. Das alles von dem Abend her, als der Junge den Weg zu ihm gesucht, das Wort gefunden hatte.

Und wir? Wir wissen doch um den Vater im Himmel, um Jesus Christus zu seiner Rechten. Wie ist es bei uns? Kommt das Gespräch zustande? Ist es in unseren Herzen lebendig? Oder schon erstorben, Beten nur noch als Pflichtübung. Haben wir unserem Herrn und Erlöser nichts zu sagen?

Blicken wir doch einmal auf unser Gleichnis. Der nächtliche Besucher soll uns ja Vorbild sein. Wie geht er vor. Schau´s dir an. Er kommt gleich zur Sache. Keine umständliche Begrüßung. Kurze Anrede, und dann das Anliegen: "Mein Freund, leih mir drei Brote." Ich rate dir, nimm die Bibel beim Wort. Du fährst gut damit! Ich weiß wohl, da rümpfen manche die sich klug vorkommen die Nase, die sagen, ach das sind die Evangelikalen, die Bibeltreuen, diese schlichten Gemüter, die die Bibel noch ganz wörtlich nehmen, als könne man das dort geschriebene 1 zu 1 in unsere Gegenwart übernehmen. Ich nehme die Bibel beim Wort. Nicht aus Rechthaberei, nicht mit Hochmut, natürlich ist klar, dass dieses alte Wort übersetzt werden muss in unsere Zeit, aber nicht umgebogen, sondern aktualisiert. Du brauchst vielleicht keine Brote, sondern etwas anderes. Aber es fällt doch auf, der Bittende kommt gleich zur Sache und sagt konkret, was er haben will. Er sagt nicht, ich bräuchte etwas zu essen, er wird gleich konkret und sagt: drei Brote hätte ich gerne. Er hat also Ziele, und er ist nicht kleinlich in seinen Zielen. Er ist auch nicht unverschämt, aber das nötige möchte er schon auf die Hand haben.

So darfst du auch beten. Konkret. Gerne mit Zahlen. Wenn hier Mitarbeiterstunde und unser Diakon sagt, ich hätte gerne für die neue Konfirmandengruppe oder für die Sommerfreizeit einige Jugendliche, hake ich immer nach und sage: Okay, wir haben diese Woche Gebetsandacht, wie viel willst du, für wie viel sollen wir beten? Das ist dann für einen selbst eine Herausforderung, und es macht die ganze Sache auch nachprüfbar. Nicht als ob Gott uns was beweisen müsste. Es soll aber unseren Glauben stärken, wenn wir merken, o, so viel kam zusammen, genau dafür habe ich ja gebetet und es ist sogar noch mehr geworden. Auffällig ist weiter bei der Bitte des nächtlichen Freundes, er will die Sachen gar nicht für sich. Er will sie für jemand anderen, seinen unverhofften Gast. Wir dürfen zu Gott kommen mit den Bitten für uns, und mit den Bitten für andere. Es ist das Vorrecht der Christen, und das Zeichen eines fortgeschrittenen Glaubens, wenn wir nicht nur unsere Nöte und was wir mehr oder besseres haben wollen ankommen, sondern mit den Nöten anderer, die uns am Herzen liegen. Das ist der christliche Dienst an der Welt.

Insgesamt ist die Bitte kurz. Sehr kurz. Anrede, kurze Bitte, kurze Begründung. Bitte leih mir drei Brote. Mein Freund ist nachts auf der Reise gekommen. Ich kann ihm nichts vorsetzen. Das ist alles. Das kurze Gebet ist geradezu das Markenzeichen des Christentums. Das unterscheidet das Christentum von anderen Religionen. Heutzutage kennen in den westlichen sog. christlichen oder ehemals christlichen Ländern viele ihren überkommen Glauben nicht mehr. Sie wissen nicht, wie man betet. Sie sind fasziniert von der hingegebenen, ernsthaften Spiritualität anderer Kulturen. Von der Gebetszeremonie der Muslime, mehrmals täglich praktiziert. Von langen meditativen Übungen im fernen Osten. Jesus hat sich dazu sehr zugespitzt geäußert, in unseren Tagen würde man dafür eine Rüge bekommen, weil es ja nach Überlegenheitsanspruch klingt. Aber er sagte es genauso, nämlich: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden. Denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollte ihr ihnen nicht gleichen Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Das christliche Gebet darf also klar und konkret und kurz sein. Das heißt nicht, dass wir wenig oder selten beten sollen. Nein, oft. Aber nicht gebetsmühlenartig, sondern weil man mit einem Freund gern oft spricht.

Natürlich hat das Gleichnis einen Haken. Es geht ja nicht so glatt ab mit diesen nächtlichen Klopfzeichen, wie unser Besucher gehofft hatte. Es gibt Probleme. "und der drinnen würde antworten und sagen: Mach mir keine Unruhe. Die Tür ist schion zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben." Ein Beter muss also auf Widerstände gefasst sein. Seien es die herablassenden Kommentare von Nichtbetern: Der ist ja zu schwach, statt sich selbst zu helfen, wendet er sich an den lieben Gott. Sei es die Erfahrung, wie das Erbetene zunächst ausbleibt. In unserer Geschichte kommt der nächtliche Besucher einfach dadurch zum Ziel, dass er sich nicht abwimmeln lässt. Wieviel besser geht es uns! Wir dürfen gewiss sein, Gott weist uns nicht zurück. Er fühlt sich nie gestört. Und doch lässt das Erbetene mitunter auf sich warten und mancher von uns wartet noch immer. Ich weiß nicht, warum das bei deinem speziellen Anliegen so ist, gerade wenn du meinst, deine Bitte kann doch nur im Sinne Gottes sein. Aber bleibe dran. Gib nicht auf! Halte dich an das hier gegebene Versprechen: Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Manchmal, nach langer Zeit, darfst du vielleicht sehen oder vermuten, warum das Erbetene ausblieb oder ganz anders beantwortet wurde.

Vieles von dem, was die Menschen der Bibel erbaten, sind ganz alltägliche Wünsche: Abraham und Sara möchten Kinder bekommen. Der junge Salomo wünscht sich Weisheit und Regierungskunst. Die arme Witwe möchte einen Prozessgegner vom Hals haben. Die 10 Aussätzigen wollten ihre Krankheit los sein. Der nächtliche Besucher hier will drei Brote. Die meisten Bitten wurden erfüllt, manche nicht. Mose durfte das gelobte Land nicht schauen, Abrahams Fürbitte konnte die Zerstörung Sodoms nicht aufhalten, Paulus wurde seinen Pfahl im Fleisch nicht los. Aber wenn Gott Bitten versagt, lässt er uns nicht mit leeren Händen dastehen. Er gibt uns anderes.

So erleben die Beter ungeahnte Überraschungen. Und Gott beschenkt seine Leute, weil er sie so gut kennt, mit Gaben, mit denen sie wirklich etwas anfangen können. Darum heißt es hier: Wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben, denen, die ihn bitten. Die Welt kann damit nichts anfangen. Die Welt betet um Glück, Wohlstand, Gesundheit, um schönes Wetter. Aber die Freunde Jesu wollen mehr. Sie geben sich nicht zufrieden mit Oberflächlichkeiten.

Darum werden Beter immer beschenkt. Der heilige Geist, das ist im vorliegenden Fall das Gefühl des Gehaltenseins, Versorgtseins, eine beständige Freude, Gelassenheit, Ruhe. Das lässt sie am Glauben festhalten, auch wenn eine wiederholte Bitte scheinbar abgewiesen wird. Dabei hilft uns der Blick auf das Kreuz. Das Wissen: Es ist Jesus auch so ergangen, er erlebte sich abgewiesen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ich rufe zu dir, aber meine Hilfe ist fern. Das Leben, das ihm dann geschenkt wurde, das neue Leben, war etwas ganz anderes, als die Jünger erhofft und erbeten hatten. Und weshalb sie nach Karfreitag so am Boden zerstört waren und sich davon machten. Nicht bloß aus Feigheit. Ihre Bitten waren abgeschlagen, und damit mussten sie klar kommen. Werden wir damit klar kommen, wenn das was wir uns ausgerechnet und erhofft haben, nicht aufgeht.

Der Blick aufs Kreuz gibt uns dabei neue Orientierung. Wir sehen: Jesus ist doch unser Freund. Es ist nie so spät, so finstere Nacht, meine Lage nie so düster, dass er nicht versteht und eingreifen kann.

Darum wollen wir am Gebet festhalten. Wieder Klopfzeichen geben. An den, der nie sagt: Der nun wieder, muss der dauernd nerven. Und neben die Bitten darf dann auch der Dank treten. Wie im Parlament, wenn die Abgeordneten zustimmend auf den Tisch klopfen. So können Christen landauf landab sich melden mit Klopfzeichen aller Art. Mit Bitten und Flehen, danken und loben. Das ist ein Getrommel, über das sich Gott von Herzen freut.

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