Gott hört euer Gebet

<i>[Den Schluss der Predigt entnahm ich – leicht verändert – der aktuellen Predigt von Michael Schäfer.</i>

Liebe Gemeinde,

Gott hat mein Gebet erhört. Das heißt doch: Ich bat Gott um Heilung, und ich wurde gesund. Ich bat Gott um Arbeit, und ich fand Arbeit. Ich bat Gott, dass ich die Schule schaffe, und ich bekam meinen Abschluss. Ich bat Gott, dass ich einen Freund finde, und ich fand einen Menschen, der mich gern hat. Ich bat Gott, dass mein Mann und ich in Frieden auseinandergehen. Und die Scheidung verlief in gegenseitigem Einvernehmen. Ich bat Gott um Hilfe für die Opfer. Und es kamen viele Spenden zusammen. Ich rief zu Gott: „Hilf mir doch!“ Und bald ging es mir besser. Gott hat mein Gebet erhört. Es ist geschehen, worum ich ihn gebeten habe.

Der morgige (Dieser) Sonntag heißt „Rogate“, zu deutsch „betet, bittet, fragt an“.

Bittet, sagt Jesus, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Dürfen wir das so verstehen: Worum du bittest, das wird geschehen? Gott wird dein Gebet erhören?

Da schreit doch unsere Erfahrung laut auf, oder? Und erzählt von so viel Bitten und Flehen, das nicht erhört wurde. Von unsäglichen Schmerzen, unermesslichem Leid, von sinnlosen Opfern, von bitteren Tränen und von enttäuschter Hoffnung. Von Schicksalen, so schwer, dass Menschen sie eigentlich nicht tragen können.

Sicher. Manches Mal erkennen wir im Nachhinein, dass es gut war, dass unsere Bitte sich nicht erfüllt hat. Kummer und Zorn verkürzen den Blick. Aber dennoch bleibt die Frage nach dem Warum oder dem Warum-nicht.

Bitte, so wird euch gegeben. Eins sagt Jesus damit ganz bestimmt: Gott hört euer Gebet. Wenn ihr euch eurem himmlischen Vater anvertraut, sprecht ihr niemals ins Leere. Er hört euch zu, und euer Flehen kommt bei ihm an.

Seid ruhig unverschämt und bedrängt ihn, so wie der Mann, der nachts seinen Nachbarn aus dem Bett holt, weil er überraschend Besuch bekommen hat und nun Brot braucht, um den Gast zu bewirten. Der Nachbar mag genervt sein und unfreundlich und knurrig, aber er wird ihm aushelfen. Vielleicht, damit er wieder seine Ruhe hat. Aber vielleicht auch, weil er ihn im Grunde versteht, denn Gastfreundschaft bedeutet auch für ihn ein ganz hohes Gut – so war das damals in Israel. Jeder Mensch, der diese kleine Geschichte hörte, konnte nachempfinden, warum der Mann den anderen einfach wecken musste. Mitternacht hin oder her.

Und wenn schon dieser verschlafene, knurrige Nachbar nachgibt, sollte der himmlische Vater etwa seine Ohren vor unseren Bitten verschließen?

Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?

Liebe Gemeinde, Jesus sagt nicht: Wenn ein Sohn seinen Vater um einen Fisch bittet, dann bekommt er auch einen Fisch. Da hätten vermutlich auch etliche widersprochen und erzählt, warum das manchmal gar nicht geht. Weil gar kein Fisch da ist oder das Essen hinten und vorne nicht reicht oder weil der Sohn endlich lernen muss, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen …

Jesus sagt: Wenn der Sohn um einen Fisch oder um ein Ei bittet, kann er sich darauf verlassen, keine Schlange zu bekommen, keinen Skorpion. Was ist das auch für eine Vorstellung! Man bittet um etwas zu essen und bekommt stattdessen ein giftiges Reptil in die Hand. Da schüttelt es mich richtig! Und dann noch vom eigenen Vater oder der eigenen Mutter. Eigentlich unvorstellbar! Und bitter grausam, dass es Eltern gibt, die so etwas tun. Das wissen wir.

Aber Jesus meint den guten Vater, den Vater, der – genau wie eine gute Mutter – sein Kind liebt und ihm niemals absichtlich Schaden zufügte. Und wenn er dem Sohn seine Bitte nicht erfüllen kann, dann mag das so sein. Doch das Vertrauen werden gute Eltern nicht enttäuschen. Und der Sohn, der seine Eltern genauso liebt wie sie ihn, und die Tochter, die ihnen vertraut und sie ja kennt – werden sie deswegen brechen mit ihren Eltern? „Ich bat um einen Fisch, ihr habt mir aber keinen gegeben. Nun seht ihr mich nie wieder.“

Rogate, betet, bedrängt Gott mit euren Bitten! Bleibt in Kontakt, in Beziehung zu ihm. Haltet fest daran, dass er es gut mit euch meint! Und wenn euch etwas widerfährt, das euer Leben zu vergiften scheint – Gott gibt seinen Kindern keine Schlangen und Skorpione! Bittet ihn um Hilfe, so wie euch zumute ist! Jesus verspricht nicht, dass Gott all unsere Bitten erfüllt. Aber er steht mit seinem ganzen Leben dafür ein, dass nichts unser Leben und unsere Seele vergiften soll.

Wir dürfen um alles bitten, unverschämt und ungeschminkt, auch um das Unmögliche. Und wir dürfen hoffen, dass Gott unsere Bitten vielleicht erfüllt.

Auch Jesus hat so gebetet. Hat Gott bedrängt am Abend vor der Kreuzigung, in größter Angst vor Schmerzen und vor dem Tod. Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir.

Und dann hat er sich Gott ganz und gar anvertraut und alles in die Hände des Vaters gelegt: doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!

Die Bitte, die Jesus auch uns im Vaterunser aufgetragen hat.

Unendlich schwer zuweilen, aber der letzte große Schritt völligen Vertrauens. Der Sprung ins Ungewisse und zugleich in die Geborgenheit der väterlichen Hand.

Ja, Jesus mutet uns viel zu. Aber er hat es selbst gelebt und seinen Worten dadurch große Glaubwürdigkeit verliehen.

Jesus kennt unsere Zweifel und unsere Schwierigkeiten mit dem Beten und dem Vertrauen. Allein schaffen wir das nicht. Aber auch in dieser Not will er uns helfen: Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Wir brauchen Gottes Hilfe, seinen Geist für unsere Gebete und um zu erkennen, wo Gott uns geholfen hat – anders vielleicht, als wir es erbeten haben.

Aber wie bittet man denn um den Heiligen Geist? Wie füllen wir diese Bitte mit Inhalt, dass schon das Gebet allein uns Trost gibt.

Es ist ja kein Zufall, dass Jesus den Sohn um Lebensmittel bitten lässt. Um etwas, das er zum Leben braucht. Und dazu gehört auch der Glaube, gehört Kraft, Zuversicht, Hoffnung, Freude, Vergebung.

Vielleicht sollten wir Gott mehr auch um diese Dinge bitten. Denn in ihnen spüren wir seinen guten Geist. Sie sind Lebensmittel und zugleich wirksam gegen die Gifte, die uns schwach und mutlos machen.

Bitten wir Gott

um ein fröhliches Herz gegen die Traurigkeit,

innere Stärke gegen die Ohnmacht,

Gelassenheit gegen den Zorn,

freundliche Gedanken gegen den Hass,

die Freiheit, die aus der Vergebung kommt,

darum, dass er uns ein Fels ist in der Brandung unseres Lebens.

Und seien wir ruhig unverschämt, ohne Scham mit unseren Bitten. Gott braucht Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und sich nicht einschüchtern lassen.

Morgen ist der 1. Mai. Hätten in der Geschichte die Gewerkschaften nicht die Unverschämtheit besessen, gegen den Kapitalismus aufzutreten, wären wir heute vielleicht noch keinen Millimeter weiter.

Bäten wir Christen unseren Gott nicht immer wieder unverschämt um Frieden, Liebe und Gerechtigkeit und erinnerten wir die Welt nicht mehr laut und ohne Scham an Gottes Gebote – wir verrieten Jesus Christus und unseren Auftrag. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

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